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die ewige liebe und das ende der welt

peter campa | die ewige liebe und das ende der welt

Georg verbrachte also seinen letzten Arbeitstag in den Armen von Heike. Seit dem gestrigen Erlebnis schienen sie einander zu brauchen, einander trösten zu müssen. Das war eine Art geheimnisvolles Band. Doch er war gleichzeitig Realist genug, um zu wissen, dass sie in einigen Tagen wieder nach Hause fahren werde und sie einander vielleicht nicht mehr sehen würden. Um so mehr wollte er den Moment genießen. Heike hatte wohl einen Freund in Deutschland, worüber sie Georg nichts mitteilte, und Georg war taktvoll genug, sie nicht danach zu fragen, doch dieser Freund schien in immer weitere Ferne zu rücken. Ja, dachte Georg bei sich: Man muss nicht in die Ferne schweifen, man kann sich auch in einer Jugendherberge am Friedrich-Engels-Platz gut erholen. Abenteuerurlaub brauche ich auch nicht, das Abenteuer liegt vor der Haustür. Er grinste, Heike fragte ihn, warum er grinse, doch er verbiss sich sein Grinsen. Er verkroch sich unter der Decke, so dass sie sein Grinsen nicht sehen konnte. Obwohl sie ihn neuerlich fragte, warum er eigentlich grinse, antwortete er nicht. Ob sie sein Grinsen verstehen würde?

Weniger zum Grinsen war ihm bei dem Gedanken, dass Heike bald Abschied nehmen würde und er nicht wusste, ob diese Beziehung weitergehen würde. Er würde nicht so dumm sein, sich zu erwarten, diese Beziehung wäre  für immer. Viele, die das geglaubt hatten, waren nachher sehr enttäuscht gewesen. Wohl war Georg ein Einzelgänger, er war sentimental, wenn es darum ging, Abschied zu nehmen, doch nach einer gewissen Zeit fasste er sich wieder, und er baute die Personen, von denen er Abschied genommen hatte, in seine Geschichte ein. Als er sechzehn war, starb sein Vater. Das war sein erster größerer Abschied. Drei Wochen lang verzichtete er darauf auf das Hören von Popmusik. Er brauchte eine Zeit der Besinnung. Dann drehte er das Radio auf, da hörte er die Sendung Musicbox, die war seit den Siebzigerjahren bis in die frühen Neunzigerjahre in Österreich sehr populär und da spielten sie Velvet Underground. Und dann hörte er wieder Radio. Der Abschied von Gerda war auch nicht leicht zu verkraften. Die war zwar nicht gestorben, doch für ihn war sie gestorben. Nun ja, tröstete er sich selbst, wenn wir auseinandergehen, dann war es jedenfalls ein schönes Abenteuer. Er hatte schon des öfteren von Frauen gehört, sie wollten kein Abenteuer. Georg hatte nicht von vornherein etwas dagegen, das Leben war eben ein Abenteuer. Ein Abenteuer beinhaltete aber immer eine gewisse Gefahr, sonst wäre es ja kein Abenteuer. Aber vielleicht hat ein anständiger Mensch kein Abenteuer zu wollen, mutmaßte Georg. Ob Heike ein Abenteuer wollte oder nicht, würde sich im Laufe der Zeit ja herausstellen. Abschied wäre ja ein Teil des Abenteuers, das Georg ein wenig fürchtete. Doch im Grunde wollte er Urlaub machen. Er war nicht jemand, der das Abenteuer suchte, aber vielleicht gerade, weil er es nicht suchte, kam das Abenteuer zu ihm.


