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widerstand zwecklos!

brigitte radl | widerstand zwecklos!

Unbemerkt fasst es uns, unbemerkt hält es uns, unbemerkt täuscht es uns

Ein Rätsel
Es ist weder farbig noch grau, weder groß noch klein, auch nicht flauschig oder kratzig. Es kann nicht fliegen, ist niemandes Freund und bekommt auch keinen Durst, wenn der Regen für längere Zeit ausbleibt. Meistens ist es stur und kümmert sich nicht darum, was die anderen wollen – ein Egoist sozusagen. Manche Leute nennen es sogar einen Nihilisten. In meinem Fall trifft das wahrscheinlich zu, denn egal was ich tue, es hat immer etwas dagegen. Es handelt oft wider jedweder Logik, wobei es sich erfahrungsgemäß durchsetzt, ist unberechenbar und unnahbar. Auch einen eisernen Willen und unbändigen Mut, für seine Sache zu kämpfen bis in den Tod, darf man ihm nicht absprechen. In gewisser Hinsicht könnte man es als eine Art ikonographischen Ritter ohne Pferd, Schwert, Rüstung und Herold beschreiben. Wobei allerdings noch anzumerken wäre, dass Ritter im Burgfräulein-Zeitalter eine sicher nicht gänzlich unerwünschte gesellschaftliche Erscheinung waren. Mit ihm, dem Gesuchten, hatte aber wahrscheinlich schon damals, trotz des mittelalterlichen Tapferkeitssyndroms, niemand eine besondere Freude. Ob es gut oder schlecht, romantisch schön oder eine hässliche Laune grausamer Götter ist, sei dahingestellt und seine Beurteilung jedem selbst überlassen. Um aber des Rätsels Lösung nicht noch weiter hinauszuschieben (obwohl ich mir in der Rolle der Sphinx sehr gut gefalle), sei wenigstens soviel verraten: Es gibt mir schon sehr lange zu denken, das „gewisse Etwas“.


Das „gewisse Etwas“?
Was es nicht ist, ist leicht zu beschreiben. Doch mit banalen Falsifizierungen wird kein Kraut gegen das Begriffs-Unding gewachsen sein. Eigenartig ist, dass alle darüber reden, jeder kennt es, aber niemand weiß, was es ist. Einmal habe ich meine Großmutter gefragt, warum sie meinen Großvater geheiratet hat, und sie antwortete, dass sie es nicht mehr genau wisse. Sie sagte aber, dass ihr schon immer gefallen habe, wie er seine vergoldete Taschenuhr pünktlich alle drei Stunden aufzieht und sie dann verkehrt in die Brusttasche seines Jacketts steckt, um das Ziffernblatt nicht zu zerkratzen. Augenscheinlich ist das sein „gewisses Etwas“.

Ich denke nicht, dass es etwas mit Liebe zu tun hat, denn das „gewisse Etwas“ ist oberflächlich. Es tritt eher in Kombination mit „rosa Zuckerwattewolken-Verliebtheit“ auf, lange vor der Zeit, in der man die inneren Werte des Angebeteten/der Angebeteten zu schätzen lernt. In dieser Phase ist es essentiell, wenn nicht kausal für die obligatorischen Schmetterlinge, Flugzeuge und anderen surrenden und schwirrenden Flügeleigentümer im Bauch. Dabei nimmt es die unterschiedlichsten Gestalten und Erscheinungen an, die ich grob in zwei Kategorien gliedern möchte: das „materielle gewisse Etwas“ (z. B. eine Muttermalkonstellation in Form eines Sternbildes, militärgrüne Kapuzenpullover mit Panzeraufdrucken und der Aufschrift „bis einer heult“, dunkelbraune Locken, aus denen Wasser tropft, oder ungetragene Chucks am Wohnzimmerregal) und das „immaterielle gewisse Etwas“ (z. B. Vogerlsalatvorliebe, Angst vor Weberknechten, „mich zum Lachen bringen“-Lachen oder Unwissenheit über die Existenz eines Kosmetikartikels namens „Kajal“).

 

Der Goebbels der Verliebtheit
Auf Zehenspitzen schleicht es sich von hinten an seine Opfer heran und infiltriert geschickt auch den wachsten Verstand, um jede Rationalität zu verscheuchen und seine Zelte ganz dicht neben dem blinden Herzen aufzuschlagen. Als „Goebbels der Verliebtheit“ betreibt es eine Form der Propaganda für seine Sache, die unbemerkt und ungesühnt jeden vernünftigen Gedanken lahm legt und alle Warnmechanismen des Verstandes eliminiert. Gesundes Misstrauen, Skepsis oder die altbewährte Vorsicht werden in den Wind geschlagen, und die gute Ratio kann sich die imaginäre Seele aus dem Leib schreien, niemand wird sie mehr wahrnehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Schlacht längst geschlagen und jeder Widerstand zwecklos.

