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im himmel ist kein platz für uns zwei

marie kreutzer | im himmel ist kein platz für uns zwei

Gedanken eines Telenovela-Junkies

Zeit ist im fiktionalen filmischen Erzählen beliebig dehnbar. Auf Liebesgeschichten bezogen bedeutet das etwa eine Ausdehnung zur extremen Zeitlupe im Moment des Verliebens, umgekehrt die Verdichtung ganzer Beziehungsphasen zu mit Musik unterlegten Montagen. Der erste Kuss bekommt mehr Raum als der vierzigste Streit, ein Blickwechsel zwischen einander Unbekannten üblicherweise mehr als ein wortlos-harmonischer Austausch von Frühstücksutensilien zwei Jahre später.


Paarbindung im Film
Die Qualität einer Paarbindung ist in Film und Fernsehen wesentlich eindeutiger und schneller als im Leben erkennbar, wobei die mangelhafte Beziehung mit wenig Aufwand dargestellt und als solche begriffen wird, während die filmische Charakterisierung einer wahren und großen Liebe mit Für-Immer-Potenzial oft diffus und behauptet bleibt und ihre Glaubwürdigkeit entscheidend von der verführerischen Gewalt und Kompatibilität der besetzten Schauspieler abhängig ist.

Auch wenn das Ziel jeder Liebesgeschichte die ewige Zweisamkeit ist, interessiert das „Für Immer“ an sich wenig. Ein Happy End ist alles, was wir von ihr wollen. Nicht umsonst lautet der Titel der ersten deutschen Telenovela, die nach über drei Jahren gerade in die dritte Verlängerung geht, Wege zum Glück. Der Weg dorthin ist eben  von größerem Kitzel als das Glück selbst, welches man in der goldsonnigen, pastell gewandeten, weichgezeichneten Welt der Telenovela nur als überspießige häusliche Idylle kennt. Eine andere Perspektive wird nicht geboten. Zuletzt scheiterte die konfliktresistente Vorbildbeziehung des Gärtners und der Chefsekretärin – beide in mittleren Jahren und mit Nachwuchs aus früheren Beziehungen und der lieblichen Wahloma zur halbmodernen Patchworkfamilie im Country-Style-Häuschen aufgeblasen – an der simplen familiären Notwendigkeit eines Wohnortwechsels der Sekretärin. Distanzbeziehungen sind in der Telenovela keine Option, hier endet die Welt nämlich wirklich genau dort, wo der 16:9-Schirm aufhört: an den Grenzen des erfundenen und ewigsonnigen Städtchens Falkental, umgeben von einer höchstens vagen Idee eines Nicht-Telenovela-Deutschlands, eines Telenovela-Jenseits, in dem die aus der Serie geschriebenen Darsteller zu Rosamunde-Pilcher-Castings gehen und sich, wenn nix draus wird, gelegentlich wieder zurück ins Leben schreiben lassen. Telenovela-Menschen gehen, wenn sie die Telenovela verlassen, gerne „nach Afrika“; aber es klingt nicht weniger greifbar, wenn sie „in den bayrischen Wald“ ziehen.

Zurück zum Glück. Nina, Heldin der dritten Staffel ­– innovativ für das klassische Korsett der Telenovela am Ende der zweiten Staffel bereits als Nebendarstellerin eingeflochten, um nach der Hochzeit ihrer Vorgängerin Julia praktischerweise Kulissen und Nebencast zu übernehmen (eine sehr soziale Idee der Produzenten, um einem großen Ensemble die Pilcher-Castings zu ersparen) – , eine alleinerziehende, brünette Fotografin, kämpfte bis vor wenigen Tagen zweihundertfünfzig Folgen lang um den sweet-sleeken PR-Mann Ben. Natürlich kämpfte Ben mindestens ebenso intensiv um Nina, schließlich charakterisiert die Telenovela-Liebe sich durch ihre Größe, Wahrheit und Gegenseitigkeit und ist ab den ersten Momenten des Aufeinandertreffens beschlossene Sache. Es gibt keine eindeutiger auf die Ewigkeit angelegte, keine aufgeblasenere und behauptetere Liebe als die in der Telenovela. Die Prämisse der Telenovela lautet, dass diese eine Liebe vorbestimmt und unsterblich, nichtsdestotrotz oder gerade deswegen aber fast unmöglich im Leben zu verankern ist. Das „Für Immer“ müssen die Protagonisten sich erst einmal verdienen. Dabei verstellen obskure Hürden und Hindernisse ihnen in hoher, dem langatmigen Erzähltempo nicht angepassten Frequenz den Blick auf den Glanz dieser Liebe, lassen sie den Glauben daran verlieren, sich vom Weg zum Glück weit abbringen oder unschuldige Dritte ehelichen, die später zum Beispiel erblinden müssen, um das große Glück weiter zu verunmöglichen, wenn die Protagonisten in einem hellen Moment wieder wissen, dass sie füreinander bestimmt sind (sich aus Anstand aber ihr Glück versagen und sich noch weiter voneinander forttreiben lassen – nicht selten mit der Drohung verbunden, „endgültig wegzugehen“).