Heike war noch zwei Tage länger geblieben als ihre Gefährten. Am letzten Tag musste sie noch zu einer Zeugenaussage im Bezirkskommissariat Döbling. Man habe bei dem Toten einen Abschiedsbrief gefunden, eröffnete der Beamte. Der Tote hat darin geschildert, dass er die Therapie nicht mehr aushalte. Die Medikamente und diese Form von Psychoanalyse, die eine Tortur sei. Er komme sich jetzt schon vor wie im ewigen Leben.  Leider hatte er den Namen des Arztes nicht erwähnt. Außerdem dürfte der Verstorbene unter starkem Nasenbluten gelitten haben. In seiner Nase wurde eingetrocknetes Blut gefunden. Heike schilderte nun nüchtern, wie sie und Georg die Leiche auf dem Hermannskogel gefunden hätten. Georg liebte sie eine Sekunde für ihre Nüchternheit. Natürlich wusste sie nicht, wie der Arzt hieß. Sie konnte es auch nicht wissen. Doch in Georgs Hirn bohrte sich ein Gedanke. Er war sich nämlich nicht sicher, ob dieser Dr. Mitterlehner, bei dem Paul in Therapie war, auch Psychoanalyse machte. Medikamente verschrieb er, ziemlich gefährliche, das wusste er. Georg hatte eigentlich ein gutes Gedächtnis, das aber, wenn er zur Wahrheit verpflichtet war, zu versagen schien. Die Kombination von Medikamenten und Psychoanalyse erschien ihm irgendwie sehr ungewöhnlich. Als Laie vermutete er nämlich, dass die wenigsten Leute nach der Einnahme derartiger Hämmer überhaupt noch einer Psychoanalyse zugänglich wären. Zaghaft äußerte er den Namen der Person, die er verdächtigte.  Als er den Namen Mitterlehner hörte, blitzten die Augen des Polizisten kurz auf. Wissen Sie, wo dieser Doktor Mitterlehner ordiniert?, wollte der Beamte wissen. Doch, der ordiniert in der Dionysius-Andrassy-Straße. Ein Stein fiel von Georg ab. Georg war so glücklich an diesem Tag, sein Geheimnis losgeworden zu sein, dass er den Abschied von Heike irgendwie gelassen hinnahm. Er begleitete sie noch zum Westbahnhof. Obwohl er relativ gefasst war, war er doch den Tränen nahe ,und auch die nüchterne Heike konnte sich einer starken Gesichtsrötung nicht erwehren. Werde ich diese Frau nie mehr wiedersehen ? Gut, Adressen und Telefonnummern waren ausgetauscht. Und Heike würde wohl wieder nach Wien müssen wegen einer Zeugenaussage oder so. Aber was das für ihre Beziehung bedeute? Es gibt Dinge, die sind schön und die müssen wohl ein Ende haben und dann bleiben sie auch schön, dachte Georg. Vielleicht kommt er doch noch nach Bielefeld, überlegte Heike.

Zu Hause angekommen, malte Georg zum erstenmal seit seiner Schulzeit ein Bild. Vom Hermannskogel mit der Habsburgwarte mit ihm und Heike. Die Leiche malte er ganz klein dazu. Ist das nicht ein Wahnsinn, was man Liebe nennt?, fragte er sich. Und rational tröstete er sich: Würde ich sie jeden Tag sehen, würde ich sie vielleicht hassen. So  hat auch der Abschied sein Gutes. Das gemalte Bild wollte er Heike schicken. Zuvor fotografierte er es aber noch mit seiner ostdeutschen Spiegelreflexkamera. Hochbefriedigt legte er sich in sein Bett. Dieser Urlaub hatte sich wirklich gelohnt. In den zehn Tagen am Friedrich-Engels-Platz meinte er die ganze Welt gesehen zu haben. Die Liebe hatte er erlebt und auch den Tod.

***

Georg wartete noch immer auf seine Abfertigung. Doch nun schien es an der Zeit, sich beim Arbeitsamt nach einer neuen Stelle umzusehen. Was sind Sie von Beruf?, fragte der Referent. Schriftsetzer, antwortete Georg kurz und bündig. In Ihrer Sparte finden wir kein Stellenangebot, bedauerte der Referent. Aber bei Cincinnati Milacron suchen sie einen Bohrwerksdreher. Das habe ich nicht gelernt, sagte Georg in protestierendem Tonfall. Das macht nichts – gehen Sie sich einmal vorstellen. Ihr nächster Termin ist in einem Monat. Der Referent drückte ihm wortlos die Karte in die Hand, das war das Zeichen für Georg, das Zimmer zu verlassen. Bohrwerksdreher – was ist denn das überhaupt?, dachte er bei sich. Er rief bei der Firma an. Der Vorstellungstermin sei am 25. Juli um 7 Uhr 45 in der Altmannsdorfer Straße. Sämtliche Dokumente seien mitzunehmen, auch ein handgeschriebener Lebenslauf. Als Georg nach durchzechter Nacht schlaftrunken um 7 Uhr 58 eintraf, sah er eine Schlange vor sich. Nie wieder, dachte er, nie wieder! Das zeitliche Aufstehen hatte er immer schon gehasst. Und noch dazu: Je früher man aufsteht, umso länger muss man warten! Hoffentlich nehmen die mich nicht.