Das „gewisse Etwas“ lehnt sich dann als Diktator seines „rosarote Brillen-Regimes“ zurück und genießt die Früchte seines Erfolgs – oder den Zusammenbruch ganzer Lebenswelten. Haben Amor und Fortuna auch ihre Finger im Spiel, mag es schon sein, dass es den Anstoß zu einer lieblichen Romanze oder gar einem „bis dass der Tod uns scheidet“-Glück gibt. Sind die beiden Beziehungsstifter aber gerade anderweitig beschäftigt, beurlaubt oder einfach unwillig – wird die vermeintliche Zuneigung vom begehrten Individuum also nicht erwidert –, dann folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit der ultimative psychische Zusammenbruch. Kennzeichen: Heulkrämpfe, Stalking, Depressionen, Suizid-Gedichte und -Gedanken, übertriebener Eis- oder Schokoladekonsum etc. – ein unter dem Terminus „gebrochenes Herz“ langläufig bekanntes Phänomen.

Wehrt sich daraufhin der Betroffene, um es loszuwerden (durch Verdrängungsstrategien oder Vergessensvorhaben), wird es aggressiv und greift zu drastischeren Maßnahmen. Dann klammert es sich nur noch fester an sein Opfer und lässt erst wieder los, wenn die Zeit ihren Lauf genommen hat. Oder niemals.

 

Wer sind seine Opfer?
Jedes menschliche Wesen ist ein potentielles Opfer des „gewissen Etwas“. Nationalität, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Geschlecht oder Alter sind absolut sekundär und beeinflussen weder die Intensität noch die Dauer der Folgen. Beschränkt es sich auch scheinbar auf die Spezies Mensch, ist es trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis es seine Macht auch auf andere Lebensformen ausweiten wird. Beispielsweise konnte ich bis heute nicht widerlegen, dass die Zuneigung und Loyalität von Hunden gegenüber ihren Herrchen/Frauchen auf ein „animalisches gewisses Etwas“ zurückgeht.

Ein einziges Volk dieser Erde scheint die Gefährlichkeit des Phänomens erkannt zu haben und wehrt sich entschieden gegen den scheinbar in unserer Natur verankerten masochistischen Trieb: Der Massaker-Stamm in Indonesien sieht die Verliebtheit und damit indirekt auch das „gewisse Etwas“ samt allen körperlichen Nebenwirkungen als Krankheit an. Betroffene suchen bereits bei ersten Anzeichen unbegründeter Zuneigung einen Heiler auf, um diesen anormalen Zustand so schnell wie möglich zu bereinigen.

Es gibt jedoch Menschen, die noch nie in den Bann des „gewissen Etwas“ gezogen wurden. Deshalb kann aber noch lange nicht von Immunität oder großer Willensstärke gesprochen werden. Zunächst unkenntlich, kann es sich jederzeit auch in das widerspenstigste Gemüt stehlen und einen Sinneswandel der besonderen Art hervorrufen.


Ausgespuckter Kirschkern
Selbstbezogen und irrational geht es also vor, das „gewisse Etwas“. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne innezuhalten stürmt es in das Leben unvorbereiteter Menschen und verbreitet Chaos und manchmal auch Schrecken. Es verrückt Wahrnehmung und Wahrheit und stellt die Welt auf den Kopf. Dabei lässt es die Menschen Dinge tun, die sie niemals für möglich gehalten hätten.

Und weil es nicht zu beschreiben oder zu fassen ist, gibt es auch keine Chance, sich dagegen zu wehren. Selbst Mercutios Frau Mab ist greifbarer, leibhaftiger, wenn sie mit ihrem Spann von Sonnenstäubchen den Schlafenden über die Nase fährt. Das „gewisse Etwas“ ist ein bisschen wie ein ausgespuckter Kirschkern, den man nicht zwischen die Finger nehmen kann, weil er so glitschig ist. Als Verwandlungskünstler tritt es an den verschiedensten Orten und in den unterschiedlichsten Zeiten auf. Unschuldig lächelt es uns an, dann wirkt es sympathisch, und im nächsten Moment packt es mit seinen kleinen Klauen zu und wir müssen es mit uns nehmen.

Die groteske Natur des „gewissen Etwas“ ergibt sich aus seiner Gabe, den Menschen weismachen zu können, dass es nur ihr Bestes will, nicht Feind, sondern Freund ist. Wenn es dann irgendwann wieder loslässt und unseren Geist freigibt, sein Gewicht uns nicht mehr schwer am Gemüt lastet, fällt es uns wie Schuppen von den Augen: Alles Lug, Trug und Schein. Alles Einbildung, Irrtum, Blendwerk. Eine Farce des Lebens, erdichteter Schwindel und surrealer Wahn. Dann blicken wir zurück und erkennen, dass wir uns getäuscht haben – in einem Menschen, aber nicht in seinem „gewissen Etwas“.