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die menschen umbas. ein bericht

thomas ernst brunnsteiner | die menschen umbas. ein bericht

Dann Umba. Die Familie, die uns Unterkunft anbot, war ungeeignet. Eine feiste Mutter und ihre sieben Zuchten. Die einzige Quelle von Einkünften der älteste Sohn Vama. Er hatte Arbeit in der örtlichen Berichtigungsanstalt, deren Mauern wie der fäkalische Rest einer vergangenen Zivilisation aus der Gemengelage brustschwacher Lehmhüten staken. Der Vater – padre familias – lange fort, er hatte das Weite gesucht, aber wohl kaum erreicht. Vama der Sohn, nur er bestritt mit seinen Rationen, bestehend aus Mehl und Wasserbier, den Unterhalt von acht Köpfen. Nur Vama wußte übrigens, wo der Vater war und weshalb jener nicht beitrug. Er, Vama, hatte ihn zu supplieren, aber auch zu verstehen begonnen. Sah ihn jeden Tag.
Aber Umba. Die meisten in diesem Ort – und hier überzeichne ich nicht – die meisten lagen auf den Straßen, vor den Türen ihrer Häuser am Rinnstein oder in der Gosse. Sie lagen vor fadenscheinigen Stoffbahnen, die Türen vorstellten an ihren Keuschen und Katen, zumeist waren es doch nur Verschläge und Baracken, wo ihre Erwählten wohnten und der rachitische Brutrest. Die allezusammen Hundertfünfzigtausend. Sie vegetierten nicht mehr. Sie krepierten. Ihre Gastfreundschaft – eine Irritation war ihre Gastfreundschaft, da die Gastfreundlichsten ja grosso modo schon am Trottoir lagen. Vama desgleichen, wenn er denn zu Hause war, zog er die nasse Kälte draußen vor der Tür dem verwanzten Moder inwendig vor, welcher unfehlbar sogar die Müden richtet. Und wie sie unter barem Firmament lagen! Zumeist wiesen ihre luftholenden Kadaver mit arretierten Unterarmen himmelwärts, aber ein abgespreizter Finger oder Daumen bedeutete den Einlaß, den Eingang in die respektive Heimstatt – Sauställe waren die Häuser, vollgekackte Sauställe –, aber das Weisen war nicht verläßlich: Zumal erfroren waren viele von ihnen, steif geworden im Versuch, einen letzten Gast zu locken und sei er nicht zahlend. Eine Unterkunft zu finden tat jetzt Not.

Die Gegenwart lag also klar da. Ungleich schwieriger war es für mich, den Sachverständigen, dem Urgrund dieses Elends in der Vergangenheit näherzukommen. Meine Entourage fror und mokierte, meine Entourage also der Schreiber aus Münster vom Kolleg, dann die uns aus ihren Brüsten fütternde Milchmagd und der Pferdemann (der, mal Pferd, das Gespann zog, auf dem wir einherfuhren, und, mal Mann, es lenkte), und sie waren alle im Recht zu sagen „untragbar”. Aber ich hatte meine Untersuchungen abzuschließen, wenngleich sie erschwert waren in Umba. Denn niemand sprach Beschuldigungen aus, noch zeigten die diversen Finger anderwärts als gen der eigenen Haustür. Wir hatten schon exakt sieben Tage in dieser Siedlung – in Umba, also – zugebracht, jede der sechs Nächte in einem anderen Haus unter verschiedenem Dach bei wechselnden Wirten, und ich hatte viel mit der Milchmagd geschlafen, was kein gutes Zeichen ist, weil schön ist sie nicht. Und wir hatten viel gehört. Und doch verwirrten mich alle die persönlich gegebenen Auskünfte noch wesentlich mehr als die vorderhand eingeholten.
Es gab keinen Schuldigen.

