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ein epos für österreich

Damit Österreich für immer bleibt, braucht es ein literarisches Fundament. Christian Zillner schreibt daran.


Christian Zillner: Spiegelfeld, Band 1 bis 4

Dornröschen Verlag/Peter Schneidewind 2006

Rezensiert von: werner schandor


Gerne stelle ich mir Folgendes vor: Eine Zeit ohne Landschaftszersiedelung und Flussbegradigung, ohne Autos, ohne Straßen, nicht mal Kutschen gibt es; keinen elektrischen Strom, keine Telekommunikation, das Land ist von Wald bedeckt. Da und dort steht eine Siedlung mit Häusern und Höfen aus Holz. Das Land, in dem wir uns befinden, ist wild, schön und – was noch wichtiger ist – fruchtbar zwischen den Donauauen im Norden und den hohen Bergen im Süden… Willkommen im ausgehenden Mittelalter! Willkommen am Schauplatz von Christian Zillners Österreich-Epos Spiegelfeld, Band 4 !
Wir begleiten mit Zillner Johannes, einen frühen Franziskanermönch, der vom Hof des Mongolenkönigs Baatu aus dem Osten kommt. Seine Route führt ihn von Hainburg nach Passau stromaufwärts. Dort, wo Inn und Donau ineinander münden, soll er dem Bischof berichten, ob sich die Tataren zum wahren, zum christlichen Glauben bekannt haben, wie ihnen vom Papst nahegelegt worden war. Begleitet wird der Mönch vom Minnesänger Aldrian Matz, der Verse aus der Carmina Burana auf den Lippen hat, zeitgemäße Minnesanglyrik und stets einen lockeren Spruch.


Wenn schon anachronistisch, …
… dann anständig, mag sich Christian Zillner gedacht haben. Der in Wien lebende Maler, Schriftsteller und „Magazineur” des Falter-Verlags, der für auflagenstarke Firmenmagazine wie .copy als Herausgeber verantwortlich zeichnet, betreibt seit 2005 das ungewöhnlichste literarische Projekt der Alpenrepublik: In seinem auf 11 Bände angelegten Versepos Spiegelfeld zeichnet Zillner die Geschichte eines österreichischen Adelsgeschlechts quer durch die Jahrhunderte nach. Vier Bände sind bisher erschienen.


Erfinder der Stempelmarke
Die Spiegelfelds waren die vorletzte Familie, die 1917 in der k.u.k-Monarchie in den Stand des Hochadels erhoben worden war. Ihr größtes historisches Verdienst bestand in der Einführung der Stempelmarke, was sie in der Tat als Ur-Österreicher ausweist. Jeder der geplanten 11 Bände von Zillners Epos erzählt für sich abgeschlossen eine Episode aus der Familiengeschichte der Spiegelfelds bzw. der Familie Matz, wie sie vor dem Adelsschlag hießen, quer durch die Jahrhunderte von 907 bis 2002.


Damals, anno 907
Das Spiegelfeld-Epos beginnt im Jahr 907 mit der Beschreibung, wie zwei Ur-Matzen vom Kanaltal über die Alpen zur Klosterinsel Sintleosesau (Reichenau) am Bodensee reisen, wo sie zu Ministerialen ausgebildet werden sollen. Band 2, Neun Stunden am 24. April 1048, berichtet vom Besuch des Kaisers Heinrich III. auf eben dieser Insel. In Band 3 verdichtet sich die Zeit nochmals, Neun Minuten am 12. August 1099 werden geschildert - die letzten Augenblicke eines Matz'schen Kreuzfahrers namens Mezza in der Schlacht um Askalon (heute Aschkelon), in der die Ritter des 1. Kreuzzuges eine ägyptische Übermacht besiegten.


Nibelungen retour
In Band 4 bricht Zillner das chronologische Schema auf: Neun Stationen im September 1247 zeichnet den Weg des päpstlichen Gesandten Johannes nach, der vom Hof der Tataren nach Passau zurückkehrt und damit den Weg der Nibelungen nimmt, nur retour.
Wie die Barden und Sänger des Mittelalters bedient sich auch Christian Zillner in seinem Spiegelfeld-Epos aus Versatzstücken aus Geschichte und Geschichten, um sein Epos zu erzählen. Postmoderne meets Hartmann von Aue: Die anachronistische Form des Heldenepos wird mit freien Versen erzählt, alte deutsche Texte stehen neben Bibelzitaten, Latein neben Mittelhochdeutsch neben Neuhochdeutsch, historische Quellen und eigene Spekulation vermengen sich ebenso wie politische Fakten und fiktive Ereignisse. Und als Leser ist man mittendrin – vorausgesetzt, man mag sich auf dieses Stimmengewirr einlassen. Ein Versepos mit seinen Aufzählungen, Redundanzen und festen Formeln ist nicht jedermanns Sache.


Ein moderner Mythos
„Der Mythos erscheint als noch rudimentäre Logik, nahe am sinnlichen Material und aufgrund ihres Abstraktionsmangels nicht zu übergreifenden Systematisierungsleistungen befähigt. Sein Weltbild bleibt ohne stringente Scheidung der verschiedenen Realitätsbereiche und Geltungstypen. Natürliche, göttliche, soziale und psychische Phänomene werden in ungetrennter Überlagerung und Durchdringung in direkter Identität wahrgenommen”, schreibt Emil Angehrn in Die Überwindung des Chaos. Für Christian Zillner entspricht dieses unsortierte Nebeneinander von Phänomenen, Gedanken und Wünschen der Wahrnehmungsweise des kleinen Mannes. „Was ich erzählen will, ist dieses Gestammel der Menschen, die verschiedenen Stimmen und Wahrnehmungsformen. Das ist für mich eine Strategie gegen die historische Wahrheit”, sagt der Autor. „Ich bemühe mich natürlich, jeden Satz und jedes Wort aus einem faktischen Zusammenhang zu schöpfen, was mitunter zu seltsamen Situationen im Text führt. Aber die eigentliche Motivation für mich ist es, eine Geschichte vom Rand der Geschichte zu erzählen. Obwohl mir klar ist, dass die wenigsten Leute Verständnis dafür haben werden, ist es trotzdem ein Sich-Wehren gegen den großen Gestus der Geschichtswissenschaft und des Romans. D.h. ich möchte eine ganz andere Stimme zum Klingen bringen.”


Geschichtstheorie
Hinter dem Spiegelfeld-Projekt steht nicht nur eine bemerkenswerte literarische Ambition, sondern auch eine eigenwillige Interpretation der österreichischen Geschichte, wonach Österreich mit dem Tod des letzten Babenbergers im 13. Jahrhundert als Land verschwand und erst 1955 mit dem Staatsvertrag wieder in die Geschichte eintrat. Die Habsburger sieht Zillner somit als 700 Jahre währende Zwischenlösung, die Österreich zu einem Teil in einem Konglomerat an Ländereien werden ließ, ohne Bewusstsein seiner selbst. „Erst seit der Zweiten Republik gibt es so etwas wie ein österreichisches Nationalbewusstsein”, sagt der Autor. „Ich hatte das Gefühl, wenn es ein Nationalbewusstsein gibt, dann muss es ein Nationalepos auch geben – das gehört einfach dazu!”