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das letzte gletscherbild

werner schandor | das letzte gletscherbild

Die Fotografie liefert uns Ewigkeit für alle. Aber sie unterliegt der Bilderschmelze

Ich behaupte nicht, dass die Gletscher schmelzen, weil mehr fotografiert wird. Aber es kann durchaus sein, dass mehr fotografiert wird, weil die Gletscher schmelzen. Lassen Sie mich diesen Gedanken kurz erklären, ich habe dazu ein paar Aufnahmen vorbereitet.


1. Du lieber Scholli!
2007 geht ein Bild um die Welt: Ein ausgewachsener Eisbär balanciert auf der Kuppe einer Eisscholle, die kleiner als sein Körper scheint, als wär’s ein Zirkuskunststück. Der Bildtext erklärt, dass Klimawandel und CO2-Emmissionen… – aber das haben wir 2007 bestimmt 100 Mal gelesen. Nächstes Bild, bitte!


2. Pasterze ade
Thematisch verwandt, wenn auch nicht ganz so prägnant umgesetzt: Eine Fotoserie von ausgewählten Gletscherzungen Österreichs im Lauf der letzten 100 Jahre, die das Schmelzen des ewigen Eises dokumentiert, allen voran die Pasterze am Großglockner. Besonders in den letzten 15 Jahren fällt ein drastischer Rückgang der Gletscher auf. Zu sehen ist die Serie im Foyer des Naturhistorischen Museums in Wien.


3. Kiste aus der Vorzeit
Die schuhkartongroße Kiste, die Sie hier über ein Spiralkabel mit einer kantigen Nikon-Spiegelreflexkamera verbunden sehen, ist quasi die Speicherkarte für die erste professionelle digitale Spiegelreflexkamera. Die DCS-100 wurde 1991 von Kodak auf den Markt gebracht. Die Auflösung betrug 1,2 Megapixel, also ungefähr so viel, wie heute durchschnittliche Fotohandys mitbringen. Die Kamera wog samt Speicher über 5 Kilogramm und kostete 25.000 Dollar. Eine dicke Geldtasche und eine starke Schulter, um sich das Teil umhängen zu können, waren Voraussetzung für den Erwerb.

Dass sich die Digitalfotografie trotzdem durchgesetzt hat, ist nur der rasanten technologischen Entwicklung am Fotomarkt zu verdanken. – Nächstes Bild, bitte! Im Durchschnitt passiert in der Digitalfotografie alle zwei Jahre ein Entwicklungsschritt, der sich – vereinfacht gesagt – in höherer Pixelzahl, besserer Ausstattung und höherer Farbtreue der Bilder auszeichnet, wobei gleichzeitig die Kameras in Relation immer erschwinglicher werden. Hier sehen Sie zum Beispiel:


4. „Meine neue Waffe“
– so nennt der Kriegsfotograf Frank Perry im Nikon Pro-Kundenmagazin (Ausgabe Nr. 12/2006) seinen Fotoapparat, die Nikon D200. Dieses auch für betuchte Amateure erschwingliche Modell, das sich für den Einsatz in Afghanistan und anderen Krisengebieten der Erde eignete, wurde im Dezember 2007 von der nochmals verbesserten Nikon D300 abgelöst. Diese Kamera gilt mit einem CMOS-Sensor mit 12 Megapixel Auflösung und einem vollständig gegen das Eindringen von Schmutz und Feuchtigkeit versiegelten Gehäuse nebst einem hervorragenden Bildwandler als heißestes Eisen für Enthusiasten und ambitionierte Amateure und kostet – Listenpreis – 1.899 Euro (ohne Objektiv, versteht sich). Die entsprechend ausgestatteten Modelle von Canon heißen 5D oder 1D Mark III. Die billigste digitale Spiegelreflexkamera ist übrigens mit Jahresbeginn 2008 die Pentax K100D Super. Sie ist bei geizhals.at bereits ab 379 Euro gelistet.


