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der verkaufte fan

martin gasser | der verkaufte fan

Einem Verein die Treue zu halten, ist im österreichischen Fußball unmöglich

48,9 Prozent der in Österreich eingegangen Ehen werden geschieden, die Katholische Kirche erfreut sich auch nicht gerade wachsender Beliebtheit und die Arbeitswelt verlangt flexible Kräfte, die stets darauf vorbereitet sein müssen, Neuland zu betreten. Während man sich also mit diversen Lebensabschnittspartnern in unterschiedlich zusammengesetzten Patchwork-Familien zusammenfindet, sich seine Religion selber zusammenbastelt oder außer ans Horoskop der Einfachheit halber an gleich gar nichts mehr glaubt, ist auch die Bastion nationaler beziehungsweise kultureller Identität am Zerbröseln. Ökologisch Weltbürger, gesellschaftlich Europäer, politisch und steuermäßig Österreicher, lokalpatriotisch-ironisch dem Regionalen verhaftet, nimmt der Mensch des postmodernen Zeitalters auch hierzulande multiple Identitäten an, die auf unübersichtliche Weise koexistieren und kollidieren. Vertikal und horizontal brechen alte Verbindlichkeiten auf. Und das alles mag auch gut so sein, als Reaktion und zur Bewältigung von gesellschaftlichem Wandel, was vielleicht zwar auch nur den Erfordernissen von ökonomischen (Ausbeuter-)Systemen geschuldet sein mag, aber doch auch als Strategie einer moderneren, offenen Lebensorganisation gesehen werden kann.

 

Die verbliebene Konstante
Die verbliebene Konstante, jene Verbindlichkeit, die man heute noch einzugehen als sinnvoll erachtet, scheint die Anhänglichkeit an einen Fußballklub zu sein. Fast von der Wiege und ganz sicher bis zur Bahre bleibt man seinem Verein verpflichtet. Leute, die sich einen Dreck um Dinge wie Vaterland und einstmals eherne Familienwerte scheren, heulen empört auf, wenn ihre Mannschaft das Trikotdesign ändert. Ganz normale Menschen, die das Zerbrechen von Beziehungen als unumgängliche Erscheinung des Lebens betrachten, halten ihrem Klub auch dann noch die Treue, wenn sich die Vereinsführung längst an den Meistbietenden verkauft und Gewinnmaximierung vor Skrupel und Integrität gestellt hat.

Nebensächlichkeiten wie die Neustrukturierung von Zuschauersektoren oder der Einzug von Sitzplätzen ins Stadion werden hitzköpfig debattiert. Die Tradition des Vereins, die Treue zum Verein sind moralisch nicht zu hinterfragen, unveränderlich. Ein faszinierender Umstand, wo sich außerdem politisch eher links einzuordnende Fans als besonders konservativ herausstellen. Menschen, die ihren Verein gewechselt haben, müssten solch an sich unentschuldbares Verhalten schon in frühester Jugend getan haben, um sich einen kümmerlichen Rest an Credibility zu bewahren. Als Erwachsener zu wechseln ist Fahnenflucht aus dem Verband denkender, vernünftiger Wesen. Dieses Phänomen unverrückbarer Identifizierung lässt sich weltweit beobachten, Österreich stellt freilich einen Sonderfall dar, wo der Konservativismus der Fans zwar nicht unmöglich gemacht wird, aber doch einige Maskierungen und mehr oder weniger subtile Korrekturen in der Selbstwahrnehmung erfordert, um am Leben gehalten werden zu können.


