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im wurststrudel

stefanie lehrner | im wurststrudel

Zwei Enden machen noch keine Unendlichkeit

Heute ist alles wie immer. Wir werden nicht für immer jung sein. Wir werden nicht ewig leben. Ich werde nicht für immer im Bett bleiben. Du wirst nicht immer für mich da sein. Wir werden uns nicht immer lieben. Auch wenn Milch immer teurer wird und Jugendliche immer früher Sex haben und ich nie, also nicht immer und auch nicht immer öfter Clausthaler trinke. Du bist immer nie am Meer, sondern meistens hier und trotzdem muss immer ich den Müll runtertragen. Warum eigentlich immer ich? Nur weil du immer alles besser weißt? Das kann doch nicht für immer so weitergehen. Immer wieder dasselbe wird irgendwann langweilig, meinst du nicht? Aber einmal wird bestimmt alles besser. Das ist doch immer so.


Die bitterste Entdeckung
Dass die Welt nicht der Mittelpunkt des Universums ist, hat mich nur peripher berührt. Dass wir vom Affen abstammen, stört mich momentan auch nicht besonders und das mit dem Unbewussten, das uns bestimmt, hab ich schon irgendwie vermutet. Ich weiß nicht, wie es der Menschheit dabei geht, aber mich haben andere Wahrheiten wesentlich betroffener gemacht als die drei angeblich größten Kränkungen der Menschheit. Die vermutlich bittersten Entdeckungen habe ich in meiner Kindheit gemacht: Als ich erkannte, dass ich nicht fliegen kann. Als mir klar wurde, dass ich älter werde, und drittens die simple und von meiner Oma gern zitierte Schlagerzeile: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

Dass ich nicht fliegen kann, damit habe ich mich mittlerweile abgefunden. Tja, und das Älterwerden passiert jedem, das tröstet insofern ein bisschen. Nur die dritte Wahrheit beschäftigt mich noch immer. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

 

Alles hat ein Ende...
Heißt das nichts ist für immer? Keine ewige Liebe, kein ewiges Leben, kein Endlos-sein-Glas-Auffüllen bei Ikea? Was bleibt? Was bleibt uns dann noch? Was bleibt dann von uns noch? Unsterbliche Persönlichkeiten, Taten oder Kunstwerke – wird irgendwann alles im Strudel der Gezeiten verschwinden? Und welche Rolle spielt die Wurst dabei?

Wir sehnen uns nach Unsterblichkeit, nach Unvergänglichkeit, nach immerwährender Liebe. Sind auf der Suche nach dem perfekten Moment, der niemals enden soll, oder dem Bett, aus dem man niemals mehr aufstehen muss. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Nur keine Veränderung? Dabei kommt oftmals das Ende von etwas einer kleinen Erlösung gleich. Befreiung aus der Monotonie, Ausbruch aus dem „immer wieder“. Und wenn wir ehrlich sind, ist die Ewigkeit doch schon eine verdammt lange Zeit. Und es rollt der Stein. Und er rollt den Stein. Und wir rollen den Stein den Berg hinauf. Immer wieder. Mir Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen, so wie Camus es vorschlägt, fällt manchmal doch schwer.


„Lassen sie sich inspirieren – von Knorr Fixibilität“
Dass alles ein Ende hat, wirkt ein bisschen beruhigend. Denn die Ewigkeit hat so etwas Bedrohliches an sich. „Für immer“ klingt unwiderruflich endgültig und fix. Wobei, eigentlich gilt ja: „Nix is fix“. Außer vielleicht die Basis für Gulaschsaft von Knorr. Wo wir wieder bei der Wurst wären, denn was täten wir denn dann mit der Basis für Gulaschsaft ohne Wurst? Außer vielleicht wir sind Vegetarier – dann hätten wir das überhaupt schon besser verstanden mit dem „für immer“, wegen der Nachhaltigkeit und so. Also lieber nicht-fix und frisch, als fix und fertig. Denn das Leben ist eben kein Fertiggericht. Selbst die Frage, ob wir, wenn wir fertig sind, gerichtet werden, ist noch nicht eindeutig geklärt.

Mit dem „für immer“ ist das so ähnlich wie mit dem „nie“. „Für immer“ und „ewig“ klingen jedenfalls genauso absolut wie „nie“. Nur dass man sagt: „Sag niemals nie!“, aber man sagt niemals: „Sag niemals für immer!“. Außer vielleicht die Albertine zum Fridolin in der Traumnovelle: „Für immer, wollte er hinzufügen, aber noch ehe er die Worte ausgesprochen, legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und wie vor sich hin, flüsterte sie: ‚Niemals in die Zukunft fragen.’“

Ich weiß, dass das eigentlich nicht gilt, weil ja nicht real. Aber mitunter wird die Wirklichkeit sowieso überbewertet – alte Postkartenweisheit. „Für immer“ und „nie“ versagen einem jedenfalls jeglichen Anspruch auf Weiterentwicklung und verdammen einen zu Stagnation, zu „Täglich grüßt das Murmeltier“ und zu vollkommener Vorhersehbarkeit. Und auch manchmal zur Unehrlichkeit. Weil nicht alles für immer hält, auch wenn wir es gerne hätten. (Ja, auch Wurst hat ein Ablaufdatum.)


Vergehen – vergänglich
Sich mit der Vergänglichkeit der Welt und dem Leben im Allgemeinen, mit der Vergänglichkeit von uns selbst und unserem Leben im Speziellen abzufinden, ist nicht immer leicht. Auch nicht wenn man zwei Enden hat wie die Wurst.

In gewisser Weise weist die Wurst einige markante Ähnlichkeiten mit unserem Lebensstil in der heutigen Konsumgesellschaft auf. Selbst die Wurst sträubt sich, zu Ende zu gehen und wehrt sich gegen das Ge- und Vergessen werden. Intern mit Hilfe von, mitunter ungesunden, Mittelchen (Konservierungsstoffen) und extern mit schicken Outfits (Kunstdarm) versucht sie das immer bestimmender werdende Lebensgefühl der Leere mit etwas zu füllen (z.B. Käse). Je früher die Wurst das mit dem Ende akzeptiert, desto besser. Was Hänschen Wurst nicht lernt, lernt Hans Wurst nimmermehr – heißt es ja, oder so ähnlich.


Nur die Wurst?
Hier geht es um die Wurst. Keine Frage. Also zurück zum Wesentlichen. Mit dem Gedanken, dass alles ein Ende hat, kann ich mich langsam anfreunden, aber warum genau hat die Wurst zwei davon? Und kann man dem Wurst-Zeit-Kontinuum irgendwie entfliehen? Oder ist die „Alles-hat-ein-Ende-Theorie“ ein Fixpunkt im Leben? Wenn man nach der Weisheit „Nix is fix“ geht, gibt es gar keine Fixpunkte. Obwohl vielleicht nur einen: die Veränderung. Wobei die ist dann wohl auch eher kein Fix-Punkt, sondern eine Linie. Nein, besser ein Kreis. So rund wie eine Scheibe Wurst: der Kreislauf der Veränderung als einzige Konstante. Moment, irgendwas hat da nicht gestimmt, denn wenn die Wurst eine Scheibe ist, dann bedeutet das ja, dass sie weder einen Anfang, noch ein Ende, noch zwei Enden...

 

Nichts wie immer
Heute ist nichts wie immer. Wir werden für immer jung sein. Wir werden ewig leben. Ich werde für immer im Bett bleiben. Du wirst immer für mich da sein. Wir werden uns immer lieben.