5. Japanische Invasion
Preisfrage: Wo wird am meisten Geld für Fotoapparate ausgegeben? Japan, Europa oder USA?

– Falsch! Dem Klischee der alles und allzeit knipsenden Japaner zum Trotz ist Europa die richtige Antwort. Die Manager der Fotosparte von Marktführer Canon und dem ewigen Verfolger Nikon haben über dem Bett vermutlich die Verkaufs-Charts des alten Kontinents hängen, die sie in süßen Schlaf verfallen lassen. Die Säulengrafik auf dem Bild verdeutlicht es: 38 Millionen Kameras wurden 2006 in Europa verkauft – mehr als in den USA (28 Mio.) und Japan (8 Mio.) zusammen! Der „Rest der Welt“ folgt abgeschlagen mit 17 Mio. Fotoapparaten. Die Hersteller und Technologieführer der Fotoindustrie sitzen aber erwartungsgemäß nach wie vor in Japan, auch wenn sie Geräte mittlerweile in China fertigen lassen. 1,58 Trilliarden Yen betrug der weltweite Umsatz der Fotoindustrie im Jahr 2005, das sind ca. 18 Milliarden Dollar. Von 2006 auf 2007 ist der weltweite Absatz von Fotogeräten erneut um 10 % gestiegen.


Licht an!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich hoffe, Sie sind nicht eingeschlafen vom Surren des Diaprojektors. Entschuldigen Sie bitte die veraltete Technologie, einen Beamer kann ich mir als Privatperson noch nicht leisten. Dafür habe ich hier ganz etwas Tolles: einen elektronischen Wechselrahmen. Hier an der Seite des Dinges setzt man die Speicherkarte mit den Bilddaten ein, und schon kann man sich bis zu 4000 Bilder abwechselnd anzeigen lassen. Quasi das Tischpendant zu den Rollplakaten im öffentlichen Raum.

Über meinen Wechselrahmen laufen momentan nur 3 Aussagen zur Fotografie. Ich habe sie schön abgetippt. Lassen Sie sich ruhig Zeit beim Lesen!


1.) […] die exakteste Technik kann ihren Hervorbringungen einen magischen Wert geben, wie für uns ihn ein gemaltes Bild nie mehr besitzen kann. Aller Kunstfertigkeit des Photographen und aller Planmäßigkeit in der Haltung seines Modells zum Trotz fühlt der Beschauer unwiderstehlich den Zwang, in solchem Bild das winzige Fünkchen Zufall, Hier und Jetzt, zu suchen, mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleichsam durchgesengt hat […].

Aus: Walter Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie (1931)


2.) In der Tat können sich solche Bilder der Realität bemächtigen, weil eine Fotografie nicht nur ein Bild ist (so wie ein Gemälde ein Bild ist), eine Interpretation des Wirklichen, sondern zugleich eine Spur, etwas wie eine Schablone des Wirklichen, wie ein Fußabdruck oder eine Totenmaske.

Aus: Susan Sontag: Die Bilderwelt (1977)


3.) Die Gesellschaften konsumieren jetzt Bilder statt Glaubensinhalte.

Aus: Roland Barthes: Die helle Kammer (1989)


Das magische Herz
Dass Fotografie einen magischen Aspekt hat, das empfinden alle, die es nicht übers Herz bringen, Bilder von Menschen, die sie mögen, beim Aufräumen wegzuwerfen, selbst wenn sich die Fotoberge schon schuhschachtelweise türmen. Darin offenbart sich noch ein Rest an fotografischem Geisterglauben, wie ihn Susan Sontag benennt: Die Fotografie ist nicht bloß Abbild der Wirklichkeit, sondern Spur des Wirklichen im Bild. In den Urzeiten der Fotografie, so steht bei Walter Benjamin zu lesen, wagten die Betrachter es oft nicht, ein Bild länger anzusehen, weil sie meinten, die abgebildeten Personen selbst würden sie aus den Fotos heraus anschauen.

Das unschuldige Staunen über das verblüffend wirklichkeitsgetreue Abbild, das uns die Fotografie liefern kann, ist uns Heutigen sicherlich verlorengegangen. Bilder sind keine Rarität mehr, sondern Treibgut der Moderne. Eines ist aber geblieben: In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war der „perfekte Moment“ das Um und Auf in der Fotografie. Und auch heute noch gilt diese Binsenweisheit vielen Menschen als Maß der fotografischen Dinge, nämlich dass ein Bild dann gelungen ist, wenn der Fotograf in jenem Moment auf den Auslöser drückt, der das Hier und Jetzt gleichsam definiert. Einen Eisbär auf einer Scholle zum Beispiel. Das Magische an der Fotografie besteht nicht zuletzt darin, solche Zeitmarken zu setzen, in denen ein winziger Moment zur Ewigkeit gerinnt, frei nach Wittgensteins schöner Formel, mit der der Logiker dem Mystiker die Hand reicht: „Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.“

