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ewige liebe in der heutigen zeit

georg gartlgruber | ewige liebe in der heutigen zeit

Eine Auftragsarbeit

1. For ever ever. For ever ever? – Outkast
Natürlich gibt es die ewige Liebe; es gibt ja auch das Gute im Menschen. Was es nicht gibt, ist Perfektion. Die mediatisierte Umwelt erzeugt die Illusion, dass es möglich wäre, den Lebenslauf zu kontrollieren. Deshalb verzweifeln tausende Frauen auf der Suche nach der Perfektion in ihrer Beziehung. Sie reden ein Scheitern herbei, wo bloße Details nicht dem Ideal entsprechen. Schuld daran ist natürlich das Fernsehen. Genau genommen Ally McBeal, jene Figur, die psychische Defekte zum nicht nur weiblichen Rollenvorbild erhob, dafür das Verzweifeln wenigstens gut gestylt stattfinden lässt. Mediasationen wie diese sind eher die Rache eines mysoginistischen Hollywood-Produzenten, denn das Identifikationspotenzial als das sie vermarktet werden. An einer hochkarätigen US-TV-Serie arbeiten etwa 250 Personen, an einer durchschnittlichen Beziehung nur zwei. Vielleicht sind das immer noch zu viele. Überhaupt scheint die Idee, an einer Beziehung arbeiten zu müssen, der ewigen Liebe abträglich zu sein. Tausende Männer stumpfen zwischen einem neuerdings gut gefüllten Kosmetikschrank und Männerzeitschriften mit halbnackten Kerlen auf dem Cover und Psychotests im Inneren zum Metrosexuellen ab. Sie versuchen das immer komplexer werdende Rätsel der Partnerschafts-Anforderungen durch eigene, neue Psychosen weiter zu verdichten, was auf Dauer auch keine Lösung ist. Verzweiflung auf beiden Seiten des Geschlechtergrabens der werberelevanten Bevölkerungsgruppe in der (ver)westlich(t)en Welt. Und trotzdem oder gerade deswegen behält die fixe Idee der ewigen Liebe ihre Berechtigung und reziprok auch ihren Auftrag.

 

2. An eternal flame – The Bangles
In unserem sogenannten postmodernen Zeitalter ist das Gute unerreichbar, das Böse nur noch die sich bietende Gelegenheit, umfasst der Begriff Arbeit jegliche auch nur gedankliche Bewegung und die ewige Liebe ist etwas, das man sich antrainieren kann oder soll wie einen Waschbrettbauch. Aber das ist falsch, und der Mond, ewiger Schutzpatron der Liebenden, schüttelt zu dieser Vorstellung nur bedächtig seinen Kopf. Währenddessen weinen die Engelchen. Die ewige Liebe lässt sich nicht vorherbestimmen, nicht abmessen, nicht induzieren. Sie ist. Das ist mehr als das schon vom großen Liebes-Apologeten Thomas von Aquin geächtete „onthologische Argument“, nach dem es alles gibt, was sich denken lässt, und es folgerichtig über ein paar Querschüsse des Unendlichen und des Allmächtigen auch Gott gibt. Es ist viel mehr als ein bloßes Postulat, nämlich vielmehr ein reines Postulat im besten Sinn. Gerade aber an solchen postulierten Absolutismen hat der aktuelle, trotz allem positivistische Relativismus sein gefundenes Fressen, und er hat natürlich auch Recht, was aber natürlich nichts an der grundlegenden Wahrheit des Postulats der Existenz der ewigen Liebe ändert. Klingt paradox und kompliziert – ist es auch, und kann nur so sein, weil es in der Natur der Sache liegt, nicht bloß weil es so geschrieben steht. Aber im Ernst, wer weiß schon, ob Adam und Eva glück­lich waren? Die Zweckgemeinschaft hat sich über Jahrtausende zu einem funktionierenden, gesellschaftlichen Kernmodell entwickelt. Man muss gar nicht mal ein besonderer Romantiker sein, um die Diskussion der Evolutionsbiologen über die ontogenetische Funktion der Liebe im Grunde nur grauslich zu finden, trotzdem kann man den Pragmatismus der statistischen Regel der großen Zahl nicht negieren, was sowohl Ansporn als auch Mahnung zur Vorsicht bei der Suche nach der Einen oder dem Einzigen betrifft. Die Chancen stehen besser als bei den Euromillionen, also niemals aufgeben und weiterschwanken. So lange nichts entschieden ist, so lange ist nichts verloren und nichts gewonnen.