Falkental ist klein
Falkental ist klein, man läuft einander jeden Tag in der zentralen Porzellanmanufaktur über den Weg, außerdem ist sich der geschlossen dort beschäftigte Nebencast seiner untergeordneten Wichtigkeit angesichts der Dimension dieser magischen Liebesgeschichte bewusst. Das Labyrinth zum Glück mag cosy und shiny aussehen, aber es bleibt trotzdem voller fieser Gabelungen; und da Liebe blind und blöd macht, erwischen Nina und Ben selten die selben, vor allem aber meistens verheerende Wege.

Dann, endlich, die verdiente Hochzeit: wie eine Cremeschnitte nach einem sowieso schon fettigen Essen, weiß und rosa, glänzend und überzuckert. Ein Seifenblasen- und Blumen-Event, das nicht so ganz zu dem bewusst modern angelegten Telenovela-Paar Nina und Ben passen will, das aber, bei allen Zugeständnissen an das, was die ZDF-Telenovela-Redaktion sich unter „zeitgemäß“ vorstellt, einfach sein muss. Gleichzeitig mit dem Aufatmen über das endlich erreichte Ziel wird im Hintergrund die neue Heldin eingeführt: eine Rückkehr zu den Ursprüngen der Telenovela, ins Lateinamerika der 50er – ein armes, verwaistes, gutherziges Dienstmädchen im Blümchenkleid, ein Zugeständnis an die Tradition, nachdem die oftmals etwas sperrige Nina mit Jeans und einem Exmann in der Psychiatrie vielleicht doch zu gewagt für das Genre dahergekommen ist.

Und nun: Ab auf ein Segelboot mit herzförmigen Luftballons, weg auf irgendeine Insel, auf der Nina und Ben mit Ninas Tochter „ein neues Leben anfangen“ werden, ihr persönliches „Für Immer“, ein mutmaßlich pastelliger Alltag, in dem sie einander täglich „Ich liebe dich“ sagen und wo vor dem Sex abgeblendet wird, anders kennen sie es nicht. Wen soll das interessieren?

Telenovela funktioniert als eine beinahe schmerzhafte Ausdehnung und Ausfüllung der Zeit, die dem „Für Immer“ vorangeht, und fesselt trotz der Eindeutigkeit des auch terminlich von Anfang an definierten Happy Ends weniger durch den Ideenreichtum der Autoren bei der Erzeugung vielfältiger Irrungen und Wirrungen auf dem Weg dorthin als durch die simple und kühne Behauptung einer so großen Liebe; zentral Spannung erzeugend ist der Konflikt zwischen der Größe dieses Gefühls und den äußerlichen Widrigkeiten, das alte und ewige Spiel von Nähe und Distanz, das so viel besser künstlerisch zu verwerten ist als das irgendwie unsexy Beschlossene an dem, was möglicherweise das „Für Immer“ ist.

Auch in der unübersichtlichen Familienstruktur der irgendwie nie enden wollenden Soap Reich und schön taugt das „Für Immer“ so wenig, das Hochzeiten und Scheidungen sich rasant abzuwechseln scheinen, und in der deutlich hipperen Serie Grey’s Anatomy wissen Autoren und Regisseure nicht mehr viel mit der Hauptdarstellerin anzufangen, seit sie ihren Traummann gekriegt hat und ziellos durch das Krankenhaus grantelt. Der Serienerfolg Sex and the City war, trotz der Beschwörung der modernen, eigenständigen Frau, sechs Staffeln lang dem steinigen Weg der Protagonistin Carrie zu Mister Big gewidmet und endete augenblicklich nach ihrer Ankunft.


Traurige Liebeslieder
Darin unterscheidet die TV-Serie sich nicht von vielen höher geschätzten und komplexeren Formen der Dichtung – traurige Liebeslieder sind die besseren; die Panik, im Himmel könne „kein Platz mehr für uns zwei“ sein, ein stärkerer Antrieb für den Protagonisten eines Literaturklassikers ebenso wie für den einer schundigen Serie, als das bloße Erhalten eines „Für Immer“. Es gibt Lieder und Geschichten, die von glücklichen oder mittelmäßig guten Beziehungen handeln, aber eine Unmenge mehr, die sich mit den Unwegsamkeiten der Partnersuche und dem „Weg zum Glück“ auseinandersetzen.


Der größere Kick
Der Reiz des Unfixierten, des Möglichen, aber nicht Sicheren, der Wert der Sehnsucht ist anscheinend ungleich höher als der des Erreichten. So wie ein teurer Gegenstand aus der Ferne heller glänzt und der Augenblick des In-Besitz-Nehmens dem Käufer einen größeren Kick verschafft als die unzähligen Tage des Besitzens, so ist das „Für Immer“ in der Liebe zwar das Ziel des Werbens, möglicherweise und im besten Fall auch die Erfüllung unserer Wünsche; aber von außen wohl zu statisch, um Spannung zu suggerieren, zu sehr Angekommensein, um für die fiktionale Verwertung von ähnlichem Interesse zu sein. In der Dramaturgie spricht man, den erzählerischen Bogen einer Geschichte meinend, von der Reise des Helden; eine Geschichte ist ein Weg; das Glück ist nur das Ziel. Vom Glück kann man nicht erzählen.