In ihrem Essay Über Fotografie betont Susan Sontag dagegen den aggressiven Akt des Fotografierens: „Menschen fotografieren heißt ihnen Gewalt antun“, urteilt die Autorin streng. Auch dass man im Englischen und Deutschen davon spricht, Bilder zu „schießen“, dass bei modernen Spiegelreflexkameras oft die gleichen Hartplastiklegierungen Verwendung finden wie in Schnellfeuerwaffen, dass Kamerahersteller zudem in Werbeprospekten von Spiegelreflexkameras oft die Waffenästhetik aufgreifen – das alles deutet auf einen aggressiven Zug des Fotografierens hin. Aber wir wissen auch, dass noch niemand daran gestorben ist, dass ein Fotograf den Auslöser drückt (außer es handelt sich um eine eigens präparierte Kamera und der Fotograf heißt James Bond), dass also die Aussage des Kriegsreporters Frank Perry, „Meine neue Waffe ist die Nikon D200“, nicht wörtlich verstanden werden darf. Fotoapparate sind keine Waffen. Sie töten niemanden. Sie rauben einem nicht die Seele, auch wenn das im 19. Jahrhundert eine weitverbreitete Furcht war.


Ein Hauch Ewigkeit
Ich glaube vielmehr, es verhält sich einfach so: Man drückt auf den Auslöser und dadurch verewigt man eine Szene, einen Ausschnitt der Wirklichkeit, ein Stück Jetzt. Als Fotograf hat man in diesem Moment – selbst wenn rundherum alles in die Luft fliegen sollte – den Eindruck, an einem Hauch Ewigkeit teilzuhaben, quasi an der Unsterblichkeit. Ich glaube, der Fotoapparat ist nicht nur, wie Susan Sontag schreibt, eine Maschine, um sich in der Wirklichkeit zu orientieren, indem man Bilder von ihr zieht, sondern auch eine Apparatur, die Augenblicke gefrieren lässt und somit das Gefühl der Vergänglichkeit bannt, neutralisiert und überwindet. Man könnte genauso gut beten oder meditieren, um dieses Ewigkeitsempfinden zu erlangen, aber der Nikon-Buddhismus ist einfacher auszuüben: Klick!

 

Verlassen, verlassen!
Was hat das alles mit den Gletschern und Eisbären zu tun? – Ich sehe es so: Die Natur ist der letzte Hort des Menschen, der Unvergänglichkeit vorgaukelt. Aus der Geschichte – und aus den Zeitungen – wissen wir, dass Staatssysteme, Herrscher und Völker kommen und gehen, dass Habsburgische und Tausendjährige Reiche in Nullkommanix von der Landkarte verschwinden können, dass das Sozialversicherungssystem kracht und die Pensionsvorsorge für unsereinen, der noch nicht mit dem Rentenanspruch liebäugeln kann, alles andere als gesichert ist, ja dass sogar heilige Kühe wie die immerwährende österreichische Neutralität nach Schweizer Originalrezeptur von Regierungsparteien in Frage gestellt werden. Kein Wunder, dass wir Trost in der Natur suchen, die zwar unberechenbar, launisch und gefährlich sein kann, die aber zumindest Beständigkeit versinnbildlicht. Wenn man sich sonst auf nichts verlassen kann, dann bleibt nur noch das Alter der Alpen, die Weite des Meeres, das ewige Eis. – Und nun das: Die Gletscher schmelzen, die Alpen korrodieren, das Meer frisst die Städte. Schock total! Die Natur droht den Menschen im Stich zu lassen.


Laterna magica mit Chip
Intuitiv hängen wir uns unsere mikroprozessorgesteuerten Laterna magicas mit den lichtempfindlichen Aufnahmesensoren um, stürmen in die Alpen, buchen Reisen nach Patagonien und in die Arktis, um den drohenden Untergang aufzuhalten. Jetzt ein Bild machen und schnell noch eines von diesem schwindenden Gletscher, auf dass wir ihn Freunden und Verwandten zeigen oder in unserer Webgalerie veröffentlichen können. Kurz gesagt: Bild um Bild um Bild vom Eisbären oder vom Gletscher, der sich zurückzieht, soll helfen, die Polschmelze durch den magischen Akt des Fotografierens zu verhindern. Nicht allein durch den Appellcharakter, mit dem uns diese Bilder zur Umkehr auffordern, sondern instinktiv auch durch das neuschamanische Zeremoniell des Fotografierens selbst, das den Augenblick beschwört und die Geister der Ewigkeit anruft.