Traditionslinien
Ich spreche von der in Österreich nicht selten auftretenden Erscheinung von Klubkonkursen, Auflösungen und Neugründungen – wirtschaftlich motivierten Umstrukturierungen. Eine Erscheinung, die zwar auch aus anderen Ländern bekannt ist, aber wohl nirgends dermaßen stark die „großen Vereine“ der oberen Spielklassen betrifft. Ein besonders krasses Beispiel ist etwa der FC Wacker Innsbruck, dessen Fans sich beinah alljährlich fragen dürfen, wem sie da eigentlich zujubeln. Gegründet im Jahr 1915 unter erwähntem Namen, konnte man sich – ausgenommen einer aus heutiger Sicht kuriosen Umbenennung zu Sturm Innsbruck 1923 – zunächst seine Identität bewahren beziehungsweise eine Vereinstradition erwerben. 1971 ging der Verein eine Spielgemeinschaft mit der WSG Wattens ein, erstes Vorzeichen für eine Reihe von ab dort folgenden, absurden Umstrukturierungen. 1986 löste sich die Spielgemeinschaft auf, und die Bundesligalizenz wurde vom neu gegründeten FC Swarowski Tirol übernommen, während der alte, von Wattens wieder getrennte FC Wacker Innsbruck den Weg in die unterste Tiroler Spielklasse antrat. Der FC Swarowski Tirol galt freilich in der breiten Öffentlichkeit, in der Berichterstattung – und auch von den Fans wurde erwartet, das zu akzeptieren – als Erbe des FC Wacker. 1992 übernahm Wacker allerdings wieder den FC Swarowksi Tirol und fortan firmierte die Mannschaft unter FC Wacker Swarowski Innsbruck. Ein Jahr später nannte man sich dann FC Tirol Innsbruck, der Wacker-Teil der Identität ging erneut in den Amateurbereich, bis er 1999 endgültig aufgelöst wurde. Der FC Tirol Innsbruck überlebte seine Amateur-Abspaltung gerade um drei Jahre, 2002 wurde Konkurs angemeldet. Damit endeten alle Traditionslinien. 2002 wurde jedoch auch ein Verein FC Wacker Tirol neugegründet, der langsam wieder den Weg in die höchste Spielklasse zurückfand, bevor er – schließlich waren fünf Jahre vergangen und man befindet sich in Tirol – 2007 wieder in FC Wacker Innsbruck umbenannt wurde. Eine solche Geschichte stellt im heimischen Fußball keinen Sonderfall dar, eine Aufgliederung der nicht nur für Außenstehende verwirrenden „Geschichte“ des SK Austria Kärnten, eigentlich eine Neugründung aus dem Jahr 2007, wäre noch mühseliger nachzuerzählen.

Die offizielle Geschichtsschreibung des österreichischen Fußballs und die Selbstdarstellung der Klubs bleibt von solchen Brüchen der „Vereinsgeschichte“ weitgehend unberührt. Diesbezüglich besonders skurril ist der 2005 gegründete Verein Red Bull Salzburg. Der übernahm die Spiellizenz vom Traditionsverein Austria Salzburg, der sich im selben Jahr auflöste. Auf der Website von Red Bull findet sich der Menüpunkt „Roots“. Dort erfährt man, dass der Verein 1933 entstanden ist, eigentlich das Geburtsdatum der nun nicht mehr existenten Austria Salzburg. Die Ereignisse um die Übernahme der Austria und die Neugründung werden mit einem Hinweis auf die „schlechten Ergebnisse“ des Traditionsklubs und davon „genervten Fans“ und einer „großen Euphorie“ durch die „Übernahme“ des Vereins erklärt. Die Auflösung des Traditionsvereins wird mit keinem Wort erwähnt. Ein wenig präziser und korrekter ist die Selbstdarstellung auf der Homepage von Austria Kärnten (*2007). Unter dem die Geschichte bemühenden Titel „Ein Mythos erwacht“ wird da das Gründungsjahr 1927 beziehungsweise 1920 erwähnt. Tatsächlich entstand damals Austria Klagenfurt, ein Verein, der im Lauf seiner Geschichte einigen Umbennungen, Umstrukturierungen und Fusionen unterzogen worden ist. Dafür verheimlicht die Neugründung Austria Kärnten nicht, dass man aus dem oberösterreichischen Vorstadtklub Pasching „hervorgegangen ist“ (das heißt, man hat diesem Verein die Lizenz zum Spielen abgekauft). Kurios und für den österreichischen Klubfußball symptomatisch ist, dass der in der zweithöchsten Liga agierende FC Kärnten ebenfalls die Tradition der Austria Klagenfurt ab dem Jahr 1920 für sich reklamiert.

Die Bundesliga macht bei diesem Konstruieren von Vereinstraditionen munter mit. Die offizielle Ehrentafel der Liga führte vor einigen Monaten die Meistertitel von Austria Salzburg (3) und Red Bull Salzburg (1) noch gesondert an, mittlerweile wurde das zugunsten von Red Bull, denen nun vier Titel zugeschrieben werden, geändert. Das Gleiche passierte auch bei Tirol, die Austria Klagenfurt war dagegen vom Titelgewinn immer weit genug entfernt, dass man da von vornherein nicht in Verlegenheit gekommen ist.


