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kürzestgeschichten

klaus knoll | kürzestgeschichten

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point.
Blaise Pascal

I – Mai
SCHNEESCHMELZE
Zuerst ganz langsam, dann unübersehbar, dann überall, so rinnts weg in tausend Bächen. Man schaut: ganz klar, es ist noch so viel übrig, es wird nie aufhören. Man weiß das. Und eines Tages, plötzlich, ist auch der letzte Fleck verschwunden.

TRAUMFRAU
Von ferne ein großer Supermarkt. Hinten im schwach beleuchteten Lager eine Tiefkühltruhe, vor der einer steht und mit dem leicht blöden Ausdruck der Ekstase seinen Finger in eine der angeschmolzenen Puppen bohrt.

KÄFIG
Plötzlich wusste ich, ich würde alles tun, damit sie bliebe. Sie war zweieinhalb und spielte mit mir. Ich hatte mich zur Verdeutlichung meines Zustandes in den Weidenkäfig gesetzt, den ich vor Jahren mit ihrem Vater gebaut hatte. Es schien ganz einfach. Eine Stunde höchstens, ein Augenblick nur gegen die Jahre, die ich in anderen Anstalten zugebracht hatte. Ich wollte mich gerade niederlassen, als die Größere kam: „Spielst mit mir Federball?” – „Ja sicher.” Aber schon nach drei Minuten hatte sie genug, weil ich im Käfig kaum einen Ball erwischen konnte. „Du bist sowas von blöd!” sagte sie und zog ab ins Haus.
Auf diesen Moment mußte Valerie gewartet haben. Augenblicklich stand sie vor mir, fackelte nicht lange: „Du bist der Papa, ich die Mama, aber wir haben noch kein Baby. Ich geh eins holen. Ach nein, ich koch uns zuerst Abendessen.”
Sie brachte Sandkuchen, lehnte einen Moment ihren Kopf an meine Wange, „Wir müssen schlafen!”, sprang auf, Frühstück zu machen. Mir wurde langsam schlecht beim Gedanken an die Unmengen Sand, die ich noch würde schlucken müssen. Ich schaute in den Himmel, sah Regenwolken aufziehen.
Sie rettete ein Wolfsjunges vor dem Jäger, aber schon bald lief es uns davon, und weil ich aus meinem Käfig nicht herauskonnte, hatten wir keine Chance, es wiederzufinden. Sie schlüpfte jeden Abend zu mir ins Haus, berührte kurz meine Wange, sprang nach Sekunden wieder auf, hysterisch, „Ich muss Milch holen, wir haben ja keine Milch mehr!” lief davon und kam zufrieden grunzend zu mir zurück.
Später begann sie, Verbesserungen am Haus durchzuführen, legte Äste dran, baute ein Kinderzimmer für das Wolfsbaby, weil es vielleicht doch wiederkäme, einen Stall für den Hasen, den sie sich wünschte, einen Garten hatten wir schon, wir waren ja mittendrin. Erst der Ruf zum Abendessen erlöste mich aus meiner Starre. Aber war ich denn erlöst?

II – Juni
MAMA
An den Heiratsantrag, den ich ihr gemacht habe mit sieben, will sie sich auf keinen Fall erinnern. „Das bildst dir ein!” Sie dreht entschieden den Kopf zur Tür. Ich hab den Blick auf ihre fünfundneunzig Kilo Unglück und kann selbst kaum glauben, wie verliebt ich war in die Frau mit der Schürze.

SPÄTER
„Später wird man sagen, man hat gelitten wie ein Hund, wird mit nachdenklichem Lächeln einer andern in die Augen schaun dabei.” – „Schon möglich, aber was mach ich jetzt?” – „Jetzt leidest wie ein Hund, und wennst fertig bist, sags, damit wir eine Flasche vom Guten aufmachen.”

VERRAT
Zwei Jahre nach der Scheidung begriff sie endlich. Das war nicht mehr die Liebe, diese Ansammlung von Katastrophen und Misserfolgen, die er veranstaltet hatte. Dass aus dem Audi Cabrio ein Schrotthaufen geworden war, aus der Firma eine Konkursmasse, aus ihm selbst ein Sanierungsfall, hatte nichteinmal mehr etwas mit Erpressung zu tun. Das musste er so gut wissen wie sie. Dass er sein Leben in die Luft sprengte, war der letzte Widerruf, der äußerste Verrat.

III - Juli
STATE OF AFFAIRS
„My first love. She had to work so hard just to run an apartment. At twenty-one you don’t live together, at least that’s not what you do in Arizona. Her father was from Washington. She had a chance to go to a college there. Study art. That’s what she wanted to. I was admitted to the Albuquerque photo programe. We talked about it for a month. We saw no way to work it out. In the end it seems we were not that much committed, but it hurt so badly. But then again we were way too young to get married. When I brought her to the plane we said we would meet again some day, some place, although we both knew this was never going to happen.”
Und auf meine Frage: „Did you ever?” schüttelt er den Kopf. „No no. But when I came back to the car, sat down, I saw that the mileage counter was exactly on zero zero zero. I couldn’t believe it. I stared at it for minutes. Then the tears began to flow.”
Die Art, in der seine Hände jetzt unruhig über den Tisch gehen, lässt mich vermuten, es wären seine letzten Tränen gewesen seither. Aber ich wage nicht zu fragen.

