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von träumen und realitäten

cornelia schuss | von träumen und realitäten

oder: Was Politiker und Masochisten gemeinsam haben

Fragt man kleine Kinder, was sie werden wollen, so sagen diejenigen, die mit den Eltern schon ein bisschen in der Welt herumgekurvt sind, Pilot oder vielleicht auch Kapitän. Die, die später mal groß hinaus wollen, sagen Astronaut. Später, mit 15, will man Rechtsanwältin werden, Arzt, die künstlerisch Begabten vielleicht Bestsellerautorin oder Geigenvirtuose. Daneben gibt es noch ein paar junge Weltverbesserer, die es sich zum Ziel setzen, die herrschenden Missstände zu beseitigen. Sie sehen sich als Greenpeace-Aktivist, als Kriegsberichterstatterin, ja vielleicht sogar als Friedensnobelpreisträger. Und dann gibt es leider auch diejenigen, denen derart große Ziele fremd sind, die von einem Bewerbungsgespräch  zum nächsten pilgern und die ihre Ansprüche nach unten schrauben und beinahe jede Tätigkeit ausüben würden. So wird selbst Raumpflegerin zum begehrten Posten. Allein, Politiker will scheinbar niemand werden. Warum gibt es dann so viele? Und warum geben Menschen gut bezahlte, sichere Jobs auf, um sich in der Politik eine Nasenprellung nach der anderen zu holen?

Harakiri mit Anlauf
Ich kenne einen Mann, der war eine stolze Erscheinung. Er hatte sich durch jahrelanges Durchhaltevermögen in einer renommierten Firma einen gut bezahlten Direktionsposten erarbeitet, konnte es sich leisten, drei mal im Jahr schön Urlaub zu machen, und verbrachte seine Freizeit mit seiner netten Familie in einem ansehnlichen Haus mit Swimmingpool. Ein Mann in den besten Jahren also, wie man so schön sagt. Doch dann kam die Sinnkrise, und dieser Mann begann sein Dasein zu hinterfragen. Zu diesem Zeitpunkt legen sich viele Männer ein rotes Cabrio zu oder eine blonde Geliebte oder beides. Der Besagte tat dies aber nicht, und seine Frau freute sich mächtig über soviel Vernunft und Loyalität. Wenige Jahre später konnte sie diese, im Nachhinein als allzu voreilig empfundene Freude allerdings nicht mehr nachvollziehen. Denn ihr Mann war auf Bitte eines „alten Freundes“ hin in die Partei XY als so genannter Quereinsteiger eingetreten. Solche Quereinsteiger waren eine Zeit lang hoch im Kurs, um in Wahlkämpfen medienwirksam verheizt zu werden. So erging es auch dem besagten Herrn. Und schon war es vorbei mit aller Vernunft, und die Loyalität wurde nicht mehr der Familie, sondern der Partei entgegengebracht. Der Dank für die Aufgabe des Berufes und des angenehmen Lebens am Swimmingpool war bereits zwei Wochen nach Amtsantritt als Spitzenkandidat der örtlichen Gesinnungsgemeinschaft das erste graue Haar. Nach nur wenigen Monaten sollten weitere folgen. Eineinhalb Jahre nach Eintritt in die Politik war der weiß-grau melierte Haarwuchs des Mannes deutlichstes Zeichen für sein neues Leben, doch auch die vielen Arbeitsessen und Eröffnungsbuffets hinterließen bereits untrügliche Spuren. Vom bewunderten und geschätzten Firmenmanager wandelte sich sein öffentliches Image hin zum unfähigen Politiker, der es „sich schon richten wird“. Seine Gattin, ob des ständigen Alleinseins frustriert, wurde immer dicker, seine Kinder wollten einen anderen Nachnamen. Von all den ehrgeizigen Vorhaben beim Start seiner Politkarriere hatte er in fünf Jahren nur diese zwei durchsetzen können: Eine verpflichtende Restmülltonne für jedes Haus mit mehr als drei Einwohnern und die Ausweitung der Schonzeit für Regenbogenforellen auf vier Monate im Jahr.

