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der tod und das mädchen

florian malzacher | der tod und das mädchen

Aggregatzustände des Todes in „Buffy the Vampire Slayer”

Sie ist wach.

Dietmar Dath über Buffy


„She came from the grave much graver“ – nicht nur ernster – fast als wär sie gar nicht zurück. Antigone aus der Höhle befreit, doch wo sie hinkommt, da sieht sie kein Leben, das lebenswert ist. Wie sie durch die Schlachtfelder der Realität stapft, sieht sie nur Grausamkeit und Sterben, Trauer und Einsamkeit und Sehnsucht ohne Ziel. Als wär sie noch immer dort, wo auch immer sie war, als sie tot war. Sie, die zuvor fünf Staffeln, ein ganzes Teenagerleben lang, Leben gerettet hat als höchstes Gut, sie findet das Leben nun unerträglich: Ungerechtigkeit, Schmutz, Verrat, Kälte. Sieht sie nicht, wie ihre Freunde unter ihrer Abgewandtheit und ihrem Abscheu leiden? Sieht sie nicht, warum sie sie zurückgeholt haben? Nein, sie sieht nur: bald Sterbende. „Nothing here is real, nothing here is right.“

Das Leben ist bekanntlich ein Paradox, und so ist es der Tod – zumindest wenn er im Reich der Zeichen bleibt. Das Leben endet, der Tod soll eigentlich für immer sein. Ohne Widerspruch. Die Grenze der Semiotik, die Grenze des Beschreibbaren, kein Ding sei, wo das Wort gebricht. Aber so einfach ist das nicht mit dem Tod bei Buffy. Der ist sein eigenes Genre. Und nur an seiner äußersten Grenze steht er tatsächlich für Unsagbares: für immer.

Daneben gibt es zahlreiche Varianten der Wiederkehr, des Untoten und des rein symbolischen Sterbens. Denn im Vorraum des Ewigen ist das Konzept des Todes noch porös. Die Fiktion integriert den Tod in unser Leben, wie wir es in Wirklichkeit nicht mehr zu leisten vermögen.

Der Tod – so oder so – ist in Sunnydale alles andere als selten. Das kalifornische Städtchen, in dem Buffy und ihre Freunde leben, steht nun mal geografisch punktgenau auf dem Eingang zur Hölle, bzw. ungünstiger: auf ihrem Ausgang. Das macht es zu einem Mekka für Vampire und andere Lichtscheue. Tote gehören zum Schulalltag, Klassenkameraden verwandeln sich in Hyänen, der erste Freund hat sich am Morgen danach in ein Monster verwandelt, wer unbeachtet ist, wird nach und nach unsichtbar ... all das eben, was – metaphorisch – Pubertät so ausmacht.

Der Tod reißt unglückliche Mitschüler, Lehrer, Eltern, innocent bystanders aus Serie und Leben. Aber wenn er auf unnatürliche, nicht-irdische Weise naht, bleibt er merkwürdig zeichenhaft. Wie aller Horror in Buffy lässt auch er sich als Bild lesen für das Erwachsenwerden und die Verluste, die das Leben mit sich bringt. Die anderen sehen es zwar mit Bestürzung, aber nicht über die Maßen beunruhigt.

Doch auch solch zeichenhafte Tode haben unterschiedliche Qualitäten und Varianten: die meisten sind tot für immer. Als wären sie nie dagewesen, lediglich Träger einer bestimmten Erzählung oder Metapher. Ebenso Fiktion wie ihr Ende. Was bleibt, sind kleine Albtraum-Narben.

 

Zombies, Geister, Vampire
Daneben gibt es jene Toten, die für diese Tode meist verantwortlich sind, und die keine Ruhe geben: Zombies, Geister, Vampire. Sie leben weiter, aber mehr auf der Seite der Zeichen – bis sie sich plötzlich in die Realität hinein ein Opfer greifen. Sie bewegen sich in Zwischenstufen, Aggregatzuständen des Todes. Sie leben nicht, aber sie sind auch nicht tot.

Zombies beispielsweise, die Tumben unter den Nachtgestalten, sind Monstermaschinen, sie haben mit ihren früheren Persönlichkeiten nichts gemein. Gefährlich, aber auch langweilig. Vegetation statt Narration.

Geister hingegen bleiben Zeichen, sie sind mehr Signale als Leben oder Tod, sie sind Boten von Seelen, die anderswo sind. Wobei ihnen darin nicht zu trauen ist: Manchmal geben sie auch nur vor, verstorbene Lebensgefährten, Freunde zu sein – so wie auch anderes Übel sich gern einmal das Äußere von Toten leiht, Kostüme ohne Eigentümer. Doch Geister selbst bringen nicht um, sie treiben höchstens in Wahnsinn oder Selbstmord.

