schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 16 - für immer glaubensfragen
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/16-fur-immer/glaubensfragen

glaubensfragen

brigitte radl | glaubensfragen

Oder der Schlüssel zum Paradies der Unenttäuschbaren

Es gibt ein paar Wörter in dieser unserer wunderbaren Welt, an denen lässt sich nicht einfach vorbeidenken. An solchen, die nie klar und verständlich definiert wurden und deren Bedeutung wir aufgrund fehlender psychischer Gegebenheiten und ihres hohen Komplexitätsgrades nicht begreifen können. Meist sind das Begriffe, mit denen wir trotzdem irgendwie leben, deren fehlende Eindeutigkeit wir bis zu einem gewissen Grad ignorieren oder von welchen wir uns einfach nicht belästigen lassen, wenn sie uns fortwährend auf die Schulter tippen, mit einem Gesicht, in das der Vorwurf „Wann gedenkst du über mich zu philosophieren?“ geschrieben hat.

Doch ein kleines Wortpaar sät Zwietracht in der Welt und spaltet ihre Bewohner in zwei Gattungen, Arten, Gruppen. Das „für immer“ kategorisiert und polarisiert seit jeher und teilt uns ein in „Ewig werde ich dich lieben“-Beständigkeit-Fans und die „Nicht schon wieder der Sch***, alles ist endlich“-Pessimisten.

Niemand wird jedoch schon als „für immer“-Befürworter oder -Opponent geboren. Noch nicht den Kinderkleidergrößen entwachsen, wird die Ewigkeit überhaupt nicht in Frage gestellt. Der Job fürs Leben, der Ehemann fürs Leben oder das Styling fürs Leben scheinen unbestreitbare Komponenten der eigenen, gewiss glücklichen Zukunft zu sein, welche kleine Hände mit Wachsmalkreiden und Buntstiften zu einer nie enden wollenden Erfolgsgeschichte ausgestalten. Mit unerschütterlicher Überzeugung werden dann Haare rosa gefärbt, der erste feste Freund geküsst, Gespräche mit Frisösen geführt, wie sie denn zu ihrem Traumberuf gekommen seien, CD-Sammlungen angelegt, die mit der Bravo Hits 16 beginnen und mit Nevermind von Nirvana enden, und Kindernäschen gepierct. Alles in dem Glauben, diese Vorlieben würden sich niemals niemals niemals ändern.

 

Allzeit-Fanatiker
Doch irgendwo gibt es irgendwann einen Knackpunkt, die ultimative Wegkreuzung in der Entwicklung des Schubladendenkens, die den einen zum Allzeit-Fanatiker und den anderen zum Immer-Hasser macht. Steht der Mensch in seiner ganzen nackten Ahnungslosigkeit erst einmal vor dieser Gabelung, ist es eigentlich schon zu spät. Die kopflosen Erinnerungen und Erfahrungen nämlich haben keine Lust auf eine Pause, nehmen die kleinen Beine unter die Arme und rennen drauflos. Wohin? Tja, immer unterschiedlich, je nach Belieben. So kommt also die grundlegende Trennung der Gesellschaft in zwei oppositionelle Interessensgruppen durch die ungeduldige und ruhelose, individuelle Vergangenheit zustande. Niemand wollte es so, niemand hielt es für eine besonders gute Idee, es ist einfach so. Punktum.

Trotzdem komme ich an dieser Stelle nicht umhin mich zu fragen: Wie kann es dazu kommen, dass manche Menschen der Ewigkeit so hoffnungsfroh ins Auge blicken und andere sie für ein vermeintlich realis­tisches Weltbild (oder ein Abendessen) der Lächerlichkeit preisgeben? Wenn ein Teil der Menschen „für immer“ als ein unumstößliches Zeitabsolutum betrachtet und die andere Hälfte nur griesgrämig dem Zynismus die Vergänglichkeits-Schrotflinte reicht, wohin führt das?

 

Michael Jackson ist nicht schwarz geblieben
Auch mein 13-jähriges Ich glaubte an die Dauerhaftigkeit, die Endlosigkeit gewisser Bestandteile meines damals noch jungen Lebens. Ich glaubte sogar so fest daran, dass ich es tatsächlich für möglich hielt, Ace of Base und P!nk, „Kartoffelpullis“ und toupierten Haaren, Maximilian H. und seinem kleinen Bruder, der so schöne Bilder von mir malte, meiner Begeisterung für die Juristerei (resultierend aus einer VHS-Kassette mit dem Film Eine Frage der Ehre) und Rindsrouladen niemals abschwören zu können. Ich wurde älter, kam in die Oberstufe, begann bei H&M einzukaufen, bog an der „für immer oder doch nicht“-Kreuzung scharf nach links ab und landete damit als Ewigkeitsverächterin im Endlichkeitsland. Zunächst war von der in meinem Geist gärenden Veränderung kaum etwas zu bemerken. Lehrern und Mitschülern fiel allerdings auf, dass ich sarkastischer wurde, als es einer Beamtentochter zustünde, und schließlich kam der Tag, an dem ich mich offiziell zu meiner neuen Ideologie als Vergänglichkeitsjüngerin bekannte:

„Menschen erblinden, Ehen werden geschieden, das Elixier des Lebens konnte nie hergestellt werden und sogar Michael Jackson ist nicht schwarz geblieben, obwohl wirklich mehr dafür als dagegen sprach, dass er, unabhängig von der kosmetischen Veränderung diverser Gesichtspartien, wenigstens seine ursprüngliche Hautfarbe behalten würde. ‚Für immer’ muss also eine Illusion sein.“

Die Worte hatten kaum meinen Mund verlassen, da fragte ich mich auch schon, ob sie wahr waren.

