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wolfgang pollanz | forever & ever & ever

10 Songs für die Ewigkeit

Das Schnelllebige, Ephemere ist wohl eines der Wesensmerkmale der Popkultur; nichtsdestotrotz erfreut sich das Ewige in der Lieddichtung der Popmusik größter Beliebtheit. Die mehr oder weniger berühmten hier behandelten Songs tragen zwar das Wörtchen „forever“ in ihrem Titel, einige sind möglicherweise sogar unsterblich, aber im Großen und Ganzen dauert die Ewigkeit in der Popmusik meist nicht länger als drei Minuten …

 

Forever Young – Bob Dylan
Mit Sicherheit nicht Dylans berühmtester Song! Das ist natürlich Like a Rolling Stone, über das Greil Marcus ein ganzes Buch geschrieben hat, und ein empfehlenswertes noch dazu. Aber im Sommer 1973 hat der Sänger schon all die Geschichten, die man kennt, hinter sich, vom Folkstar zum Rock­star, den Motorradunfall, die Basement Tapes von der Farm in Woodstock. Seine letzte Tour liegt sieben Jahre zurück, gemeinsam mit The Hawks, die sich dann schlicht The Band nennen und mit Music from Big Pink eines der größten Alben aller Zeiten aufnehmen. In diesem Sommer lebt Robbie Robertson in Malibu, Dylan ganz in der Nähe, man beschließt gemeinsam aufzunehmen, eine Tour soll folgen. Den herausragendsten Song von Planet Waves hat His Bobness eigentlich für seinen jüngsten Sohn Jakob geschrieben, wie er in Chronicles berichtet. Insgesamt braucht es vier Sessions für die Aufnahme, auf der LP Planet Waves erscheinen gleich zwei Versionen. Dass dieses großartige Lied heute als Hymne auf den Jugendwahn gelesen wird und dass, als kleine unbedeutende Fußnote, Heller und Ambros es zum Austropop-Lied machen durften, ist wohl dessen Tragik. Da ist einem die Coverversion von Johnny Cash doch um einiges lieber.

 

Strawberry Fields Forever – The Beatles
Eigentlich hätte diese Blaupause eines psychedelischen Songs von John Lennon ja auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band erscheinen sollen. (Auch über diese LP gibt es Bücher, u. a. in der Reihe Meisterwerke kurz und bündig und, eine unbedingte Empfehlung, Walter Grasskamps Das Cover von Sgt. Pepper – Eine Momentaufnahme der Popkultur.) Stattdessen kam Strawberry Fields Forever als 14. Single der Band heraus, und zwar am 17. Februar 1967. Rückseite gab es keine, aber eine zweite A-Seite, nämlich Penny Lane. Die Verkaufszahlen wurden durch zwei geteilt, was zur Folge hatte, dass erstmals seit Love Me Do in Großbritannien kein Nr. 1-Hit für die Beatles anfiel. Die endgültige Fassung des Songs wurde aus zwei Takes zusammengeschnitten, Paul spielt Mellotron, Ringos Cymbals laufen rückwärts und am Ende hört man John leise „Cranberry Sauce“ sagen, was von Fans als „I buried Paul“ interpretiert wurde und Gerüchte um dessen angeblichen Tod nährte, allerdings auch die Frage aufwirft, was man zu sich genommen haben muss, um solche Botschaften zu hören. Sicherlich keine Cranberries. Dass beide Songs für die LP vorgesehen waren und dann doch nicht auf der Tracklist waren, ist schade. Beatles-Produzent George Martin selbst hat dies einmal als seinen größten Fehler bezeichnet.


Forever – The Beach Boys
Der begnadete Brian Wilson hat einmal gesagt, Strawberry Fields Forever sei mit schuld daran gewesen, dass sein Album Smile, das wohl berühmteste nie erschienene Werk der Popgeschichte, ins Wasser gefallen sei. Der Song Forever ist auf einer späteren, relativ unbedeutenden LP der Band, Sunflower, aus dem Jahr 1970 zu hören. Der geniale Kopf der Band, die als einzige den Beatles zu ihrer Zeit das Wasser reichen konnte, war zu dieser Zeit schon längst in seine Psychobadewanne abgetaucht, lieferte auch nur einen Bruchteil des Songmaterials. Forever, einer der unscheinbaren, wenn auch harmonisch raffinierten Songs des Albums, wurde von Dennis Wilson geschrieben, dem mittleren der drei Brüder und Drummer der Band, der 1983, wie es sich für einen Beach Boy gehört, im Pazifik ertrunken ist. „I’m going away, but not forever“, heißt es am Ende des Songs, aber einiges hat uns Dennis Wilson zumindest hinterlassen, auch als Sänger einiger Beach Boys-Songs, darunter allerdings keine der großen Hymnen dieser Band. Am Ende des Albums kann man in Cool, Cool Water sogar einen Teil des Water-Parts aus der Four Elements Suite von Smile hören; vielleicht ist diese LP auch deshalb kommerziell baden gegangen. Und immerhin ist es bei der Aufnahme des Fire-Parts angeblich zu einem mysteriösen Brand im Studio gekommen …