 

Vampire faszinieren
Vampire sind die komplexesten dieser Gestalten – weshalb sie als Metaphern von Marx bis Kittler immer wieder vorkommen. Sie strahlen seit Bram Stokers Dracula (mit dem Buffy einen flirtend-tödlichen Showdown hat – und gewinnt!) eine besondere Faszination aus, die durchaus erotisch aufgeladen ist. Der Akt des Blutsaugens ist ein sexueller. Vor allem beim zeugenden Saugen (to sire), bei dem erst ein Vampir von seinem Opfer trinkt, um dann seine eigene Schläfe anzubieten: So pflanzen sich Vampire fort. Es ist ein Blutspakt mit dem Teufel. Das schnelle Aussaugen und leer liegen lassen hingegen dient lediglich der schnellen Befriedigung und Nahrungsaufnahme. Der Körper bleibt als nutzlose Verpackung zurück.

Vampire im Buffyversum haben keine Seele mehr. Sie sind nicht mehr die, die sie einmal waren – aber sie sind es auch nicht nicht. Der Mensch ohne Seele ist ohne ethisches Korrektiv. Selbst die Sanftesten werden zu brutalen Bestien. Aber sie bleiben den Menschen – auch optisch – verwandt.

Schon deshalb sind sie die Charak­terdarsteller unter jenen, die untot durch die Nacht wandeln. Sie sind die eigentlichen Gegenspieler der Menschen, sie kennen sie so gut wie sich selbst. Und sie leben für immer. Wenn nichts dazwischen kommt: Ein Pfahl ins Herz nämlich. Mr. Pointy nennt Buffy ihren Lieblingspflock.

Doch selbst bei Vampiren ist Gut und Böse nicht weiß und schwarz: Sogar die Regel der Seelenlosigkeit kennt ihre Ausnahmen. Erst ist es nur einer, dann sind es zwei: Vampire, die eine Seele haben. Angel hat die seine als Strafe durch einen Zigeunerfluch bekommen, damit er für immer unter seinen Verbrechen leide. Spike geht später durch schwere Prüfungen, um die seine wiederzuerlangen (vielleicht weil er in seinem früheren Leben ein sentimentaler Künstler war). Den ersteren hat Buffy immer geliebt und nie haben können. Mit dem zweiten hatte sie eine leidenschaftliche, oft explizit sadomasochistische Affäre ... alle Lust will Ewigkeit.


Tot für immer
Einen Sommer lang war Buffy also tot für immer. (Genau genommen: schon zum zweiten Mal. Aber als sie vier Jahre vorher, nach nur zwölf Folgen und ganz am Anfang ihrer slayer-Karriere, schon einmal zu atmen aufgehört hatte, war der treue Freund Xander mit einer profanen Erste-Hilfe-Reanimation zur Stelle. Diesmal jedoch half kein Pumpen: „Rest in Peace.“) Und auf ihrem Stein stand der schönste Grabspruch der Filmgeschichte: „She saved the world – a lot.“

Auch diesmal wieder hatte sie die Welt gerettet, hatte sich geopfert. Für alle und für ihre kleine Schwester Dawn, die ursprünglich gar kein Mensch, sondern ein Energiefeld war, eine Art Schlüssel zur Unterwelt – aber das ist eine komplizierte und andere Geschichte. Längst jedenfalls war Dawn Buffys eigen Fleisch und Blut geworden, weshalb diese sich stellvertretend als Opfer zum Geschenk machen konnte (denn aufs richtige Blut – so politisch unkorrekt sind Vampirgeschichten – kommt es nun mal mehr an als auf die Geburt).

Nun ist, bei allem Variantenreichtum, der Tod auch in der kalifornischen Kleinstadt Sunnydale meist für immer. Er kommt und macht es niemandem leicht, wenn er kommt vor seiner Zeit. So war es, als Buffys und Dawns Mutter nur ein paar Folgen zuvor an einem Hirntumor starb. Ein natürlicher Tod ist final. Und die viel gerühmte Folge, in der Regisseur und Autor Joss Whedon ihn schildert, ist kühl, mit aller Brutalität und Endgültigkeit, die ein Tod eben hat. Ohne jede Filmmusik, jedes Gefühl hart ausgeleuchtet durch die grelle Sonne der Westküste und die Neonröhren eines Krankenhauses. Joyce Summers war tot, da half kein Trost.