JETZT (Hund II)
Ich litt schon wieder wie ein Hund. Aus Liebe diesmal, aus Begehren, oder was immer ich dafür hielt. Körperlich war da kein Unterschied. Nur machte das Leuchten in den Augen meine Freunde fragen, ob ich neuerdings mehr dem Alkohol zuspräche. Ich verneinte und verschwieg, was mir zusprach.

IV - August
TÄUSCHUNG
„Du bist”, sagte B., „und ich spreche da ganz persönlich, wie ein Kind, das bei seinen Eltern liegt und träumt, es sei krank oder es werde geschlagen. Aber nichteinmal sie können ihm helfen, denn niemand kann die Träume eines andern betreten.”
Ihm selbst aber sind, erzählt man, zu seiner Zeit die Tränen wie Regen übers Gesicht gelaufen.

ENGEL
„L’ange passe, il s’arrête pas.” Tiefer Blick und stummer Schauer im Altstadtcafé, wo der Putz von den Wänden bröckelt, der Gast seine Verwüstungen im Gesicht trägt.
In den eleganten Bars gegenüber wars dasselbe, nur lackiert, und dass dort jeder glaubte, er wäre selbst der Engel.

TREIBSTOFF
„Die Liebe GOttes, die größer ist als jede menschliche Liebe, sei alle Zeit mit euch!” Drohend hob er die Rechte, mit ausgestrecktem Arm jagte er sein Geschoß durch die Gemeinde, das Zeichen des Kreuzes. Damit war die Trauung beendet. Sie, deren Herz er gebrochen hatte, fünf Jahre zuvor, „Nein wirklich”, sagt sie, „es hat fast vier Jahre gebrannt, jeden Tag, ich meine jeden Tag”, sie hatte ihn darum gebeten, die Predigt zu halten.
Wie diese Liebe in ihm brannte, unverlierbar, ließ alle erschauern, aber wer die Geschichte nicht kannte, hätte nicht sagen können, woher die Gänsehaut kam.

V - September
HUREN
„Manche vögeln wirklich sensationell gut. Da könnten die meisten was lernen. Aber sie geben sich nicht selbst dabei. Das ist der Unterschied.” Wir nahmen gleichzeitig einen Schluck, ich nickte, obwohl ich nicht ganz überzeugt war, erzählte von der großen Puff- und Nachtklub-Tour, auf der ich gelernt hatte, dass nicht die Hübschen, die Jungen und Aufreizenden das große Geschäft machten, sondern die runden Mammis. „Ach die”, berichtete ich das Achselzucken des Tiroler Oberzuhälters, „die sein nua da Aufbuzz.” - „Kann schon sein”, erwiderte H., „man muss sich halt trauen.”

RADU
Er hat einige Jahre mit seiner Mutter auf dem Bahnhof gelebt, in einer öffentlichen Toilette. Manchmal besucht er sie noch dort. Die Tage verbringt er auf der Straße, zum Schlafen kommt er ins Kinderhaus der Schweizer Caritas. Dazu muß er zuerst dem Lack abschwören, dem einzigen Trost bisher. Aber im Kinderhaus gibt es Carole, die Betreuerin aus Lyon. Sie macht ihn bleiben. Er faßt einen Plan. Er wird an ihrem Programm teilnehmen, Bukarest verlassen, auf der Farm arbeiten, etwas lernen. In dieser Woche macht er ihr seinen Heiratsantrag. Sie lächelt, ist gerührt. Wenige Tage später nimmt er sie zum Bahnhof mit. Sie ist die erste und einzige, der er seine alte Mutter zeigt. Carole steht verlegen neben der Tür, streicht ihm durchs Haar, er schüttelt sie ab. Etwas schnürt ihr die Kehle zu. Es ist nicht das Elend, der Gestank, die Verwahrlosung. Das alles kennt sie gut und genau aus der Arbeit. Es ist die Ahnung, die ihr aufsteigt, seiner Kämpfe, seiner Liebe, und davon, wie sie strategisch diese Liebe missbrauchen wird. Noch Jahre später, während sie zögernd ins Mikrofon spricht, das Geheimnis zu bewahren sucht, belegt sich ihre Stimme.

VI - Oktober
DOPPELBETT
Kennen lernte ich den Chef der Nervenklinik, mit dem ich schon übers Jahr im selben Club spielte, indem ich wie nebenbei sagte: „Diesen Sommer wär ich fast Kundschaft geworden bei dir.” Wir setzten uns mit dem Schilcher auf den Parkplatz, ich brachte die dramatisierte Fassung meines Sonntagsromans, er nickte ins Glas, „so schlimm?” deutete spärlich an, dass er wusste, kannte, glaubte. Am Ende seufzte er: „Was’n sonst soll dich wieder hineinziehn in den Strom des Lebens, wennichtdie Liebe?”
Viele Wochen und Gespräche später rief ich ihn an in der Klinik, ich bräucht jetzt doch dringend einen Platz, und in seine noch stumme Frage prustete ich schon hinein: „Aber nur mit Doppelbett.”

KONSPIRATION
Wie die Sucht, wie das Verbrechen verlangt es die Liebe nach Mitwissern, Komplizen, Verbündeten, möchte sie das Gehimnis bewahren und aufdecken zugleich.

EINZELBETT
Die ersten zwei Wochen waren wir hauptsächlich krank. Krank vor Verlangen, Sehnsucht und Schnupfen. Das Fieber ergriff uns so vollständig, dass wir ganze Tage im Bett verbrachten. Jeder in seinem eignen, was der Sache auch nicht half.