 

3. Get ready for love – Nick Cave
Liebesgeschichten und Mordfälle sind die Kerngeschichten unserer Gesellschaft, von der antiken Mythologie, wie sie Michael Köhlmeier so publikumswirksam präsentiert hat, bis zum Hauptabendprogramm, wo Rosamunde Pilcher und Ingrid Thurnher das gleiche tun. Neun von zehn Liebesliedern drehen sich um die verlorene, die nicht funktionierende, die keineswegs ewige Liebe. Aber hätte diese Masse an negativierenden Erzählungen ihre Anziehungskraft, wenn sie nicht quasi automatisch von den Rezipierenden argumentativ verkehrt würden und als Exempel für die doch existierende ewige Liebe ihren honigsüßen Schmerz verbreiten? Würde die Menschheit seit Jahrtausenden nach der ewigen Liebe suchen, wenn es sie nicht gäbe? Möglicherweise schon, aber die Geschichten und Lieder beweisen, dass es sie gibt. Die persönliche Erfahrung beweist es ebenso. Dass sich die Welt bzw. der Erfahrungshorizont, den wir Welt nennen, jeden Tag aufs neue ein Stück weiterdreht, beweist es. Es existiert in jedem Menschen eine große Leere, die es wie einen Kompass, beständig dorthin zieht, wo die ewige Liebe zu finden sein wird. Ein elender, sich selbst in die Tasche lügender Zyniker, wer hierin nicht mehr als eine zirkuläre Argumentationskette sieht. Er ist derjenige, der wie ein Blinder immer noch auf dem falschen Weg wandelt und eines Tages vom Licht geblendet sein wird. Wenn er Glück hat. Und nein, Hoffnung ist nicht bloß der synthesierende Katalysator zwischen Glaube und Liebe. Und ja, Gott hat einen kranken Sinn für Humor.

 

4. G’fickt für immer – Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune
Lassen wir die theologischen Fragestellungen hinter uns, denn langsam nähern wir uns dem Kern an und dieser kreist natürlich um die Frage: Was heißt schon ewig, und was an der Frage ist bereits bloß Romantik? Mit dem Konzept, dass sich parallele Linien im Unendlichen treffen, konnte ich bereits zu Schulzeiten wenig bis gar nichts anfangen. Ebenso mit Romantik. Dagegen sind mir Menschen, die sich für immer in der Stasis des Bekannten einrichten, zutiefst suspekt. Ebenso wie Romantiker. Also, ewig bedeutet, plakativ formuliert, von zumindest jetzt bis zum bitteren Ende, und Romantik hat nur wenig damit zu tun. Die ewige Liebe verändert sich ebenso mit der Zeit, was ihr, ironischerweise in einer Zeit, in der Philosophien nach den Trendvorgaben von Modezeitschriften gewechselt werden, es erschwert, wahrgenommen und ernst genommen zu werden. Trotzdem ist sie da und bleibt. Und ihr Beweis ist, dass jeder sie schon gespürt hat und diese Ahnung und Erinnerung gegen alle Negierung, gegen allen Zynismus und Kälte, für immer ein Antrieb bleibt, zu suchen, zu finden und zu behalten. Was bleibt, ist Gewißheit, der immerwährende Stich im Herzen, der als einziger echter Beweis für die Existenz der ewigen Liebe Gültigkeit hat, all die genannten Indizien aussticht, und die süße Erinnerung, die ewige Liebe gefunden zu haben, die bittersüße, sie verloren oder nur geahnt zu haben, die bittere, sie von sich gestoßen zu haben.