schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 15 - noch fragen? we are the hollow men
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/15-noch-fragen/we-are-the-hollow-men

we are the hollow men

Stefan Schmitzers ganzer Blick auf das eigene Hinwursteln


Stefan Schmitzer: moonlight on clichy. Gedichte.

Wien-Graz: Literaturverlag Droschl 2007

Rezensiert von: fritz gaigg


Rezensionen mit einer Anspielung auf den Buchtitel einzuleiten birgt durchaus Gefahren. So kann es dem gestressten Rezensenten passieren, dass er Thomas Stangls Ihre Musik in die Nähe der Popliteratur rückt, weil er wohl offensichtlich weder die Popliteratur noch Stangls Roman wirklich verstanden hat, sondern sich irregeleitet vom Titel auf völlig falschen Pfaden befindet und diese geschätzte 125 Rezensionszeilen lang auch nicht mehr zu verlassen bereit ist (wahre Geschichte!). Ähnliches könnte mit Stefan Schmitzers Lyrikband moonlight on clichy passieren, liegt doch die Analogie zu Henry Millers sexualkundlich durchaus interessantem Roman Stille Tage in Clichy rezensentenfreundlich auf der Hand. Doch weit gefehlt, weil eben: falsche Fährte!

Keine Pornografie also, interessant ist dieser Titel aber dennoch, markiert er doch die Grenzen, innerhalb derer sich die im Band versammelten Gedichte bewegen: zwischen subjektiven Empfindungen (Mondschein) und politisch- kritischem Zeitgenossentum (Banlieue Clichy-sur-Bois) nämlich. Taubenetzte Herbstwiesen im Mondschein oder altväterlich-moralisierenderhobene Günter-Grass-Zeigefinger wird man jedoch vergeblich suchen, Wolfgang Schüssel oder Herbert Scheibner haben hingegen sehr wohl Eingang in den Band gefunden. Wer nun aber Eindeutig-Kritisches zum politischen Tagesgeschehen erwartet, der wird enttäuscht werden, denn banale emotionale Höhenflüge, Sinnstiftung oder plumpe politische Überzeugungsarbeit sind Schmitzers Sache nicht. Viel eher versucht hier ein junger Autor konkrete Erfahrungen und Eindrücke – von den Öffnungszeiten eines französischen Bahnhofsrestaurants über ein Verteidigungsministertreffen der EU in Innsbruck bis zu den Unruhen in französischen Vorstädten – in sich aufzusaugen und durch formbewusste literarische Verarbeitung die Widersprüchlichkeit und Inkohärenz des Lebens auch als solche kenntlich zu machen und eben nicht in leicht verdauliche Häppchen aufzulösen.

Auch wenn sich in Versen wie „wir haben hier nichts zu melden wir sind nicht / unsere generation unsere generation das sind die jungs die / in frankreich die autos abfackeln und straßensperren legen“ ein politischer Anspruch nicht verbergen lässt, verkommen derartige Worte nie zu Parolen, sondern sind immer auch Ausdruck eines Zweifels an der condition humaine (T. S. Eliots The Hollow Men lassen grüßen) und am eigenen Ich: „1/2 blick schweift übers eigene, hinwursteln irgendein / mechanismus mussdoch! dahinterstehen, dass da nichts / weitergeht, oder?“

Das ist sympathisch und wird tatkräftig von Schriftstellern wie Brinkmann und Popheroen wie Bob Dylan, Pink Floyd, tocotronic, tonsteinescherben unterstützt, die Schmitzer in seinen formal wie inhaltlich facettenreichen Gedichten zu Hilfe eilen und ausgiebig und gerne auch in Originalsprache einmontiert oder zitiert werden. So gelingt Schmitzer eine Sammlung formal wie inhaltlich anspruchsvoller Lyrik, bei der vieles gleichrangig nebeneinander existieren darf und geradezu demokratisch dem Leser zur Verwendung überantwortet wird. Den erwartet keineswegs einfache Kost, nachvollziehbar und spannend bleiben die Texte aber allemal. Denn über einen „mangel an tiefe in der welt“ des Stefan Schmitzer kann man sich als Leser wahrlich nicht beklagen.