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löffel der geschichte

Wie Sternstunden verfliegen, aber Kindheitstraumata ein Leben lang bleiben


Wolfgang Pollanz: Das Seufzen meiner Mutter & Kurze Geschichte der Welt in 25 Gängen

Kitab-Verlag (Klagenfurt) & edition kürbis (Wies) 2007

Rezensiert von: nadja bucher


Rezension, Rezension, Rezension. Schwierig, schwierig, schwierig. Weil man schon vor dem Lesen weiß, dass man danach darüber schreiben soll. Nur was man schreiben soll, weiß man häufig nicht. Daher begleitet einen schon während des Lesens eine Grübelei. Denn ohne Rezensionsauftrag würde man, während die Augen die Buchzeilen abwandern, absinken, der geschriebenen Geschichte oder den eigenen Gedanken folgen. Würde dort und da schmunzeln, erstaunt über die gelesenen Begebenheiten sein oder jenen Einfall des Autors raffiniert finden und manchmal einfach wegdriften. Aber für eine Rezension liest man mit Bleistift in der Hand. Einem Bleistift, der wütig ist, alles zu notieren, das nach dem Lesen zu einer Rezension zusammengeschrieben werden kann. Alles! Aber bitte, wer will schon alles über ein Buch wissen, welches er oder sie selbst lesen sollte? Daher eine Auswahl meiner Notizen die während der Lektüre von Wolfgang Pollanz´ Kurze Geschichte der Welt in 25 Gängen aus dem Bleistift flossen.


Zunächst ein Schock
Beginnt die Weltgeschichte bei 9/11? Aber nein, gleich darauf folgen Elvis, Paul McCartney und viele, viele andere Männer – darunter als einzige Frau unsere zahnlose Kaiserin Sisi – die uns LeserInnen die Sternstunden der Menschheit unter einem neuen Aspekt näher bringen. Unter dem Aspekt der Menschlichkeit. Denn all jene Großen und Größten der Geschichte wollten doch im tiefsten Inneren viel lieber ein ruhiges, lukullisches Leben führen als Völker und Heerscharen. Die Kulinarik spielt laut Pollanz im Weltengeschehen eine viel wichtigere Rolle als bisher angenommen. Denn Marx, so erfahren wir, speist vorzüglich, bevor er auch noch sein proletarisches Hausmädchen vernascht, Luther ist sowieso ein unverstandener Vielfraß, und nach 40 Tagen in der Wüste wünscht Mohammed nichts sehnlicher als gegrilltes Kamelfleisch mit Suppe aus Milch und Mehl. Und so könnten wir uns eine bequemere Welt vorstellen, wenn nur die herrschenden Herrschaften bessere Köche und Köchinnen gehabt hätten. Aber wie das Leben so spielt: Nicht mal die Mächtigen bekommen, was sie wollen – selbst wenn sie so bescheiden sind wie Karl der Große, der statt seiner täglichen Wildbraten lediglich Brotfladen wünscht. Deshalb passt das Cover mit in Gips gefasstem Löffel, der nicht nur Suppen, sondern auch Geschichte bis auf den Grund freilegt, perfekt zu den 25 Gängen der Welt, die sich naturgemäß nicht an die Speisenabfolge von uns gewöhnlichen Europäern hält. Wobei noch eine Bemerkung zu den bereits erwähnten Sternstunden der Menschheit zu sagen wäre. Während bei Stefan Zweig die gesamte humanistische Bildung in 12 sogenannten Miniaturen abgehandelt wird, fasst sie Pollanz hier im Minutentakt – Leseechtzeit! – kurz und menschlich in 25 Momentaufnahmen. Prost Mahlzeit!

 

Nachkriegsgeschichte
Zum Das Seufzen meiner Mutter hat mein Bleistift „Aufarbeitung” notiert. In sechs anfangs scheinbar zusammenhängenden, dann komplett losen Lebensgeschichten wird ein Leben aufgearbeitet. So meine Interpretation, womit ich dem Buchklappentext widerspreche, denn der meint, Pollanz widme „seine Stimme den unterschiedlichsten Menschen”. Da spricht ja auch ein schuldbeladenes Ich vom Fluch des Katholizismus und der Inkontinenz. Da erzählt ein Ich die österreichische Nachkriegsgeschichte, wobei nahezu jede Geschichte nach 45 in diesem Lande eine Nachkriegsgeschichte ist, selbst wenn sie bis hinauf zu Victor Klima geht. Statt Aufarbeitung könnte man auch Abrechnung sagen – mit geizigen Vätern und irrsinnigen Müttern, gesprochen aus vielen Mündern, aber doch aus einer Hand. Und wieder erkennt man, dass man sich in Anbetracht seiner Herkunft, Kindheit und Eltern unendlich leidtun könnte. Worauf mir natürlich sofort die widerlichen Elternfiguren leidtun. Denn der Lehrervater in der vierten Geschichte meint es mit unzähligen Eselsbrücken („Nie ohne Seife waschen!”) und seinem Mundgeruch wirklich gut mit seinem Sohn. Weiters kommt ein Hypochonder zu Wort sowie ein Bruder eines 3er-Ziegels ohne Zähne. 

Bevor sich mein Bleistift in verschlungene Krypten ergeht nochmals zusammenfassend: Wer über Krankheit, schrullige Einzelgängerkinder, fehlgeleitete Religiosität, Befreiung durch Sex und die 68er lesen möchte, der ist im Seufzen meiner Mutter bestens aufgehoben. Was der Kurzen Geschichte der Welt in 25 Gängen das Essen, ist im Seufzen die Krankheit – wiederkehrend und rudimentär. Für beide Bücher kann eine flüssige, kurzweilige Leselebenszeit attestiert werden, bei der man versinken, schmunzeln oder seinen Gedanken nachhängen kann, hat man nicht gerade einen Bleistift zur Hand und einen Rezensionsauftrag im Kopf.