Dieses Volk von Umba, ansonsten uns zum Verwechseln ähnlich in Physiognomie, Hautfarbe und Sprache und womöglich – welche zu weisen es doch der längst zu Brennholz gemachten Requisiten bedurft hätte – Tischmanieren, es hatte doch eine für unsereins beschwerliche Eigenart. Es war oder schien nämlich durch eine Fügung zu dieser Probe bestimmt worden, zu einer Probe, deren Ende nicht abzusehen war. Und es ertrug diese Bürde höchst zivilisiert, man konnte sagen, daß je weiter sich der aktuelle Zustand dieses Volkes vom Menschsein verabschiedete und unterschied, desto menschlicher wurde es. Ich suchte lange nach einer Allegorie, und nur meine Jagderfahrung und mein mittlerweile fast permanentes Beiwohnen in die Milchmagd gab mir kurze Freiheit zu diesem Gedanken. In die Mitte der Sache.

Die Menschen Umbas waren geraten in dieses modernde und verzehrende Elend wie: Die Elchkuh, die – und ohne die Einwirkung irgendwelcher Häscher, wohlgemerkt – den Pfad über das Moor gewählt hatte und nun dort eigentümlich und still, fast mit Andacht, versank. Wir? Wie das Kalb, das dabeistehend aufgelöst brüllt und rülpst. Dabei bezeugten wir nur eine Probe, ob die Zeit wohl gereicht hat, dem Kalb die Furcht ums eigene Ich stärker einzupflanzen als die Mutterfurcht, also die Furcht gleichwohl vor der und um die Mutter. Die doch auch nur Furcht ums Ich war, dem Kalb nur so nicht geheuere, weil es ja nicht um die Person der Mutter schrie, sondern um das langsame Abhandenkommen im Morast ihrer wohlspendenden Zitzen. Ich das Kalb, ich das Kalb, ein Gedanke, der mich selbst nicht frei ließ, als ich am achten Tage schon völlig ungeniert und roh durch die Straßen von Umba ging, ungeniert deshalb, weil ich mein erregiertes Glied kaum mehr verbarg und die vor mir wandelnde Milchmagd nackt ging, und sie sog mich gehorsam, wann immer ich es verlangte, und ich wohnte ihr bei. Aber auf einer dieser wollüstigen Wanderungen durch die verlorene Stadt, es war am achten Tage nach Mittag und zum ersten Male schienen beide Sonnen, da griff mich einer der Ältesten und sprach mich auch als „Reichskommissar für die nordöstliche Rayon” vollkommen standesgemäß an. Er war auf einer Bahre vor dem Stadthaus gelegen, und das Stadtsiegel war auf seiner Stirn geprangt wie ein eingewachsener Adlerschnabel, tiefrot stak es aus dem Vorderhaupt des sonst kreidebleichen Greises. Er hatte tatsächlich nach meinem Ärmel gegriffen, und ich ließ mich ohne Widerspenst hinabziehen, weil ich spürte, wie wenig Kraft diesem administrativem Haupt und verlebtem Alten nach dieser Eskapade noch bleiben würde: Sehr wenig, gewiß. Da sprach er.
„Ihr sucht einen Schuldigen, Hochwohlgeboren. Das bloße Elend, der pure Tod am Mangel, und Ihro suchen einen Schuldigen. Und wenn es keinen gibt? Was dann? Was gibt es Schuldloseres als hier zu liegen. Was gibt es Unschuldigeres, als andernorts geboren zu sein. In bessere Betten? Ohne die Seuche?”

Er sank zurück auf seine Liegstatt, feierlich röchelnd, aber sah mich doch bis zum Schluß noch aus durchaus regimetreuen Augen an. Dann verblich auch dieser Mann Umbas. Aber just seine Facón und diese finale Haltung becircten mich, wie sich weisen sollte, auf Dauer. In meinem Bericht an den Fürsten würde stehen, daß die Männer und Frauen Umbas an ihrem Vergehen keinesfalls beteiligt seien, so wenig daran Schuld trügen wie jeder oder eben: niemand sonst. Ich schrieb sogar, daß man von einer Strafexpedition diesmal absehen könne. Und: Ich blieb dann tatsächlich vor Ort. (Und habe eines der Anwesen im Speckgürtel der Stadt gekauft, es war schon so gut wie unbewohnt und dementsprechend preiswert. Die wenigen verbliebenen Siechen hatte man längst nach vor das Entree verfrachtet, als ich ankam. Sie lagen buchstäblich auf der Straße.)

Fin