Buffy allerdings starb im Dienst gegen das Unnatürliche und auf unnatürliche Weise. Im Kampf mit der Fiktion. Im Kampf gegen eine Göttin mit modelhaftem Aussehen und dem passenden Namen Grace. In solch einem Kampf mit der Fiktion hat die Realität Schlupflöcher gelassen. Keine großen – auch wer von einem Werwolf zerfleischt wird, ist normalerweise einfach tot.


Die Rechte der Hölle
Doch die Hölle selbst hat ihre Rechte. Man muss sie nur kennen: Das Unnatürliche ist (in dieser Hinsicht eher judäisch als christlich) voller Gesetze, Regeln, Präzedenzfälle und Ausnahmen. Kein Zufall, dass Buffys beste Freundin Willow Rosenberg – eine Jüdin, die das obligatorische Kreuz gegen Vampire in ihrem Haus nicht ohne Spott aufhängt – diejenige ist, die Magie wie ein Jurastudium betreibt und das Schlupfloch für Buffys Wiederverlebendigung findet.

Ohne Buffy war das Leben in Sunnydale ziemlich ungemütlich geworden, Vampire und anderes Nachtgesindel genossen die neue Freiheit. Und auch die Trauer ging nicht vorüber, am wenigsten an Willow. Da die Vampirjägerin durch Magie gestorben war – also: durch Fiktion – musste sie zumindest theoretisch durch Magie in die löchrige Realität zurückgeholt werden können. Ein Kraftakt, der Willow an ihre Grenzen brachte; ein Kraftakt aber, der dieses eine Mal, dieses einzige Mal (zumindest erstmals seit zweitausend Jahren) gelang. „Buffy lives“ – so stand es mehr hoffend als prophetisch auf den Aufklebern, die in der schier unendlich langen Sommerpause nach Buffys Tod an Wohnungstüren trotziger Fans klebten.

Aber sie lebt nicht gern. Sie ist deprimiert, ohne Halt – she „came from the grave much graver“, heißt es in einem der berüchtigten Wortspiele der Serie – und weiß nicht, wo ihr Platz ist. Kein Wunder: Der brutale clash von Realität und Fantasie, Willows Fiktions-Rück­nahme, ereilte Buffy im Horror des eigenen Grabes. Dort, wo eben noch ihr angefaulter Körper ruhte, dorthin kehrt das Leben zurück – und geht mangels Sauerstoff stracks einem endgültigen (weil natürlichen) Ende entgegen. Buffy kratzt, schabt, tritt sich (noch vor Uma Thurman in Kill Bill) aus Sarg und Erde. Mittels ihrer übernatürlichen Kräfte (die Kräfte der Fiktion sind).

Von solchem Weg ins Leben bleibt ein Schatten. Der Tod scheint ihr, die ungefragt zurückgeholt wurde, fortan als die einfachere Lösung als der Himmel: Ohne Verantwortung, ohne dauerndes Sterben um sie herum, ohne all das Böse. Denn Buffy hatte es ja geschafft, sie hatte für immer Ruhe. Nun ist sie zurück und es dauert eine ganze Staffel, bis sie das Leben wieder leben mag. Nicht ohne hollywoodsche Gefühle natürlich.


Echt ist echt
Als ein Jahr später Willows Geliebte Tara erschossen wird, da bleibt die Magie hilflos, echt ist echt. Und Willow verliert sich selbst an die andere Seite der Fiktion.

Der Tod für immer. Das ist, wie wenn man als Kind im Bett sich die Unendlichkeit vorzustellen versucht (später hört man auf damit). Bis alles um einen herum ins Wanken gerät, jede Gewissheit, jede Zuversicht. Und zwischen Horror und völliger Ruhe kaum ein Unterschied bleibt.

Eine Vampirjägerin, die sich in Vampire verliebt. Eine Sonnenstadt in Kalifornien, die Kreaturen der Nacht anzieht. Tode, die endgültig sind, aber nicht real, und Tode, die endgültig sind und real. Tode, die nicht endgültig sind. Tote mit Seelen und Lebende ohne. Wer glaubt, Fiktionen hätten keine Macht über die Realität, der weiß von nichts. Und mit dem Tod legt man sich nicht nur in Sunnydale nicht ungestraft an.

 

 

Buffy, das vampirjagende amerikanische Highschool-Mädchen, und ihre Freunde gingen 1997 in den USA erstmals auf Sendung. Seither entstanden zahlreiche Essays und wissenschaftliche Arbeiten über die Serie – Gender studies, Kultur- und Literaturwissenschaften entdeckten in Buffy reichhaltiges Material.