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lebenslang

herbert christian stöger | lebenslang

Das Leben ist ein Geschenk, das man sich selbst nicht ausgesucht hat. Eine hirschlederne Hose sucht man sich wohl aus, weil man eine Hirschlederne haben will. Das Herumlaufen ist dann in einer Hirschledernen gewollt. Beim Leben ist das etwas anders. Das ist dann einfach da, und man benutzt es mehr oder weniger gut, wie eine Hose die man besonders oft an hat. Wenn es oder sie dann einem einmal zu eng wird, weil dieses und jenes nicht passt oder nicht mehr passt, überlegt man es sich. Geht mit der ganzen Enge um die Hüften oder ums Herz zur Mutter, weil nur die Mutter in der gleichen Wohnung wohnt wie man selbst. In der Wohnung gibt es zumindest zwei Betten. Das haben sich die Leute heute so ausgedacht. Weil ja jeder etwas eigenes haben will. Legt sich dann neben sie und wartet. Dann wartet man, bis die Mutter fertig ist mit sterben. Das kann aber noch etwas dauern. Weil sie noch gar nicht damit begonnen hat. Sie hat irgendwann einmal mit Leben begonnen. Das hat sie damals gar nicht bemerkt. Das hat ihr auch damals niemand gesagt. Erzählt hat man ihr vom Geborenwerden. Wie das war. Wie der Vater auf seinen Sohn gewartet hat. Und dann ist sie gekommen. Das war eine Überraschung. Also hat es der Vater wieder und wieder versucht mit einem Sohn. Ein paar sind ihm gelungen. Einer ist mit dem Namen Franz in einer kleinen Lacke ertrunken. Mit selbem Namen ausgestattet hat der zweite es dann auch versucht. Ist aber gerettet worden und dann doch viel später gestorben. An Liebeskummer. Wie so viele Menschen. Da hat er einmal eine Frau geliebt, die hat aber ihn nicht geliebt. Das war so. Er hat ihr eine feine Goldkette mit einer Rose geschenkt. Sie hat sie ihm aber wieder zurückgeschenkt. Das Geschenk hat ihm gar nicht gefallen. Hat es aber aufbewahrt. Meine Mutter hat dieses Geschenk nach seinem Tod wieder ausgepackt und auf ihrem Hals aufgehängt. Da wird es bis zu ihrem Tod hängen. Und der Totengräber wird dann noch die Hinterbliebenen fragen, ob man nicht die Kette vielleicht doch noch abnehmen möchte. Zum Weitertragen. Zum Verschenken. Aber wie das dann ausgehen wird, wird man wohl erst dann erfahren, wenn es so weit ist. So weit wird es kommen.