Eine recht ernüchternde Bilanz. Gerade in der Gemeinde- und Stadtpolitik aber kein Einzelfall. Auch auf Landes- und Bundesebene sind solche Schicksale anzutreffen, man denke nur an die Ex-Minister Reichold, Forstinger oder Haupt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ab einem gewissen Bekanntheitsgrad die Maschinerie der PR-Gurus und Imageberater besser funktioniert. Damit der schöne Schein wenigstens ein paar Monate das arme Dasein überdeckt. Trotz dieser vorhersehbaren Tristesse glauben immer noch einige, gerade sie könnten es besser machen.

Vom Sklavendienst zum Sklaventreiber
Wobei sich Politiker nicht nur aus krisengeschüttelten Mittvierzigern rekrutieren, denn grob betrachtet gibt es zwei Sorten Politikanwärter: Die, die sich als Quereinsteiger ins gemachte Nest setzen, und die, die in jahrzehntelanger Arbeit ebendieses Nest bauen. Diese Menschen sind die wirklich armen Schweine. Sie werden meist in jungen Jahren von Parteigurus, die Sektenführern ähneln, an die jeweilige Gesinnungsgemeinschaft gebunden, und müssen in den ersten Jahren ihrer Bewährung wahre Sklavendienste versehen: Als Engel verkleidet Lebkuchen an verärgerte Passanten austeilen, die Osterfeuer der Feindpartei unter Einsatz des Lebens schon eine Nacht früher abheizen und im Wahlkampf als Prellbock für besonders unangenehme Themen herhalten. Wer glaubt, diese Menschen könnten als Dank wenigstens ihre eigenen Vorstellungen von einer zukunftsfähigen Politik einbringen, täuscht sich gewaltig. Denn zuviel Idealismus wird auch nicht gern gesehen, schließlich könnte dieses Vorgehen die alteingesessenen Parteigranden gefährden. Damit ein politischer Jungspund selbst einmal zu einem solchen Grande wird, braucht es eisernen Willen, eine gute Arbeitsmoral und eine gewisse Anpassungsfähigkeit an die jeweilige politische Großwetterlage. Wer jedoch all das mitgemacht hat, weiß zumindest aus Erfahrung am eigenen Leib, wie Politik gemacht wird. Und wie mit Quereinsteigern umgegangen werden muss.

Tücken des Politik-Alltags
Ich habe im Frühjahr 2006 per E-Mail eine kleine Umfrage unter Poltikern gestartet. Ursula Haubner, BZÖ-Sozialministerin im Kabinett Schüssel, etwa war eine solcherart unverschämte Spätberufene, sie war vor ihrem Einstieg in die Politik Lehrerin. Sie habe sich den Schritt in die Politik gut überlegt, weil sie ihren Beruf aufgeben musste. Als Gründe für ihre Entscheidung nennt sie „die Freude, im Team Ideen umzusetzen“. Ex-ÖVP-Ministerin Elisabeth Gehrer wiederum wollte schon immer „etwas bewegen“, und als ihr die 20-jährige Tätigkeit bei den Pfadfindern offenbar zu eintönig wurde, startete sie ihre Politikerlaufbahn. Karl Öllinger von den Grünen verweist vor allem auf sein Aufwachsen in den Sechzigern, das ihn sehr geprägt habe und seinen politischen Weg geebnet habe. Als Motiv nennt er seinen Gerechtigkeitssinn, den er vor allem von seiner Mutter vorgelebt bekam. Nichts als hehre Ziele also, egal aus welchem Milieu die Herrschaften stammen.

