schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 16 - für immer big crunch oder urknall?
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/16-fur-immer/big-crunch-oder-urknall

big crunch oder urknall?

georg fuchs | big crunch oder urknall?

Egal. Am Ende ist alles für immer vorbei

Time is the Killer

Die Brüder

 

Die Zeit überlisten
Das Ende ist nah. Wer auf das Reich Gottes, das zweite Kommen des Messias oder auf den Kommunismus wartet, muss wissen, dass die Uhr unerbittlich tickt. Wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit, in deren Strudel wir unterzugehen drohen, bevor das Gute über das Böse siegt und die Wohnungsmieten für immer auf ein äußerst günstiges Niveau gesenkt werden. Die Widerstände sind hartnäckig, die Kirchenaustritte steigen und den Kapitalisten fallen auch immer wieder neue Gründe ein, noch ein bisschen länger an der Macht zu bleiben.

Der Kommunismus ist bei Marx, im Gegensatz zum christlichen und muslimischen Himmel, kein Idealzustand am Ende der Geschichte, sondern ein mögliches Resultat jener Konflikte, die aus den Klassengegensätzen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung erwachsen. Wann und wo der Kommunismus zum Durchbruch kommt, war auch für Marx und Engels Gegenstand zahlreicher Erörterungen. Ihnen bedeutete der Kommunismus, im Gegensatz zu den vielen utopischen und frühsozialistischen Ideen, lediglich die Aufhebung der Klassengegensätze und eine vergesellschaftete Produktionsweise. Unser heutiger Wissensstand legt nahe, dass Lenin mit seiner Idee, die russische Oktoberrevolution in alle Länder zu exportieren, zu kurz gegriffen hat. Nicht in dieser Zeit, nicht in dieser Welt – kein Wunder, dass die Raumfahrt in der Sowjetunion Chefsache und nicht beim Amt für Industrielle Formgestaltung angesiedelt war: Nur so konnte der langfristige Erfolg des Unterfangens, notfalls auch außerhalb der Erde, sichergestellt werden. Die Notwendigkeit, auch bei beispielhafter Verteilungsgerechtigkeit im Krisenfall auf Kolonien zurückgreifen zu können, erkannte im Übrigen schon der Hl. Thomas More in seinem 1516 veröffentlichten, viel zitierten Roman De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia.

Denn wir, und damit spreche ich von der gegenwärtigen und zukünftigen Menschheit, befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit. Allen Utopien stehen zahlreiche apokalyptische Szenarien gegenüber. Auch wenn ein populäres Buch der Zeugen Jehovas den Titel Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben trägt, müssen wir uns damit abfinden, dass unser Heimatplanet – sollte er nicht schon zuvor in Folge des destruktiven Wirkens jener Falschen, in deren Hände all die gefährlichen Technologien niemals hätten fallen dürfen – für Menschen unbewohnbar und nicht auf ewig Bestand haben wird. Dass fast alle denkbaren Apokalypsen und Katastrophen öko- und eschatologischer Natur eines Tages eintreten werden, ist hinlänglich gesichert. Nur die Reihenfolge, in der sich die Weltuntergänge ereignen werden, ist noch Gegenstand zahlreicher Debatten.

So schrieb Friedrich Engels, um noch einmal auf die Klassiker des Sozialismus zurückzukommen, 1876:


Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine Generation höchst rentabler Kaffeebäume vorfanden – was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterließen? Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind (…).


Heute würde er viel fatalistischer formulieren, und das zu Recht. Denn die Erosion breiter Landstriche ist, selbst wenn sie ganz Kuba kahl nagte [eine figura etymologica!], nur ein geringes Übel im Vergleich zu all den Szenarien, die auch ganz ohne unser Zutun eintreten werden.

 

The End of the World as We Know It
Ruhe in Frieden, Erde: Die amerikanischen Geophysiker Paul Silver und Mark Behn legen in ihrem Artikel in Band 319 der renommierten Fachzeitschrift Science, die, wie zuvor Helmut Kohl und das spanische Basketballteam, 2007 mit dem Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet wurde, die Vermutung nahe, die Kontinentaldrift würde die Landmassen unseres Planeten zu einem Superkontinent zusammenfügen, den es vor rund 250 Millionen Jahren unter dem Namen Pangäa bereits gegeben hat. Der Unterschied zu damals: Der neue Großkontinent würde letzt­endlich mit einem Stillstand der Plat­tentektonik einhergehen und die Verflüchtigung des Weltmeeres ins Erdinnere vorantreiben. Auf der Erde würde dann unter Wahrung lebensfeindlicher Bedingungen ewiger Stillstand herrschen, zumindest bis zur Dämmerung der nächsten Apokalypse.