Analog rockt
In diesem Magazin wurde bereits eingehend auf das Vahinger’sche „Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck“ hingewiesen (s. Ausgabe 12, mitte). Da es sich um ein philosophisches Naturgesetz handelt, kann sich auch die Fotografie nicht der Gravitation des Phänomens entziehen, dass alles, was Menschen angehen, immer über das Ziel hinausschießt. Will heißen: Die Fotografie ist drauf und dran, sich durch inflationären Gebrauch selbst die Magie zu nehmen.

Nicht nur die „Vereinigung für Digitalkameraverweiger“ (www.vfdkv.de – Vereinsmotto: „analog rockt.“) verspüren Unbehagen angesichts des allzu unbedachten, schnellen Umgangs mit Bildern. „Digitalkameras sind seelenlos“, brachte es schreibkraft-Autor Christoph Weiermair einmal in einem Gespräch auf den Punkt. Nicht nur, dass man bei Digitalfotos auf das ganze alchemistische Brimborium der Analogausarbeitung – Entwickeln, Wässern, Fixieren, Trocknen – verzichten kann; und nicht nur, dass trotz Pixelwahn und Technologiefortschritt ein vergrößertes Analogbild auf ein geschultes Auge nach wie vor nuancenreicher und dadurch lebendiger wirkt als ein Digitalbild. (Nebenbei bemerkt: Die Digitalfotografie hat immer mehr Leute gewissermaßen sehschwach und anspruchslos gemacht: Krasse Farbsäume an Hell-Dunkel-Grenzen, ekelhafte Kontrastverläufe, Hautfarbenwiedergabe wie mit Plastilin – alles, alles wird einem Digitalfoto von Ottonormalbetrachter verziehen, solange nur das Bild gleich am Kameradisplay zu bewundern ist.)


Seelenlosigkeit
Der eigentliche Grund für die „Seelenlosigkeit“ der Digitalfotografie ist folgender: Je mehr wir fotografieren – und die Digitalfotografie macht es möglich, quasi unendlich viele Bilder zu machen und die Aufnahmen entweder gleich wieder zu löschen oder in einem Datenfriedhof auf einer Festplatte verschwinden zu lassen –, umso mehr verschwindet auch das Jetzt-Gefühl, dieser Kurzschluss zur Ewigkeit, beim Druck auf den Auslöser. Früher kehrte man aus dem Urlaub mit 36 ausgewählten Aufnahmen zurück, wovon 4 verwackelt und 3 unterbelichtet waren, aber man behielt sie wegen des Erinnerungswerts. Heute schießt man im gleichen Urlaub 500 Bilder, löscht davon 300 beim ersten Sichten und bearbeitet die restlichen 200 mit Photoshop Elements, sodass man – überspitzt gesagt – zum Schluss schwerlich noch von authentischen Aufnahmen eines Moments sprechen kann.

Die Beständigkeit des Bildes wird von der Digitalisierung unterminiert und zum Schmelzen gebracht. Die Fotos der Liebsten, die ich in meinem Büro stehen habe, zu verräumen und die Aufnahmen von Frau und Tochter über einen digitalen Wechselrahmen laufen zu lassen – Frau, Überblendeffekt, Tochter, Überblendeffekt, Frau, Überblendeffekt, Tochter, Überblendeffekt, … – würde mir pervers vorkommen. Denn es entzieht der Beständigkeit, die Bilder auch signalisieren, ihren Boden. Ich weiß, ich bin ein Nostalgiker, was das betrifft. Und ich werde die herrschende Entwicklung nicht aufhalten können, weder am Fotomarkt noch bei der Gletscherschmelze. „Unser niederdrückendes Gefühl der Flüchtigkeit hat sich nur noch verstärkt, seit uns die Kamera die Möglichkeit gegeben hat, den flüchtigen Augenblick zu ‚fixieren’“, schreibt die hellsichtige Susan Sontag im Aufsatz Die Bilderwelt lange Jahre vor dem Siegeszug der Digitalfotografie.


Bilderschmelze
In der Zwischenzeit überfluten die Bilder unsere Städte, der Meeresspiegel steigt, das ewige Eis schmilzt. Das Foto mutiert zusehends zum flüchtigen elektronischen Signal, es leuchtet kurz auf und verschwindet wieder. Wie der Eisbär. Wie wir. Bilder wird es Abermilliarden geben, aber wer soll sie in Zukunft noch betrachten?