Nehmen wir also einmal an, Politiker wird man tatsächlich auf Grund von viel Idealismus, etwas Unvernunft und einem Quäntchen Selbstüberschätzung. Weil es die Vorsehung eben so will, dass es immer ein paar Unverbesserliche gibt, die sich gegenseitig das Leben schwer machen, und das alles im Namen des Gemeinwohls. Wenn ein Politiker also wirklich einer ist, der etwas verändern will, wie hält er dann diesen zermürbenden Berufsalltag aus? Das Geld allein kann es wohl kaum sein. Das lässt sich zum Beispiel in der Privatwirtschaft leichter und vor allem in größerer Höhe verdienen, ohne dass man dafür ständig als Parteibonze beschimpft wird. Und Gefahrenzulage gibt es für die geschundenen Verantwortungsträger auch nicht, trotz des ständigen Hickhacks zwischen den Parteien, der ewigen Schlammschlachten, des sich selbst in den Himmel Lobens und den anderen zum Teufel Wünschens. Und dann erst die Gefechte innerhalb der eigenen Partei, wo sich der erfolgreiche Politiker immer auf der Suche nach Verbündeten befindet, die den Rücken freihalten sollen. Ministerin Gehrer etwa gibt zu, dass die erfolgreiche Umsetzung von Ideen wesentlich davon abhängt, wie viele Mitstreiter man findet. Und auch Karl Öllinger hat Erfahrung darin, mit den eigenen Parteigenossen zu hadern. Es koste manchmal viel Zeit, die eigenen Leute zu überzeugen und zu Beschlüssen zu motivieren. Na dann, kein Wunder wenn sich Politiker am Rande des Zusammenbruchs befinden, weil sie den Stress, die Verantwortung, die Anforderungen nicht mehr aushalten – vor nicht allzu langer Zeit geschehen im Falle Matthias Platzeck, SPD-Chef für nur fünf Monate. Gehörstürze, Nervenzusammenbrüche und schließlich das beschämende Eingeständnis: Ich habe versagt. Weder der Partei, noch meinem Land einen Dienst erwiesen. Ein Politiker, der sein eigenes Scheitern eingesteht, muss wahrlich viel erlitten haben. Denn unter normalen Umständen versteht es die politische Kommunikation, auch Rücktritte, Wahlniederlagen und Affären halbwegs gewinnbringend zu vermarkten. Sätze wie „Ich will mich nicht vor der Verantwortung drücken“ oder „Ich scheue den unbequemen Weg nicht“, sind da schon das Höchste der Gefühle und kommen einem Schuldbekenntnis ohnehin fast zu nahe. Auch das ist eine ständige Belastung: Das Gleichgewicht halten zwischen der Maske des entscheidungsfreudigen, unantastbaren und immer kompetenten Politikers und dem Menschen hinter dieser Maske, der in seinem Privatleben die gleichen Sorgen und Unzulänglichkeiten wie jeder andere auch hat. Von der Macht am Schreibtisch zur Machtlosigkeit bei Krankheit oder Ehekrise. Selbstüberschätzung im Privatleben hat bösere Konsequenzen als im Beruf, denn dort gehört sie beinahe zum guten Ton.

Licht und Schatten
Der souveräne Staatsmann, zu Hause ein Hascherl? Kann schon sein, denn solche Spannungsfelder hinterlassen Spuren. Bill Clinton bekam 2004 gleich vier Bypässe gelegt, seine Frau Hillary erlitt erst im Vorjahr einen Schwächeanfall (das Phänomen Politikerehe sei hier auf Grund völliger Unbegreiflichkeit nicht näher erläutert). Aber es muss nicht gleich die ständige Präsenz am internationalen Parkett sein, die die Gesundheit ins Wanken bringt. Auch die Steiermark bietet ihren Landespolitikern genug an Arbeit und Herausforderungen. Hermann Schützenhofer, dem nach der Wahlschlappe 2005 die mittelmäßig angenehme Aufgabe zugeteilt wurde, die geschockte und zerrüttete steirische Volkspartei zu sanieren, befindet es für besonders schwierig, abschalten zu können. „Man denkt 24 Stunden am Tag nur an den Job.“ Bundesminister Bartenstein geht sogar nachts laufen, um wenigstens irgendwie zur Entspannung zu kommen. Unsere Politiker, alles arme Schweine?

Der steirische Landeshauptmann Franz Voves scheint, neben vielen anderen, zu dieser Spezies zu gehören, hatte er doch im Wahlkampf einen auf drei Monate im Voraus durchgeplanten Tagesablauf. Es hat sich ja ausgezahlt, könnte man meinen, und gezwungen hat ihn auch niemand. Schließlich kann man auch aufhören. Oder vielleicht doch nicht? Macht Macht süchtig? Wer einmal im Rampenlicht stand, zu allen Dummheiten der Tagespolitik seinen Senf abgeben durfte, der tut sich schwer, wenn sich plötzlich keiner mehr für ihn interessiert. Daher auch die hohe Dichte an hinterfragbaren Posten, die Ex-Politikern zugeschanzt werden, wie etwa die Funktion als Vorsitzende des Vereins „Freunde des Priesterseminars“, die von Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic eingenommen wurde. Die Altmandatare und Abgeordneten müssen versorgt werden, das gehört sich so in einer Partei, die den Ehemaligen ihre Wertschätzung ausdrücken will. Weil wenn das schon nicht während der Amtszeit geschieht, dann wenigstens danach.