 

Die CD-Parabel
Heute denke ich ein wenig anders über diese Dinge. Ich denke, dass die Überzeugung, die Unendlichkeit gewisser Faktoren sei endlich, der Unendlichkeit nicht den Heiligenschein, sondern der Endlichkeit ihre groteske Grausamkeit nehmen soll.

Versuchen wir es mit einem Beispiel: Ich gehe in einen Plattenladen. Ich sehe die japanische Auflage der B-Seiten von bring em in und daneben die Original-Single von Lets get it on. Ich entscheide mich für bring em in, obwohl ich für die Marvin Gaye-Platte töten würde und Mando Diao gerade gehobenen Durchschnitt finde (auf einer Skala von 1 bis 10 eine glatte 5,5). Ich bin zufrieden mit meiner Entscheidung, auch im Nachhinein.

Warum das so ist? Ich bin weder Masochistin noch geistig verwirrt, denn jeder andere, halbwegs vernünftige Mensch würde genauso handeln. Wenn ich nämlich nach meinem Einkauf am Nachhauseweg von einem finster dreinblickenden Typ in einer finsteren Seitenstraße finster um Feuer gefragt würde und er mich anschließend mit seinen Lederhandschuhen am Hals packte und fragte, was ich da in meiner Tasche habe, würde ich „Gar nichts!“ sagen und er würde mir seinen Butterfly, den er mit betäubender Wahrscheinlichkeit in seiner rechten Hosentasche eingesteckt hätte, an die Kehle halten und ich würde schlucken und die neue Platte im Geist schon der Liste gestohlener Gegenstände auf der Anzeige hinzufügen, die ich bei der Polizei aufgeben würde. Meine kostbare Neuerstehung könnte mir aber auch im Fußballstadion von unfreundlichen, bärtigen Securities abgenommen werden, weil sie angeblich als Wurfgeschoss dienen könnte (im Ernst: wer wirft mit einer Lets get it on-Single?) oder meine Enttäuschung wäre größer als das Loch in meiner Tasche, wenn ich nach Hause käme und bemerkte, dass ich wie Knecht Ruprecht meine Habseligkeiten in der ganzen Stadt verstreut hätte.

Was ich damit sagen will: Würde mir, aus welchen unergründlichen Umständen auch immer, das Mando Diao-Album abhanden kommen, in seine Einzelteile zerfallen oder sich in Luft auflösen, könnte ich sicher irgendwie damit leben. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass ich den Verlust von Lets get it on auf Vinyl verkraften würde, ist so verschwindend gering, dass ich das Risiko, dieses Meisterwerk zu besitzen, um es mir anschließend wieder vom Schicksal entreißen zu lassen, von vornherein lieber nicht eingehe.


Unenttäuschbar
Und genauso ist das mit der Ewigkeit. Wir Pessimisten leugnen die Existenz jeglicher Dauerhaftigkeiten, weil irgendwann ein geliebtes „für immer“ in die Brüche ging, einfach aufgehört hat zu sein und dem bestialisch schwarzen Humor der Flüchtigkeit damit Genüge tut. Um Panikattacken, Nervenzusammenbrüchen und Angstanfällen aufgrund konkreter oder gefürchteter Desillusionierungen zu entgehen, glauben wir an das rasche Verfallsdatum jedweder Regelmäßigkeiten und punkten so in Zeiten, die Zuversicht und Lebensbejahung erfordern, mit emotionaler Kühle und gut gemeinten Ratschlägen für ein Leben ohne Hoffnung. Fehlt das Vertrauen in die Unvergänglichkeit, kann man auch nicht an ihrer Abwesenheit verzagen. Präventive Ewigkeitsverleugnung ist somit der Schlüssel zum Paradies der Unenttäuschbaren.

Die Schwarzmalerei wird unsere beste Freundin und schenkt uns süffisant lächelnd eine aalglatte glänzende Rüstung, unter der wir unbeweglich und starr ausharren und an der weder Wünsche noch Träume haften bleiben. Haben wir einmal den Glauben an das „für immer“ verloren, wird uns die Enttäuschung zum Verhängnis. Wir spüren ihren Atem im Nacken, wissen, dass wir uns nicht umdrehen dürfen, doch sie nimmt uns an der Hand und führt uns wieder hinab in die Unterwelt der Zeitlichkeit.

Vielleicht braucht die Welt beide Seiten, die Endlichkeitsvertreter und die Beständigkeitsanhänger, um im Gleichgewicht zu bleiben. Vielleicht generiert das „für immer“ seine Schönheit daraus, dass nur ein Teil der Menschen es erfahren darf und ihm dadurch die Kommerzialität und unumschränkte Erreichbarkeit genommen werden. Und vielleicht sollten wir Pessimisten das systematische Nähren von Resignation und Zweifeln unterlassen und uns vom Defätismus gegenüber allem Endlichen abwenden. Mut zum Glauben an die Unendlichkeit ist ein Risiko, das nicht jedermann bereit ist einzugehen. Doch es ist schön, wenn wir Menschen glauben. Auch, wenn wir nicht alle diese Fähigkeit besitzen. Auch, wenn wir enttäuscht werden können.