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ein stiermensch in der referenzhölle

Ein Kreuzworträtselroman zitiert die Literatur zu Tode


Thomas Ballhausen: Die Unversöhnten

Skarabaeus 2007

Rezensiert von: martin fritz


Ein monströser Minotaurus irrt fragmentarisch-manieristisch in vier Kapiteln und 189 durchnummerierten Absätzen durchs Labyrinth einer apokalyptischen, urban-dystopischen Comicszenerie. Er geht viel in die Leihbibliothek, mordet ein bisschen oder hat Geschlechtsverkehr und verliebt sich. Das Ganze noch mit Paratexten zugeklatscht, dass Genette mit den Ohren geschnackelt hätte, ein Bezügchen hier, ein Verweischen dort, Hoch- meets Populärkultur – fertig ist das postmoderne Vorzeige-Kunststückerl: Hätte sich Thomas Ballhausen nur diesen Entwurf in sein Notebook getippt, es wäre der schlechteste wohl nicht gewesen, aber leider ist ein Roman daraus geworden (inklusive Gebrauchsanweisung: „Ich muss mich von der Möglichkeit eines vollständigen, hermetischen Bildes verabschieden. Stattdessen sollte ich versuchen, den stattfindenden Untergang in der Zersplitterung, in Fragmenten einzufangen. Was davon ich mir nur einbilde, darüber bin ich mir jetzt noch vollkommen klar, wird immer schwieriger von dem abzulösen sein, was angeblich tatsächlich passiert. Wie also wird sich mein ganz persönlicher Untergang in die allgemeine Apokalypse fügen?”).

Eben weil wir geneigt sind, dem (im Übrigen schon mit – ausgerechnet – Jelinek verglichenen) Tausendsassa Ballhausen (skug, die Flut, Filmarchiv etc.) wie seiner Idee nichts als Sympathie zukommen zu lassen, schmerzt die Langeweile, die Die Unversöhnten verströmt. Die Mythosverwurstelung von Ballhausen ist Kreuzworträtselliteratur für GermanistikprofessorInnen der interessantistischeren Machart. Die zahllosen Motti (u.a. von Derrida, Aragon, Warhol, P.J. Harvey, Corgan und den Smiths) und noch zahlloseren Zitate ergeben in Summe eben nicht viel mehr, als Zeugnis großer Belesenheit bzw. mittelintensiven Popmusikhörens. Zwar muss niemand alle Anspielungen enträtseln, wollen wollten wir das aber auch nicht. Bei allem Wohlwollen für eine sekundär-künstliche Literatur, die eben durch ihre Verweise mehr als die Summe ebendieser ist (der wir unter anderem ja auch die ergreifendsten Leseerlebnisse der letzten drei bis vier Jahrzehnte verdanken), berührt uns Die Unversöhnten nicht. Erstens nicht auf der Ebene der „Handlung” (muss auch nicht) und zweitens nicht auf der Ebene der durch die Vielzitiererei aufgemachten Textwelt (wäre doch was).

Tatsächlich ist mit dem Aufzählen aller Bezüge schon fast alles gesagt: Wozu es den Text überhaupt braucht, wird bis zum Ende nicht klar. LeserInnen, die sich erwarten, irgendetwas über Menschen oder deren Tun und Lassen zu erfahren, und sogar gewillt wären, das über den Umweg einer hochkonstruierten Kunstkunst zu versuchen, sehen die Möglichkeit dafür nur kurz aufblitzen. Und das bezeichnenderweise zum Beispiel gerade in einer Szene, in der der Stiermensch in der Bücherei ein Buch klaut – sozusagen Referenzhölle gegen den Strich. Mit den restlichen circa 170 faden l’art pour l’art-Absätzen versöhnt das jedoch nicht.