Der Politiker am Abstellgleis, eine seltsame Vorstellung. Schließlich sieht man die Damen und Herren doch immer auf Achse, sich von einem Rednerpult zum nächsten schwingend, Hände schüttelnd und in die Kamera grinsend. Wie aber geht es denen, die diesen schweißtreibenden Alltag hinter sich haben, denen die große Last der Verantwortung genommen wurde? Die müssen es doch genießen, das schöne Leben, mit immer noch gut gefülltem Konto und der lang anhaltenden Aura des Prominentseins. Und ein bisschen Dankbarkeit über die neu gewonnene Freiheit macht sich durchaus breit. Die ehemalige Frauenministerin Dohnal schwärmt davon, nicht mehr so eingespannt zu sein. Und der einstige Finanzminister Lacina hatte nach dem Rücktritt gar das Gefühl, als Politiker hätte er versäumt zu leben. Dass der Druck weg ist, das finden sie schön, die ehemaligen hohen Tiere. Aber nach einer kurzen Entspannungsphase fallen sie alle in ein mehr oder weniger tiefes Loch, da beginnt einem das tägliche Angegafftwerden, das Spiel zwischen Zuckerbrot und Peitsche im Zoo der Republik zu fehlen. Das beginnt bei sehr alltäglichen, man ist geneigt zu sagen, banalen, Dingen. Der Salzburger Ex-Landeshauptmann Schausberger etwa hatte Probleme beim Einhalten von Terminen: Denn dass man auch für das Parkplatzsuchen Zeit einkalkulieren sollte, musste er nach dem Abgang seines Chauffeurs erst wieder lernen. Aber der härtere Verlust ist der der Gestaltungsmöglichkeiten, des Mitreden-Könnens. „Wenn man einem Hamster sein Radl wegnimmt (…), schaut er auch dumm. Genauso geht es Politikern.“ – Das sagt kein Psychologe, sondern einer, der es wissen muss: Peter Westenthaler, ehemals in der ersten Riege des damaligen FPÖ-Regierungsteams zu finden, müsste nach Knittelfeld und einer innerparteilichen Schlammschlacht sondergleichen wirklich genug haben von diesem schmutzigen Geschäft. Aber der nostalgische Schleier des Vergessens legte sich auch bei ihm über das Geschehene, er gab dann bei der Nationalratswahl 2006 den Spitzenkandidaten für seinen ehemaligen Intimfeind Jörg Haider und das aus der FPÖ gegründete BZÖ ab.

Kasperlbühne Politik?
Der nächste heikle Punkt: Können Politiker tatsächlich gestalten, verändern? Wenn wie im Land Steiermark nur 8 % des Budgets für konkrete Vorhaben und Projekte verwendet werden können und der Rest sowieso für Fixkosten reserviert ist, möchte man den allzu gern als machtvoll dargestellten Regierern eher Machtlosigkeit attestieren. Landeshauptmann Voves gibt sich diesbezüglich pragmatisch, denn man könne in einer Demokratie die eigenen Vorstellungen eben nicht zu 100 % durchsetzen. Also ist die politische Kultur wirklich eine der kleinen Schritte, des ständigen Kompromisses? Hier klaffen die Realität und das Bild von ihr wohl deutlich auseinander. Würde das konstante aufeinander Einschlagen auch in den Verhandlungszimmern fortgesetzt, gäbe es nicht so viele Beschlüsse, Gesetzesnovellen, auch Misstrauensanträge. Da es aber durchaus immer wieder zu solchen kommt, sind die bösen Politiker vielleicht gar nicht so böse. Möglicherweise ist alles nur ein großes Kasperltheater, und den Wählern wird nur vorgegaukelt, dass sich der Kasperl und der Tintifax nicht mögen. Wahrscheinlich sitzen sie spät nächtens alle am selben Tisch und trinken ein alkoholfreies Kasperlbier. Harmonie hinter den Kulissen, Hauehaue davor? Ist es tatsächlich so, dass unsere Verantwortungsträger gar nicht wollen, dass wir eine bessere Meinung von ihnen haben, da dies die Profilierung der einzelnen Parteien erschweren würde? Sind sie vielleicht froh darüber, dass die Bevölkerung den ständigen Schlagabtausch sogar erwartet? Gut möglich. Dieses Ziel erreichen sie auch, schließlich sind sie auf der Hitliste der beliebtesten Berufsgruppen stets ganz hinten angesiedelt.

