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wer hat an der uhr gedreht?

andreas r. peternell , evelyn peternel | wer hat an der uhr gedreht?

oder: Kann die Popkultur all unsere Fragen beantworten?

„There are no answers in this book!“, musste Homer in der Kinoversion der Simpsons beim Durchblättern der Bibel verzweifelt feststellen – hätte er doch nur zur schreibkraft gegriffen. Damit nach Lektüre dieser Ausgabe auch wirklich keine einzige Frage mehr offen bleibt, haben Evelyn Peternel und Andreas R. Peternell versucht, all jene Mysterien zu klären, vor die uns die Populärkultur im Laufe der letzten zwei Millionen Jahre gestellt hat:


Deutschland? Aber wo liegt es?
Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller: Xenien (1796)

„Um ca. 420 Millionen Jahre (Ma) waren die künftigen Varisziden, zu denen auch Deutschland gehört, ein Teil des Großkontinents Gondwana, der sich rund um den Südpol aufhielt. Deutschland dürfte um den 50. Breitengrad gelegen haben. Später  wurde es von Gondwana getrennt und ist als „Hun superterrane“ Richtung Norden gedriftet, um mit Larussia (also das nördliche Europa und Russland) zu verschmelzen und das eigentliche Variszische Gebirge zu bilden. Danach wanderte Deutschland immer weiter in nördliche Richtung zu seiner jetzigen Position, die es wahrscheinlich seit ca. 240 Ma inne hat.
Zur zukünftigen Position kann nur sehr stark spekuliert werden – und zwar in Millionen und nicht Milliarden Jahren. Es dürfte wieder einen Großkontinent, namens „Pangea Ultima“ geben, der in 250 Ma existieren könnte – Deutschland müsste zu dieser Zeit weiter im Osten sein und zwar in der nördlichen Mongolei. Vorher wird uns allerdings eine Supernova der Sonne wegblasen. “
Kurt Krenn, Institut für Erdwissenschaften, Universität Graz


Warum bin ich so fröhlich?
Herman van Veen: Titelmelodie zu „Alfred J. Kwak“ (1989)

„Tyr-Gly-Gly-Phe-Met-Thr-Ser-Glu-Lys-Ser-Gln-Thr-Pro-Leu-Val-Thr-Leu-Phe-Lys-Asn-

Ala-Ile-Ile-Lys-Asn-Ala-Tyr-Lys-Lys-Gly-GluOH“
Aminosäuresequenz der Endorphinsäure


Wird dort gehängt?
Fedor Dostoevskij: Der Idiot (1868)

„Ja, in: Bahrain, Bangladesh, Botswana, China, Ägypten, Äquatorial-Guinea, Indonesien, Iran, Irak, Japan, Jemen, Jordanien, Korea (Nord), Kuwait, Malaysia, Mongolei, Pakistan, Saudi Arabien, Singapur, Somalia, Sudan, Syrien, Uganda, USA, Vietnam“
www.amnesty.at/todesstrafe, Stand: April 2007



Who took the money? Who took the money away?
Talking Heads: Girlfriend is Better (Aus: Speaking in Tongues 1983)

„Wenn John Lennon singt, dass er den ganzen Tag arbeiten würde, damit er genug Geld bekommt, um seiner Geliebten Sachen zu kaufen (A Hard Days Night) beschreibt er den äußeren Anschein der Dinge. „Net ois wos an Wert hot, muaß a an Preis hom“. Das behauptet wiederum Wolfgang Ambros in seinem Lied A Mensch möcht i bleibn. Heutzutage ist das eine Wunschvorstellung: „Dass du mi gean host, hob i gean mai Schnoin, owa dafui kaunn i ka Rechnung zoin. I wü a Göd“ (Money). Alles ist der Kapitalverwertung unterworfen, ein Ausweg ist nicht in Sicht. Aber ein Blick auf die Hitparade der hundert reichsten Österreicher oder auf die Gehaltslisten der Top-Manager zeigt, wo das Geld geblieben ist.
Im Zeitalter der Bankomaten und der Konto-Einziehungsaufträge sollten wir eigentlich begreifen, dass Geld keine Sache ist, sondern ein Zeichen. Wofür? Das sagt uns der alte Karl Marx. Er traktiert uns im ersten Band des Kapitals so lange, bis wir begreifen. Geld, das ist eine Ware. Sie hat einen ganz bestimmten Gebrauchswert, den keine andere Ware hat: Nämlich den, als universelles Äquivalent für alle Waren zu gelten. Alles: Vom Lebensmittel, über das Wohnen, bis zu menschlichen Beziehungen und der Kunst, wird in Geld ausgedrückt. Ich kann den Tauschwert einer Hose, die in Vietnam hergestellt wurde, mit dem Tauschwert des teuersten Gemäldes vergleichen und brauche weder von der Schneiderei noch von der Malerei eine Ahnung zu haben.
Die Kinks haben das begriffen. Es hat ihnen nicht gefallen. Und deshalb wollte Ray Davies seinerzeit in den Dschungel: „I´ll be Your Tarzan and You´ll be my Jane, I keep You warm and You keep me sane“. So heißt es in dem entsprechenden Lied. Und damit hat Ray Davies ganz schön viel Geld verdient.“
Franz Stephan Parteder, Landesparteisekretär der KPÖ Steiermark


