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forever and ever you stay in my heart

christof huemer | forever and ever you stay in my heart

Erst das Fressen, dann die Moral. Lenz steht vor der Tür. Ich lasse ihn ein, er grüßt mit Mir ist so langweilig. Wie immer unterhalten wir uns kurz, ich rauche, er nimmt sich ungefragt Sachen aus dem Kühlschrank und nach ein wenig Höflichkeit fragt er Darf ich fernsehen, und ich sage Klar.
Diesmal ist es anders. Ich habe mich jetzt entschieden, sagt Lenz. Ich werde Schriftsteller. Ganz ganz sicher.
Lenz ist zwölf, im letzten Zeugnis hatte er acht Vierer, darunter einen in Deutsch. Lenz kann sich nicht alleine beschäftigen, Lenz hasst Arbeit, in vielem ist er wie ein Erwachsener. Lenz hat sich entschieden. Lenz wird Schriftsteller.

Ich konnte mit Kindern oder Jugendlichen noch nie so sprechen, als wären sie keine Erwachsenen, vielleicht auch umgekehrt. Ich sage Du musst Dich doch gar nicht entscheiden. Du bist zwölf. Aber Lenz ist zwölf. Er kann sich nicht vorstellen, dass er alles, was er jetzt gerade für genial befindet oder für scheiße hält, nicht schon in wenigen Monaten anders beurteilen muss. Lenz hat sich entschieden. Er wird ein Schriftsteller, der nicht schreibt, der vier Stockwerke über Mutters Wohnung DVDs schaut, auf denen „Ab 16” steht. Das alles wird, DARF, nie anders werden. Das nennt man Loyalität.
Immer wird er die Ärzte hören und deren andere Fans verleumden; er wird nie darüber hinwegkommen, dass Jasmin mit seinem Bandkollegen knutschte. Hannes wird auch immer drei Jahre älter sein.

Lenz wird ständig aus Filmen zitieren, Das war so cool! sagen, CDs aus meinem Regal nehmen und mit fast echter Empörung rufen Wie tief bist Du gesunken! Ich lese dann Blabla unplugged und erkläre, dass diese CD meiner Freundin gehört. Ich weiß, dass sich das lahm anhört. Schon der Gedanke, dass ich versuche mich vor einem Zwölfjährigen zu rechtfertigen, erscheint mir komisch. Aber dass man denkt, ich höre etwas Unpluggtes, ist mir unangenehm. Lenz hat noch ein ganzes Leben vor sich.

Lenz hat sich entschieden. Während in Burma Mönche erschossen werden, wird er Schriftsteller. Lenz meint, dass es ja gar keinen Sinn habe, die zu erschießen, die würden ja sofort wiedergeboren. Das hat schon was. Ich werde für immer tot sein, oder ewig leben, wobei mir Ersteres deutlich lieber wäre.

Das mag nur am Gewöhnungseffekt liegen, an Konditionierung. Ich habe gelernt, dass ich die Ärzte doch nicht immer hören wollte und rauchen immer geht; dass Jasmin vergessen werden kann, die irgendwann einmal hässlich wird und dick, zumindest findet man das, wenn alles gut geht, denn alles ändert sich, der ph-Wert, die Vorlieben, der Währungskurs; das findet man richtig. Man soll. Es gibt einen Grund, warum ich nicht 30 Jahre im Schneidersitz kauern möchte; außer Zähneputzen soll es nämlich gar nichts geben, das ich jeden Tag tun muss; weil ich eben nur ein Leben habe und im selben Leben viele: Ärzte, Freundinnen, Zigaretten, Kühlschränke, Wohnsitze, Berufe. Zu allen war ich loyal. Loyaler als sie zu mir. Elvis lebt angeblich. Nie sage ich Mir ist so fad, ich lebe in meinen Schuhen, in meinem Bett, an meinem Schreibtisch, alles wiederholt sich, ich treffe Leute im Café, esse kein Fleisch und schreibe. Schreibe Artikel über das Außergewöhnliche. Über Schriftsteller, die schreiben; DVDs, auf denen „Ab 16” steht; Menschen, die andere Menschen essen.
Zuerst oral, dann Moral. Lenz und ich teilen uns eine Banane, und ich erzähle ihm, wie Armin zuerst versuchte, Bernds Penis abzubeißen; als das nicht gelang, nahm er ein Messer, bereitete ihn mit Knoblauch, Salz, Pfeffer zu und servierte ihn auf roten Tellern. Beiden, Armin und Bernd, war er zu zäh. Dann schlachtete Armin Bernd und aß ihn später als Steak. Er hat ihn in sich aufgenommen, sagt Lenz, er ist ein Teil von ihm geworden. Ich nicke. Dies ist die Philosophie der Ernährungsdomina von ATV+. Du bist, was du isst. Du bist, was du tust, du bist, was du lässt. Unpluggte Musik, Lendensteak, schreiben.