Survival-Pack für Zukünftige
Bei soviel Lug und Trug, Leid und Neid, Zeitmangel und Gerangel müsste es doch eine konkrete Anforderungsliste an etwaige Berufsanwärter geben, damit sie im späteren Berufsalltag nicht geschlossen zu Burnout-Kandidaten werden. Was sollte ein zur Politik Berufener also mitbringen?

Da wäre einmal eine große Leidensbereitschaft als Voraussetzung. Denn die wird er vom bitteren Anfang als Parteijugendobmann bis zum bitteren Ende bei der Wahlniederlage als ehemals gehuldigter Spitzenkandidat brauchen. Abgesehen davon benötigt ein Politiker Sitzfleisch. Man sitzt schließlich immer: Bei Verhandlungen, Parlamentsdebatten, Krisengipfeln, Sonderklausuren, Parteitagen und zu allem Überdruss auch noch im Auto oder Flugzeug auf dem Weg dorthin. Darf der Politiker dann endlich einmal stehen, nämlich dann, wenn er eine Rede ans Parlament hält, leuchtet ständig dieses unbarmherzige Lämpchen, welches bereits wieder ans Sitzen erinnert. Eine notwendige Eigenschaft, die schon etwas mehr abverlangt, ist folgende: Ein Politiker muss in der Lage sein, sich immer so zu präsentieren, als wäre er Mister Omnipotenz und Selbstüberschützung in Person, er darf es nur selbst nicht glauben. Niemals Schwäche eingestehen, aber nie denken, man wäre tatsächlich in der Lage, ständig Stärke zu zeigen. Sonst wird unser armer Nachwuchspolitiker bereits nach wenigen Jahren zum depressiven seelischen Wrack, welches nicht verstehen kann, warum immer alle so nett zu ihm sind, allerdings nie auf ihn hören. Ein Politiker muss auch Rückschritte als Fortschritte verkaufen können. Eng mit diesem Punkt verknüpft ist die Tatsache, dass man als Politiker eine gewisse Selbstverliebtheit braucht, aber niemals erwarten darf, von der Bevölkerung geliebt zu werden. Denn genießt ein Verantwortungsträger tatsächlich einmal die Zuneigung der Massen, so ist das erstens immer ein kurzes Glück und zweitens selten sein Verdienst, sondern der eines Hochwassers oder einer anderen Katastrophe.

Letztlich muss ein Politiker heute auch noch schön sein. Seit die Medien überall ihre Finger im Spiel haben, zeigt der Daumen über Gedeih und Verderb auch schon mal bloß wegen des Aussehens nach unten. Beispiele beiderlei Geschlechts hält die jüngst Geschichte zu Genüge bereit, das Schicksal des geächteten Herrn Gusenbauers etwa muss nicht extra nochmals aufgewärmt werden. Dass er trotz seiner Frisur Kanzler wurde, ist allein der ÖVP zu verdanken.
Das wichtigste Gebot für Politiker aber lautet: Glaube nie, du könntest die Welt tatsächlich verbessern, aber erwecke immer den Anschein, es wäre so. Welcher andere Beruf stellt solche komplexen Anforderungen an die Ausübenden? Keiner.

Vom Teufel geritten?
So könnte man zum Schluss kommen, dass sich jeder halbwegs zum Denken fähige Mensch die schrecklichen Auswirkungen einer Politikerkarriere problemlos ausmalen kann, und zwar im Vorhinein. Dieses intuitive Verständnis haben, wie eingangs erwähnt, bereits kleine Kinder. Die Frage, woraus sich die ganzen Berufenen dann rekrutieren, ist somit beantwortet: Aus ein paar wenigen Unbelehrbaren, einigen Armen im Geiste, mehreren Harakiri-Fanatikern und ganz vielen Masochisten. Das erklärt die politische Alltagskultur gleich mit. Und es erklärt auch, warum das Geld doch ein Ansporn sein dürfte: Wo sonst bekommen die Erwähnten ein solches Gehalt?