Und danach? Die Sonne verbraucht nach und nach ihren Wasserstoffvorrat, bis sie sich in ca. fünf Milliarden Jahren zu einem Roten Riesen vom 150fachen ihrer jetzigen Größe aufblähen und die Erde verschlingen wird. Dem Leben auf der Erde würde aber bereits im Vorfeld dieses Ereignisses ein Ende bereitet, da die zunehmende Leuchtkraft der Sonne die Polkappen, so diese vorbehaltlich des Scheiterns von Szenario 1 noch existierten, sowie das Grönlandeis abschmelzen ließe. Bis dahin sollte die Migration der Menschheit in einen anderen Bereich des Universums abgeschlossen sein. Gäbe es noch Wasser in den Ozeanen, würde dieses nun verdampfen, und gäbe es noch Leben, wäre es nicht auf Dauer, da spätestens die sich ausdehnende Sonne die Erd­oberfläche in ein brennendes Lavameer verwandeln und somit das Ende für unseren Planeten besiegeln wird.

Gemäß der Urknall- oder Big-Bang-Theorie ist das Universum aus einer Singularität heraus entstanden, und erst mit ihm jene uns so lieb gewonnene Materie nebst Raum und Zeit. Seit dem Urknall, der vor 13,7 Milliarden Jahren stattgefunden hat, dehnt sich das Universum immer weiter aus. Die Meinungen darüber, wohin das in letzter Konsequenz führt, gehen auseinander: Entweder geht die Expansion ewig weiter, oder das Universum zieht sich unter Einwirkung der Gravitation irgendwann wieder zusammen, wodurch es entweder im so genannten Big Crunch kollabiert oder sich immer schneller ausdehnt, bis Galaxien, Sterne und Planeten zerrissen werden. Der US-Astronom Robert Caldwell nannte dieses Szenario 2003 Big Rip. Bis dahin werden noch an die 20 bis 30 Milliarden Jahre vergehen, in denen allerdings schon lange keine Lebewesen, wie wir sie kennen, das Universum besiedeln. Auch unsere Kolonien im Weltraum bieten also keinen dauerhaften Schutz, denn am Ende ist alles für immer vorbei. Oder auch nicht: Je nach persönlicher Lieblingstheorie über Anfang und Ende aller Dinge ist es denkbar, dass es, zum Beispiel nach dem Big Crunch, wieder zu einem Urknall kommt, einem Neustart des Systems bei gründlicher Vernichtung aller Daten auf der Festplatte des Universums. Sean Carroll und Jennifer Chen haben sich jedoch in Ausgabe 2461 des New Scientist (August 2004) mit der Wahrscheinlichkeit eines neuen Urknalls auseinandergesetzt und schätzen dessen Wahrscheinlichkeit als vernachlässigbar ein.


Endlosschleife
Bedeutet das nun, dass alle Anstrengungen der Menschheit, einen Weltuntergang nach dem anderen zu überleben, zum Scheitern verurteilt sind? Am Ende ist das Universum ja doch entweder erkaltet, ex- oder implodiert und damit tot – für immer, sieht man von der sehr, sehr geringen Wahrscheinlichkeit eines neuen Urknalls ab. Nicht unbedingt! Der Kosmonaut Sergej Konstantinowitsch Krikaljow verbrachte insgesamt 784 Tage auf der Raumstation Mir, reiste dabei dank der Zeitdilatation, einem Phänomen der Relativitätstheorie, im Vergleich zu den auf der Erde zurückgebliebenen Mitmenschen 1/50 Sekunde in die Zukunft und kann somit als erster Zeitreisender betrachtet werden. Zugegebenermaßen ist eine Reise in die Zukunft in Zusammenhang mit der hier gegebenen Problemstellung wenig hilfreich. Nur eine Reise in die Vergangenheit kann uns am Rande des Untergangs wieder aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit befördern.

Unsere Nachfahren werden in ein paar Millionen Jahren also in ein Raumschiff steigen und mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Kosmos fliegen, um nach einer Weile wieder auf der Erde zu landen. Wer Star Trek & Co. kennt, weiß, dass es auf diese Weise bequem möglich ist, rückwärts in der Zeit zu reisen und an einem Zeitpunkt in der Vergangenheit zu landen. Die Zeitreisenden würden sich wohl für ein Zeitalter entscheiden, in dem komfortable Wohnungen und Abos von Bezahlsendern verfügbar und günstig sind und sie nicht erst die Jagd mit Pfeil und Bogen erlernen müssen, um nicht zu verhungern. Dieses Spiel lässt sich endlos wiederholen, wenn das Raumschiff nicht versehentlich in ein Schwarzes Loch oder gar in ein Wurmloch stürzt. Aber daran wage ich nicht zu denken.