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im kokon und danach

Über das Heranreifen vom Kind zur Frau


Selma Mahlknecht: Im Kokon

Edition Raetia 2007

Rezensiert von: urs malte borsdorf


Der Kokon ist in der Erzählung Im Kokon eine Metapher für das Heranreifen. „Es war wie bei einem Schmetterling”, schreibt Selma Mahlknecht einmal. „Zuerst die widerliche Raupe, die nur den ganzen Tag frisst … Dann der Kokon … Und erst am Ende, nach langer geheimer Vorbereitung der Schmetterling …” Diese Metapher betrifft vor allem die namenlose Ich-Erzählerin. Ihre Entwicklung vom Kind zur Frau ist die Handlung des Buches. Dabei meint sie, sie sei eine Frau im Körper eines Kindes, untersucht sich vor dem Spiegel nach ersten Anzeichen des Frau-Seins. Ein Schamhaar, der Ansatz von Brüsten. Doch ist es umgekehrt. Ihr Körper ist früh reif, das Denken aber naiv. Sie kann mit den Gefühlen ihres Körpers, den wachsenden sexuellen Bedürfnissen noch nicht umgehen.

Das Heranreifen vom Kind zur Frau wird durch den Übergang einer märchenhaften Handlung zur Jugendliteratur gezeigt. Die Erzählung beginnt wie ein Märchen. Die Hauptfigur trifft auf Nelly im Wald. Nelly ist eine Aussteigerin. Sie lebt in einem verfallenen Haus und ernährt sich von Beeren und Pilzen. Sie ist schwanger und liest abends dem Kind in ihrem Bauch Märchen vor.
In diese märchenhaften Bilder mischen sich mehr und mehr jugendliterarische Erzählelemente, schlüpft Mahlknecht in den Kokon der Jugendbuchautorin. Die Ich-Erzählerin geht zur Schule, hat eine Familie, die sie nervt. Dieser Übergang ist abrupt und die hinzugekommenen Figuren werden nicht immer sorgfältig in die Handlung integriert. Doch verteidigt Mahlknecht die Jugendliteratur gegen das Vorurteil der Oberflächlichkeit. Denn im Verlauf der Erzählung, in dem sich die Zuneigung der Ich-Erzählerin von Nelly hin zum Mitschüler Holger bewegt, bekommt sie den Kästner-Roman Pünktchen und Anton geschenkt. Diesen Roman verteidigt Holger vor der Lehrerin: „Sie haben das Buch doch nicht mal gelesen, sonst wüssten Sie, dass es Weltliteratur ist.”

Die Metapher vom Kokon wird im gesamten Buch ausgearbeitet. Das märchenhafte Haus im Wald kann als Kokon begriffen werden, da die Ich-Erzählerin es mit Bedeutung auffüllt. Oder Nelly, ist sie ein Kokon und das Kind der Schmetterling in ihrem Bauch? „Obwohl aus ihren beiden ineinander verschränkten Leibern zwei getrennte Körper geworden waren”, heißt es, als Nelly ihren Sohn Kim zur Welt brachte, „hielt sie ihn immer nahe an sich, trug ihn mit einem Tuch eng an sich gewickelt, als wolle sie ihn wieder zurückpressen in ihren Bauch …”
Poetische Stellen wie diese finden sich viele in dem Buch. Doch ist die Erzählweise nicht immer einheitlich. So lässt Mahlknecht die Ich-Erzählerin einmal sagen: „Heute kann ich es formulieren, damals machte es mich einfach nur wütend.” Das Heute taucht nur an der einen Stelle des Buches auf, und es wird nicht klar, in welcher Gegenwart es angesiedelt ist. Die Unstetigkeit der Erzählweise wird auch später deutlich, wo die Ich-Erzählerin davon berichtet, was zu Hause vor sich geht, obwohl sie nicht anwesend ist: „Zu Hause dachte man, dass ich bei Holger sei. Mutter rühmte meinen Fleiß vor Heide.” Trotz dieser Stellen und Dialogen, bei denen man abzählen muss, wer wann was sagt, ist die Sprache präzise, einfach und poetisch.