Nach einer halben Stunde war die Reihe noch immer nicht vorgerückt, nicht einmal um einen Mann. Da plötzlich da sah er – drei Leute vor sich, oder waren es vier, wenn man das Kind noch dazu rechnete? – einen Mann mit Holzbein. Er sah ihn genau an: Ist er´s oder ist er´s nicht? Er war es: Paul Blumenthal. Na so ein Zufall, sagte Georg, Hallo Paul, hast du etwa Bohrwerksdreher gelernt? Paul schüttelte den Kopf. Nicht dass ich wüsste. Aber sie haben mich vermittelt. Und jetzt muss ich auch kommen, ich habe mich arbeitslos gemeldet, ich bin zwar behindert, aber nur 50 Prozent, da zahlen sie mir keine Rente. Trotz aller Probleme schien Paul wieder einigermaßen guter Dinge zu sein. Er scherzte sogar. Wie es ihm so gehe, wollte Georg wissen. Du, Georg, ich bin jetzt verheiratet.
Wer ist denn die Unglückliche, scherzte diesmal Georg.
Das ist die Gerda.
Welche Gerda? fragte Georg leicht verstört.
Weißt eh, Georg, die Windisch Gerda, die kennst du doch auch?
Georg wurde plötzlich ernst. Er konnte noch sagen: Und geht's dir gut mit ihr? Mir geht's blendend, nein, uns geht's blendend!
In wenigen Sekunden schien die ganze Vergangenheit an Georg vorbei zu laufen. Und er spürte, dass er einige Zeit brauchen würde, um dies zu verkraften. Paul schilderte ihm noch, das Gerda seit vierzehn Tagen bei ihm wohne, und ob Georg nicht Lust habe, die beiden einmal zu besuchen. Aber Georg konnte nicht mehr zuhören, er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Georg hatte Paul immer für den Schwächeren gehalten, einer, dem man helfen muss, und nun hatte Paul seine Frau.
Nun, Gerda war ja eigentlich nicht mehr Georgs Frau. Er fand es zwar blöd, eifersüchtig zu sein, doch das nützte ihm nichts gegen das eigentliche Gefühl.

Hast du schon etwas von der Polizei gehört, wollte Paul wissen.
Ah, du meinst wegen Dr. Mitterlehner? Nein, tut mir leid, ich warte noch immer, antwortete Georg trocken.
Ich glaube, wir haben jetzt genug Zeugen, ließ Paul wissen.
Wieso? wunderte sich Georg.
Die Gerda hat noch einen Zeugen aufgetrieben, einen gewissen Löwen, der war auch bei Dr. Mitterlehner in Behandlung. Der wäre auch fast gestorben.
Ah ja, sagte Georg etwas unkonzentriert, nicht nur weil er eifersüchtig war, sondern weil es noch dazu gerade erst acht Uhr morgens war. Jetzt war die Reihe wieder um zwei Personen vorgerückt. Paul hatte aber noch immer fünf Personen vor sich.
Georg setzte sich nieder, obwohl dort kein Sessel war. Er wollte schlafen, wirklich schlafen konnte er aber nicht, aber er schloss die Augen und es übermannte ihn einmal der Sekundenschlaf. Er erwachte aus diesem, ließ die Augen aber weiter geschlossen, da er ahnte, es könne noch nicht viel Zeit vergangen sein. Gedichte fielen ihm ein und auch Melodien, die er aufgeschrieben hätte, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Er hatte weder einen Kugelschreiber bei sich, noch konnte er Noten schreiben. Irgendwann einmal – er war inzwischen schon wieder aufgestanden und hatte sich noch einmal hingesetzt, diesmal aber ohne Sekundenschlaf - kam ihm Paul entgegen.
Ja, sagte er zu Georg, sie müssen es sich noch sehr gut überlegen, sagte er. Aber die würden mich anlernen. Na gut, Paul, da wünsch ich dir viel Glück, gab Georg langsam von sich.
Wir sehen uns, sagte Paul.
Ja, gut, freut mich! antwortete Georg und verfiel wieder in eine Starre, die kein Schlaf war. Er hörte jedes einzelne unnötige Wort, das da hinter ihm gesprochen wurde. Doch er wollte es nicht hören. Schließlich kam auch er dran.