Do you love me?
Nick Cave and the Bad Seeds: Do you love me? (Aus: Let Love In, 1994)

„Das Team von Mail an Gott hat Ihr Anliegen erhalten und wird für Sie eine Woche lang beten.“
Gott, via http://www.emmanuel.at/services/mailtogod


Was hat Dich bloß so ruiniert?
Die Sterne: Was hat Dich bloß so ruiniert? (Aus: Posen, 1996)

„Steven Gerrard vom FC Liverpool. Weil er in Graz am 10. August 2004 zwei unverschämt brillante Weitschusstore  fabrizierte. Wieder einmal hatte „uns“ ein großer Klub den Platz in der lukrativen Champions League vor der Nase weg geschnappt. Eine ernsthaftere Antwortmöglichkeit hat mit Ikarus zu tun. Sie wissen schon: Hochmut kommt vor dem Fall. „Papa, Papa, ich kann noch viel weiter hinauf!“ Seng, brutzel, boing! Das Streben nach Höhen, die ungesund wurden, hat „uns“ verbrannt. Rund um die Jahrtausendwende kam nämlich ein honoriger Konsul auf die Idee, der GAK könnte nach 100 Jahren Mittelmäßigkeit zum Top-Klub aufsteigen. Der erhoffte Platz an der Sonne stellte sich als Absturzplattform heraus. Die Nachfolger des Konsuls gerieten immer mehr ins Trudeln. Ein gewaltiges „Boing!“ führte schließlich in den Zwangsausgleich und in die Niederungen der steirischen Fußball-Klassengesellschaft.“
Wolfgang Kühnelt, Mitglied der Initiative 1902 (Interessensgemeinschaft von Vereinsmitgliedern, Fanclubs und Anhängern des GAK), www.19hundert2.at


Voulez-vous couchez avec moi (ce soir)?
Tennessee Williams: A Streetcar Named Desire (1947); Labelle: Lady Marmalade (1975); Christina Aguilera, Lil' Kim, Mya, Pink: Lady Marmalade (Aus: Moulin Rouge, 2001)

Ja: 20% - Nein: 20% - Weiß nicht: 60%
Nicht-repräsentative Umfrage zur Beliebtheit der Autoren dieser Reihe als potenzielle Sexualpartner.


Wozu Dichter in dürftiger Zeit?
Friedrich Hölderlin: Brod und Wein (1801)

„Es ist in den letzten Jahren eine neue Kategorie von Texten entstanden, die sich durch eine einmal mehr, einmal weniger launige bis übellaunige Schreibweise von anderen Beiträgen in ihren jeweiligen Medien unterscheidet. Man findet sie auf Zeitungstitelseiten in Kästchen oder in Online-Ausgaben in Blogs, sie werden mit „Kult“ übertitelt oder als Feuilletons bezeichnet, und sie gelten, sobald sie die Seiten wechseln und in Buchform oder live vor Publikum erscheinen, als Pop oder Kult. Sie handeln davon, was sonst im Medium keinen Platz hat. Kursorisch, knapp, für sich allein stehend, ohne eine andere Verpflichtung als es rasch im Text hinter sich zu bringen. Konsumverzicht geübt werden soll dabei selbstverständlich nicht, Links zu YouTube oder ähnlichen etablierungswürdigen Online-Diensten helfen den dringendsten Bedürfnissen sofort ab.
Und es wird in neuen medialen Erscheinungsbildern gesehen und gelesen. Werbung und Information, Kommentar und Illustration verschwimmen inhaltlich und visuell ineinander. Mit unappetitlichen Folgen. Gleich unter dem Bericht über dutzende Tote eines Selbstmordattentats durch eine Autobombe schließt eine Einschaltung über den Verkauf von Gebrauchtautos an.
So verständlich es ist, wenn Verfasser ständiger Kolumnen aus ihren Mediengefängnissen aus- und in die Welt der Buchliteratur einbrechen wollen, so wenig lassen sich die Begleitumstände von da nach dort übertragen. Und das ist gut so. Die Literatur kann die Strafe der geringen Verkaufsauflagen leichter ertragen als die Medien ihre der täglich neuen notwendigen Anpassungen an, wenn es einmal nicht mehr Kult oder Pop heißt, die ständig beschworenen Notwendigkeiten des einen oder anderen exakt zielgruppenspezifisch ausgerichteten Lifestyles. Es geht einmal um mehr, einmal um weniger Geld, das ist der ganze Unterschied mit seinem weitaus geringeren Spielraum als er der Literatur und Autoren zur Verfügung steht.“
Gerhard Ruiss, Autor und Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren


