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lieber nachhallig!

martin fritz | lieber nachhallig!

Gegen Nachhaltigkeit als Kampfbegriff

Achtung: Wenn Sie irgendwo ein Konzept für ein temporäres, künstlerisches Vorhaben präsentieren und jemand in der Diskussion das Wort Nachhaltigkeit ausspricht, herrscht allergrößte Gefahr für Ihr Projekt. Jetzt fehlt nur noch, dass ein anderer stumm nickt und ein Dritter davon spricht, dass doch ebendieser Wert bei der letzten Klausur als zentraler Wert der Organisation bestätigt wurde – dann können Sie möglicherweise einpacken mit Ihrem Rockkonzert, Ihrer Performance oder Ihrer Intervention. Nachhaltigkeit gerät in Gefahr zum Kampfbegriff gegen Temporäres, Flüchtiges und Aktionistisches zu werden.

 

Killervokabel
Zwar können sich diejenigen, die die unschuldig wirkende Killervokabel verwenden, durchaus auf ehrenwerte Motive und sogar auf Verbündete im Kunst- und Kulturbereich berufen, gehört es doch gerade im kritischen Feld zum guten Ton, sich gegen Festivalisierung, Spektakelkultur und Eventzauber auszusprechen. Und gewiss: Zu viele „neue Säue“ werden immer kurzfristiger „durch die Dörfer getrieben“, sodass eine Grundskepsis gegen das schnell Vorbeiziehende verständlich ist. Dennoch ist es ein zu kurz geratener Umkehrschluss zu glauben, dass die Zweifelhaftigkeit mancher Kurzspektakel automatisch die Qualität des Langwierigen und Dauerhaften bedinge.

 

Begriffs-Fetisch
In der Fetischisierung eines engen Nachhaltigkeitsbegriffs, der sich primär an Dauer und Wiederholung orientiert, reduzieren sich die Möglichkeiten künstlerischer Praxis in der Gesellschaft. Will man diesen Spielraum wieder erweitern, bedeutet dies daher auch, sich gegen jene Kriterienkataloge zu wenden, die in schematischer Weise Vorabgarantien für langfristige (und vor allem positive) Effekte einfordern und damit die vielfältigen Aktionsformen aktueller Kunst mehrfach schwächen. Zum einen, weil etwas höchst Fragiles und Immaterielles wie Wahrnehmung und Erfahrung zum Gegenstand von gültigen Vorhersagen gemacht werden soll, bevor es sich am konkreten Objekt oder Projekt entwickeln kann, zum anderen, weil damit der Kunst gerade in jenem Bereich das Vertrauen entzogen wird, in dem sie sich erst nach ihrer Abwendung von starren Objekt- und Ewigkeitsansprüchen etablieren konnte: im Temporären, im Flüchtigen, im Aktionistischen und Spontanen. Ob die legendäre Aktion „Kunst und Revolution“ (als „Uniferkelei“ verunglimpft in die Geschichte eingegangen), folgenreiche Interventionen wie Export/Weibels „Tapp- und Tastkino“ oder Konzerterlebnisse die lebenslang prägen: Zur ureigensten Aktionsform avancierter Kunst gehört das Temporäre. Vieles von dem, was individuelle und kollektive Prägungen ausmacht, hätte unter einem praktisch definierten Nachhaltigkeitsparadigma wenig Chance auf Realisierung gehabt. Nun könnte eingewendet werden, dass keines der Beispiele die Zustimmung anderer gebraucht hätte, doch verkennt dieser Einwand, dass temporär durchgesetzte Kriterienbildungen auch zu Selbstzensur und freiwilliger Horizontverengung führen können. Wie sehr der Begriff bereits zum rhetorischen Selbstläufer geworden ist, wurde mir klar, als das Mail einer Künstlerin, in dem um zusätzliches Budget für Dokumentationsfotos gebeten wurde, mit dem Betreff „Nachhaltigkeit“ betitelt wurde. Selbstredend, dass ich mich dadurch etwas mehr in die Zange genommen fühlte, als wenn hier nur „Geld für Fotos“ gestanden wäre.