In China essen sie Hund, sagt Lenz. Und in Burma werden Mönche wiedergeboren, sage ich und spiele mit folgendem Gedanken: Armin verleibt sich einen Mönch mit Rosmarinkartoffeln ein, der forthin in ihm weiterexistiert. Der Mönch wird wiedergeboren, lebt nun in Armin, in den Erinnerungen seiner Nächsten und auch als anderer. 30 Jahre auf dem Fußboden. 30 Jahre Punk. Nach 15 Jahren auf Bewährung entlassen, mit einverleibtem Mönch, sehr viel Ruhm und nur einer Sozialversicherungsnummer. Noch besser: Wenn der einverleibte Mönch ein leibliches Kind Armins wäre. Oder sein Klon, sagt Lenz, und ich muss kurz überlegen, ob dies überhaupt strafrechtliche Konsequenzen hätte. Andere in einem selbst weiterleben lassen stört die Totenruhe. Die ist auf ewig angelegt.


Oder Armin, der den aus sich geklonten Mönch isst, wird selber von seinem anderen Klon gegessen, sagt Lenz. Ich komme mit dem Zählen nicht mehr nach. Mindestens acht Menschen werden da wiedergeboren, für immer tot sein oder bleibend leben. Lenz konstruiert eine Moebiusschleife aus der Bananenschale, legt sie um Zeige- und Ringfinger und heiratet sich selbst. Das war so cool, sagt er und singt mir einen Refrain vor. Zu spät, zu spät, zu spät, doch dann ist es zu spät. Vergangenheit, Mitvergangenheit, Plusquamperfekt.


Ich schreibe, der Schriftsteller schaut DVD. Ab 16. Man kann Mumien nicht essen, denke ich. Man kann Mumien klonen. Mumien können Mumien essen. Lenin isst Tutanchamun, Lenz knallt mit der Kühlschranktür. Ärzte sind Götter in weiß. Die Freunde von Tupac Shakur rauchten seine Asche, das hat er so verfügt. Moral ist gelebtes Mitleid. Fressen ein primäres Bedürfnis. Rauchen die pure Transzendenz.


Michael J. Fox steigt aus dem Auto, trifft seine Mutter und setzt sich neben Lenz, zu dessen Rechter Armin sitzt. Armin hat eine Bananenschale um Zeige- und Ringfinger gewickelt, führt die Gabel zum Mund, und als er kaut, staubt es. Michael reibt sich den Staub ins Zahnfleisch. Zu spät singt Lenz. Jasmin setzt sich auf Lenz’ Gesicht und wird immer dicker um die Hüften. Armin legt ihr den Arm auf den Schenkel. Langeweile. Elvis stößt Michael vom Sofa. Michael fällt in die Urne von Bruno Pezzey. Armin dreht sich aus beiden eine Zigarette. Michael brennt schlecht, sein Mund staubt und Armin hustet. Lenz geht samt Jasmin zum Kühlschrank und kommt mit einem Reagenzglas wieder. Michael trinkt das Reagenzglas aus und brennt dann besser. Elvis nimmt Armins Gabel. Jasmin hat noch nie einen Penis gehabt, und der Stich geht in Lenz’ Zunge. Michaels Mutter kocht Rosmarinkartoffel. Lenz singt zu spät und blutet. Armin, Elvis, Jasmin und die Urne knabbern aneinander. Mir ist so Lenz, sagt Elvis. Es steht was vor der Tür. Ich öffne nicht. Überall Rauch, Staub, Penisse und Ärzte. Wenn jetzt meine Freundin nach Hause käme, ich wüsste nicht, wie ich das alles der Polizei erkläre.
Wir haben uns dann alle die Zähne geputzt. Oral.