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jede geschichte ein vogel

Vielleicht hat man Glück, und es landet einer kurz auf der eigenen Hand


Kathrin Resetarits: Vögel sind zu Besuch

Czernin 2007

Rezensiert von: kathrin kuna


Es gibt keine Überschriften. Die ersten Worte jeder Erzählung sind fett gedruckt und das war’s. Alles ist hier reduziert. Würde man nach einer neuen Definition von Lakonie suchen, dieser Erzählband von Kathrin Resetarits wäre sie. Das literarische Debüt der Schauspielerin kommt nicht auf leisen Pfoten daher. Pfoten gibt es hier überhaupt keine. Flügel, nicht Standbeine, spielen in dieser Erzählsammlung die Hauptrolle. Leichter als Luft sind die Geschichten, die meisten nicht länger als eineinhalb Seiten. vögel sind zu besuch heißt der Band. Alle Wörter sind kleingeschrieben, die Interpunktion stellt feine Abgrenzungen dar. Es scheint sich immer mehr um Verbindungen denn Abtrennungen zu handeln. Wir werden beim Lesen aufgefordert, Grenzen zu überwinden, sie erst gar nicht suchen und finden zu wollen. Jede Geschichte ist wie ein Vogel, den man nur aus einer gewissen Distanz beobachten und studieren kann. Ganz wird man sich ihm nie nähern können. Vielleicht hat man Glück und es landet einmal kurz einer auf der eigenen Hand. Für einen Augenblick ist die Nähe dann vorhanden, aber man kann sie weder festhalten noch speichern. Ein einmaliges Erlebnis. So verhalten sich auch diese Geschichten, wenn man sie wieder und wieder liest. Obwohl man nur den Hauch einer Berührung empfindet, hinterlassen sie dennoch einen bleibenden Eindruck. Erzählt wird von Widersprüchen und Gegensätzen, Phantasien und Epiphanien, Glaubensgrundsätzen und Vertrauensbrüchen, Vorstellungen und Einbildungen, Ungeheuerlichkeiten und Wunder, Geständnissen und Andeutungen, Vermutungen und Offenbarungen, Nichtigkeiten und Großartigkeiten, Liebe und Liebe.

„wir reisen mit leichtem gepäck”, heißt es in der Erzählung tanzen ist ihre leidenschaft. Dieser Satz trifft die Beschreibung aller Geschichten. Ohne Gepäck zu reisen ist unmöglich, wenn man sich auf eine intensive und länger andauernde Reise begibt, zuviel Gepäck allerdings behindert im Fortkommen. Je nachdem, wie lange und wie weit man reist, muss man sein Gepäck aber dazwischen immer wieder umpacken, es den Umständen anpassen, gleichzeitig aber darf man den Überblick über die Menge und Größe nicht verlieren. Streckenweise braucht man einmal mehr, einmal weniger. Man muss wissen, was man will und was man braucht, aber auch, dass man das nur im Austausch mit der Umwelt feststellen kann. Diese Einsicht trifft nicht auf alle Protagonisten der Geschichten zu, ist aber dennoch die Quintessenz dieses hübsch verpackten Büchleins.

Die Erzählung mir war etwas kühl endet mit den Sätzen: „manchmal erwische ich mich in der hoffnung, bald gar nichts mehr beginnen zu können, um so durch die abwesenheit anderer beschäftigungen imstande zu sein, die zeit für eine reparatur aufzubringen. die welt würde sich mir mit einem mal wieder erschließen.” So schonungslos ehrlich und dennoch gleichzeitig hoffnungsvoll wurde Ungewissheit selten in gegenwärtiger österreichischer Literatur auf den Punkt gebracht.
Sie finden auch, dass Kathrin Resetarits eine großartige Schauspielerin ist? Sie ist auch eine ganz großartige Schriftstellerin, eine weitgereiste Autorin. Sie trifft ihren eigenen Ton, unbemüht und ungekünstelt, und hält ihn überzeugend und selbstsicher innerhalb jeder einzelnen Erzählung, und so von der ersten bis zur fünfzigsten.