Diamonds Are Forever – Shirley Bassey
Diese Frau ist nicht nur Engländerin, die Königin hat sie sogar zu Silvester 1999 zur „Dame Commander of the Order of the British Empire“ erhoben. Vorstellen kann man sich darunter nicht wirklich etwas, aber es ist eine erstaunliche Karriere für ein englisches Mädchen, dessen Vater nigerianischer und westindischer Abstammung war, das die Schule mit 14 abbrach und mit 16 schwanger war. Sie war schon ein großer Star in England, als sie den Titelsong für Goldfinger aufnahm und 1971 Diamonds Are Forever; dies machte sie endgültig zum Weltstar. 1979 folgte noch Moonraker – niemand sonst hat mehr als einmal das Titellied eines James Bond-Films gesungen, Bassey gleich drei. Die Entstehungsgeschichte des Goldfinger-Songs entbehrt allerdings nicht eines pikanten Details. Produzent Harry Saltzman hasste ihn angeblich, insbesondere seiner sexuellen Anspielungen wegen. Und in der Tat hat John Barry, der Komponist unzähliger Filmmusiken, in einem Interview einmal gestanden, er habe Bassey gesagt, sie solle sich vorstellen, sie singe über einen Penis. Da stellt sich freilich die Frage, ob das die gute alte Queen gewusst hat.


Who Wants to Live Forever – Queen
Geschrieben wurde dieser Song vom Gitarristen der Band, Brian May, und zwar ursprünglich für den Soundtrack des Films Highlander, einem 80er-Jahre-Film mit Christopher Lampert, dessen Name zwar immer englisch ausgesprochen wird, der aber eigentlich Franzose ist. Gecovert wurde der Song nicht nur von Dame Shirley Bassey, sondern auch von Luciano Pavarotti, Heidi Klums Lebensmensch Seal oder den Ten Tenors. Diese absteigende Reihenfolge lässt eigentlich Schlimmes erahnen, doch der Song, erschienen auf A Kind of Magic (1986), dem zwölften Studioalbum der Band, gilt bei eingefleischten Fans als eine ihrer bewegendsten Arbeiten, wohl auch angesichts der Tatsache, dass Mercury nur fünf Jahre später an AIDS sterben sollte. Who Wants to Live Forever wurde auch als Single herausgebracht, erreichte aber nur Platz 24 in den UK-Charts, obwohl das National Philharmonic Orchestra im dazugehörigen Video auftrat, gemeinsam mit 40 Chorknaben und 2.000 brennenden Kerzen.

 

Live Forever – Oasis
Freddie Mercury war schon fast drei Jahre tot, als Definitely Maybe erschien, das Debütalbum von Oasis, einer Band, die wohl in ihrer Britishness der Queen um nichts nachsteht. Hatte allerdings Mercury einen kolonialen Hintergrund, so sind Oasis zu 100 Prozent working class. Live Forever war aber keineswegs eine Antwort auf Brian Mays Song, sondern so etwas wie eine englische Antwort auf die pessimistische Grund­haltung des Grunge. Denn obwohl Noel Gallagher Kurt Cobain und Nirvana großartig fand, hasste er Lyrics wie „I hate myself and I want to die“. „Fucking rubbish“, hat er das einmal genannt, „gonna live forever“ – eine Zeile aus dem Song – war seine direkte Antwort darauf. Erschienen als dritte Singleauskoppelung aus dem Album erreichte er immerhin Platz 10 in den UK-Charts. Musikalisch war er, wie alles von dieser Band, ein Surrogat aus Versatzstücken großer britischer Bands der Generation vorher, in diesem Fall ganz konkret von Shine a Light aus dem Rolling Stones-Album Exile on Main Street. Alan McGee, der Boss von Creation, dem Label, das die Band der Gallagher-Brüder schließlich herausbrachte und groß machte, meinte einmal, es sei seine beste Erfahrung mit Oasis gewesen, als er diesen Song zum ersten Mal hörte.

