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am falschen gleis


Amanshauser & Wenzel: Auf der falschen Seite von Ikebukuro. CD

Acute Music 2006

Rezensiert von: stefan abermann


Wer in der Tokioter U-Bahn-Station Ikebukuro den falschen Ausstieg nimmt, der ist plötzlich weit, weit draußen. Der fällt in den Schmerz. Um dieses Gefühl nachzuvollziehen muss man nicht aus Tokio kommen, im Gegenteil, vielleicht wird das Gefühl noch stärker, wenn man als Österreicher falsch aussteigt: Auf der falschen Seite von Ikebukuro ist das Ergebnis einer zweijährigen Zusammenarbeit zwischen dem Reise-Kolumnisten und Autor Martin Amanshauser und Franz Adrian Wenzl, seines Zeichens hauptberufliche Rampensau bei Kreisky. Selbst wenn Wenzl seine musikalischen Projekte strikt getrennt wissen will, gewisse Bezüge zu seiner Stammformation bestehen. Da wie dort versucht man sich in Populärmusik mit deutlich österreichischer Note, eine Art Austro-Pop-Moderne 2.0. Hier wird kein Sprechakzent verschleiert, hier wird eine österreichische Form von Lebenspoesie abgeliefert, mit sämtlichen greifbaren musikalischen Zutaten z’sammghaut und g’schaut was rauskommt. Das kann sympathisch sein, ist es auch, ist es aber nicht immer. Wenzl schneidert den Titeln Kleider aus fiependen Synthie-Versatzstücken, atmosphärischen Soundschnipseln und leicht altbackenen Lo-Fi-Drumcomputern. Das geht gut, solange sich Amanshauser und Wenzl damit begnügen, einen sparsamen Soundteppich zu schaffen, der die Texte mit stützendem Pathos versorgt. Über die gesamte Songlänge ausgedehnte Crescendos beherrscht man aus dem Effeff. Das Duo fühlt sich in diesen Lagen durchaus wohl, auch werden so selbst die banalsten Textfasern noch mit dem nötigen Gänsehautfaktor veredelt. Leider kann auch die atmosphärischste Klangarchitektur nicht immer verbergen, dass man tatsächlich auf der falschen Seite von Ikebukuro ausgestiegen ist. Man scheitert einerseits an Amanshausers sperrigen Texten, andererseits an der Instrumentierung. Da gibt es Textzeilen, die nur mit viel Anstrengung in ihr Melodie-Korsett gezwängt werden können und ständig mit der dünnen Grenze zwischen Banalität und Liebenswürdigkeit Hüpfschnur springen: Die Verse „Dein Leintuch ist türkis für mich, das Sofa schwarz, die Zähne weiß, red keinen Scheiß” verströmen den Geruch von unausgegorenen Worthülsen, Vergleiche wie „du bist heiß wie die Kernfusion” hätte man lieber aus den Texten eliminiert gehabt.

Ausstieg verpasst
In Sachen Instrumentierung präsentiert sich Wenzl als Multiinstrumentalist und spannt einen weiten musikalischen Bogen. Kleinster gemeinsamer Nenner im eklektischen Klanggarten ist die Liebe zur großen Geste. Doch auch hier ist man vor Fehlgriffen nicht immer sicher. Die rumpelnden Retortenbeats beschwören oft die 80er-Jahre, sind aber schon damals nicht ernst genommen worden. Und stimmlich stößt Amanshauser teilweise schlicht an seine Grenzen. Insgesamt hat das oft den schalen Nachgeschmack des Amateurhaften, ein Eindruck, den das Duo an manchen Stellen nur mit seinem verschrobenen Charme wieder umwerten kann.
Was bleibt, ist ein Album, das den Ausstieg knapp verpasst. Ein musikalischer Pendler zwischen Provinz und Großstadt, zwischen Größe im Detail und großem Komplettausfall, so dass einem beim Hören weder ein Ja noch ein Nein auskommen will. Höchstens ein sehr österreichisches „Naja”.