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ohne netz und doppelten boden

Zwischen Herz- und Taubenschlag die Suche nach einem reinen Gewissen


Patricia Brooks: Garten der Geschwister

Molden Verlag 2006

Rezensiert von: robert prosser


„Sex war ein Spiel um Macht”, ein Mittel, sein Gegenüber an sich zu binden oder zu demütigen, und in Patricia Brooks neuem Roman ist es Ursache und Wirkung innerhalb eines durchdachten Gewebes aus Hass, Schuld und Liebe, welches sich mithilfe vierer Protagonisten zu beinah undurchdringlichem Dickicht auswächst.
Anfangs jedoch scheint es sich bei Garten der Geschwister um einen nach Schema F gestrickten Thriller zu handeln: Ein Pärchen strandet nach überstürzter Flucht aus einer Stadt in einem alten Landhaus. Hier, inmitten eines verwilderten Gartens, wohnen Bruder und Schwester, deren Eltern verreist sind. Die Geschwister, beide noch Kinder, lassen aus unbekannten Gründen nichts unversucht, ihre Gäste länger im Haus zu behalten.
Kennt man die bisherigen Buchpublikationen der österreichischen Schriftstellerin Patricia Brooks, die zwischen purer Poesie und Science-Fiction eine individuelle Sprache fand, so enttäuscht dieses Szenario in seiner Plattheit. Bald aber wird deutlich, dass nur der Eintritt in die Geschichte so einfach war und dass Brooks auf 190 Seiten ein Spiegelkabinett entworfen hat, welches in atemberaubender Dynamik den Leser mit Bild um Bild, Ebene um Ebene konfrontiert. Man ist der Autorin unwissentlich an einen Ort gefolgt, wo herkömmliche Gesetze keine Bedeutung mehr haben und rationelle Grenzen nicht geduldet werden.

Durch Beobachtung der unmerklichsten Veränderungen im Tageslicht oder in den Gesichtzügen der Protagonisten wird ein Schwebezustand kreiert, der weitere Beteiligte einer Familientragödie aus der Vergangenheit oder der gegenwärtigen Abwesenheit hervorholt und miteinwebt ins Geschehen. Garten wie Haus lassen sich zu einem Labyrinth erweitern und hinter jeder Ecke neue Entdeckungen und Geheimnisse, die der Komplexität des Textes einen weiteren Spiegel hinzufügen. Zwischen Blutschande, Verführung und Abhängigkeit taumelt der Leser mit der Hauptfigur Gloria in den Sog der Handlung.
Diese steht in ihrer Verletzlichkeit der kühlen Berechnung der anderen gegenüber, bleibt aber gerade wegen ihrer Sensibilität stark, da vorausahnend, sie sucht einen Ausweg und treibt die Fluchtbewegung ins Unbekannte voran, doch „der Himmel macht kein Geschäft mit den Schwachen”, sondern errichtet aus der Zerstörungskraft des Feuers und den Lichtverhältnissen des Februars einen Käfig, in welchem Veränderungen der Schatten Bedrohung verdeutlichen und Vorahnungen wecken. Keiner Stimme, keiner Stimmung ist zu trauen, „die Sterne sind Wächter des Totenreichs” und mit jeder Seite folgt eine Verschiebung der Spielfiguren, zu vielschichtig entwickelt sich der Roman, um noch zwischen Täter und Opfer unterscheiden zu können.

Querverweise und Spiegelungen zersplittern dieses Kammerspiel, selbst die Zeit an sich, die lange der einzige Halt war, wird als Faden erkannt und zerrissen, letztlich lösen sich sämtliche Ebenen von einer Sekunde zur anderen auf wie Dämmerlicht, und ohne Netz und doppelten Boden bleibt allen Beteiligten nichts anderes übrig, als im Genuss des freien Falls zu zappeln.