 

10 Seconds of Forever – Hawkwind
Wer kennt schon Hawkwind? In den frühen Siebzigern hatte die Band einmal so etwas wie einen kleinen Hit mit dem Song Silver Machine, und von 1972 bis 1975 spielte Lemmy von der späteren Heavy Metal-Supergroup Motörhead Bass bei den Psychedelic Warriors, wie sich die Gruppe auch gerne nennen ließ. Das Genre, das dabei bedient wurde, nannte sich Space Rock, war allerdings nur konsumierbar, wenn man genügend entsprechende chemische Substanzen zu sich genommen hatte. Die Synthesizer waberten, die Lightshow und das gesamte grafische Outfit der Band wurden von einem Künstler gestaltet, der sich Barney Bubbles nannte. Im Großen und Ganzen waren Hawkwind so etwas wie die Grateful Dead oder Pink Floyd für Arme, eine Tänzerin und der Dichter Robert Calvert waren eine Zeitlang Mitglied. Von letzterem stammt auch das Gedicht 10 Seconds of Forever, über das man am besten den Mantel des Schweigens legt. Rezitiert wurde es während einer Live-Show während der Space Ritual-Tour, erschienen ist es dann auf der gleichnamigen Live-LP; und weil Bands wie diese sieben Leben haben, hat sie bis heute überlebt. Im Juni 2007 hat EMI Space Ritual mit Bonus Tracks und einer DVD herausgebracht. Manche Blasen platzen offensichtlich nie.


Forever My Love – Carly Simon
Der Vater von Carly Simon war Mitbegründer des New Yorker Verlags Simon & Schuster und hatte unter anderem auch österreichische Wurzeln; ist doch einer seiner Vorfahren damit reich geworden, dass er den Auftrag an Land gezogen hat, in der gesamten Donaumonarchie im Auftrag ihrer katholischen Majestät Gipfelkreuze auf die Berge zu stellen; man kann sich vorstellen, dass das bestimmt nicht wenige waren. Mit diesem Background ist es kein Wunder, dass die junge Carly, schon bevor sie einigermaßen berühmt wurde, in einschlägigen Rockkreisen verkehrte. Auf ihrem zweiten Album No Secrets von 1972 findet sich auch ihr bekanntester Song, You’re So Vain, bei dem Mick Jagger den Refrain mitsingt und Beatles-Intimus Klaus Voormann das Bassintro spielt. Wer im Lied gemeint ist, hat Simon nie verraten, allgemein gilt der Schauspieler und Schwerenöter Warren Beatty als der wahrscheinlichste Kandidat. Forever My Love schrieb Simon gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Sänger James Taylor. „Time alone will tell us“, heißt es im Text. Immerhin, die Ehe der beiden damaligen Turteltauben dauerte ganze elf Jahre.

 

Fuck Forever – Babyshambles
Explicit lyrics? Ja, irgendwie doch. Aber es ist halt ein typischer Scheiß-drauf-Song von Pete Doherty und der Beweis dafür, dass die britischen Inseln einen niemals enden wollenden Vorrat an Popmusikern haben. Denn Doherty ist nicht nur wegen seines exzessiven Lebensstils, seiner Drogengeschichten und seines Verhältnisses zu Supermodel Kate Moss ein Star, er hat auch jede Menge gute Songs geschrieben, die meist klingen, als wären sie einfach von einem jungen Burschen aus London, Cardiff, oder eben aus Hexham in Northumberland, hingerotzt worden. Nichts ist elaboriert, nichts ist virtuos, und doch ist es große Popmusik. Das haben Generationen vorher schon die Kinks und die Who so zelebriert, später Oasis, und jetzt eben die Babyshambles. Der Song stammt aus dem Album Down in Albion, im Oktober 2007 hat die Band mit ihrer zweiten CD Shotter’s Nation wieder den Beweis angetreten, dass sie trotz aller Umstände große Musik machen kann. „I can’t tell between dead and glory, New Labour and Tory“ – Dohertys richtige Antwort: Fuck forever.

 

Today, Tomorrow and Forever – Elvis Presley
Neben Shakespeare, meinte Ralph Gleason einmal, hat Dylan am meisten geschaffen. Der eine sei so gut wie der andere, lautet die Ergänzung eines Journalisten der New York Times, beide haben aber auch jede Menge Mist geschrieben. Aber was ist mit einer anderen amerikanischen Ikone des 20. Jahrhunderts? Nein, Elvis hat keine Songs geschrieben, er hat sie nur genial interpretiert und etwas ganz Eigenes daraus gemacht. Aber schauen wir uns die Reihe an: Von Elvis beeinflusst, schreiben zwei Burschen aus Liverpool Songs. Sie werden berühmt damit, kommen mit den Texten Dylans in Berührung, beginnen selbst Lyrics zu verfassen, die weit über das Love Me Do-Schema hinausgehen; Dylan wiederum hört die Musik der Beatles und greift zur E-Gitarre … Die Troika Elvis Dylan Beatles hat also das geschaffen, was man heute unter weißer Popmusik versteht. Ohne sie gäbe es das alles nicht, ihnen gilt unser ewiger Dank. Der Song, um den es hier geht, ist irgendeiner der unbedeutenden, einer der Hundertschaften, die Elvis aufgenommen hat. Und auch wenn man vieles davon heute einfach nicht mehr hören kann: Elvis lives – today, tomorrow and forever!