Bevor sich dieses Kriterium zum Dogma verfestigt, wäre es an der Zeit Nachhaltigkeit im Bereich der künstlerischen Praxis präziser zu definieren und dadurch auch den Produzenten und Produzentinnen einen genaueren Umgang mit den vielfältigen Wirksamkeitsansprüchen zu ermöglichen, die der Kunstausübung mittlerweile entgegengebracht werden. Schwer hinterfragbare Begriffe, die als Schlagworte ein nicht-diskursives Eigenleben entwickeln, sind immer eine Herausforderung für das Kunstfeld, dessen primäre Qualität in der Notwendigkeit liegt, sich immer wieder neu über Qualitäten, Kriterien und Produktionen verständigen zu müssen. So harrt sowohl die Bedeutung des Begriffs ihrer genauen Klärung, wie auch die prinzipielle Frage, ob und inwieweit sich ein in der Ökologie entwickeltes Konzept als Messlatte für die Potenziale von Kunst eignen kann.


Verstörung, Irritation, Ekel
Wie verhält sich zum Beispiel eine wertvolle Erinnerung zum Konzept Nachhaltigkeit? Wäre es ausreichend sie (die Erinnerung) zu haben, oder müsste aus ihr eine Handlung erwachsen um zu „gelten“? Ist die bloße Auswirkung auf das eigene Leben (wie zum Beispiel eine veränderte Berufswahl oder eine Abkehr von festsitzenden Routinen) ohne kollektiven, gesellschaftlichen Effekt nachhaltig? Wie steht es mit dem Nachwirken destruktiver Impulse? Zählen zentrale kulturelle Erfahrungen wie Verstörung, Irritation, Ekel oder Aggression zu jenen Effekten, die auch nachhaltig gewünscht sein können oder zielt der Begriff nur auf das Konstruktive, Wohlige und Nützliche? Wäre es die Nachhaltigkeit des Punk immer wieder dazu aufzurufen, mal wieder ein Hotelzimmer zu zertrümmern, oder müsste sich die Energie ins Konstruktive wenden, um als nachhaltig zu gelten?

Ein weiteres Defizit liegt in der mangelnden Unterscheidung von Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit. Ein permanentes Kunstwerk ist vorerst einmal nur permanent – Dauer lässt noch keineswegs auf Wirkung, schon gar nicht auf nachhaltige Wirkung schließen. Die Verewigung künstlerischer Produktion sollte als das benannt werden, was sie meistens ist: selbstverständlicher Wunsch des Produzenten oder der Produzentin nach längerer Präsenz. In gewollter strategischer Unschärfe vermischt sich im Wunsch nach längerfristiger Erhaltung oft die wertfreie „Permanenz“ mit der seit einiger Zeit geadelten Nachhaltigkeit, die auch dort positive Wirkungen verspricht, wo vorerst einmal nur materielle Dauerhaftigkeit gemeint ist.


Substanzerwartungen
Fehlten alle diese Differenzierungen und würde also Nachhaltigkeit in einer engen Form zum absolut gesetzten Wert, könnte sich die Dynamik schnell gegen jede temporäre Aktivität wenden, beziehungsweise viele jener Praktiken beeinträchtigen, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Nun wäre es zwar zu kitschig an dieser Stelle die mannigfaltig propagierten „Abenteuer im Kopf“ auferstehen zu lassen, die wahlweise dem Lesen, dem Reisen oder dem Sport zugeschrieben werden, doch mit der Betonung auf den kühleren Kopf ist das Bild auch für unsere Zwecke tragfähig: Temporäre Installationen werden abgebaut, Theaterstücke abgespielt, nach Festen wird aufgeräumt und nach Ausstellungen abgehängt. In dem Moment, in dem nichts mehr da ist, beginnt im Kopf ein nachträglicher Hall. So wäre – wenn schon – statt einer mit zu vielen Substanzerwartungen aufgeladenen Nachhaltigkeit die gespannte Hoffnung auf eine – offener definierte – „Nachhalligkeit“ näher an den Potenzialen von Kunst.