Nun sag: Wie hast du’s mit der Religion?
Johann Wolfgang von Goethe: Faust (1805)

Das Wort #Gretchenfrage# hatte ich als Kind bereits gehört, bevor ich noch wusste, wer Goethe und sein #Faust# sind. Wahrscheinlich habe ich es bei einem Gespräch von Erwachsenen aufgeschnappt – und eigentümlicherweise verband ich mit dem Wort recht konkrete, wenn auch auf einem Rechtschreiberfehler basierende Vorstellungen: #Grätchenfrage#. Eine Frage also, bei der einem die Antwort wie eine Gräte im Hals stecken bleibt.
Gretchens berühmte Frage, wie Faust es mit der Religion habe, bleibt diesem nicht gerade im Hals stecken, aber wird von ihm doch recht ausweichend beantwortet: mit einem Bekenntnis zur Solidarität („Für meine Lieben ließ’ ich Leib und Blut“) und zur Toleranz („Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben“). Doch Margarete lässt nicht locker, eröffnet gewissermaßen ein Kreuzverhör, in dessen Verlauf sie Faust zwar bescheinigt, „ungefähr sagt das der Pfarrer auch“, aber dann doch resümiert, „du hast kein Christentum“. Sein Umgang mit Mephisto (in einem gewissen Sinn aber sein Alter Ego) ist dem „ahnungsvollen Engel“ ein Ärgernis.
Fausts Gretchen-Mission besteht ja im Wunsch, „ein Halstuch von ihrer Brust“ zum „Strumpfband meiner Liebeslust“ zu machen. Dementsprechend sind ihm Namen wie Gott nur „Schall und Rauch“ – „Gefühl ist alles“!
Das Verblüffende dieser Szene im Garten von Gretchens Nachbarin ist aber, dass es Faust trotz (wegen?) des fehlenden Christentums gelingt, ihr das Versprechen zur – doppelten – Öffnung abzunehmen: „Ich ließ’ dir gern heut nacht den Riegel offen“. (Der Konjunktiv „ließ’“ wird mit einem Schlafmittel für Gretchens Mutter schnell aus dem Weg geräumt.)
Goethes Held befindet sich nicht bloß in einem Theaterstück, sondern innerhalb des Dialogs selbst in einem Spiel; er spielt dem „Mägdelein“ (das ihn laut Mephisto ohnehin bloß „nasführet“, ihm also auch etwas vorspielt) gegenüber eine Rolle, um an #sein# Strumpfband zu gelangen. Bei einem Symposion hätte er die Gretchenfrage möglicherweise anders beantwortet.
Insoferne befindet sich Faust auf dem rechten, weil heidnischen, weil spielerischen Weg. Religiöse Fragestellungen sind besser als Versuchsanordnungen zu begreifen, religiöse Dinge lassen sich besser spielerisch verhandeln – auch wenn sie in der Geschichte meist ganz gegenteilig, also grausam fanatisch durchexerziert worden sind und werden. Das ist eben der Unterschied zwischen blutigem und heiligem Ernst. Zu letzerem sind wir (laut Johan Huizinga) nur im Spiel fähig. Und dort ist die Gretchenfrage auch keine Grätchenfrage.
Dieter Bandhauer, Verleger (Sonderzahl Verlag) und Vorstandsmitglied des Heidnischen Salons, www.heidnischersalon.at


Wasdwaswawannidatscheawa?
Rainhard Fendrich: Wasdwaswawannidatscheawa? (Aus: So ein Theater, 1985)

„Die Frage erübrigt sich für mich. Denn ich BIN J.R.“
Daniel Schafzahl, Präsident der „Grazer Ewings“ (einziger Dallas-Fanclub Österreichs), www.grazer-ewings.at.tt


Why do birds sing?
Violent Femmes: Why do birds sing? (1991)

Das Singen ist eine Ausdrucksform, die nicht nur auf Singvögel beschränkt ist. Gesänge sind arttypisch und unterstützen, ergänzen oder ersetzen optische Signale wie Gefiederfärbung und -musterung. Der Gesang ist komplizierter aufgebaut als Rufe und besteht oft aus vielen, zum Teil sehr variablen und motivreichen Strophen. Der allbekannte melodische Gesang der Amsel kann beispielsweise über 300 Motive beinhalten. Seine Hauptfunktion besteht in der Übermittlung von Informationen an Artgenossen, etwa Reviermarkierung und -verteidigung, Anlocken von Weibchen, Förderung des Zusammenhaltes der Paare und Synchronisation der beiden Partner eines Paares bei der Balz.
Anita Gamauf, Ornitologin am Naturhistorischen Museum Wien


Can you hear me Major Tom?
David Bowie: Space Oddity (Aus: Space Oddity 1969)

„Sir! Yes Sir!