Käuflichkeit der Vereine
Der Grund für diese Umbennungen und Fusionen ist die Käuflichkeit der Vereine, die von oft gleichermaßen unfähigen wie geltungssüchtigen Funktionären in Konkurse getrieben werden, beziehungsweise von Wirtschaftstreibenden aufgekauft, um unausgesprochen als persönliches Spielzeug zu dienen. Dieser Zustand des Fußballs wird von den Fans natürlich am allermeisten als krisenhaft empfunden. Begriffe wie Ausverkauf und Kommerzialisierung des Sports gehören zum fixen Repertoire der um ihre Identität besorgten Anhänger. Augenfälligster Umstand ist der in Österreich übliche Brauch, Sponsoren und Besitzern Namensänderungen der Vereine zu gestatten. Derzeit laufen in der zweit­höchsten Spielklasse Mannschaften mit klingenden Namen wie SCS bet-at-home.com und Trenkwalder SKS auf. Dass Fans von Retortenklubs sprechen, illustriert den Graben, der zwischen natürlich gewachsenen Traditionsvereinen und künstlich geschaffenen Geldklubs wahrgenommen wird. „Wir sorgen für die Tradition, ihr für Spott und Hohn“, stand auf Transparenten der „Sturm Graz“-Fans beim Auswärtsspiel gegen Austria Kärnten zu lesen.


Widerstandsgruppen
Die Widerständigkeit der Fangruppen erklärt sich aus deren gewachsener lokalen Identität, die auch auf die Akteure am Rasen übertragen wird. Eigenbauspieler aus der vereinseigenen Jugend sind Legionären jedenfalls vorzuziehen. Der fröhliche Einklang zwischen Kapitalismuskritik und Ressentiments aller Art tönt da auch in den Fußball hinein. Bis auf wenige Ausnahmen arrangiert sich aber sogar der engagierte, denkende Fan mit den Gegebenheiten. Dass eine Gruppe von Fans der nicht mehr existenten Austria Salzburg dem neuen Red Bull den Rücken kehrte, um einen eigenen Verein zu gründen, der wiederum die Tradition des aufgelösten Traditionsklubs beansprucht, ist eher die Ausnahme.

Die Fans werden in Österreich jedoch oft direkt darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Identitätsfeld längst zum Operationsgebiet für milliardenschwere Investoren und vermögende, regionale Zampanos geworden ist, die Traditionen jedoch hinter zurechtgebastelten Traditionslinien aufrecht erhalten werden. Warum? Um den Schein in einem wechselseitigen Verhältnis zu wahren? Damit sich Unternehmen die Creditibility, die Emotionalität und die Geschichte des Fußballs auf die Fahnen heften können? Damit die Fans sich weiter auf ihre Tradition berufen können? Die Tradition der Vereine wird nicht nur gekauft, sondern den Fans auch noch gewinnbringend weiterverkauft. Es ist der derzeit wohl einzige Verdienst des österreichischen Fußballs, solche Konstruktionen wechselseitigen Einverständnisses auf drastische Weise kenntlich zu machen. Sollen die in Chelsea doch glauben, dass sie nicht einem Ölmilliardär aus dem Osten gehören. Der GAK-Fan weiß besser um die Verlogenheit des Geschäfts, die Implementierung letzt­instanzlicher wirtschaftlicher Interessen ins Fußballgeschehen und die finale Vernichtung von Tradition durch Vereinsführungen. Der Splitter im Auge ist das beste Vergrößerungsglas wie Prof. Adorno anmerkte.


Neue Kolonialherren
Die Bewegung, die dahinter steht, ist freilich eine weltweite: Unternehmen, Vereinsfunktionäre, Verbände und Sport- und Sozialpolitik übernehmen die Rolle neuer Kolonialherren, die primitive Stämme (in diesem Fall die Vereine und ihre Fans) „zivilisieren“, das heißt wirtschaftlich nutzbar machen und dadurch unterwerfen. Der Herrschaftsdiskurs mit dem über „Wilde“ gesprochen wurde, und jener, der heute über „Hooligans“ urteilt, dürften einander nicht nur ähneln, sondern ident sein. Tatsächlich wurde im Fußball in den letzten drei, vier Jahrzehnten die Entwicklung zur Moderne nachgeholt. Von den unglaublich brutalen und tatsächlich unerträglichen Stammeskriegen der 1970er- und 1980er-Jahre ist man über den modernen Überwachungsstaat (mit totaler polizeilicher Erfassung der Fans samt Forderung nach Präventivhaft) nun in der schönen neuen Welt der Fan-Arenen angelangt. Dass auch hinter der angeblichen Primitivität der Stämme Afrikas, Amerikas und Asiens lokal geprägte, historisch gewachsene, komplexe soziale Systeme, kurz Gegenentwürfe zu europäischen Patterns steck­ten, das wird auch im neuen Kolonialismus den Vereinen/Fans abgesprochen. Dass man sich jedoch die Tradition der Kolonialisierten einverleibt, damit es nicht so auffällt, das dürfte neu sein. Der Ewigkeitsanspruch der Fans wird in ein Für-Immer-Verkauft verwandelt.