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rotschopf natürlich bevorzugt

mieze medusa | rotschopf natürlich bevorzugt

Im Bus sitzen mit einem Kopfweh to end all Kopfweh. In der Tasche wühlen, die auf dem Platz neben ihr liegt und überlegen, ob es sich auszahlt, nach dem Foto zu suchen, das manchmal hilft. Nach dem Glanzpapier greifen und das Bild an die Lehne des Vordersitzes heften und dabei das Pochen ignorieren. Aber ein Pochen, das von einem Kopfweh to end all Kopfweh herrührt, lässt sich nicht einfach so wegwünschen und beiseiteschieben. Zwischen den wabernden Schmerzimpulsen hindurch auf den kodakblauen Himmel starren und dann die Augen nach unten rutschen lassen. Die hellen Haare der Töchter blitzen zwischen den Schmerzattacken durch, die Sommersprossen lassen sich in den kurzen Luzidphasen ihrer Augen nicht erkennen. Sie weiß trotzdem, dass sie da sind, sie weiß sogar, auf welchen Nasen-, Stirn- und Wangenfragmenten sie sich besonders frivol häufen. Obwohl. In diesen Tagen folgt die Pigmentfleckverteilung sicherlich anderen Kurven und Linien, verkrümmeln sich manche Sommersprossen in unerwartete Grübchen, präsentieren sich andere vielleicht etwas auswuchernder oder frecher. Aber sonnenempfindlich wäre auch diese neue Topographie. An früher denken hilft gar nicht gegen ein Kopfweh to end all Kopfweh. Es trotzdem tun ist trotzdem in Ordnung, nicht aus Trotz, sondern weil bei einem Frontallappenwehklagen wie dem ihren schon alles zu spät ist. Sie hebt die Schultern und lässt sie absacken. Wiederholt die Bewegung. Lässt die Fingerspitzen verschiedene Punkte umkreisen. Sie hätte nicht gehen müssen. Sie hätte bleiben können, in einem Stahl- und Spannbetonhaus mit Vorhängen, Schnittblumen, Tennisplatz und Swimmingpool. Sie hätte bleiben können, bei einem erträglichen Ehemann, Arzt natürlich bevorzugt, und einer weniger erträglichen Schwiegermutter. Und bei ihren Töchtern, diesen schon damals gehirngewaschenen Bimbos, die den Tipps der Omama in Sachen Körperpflege, Adrettmode, Gesprächsführung und Flirtstrategie mehr abgewinnen konnten als der Migräne und den Valiumlaunen der Mutter, um nicht ins Hintertreffen zu geraten in der Jagd nach einem Ehemann, Anwalt natürlich bevorzugt.

Für sich selbst hatte sie sich eigentlich etwas anderes vorgenommen gehabt. Sie selbst war nicht zufrieden gewesen mit ihrer Rolle als Vorzeigeehefrau, Rotkopf natürlich bevorzugt. Nicht zufrieden damit, darauf zu warten, ihn im Poolhaus mit einer Jüngeren zu ertappen und sich dann aufs Altenteil zurückzuziehen und den Töchtern beim Erwachsenwerden zuzusehen. Kann ja nicht alles gewesen sein für eine wie sie, für die Tochter eines Tennisrotfuchsprofis, unehelich halt, aber was macht das schon. Sie hat schon mit 5 Kosmetiklinien präsentiert und mit 18 dann schnell geheiratet, um von der Mutter wegzukommen und weil sie endlich wieder mal einen Nachtisch essen wollte. Nur wollten Ehemann und Schwiegermutter bei der Vorzeigeehefrau kaum mehr Fettpölsterchen dulden. Da hätte sie ja gleich Supermodel werden können oder was ganz was anderes. Und das andere ist sie irgendwann einfach suchen gegangen, was eine Zeit lang lustig war und aufregend, und jetzt sitzt sie in einem Bus, mit einem Kopfweh to end all Kopfweh und weiß nicht ganz genau, wohin sie fährt, sie weiß nur, dass sie nicht besonders heiß darauf ist, anzukommen.

Salome zieht ohne Warnung den kleinen Vorhang, der ihre Sitzreihe vom Rest des Busses abschirmt und möglicherweise eine Unterart der Privatsphäre ermöglichen soll, zurück. Salome missbilligt das Foto. Ihr Gesichtsausdruck macht kein Geheimnis daraus. Sie legt eine mattglänzende, manikürte Hand auf Annas Schenkel, Resultat harter Bemühung nach einem Tag im Lager: „Du hast ja das Make-up noch gar nicht abgenommen, Anna.”

Seufzen. Aufstehen. Die andere Tasche nehmen und nach hinten in den Hygienebereich gehen. Mit einem Schwämmchen das Make-up abtragen, das am Morgen genauso widerwillig aufgelegt wurde. Ein Peeling mit einer Fruchtsäurenvorstufe auftragen. Nachtcreme, die intelligente, mit einem langen Gedächtnis ausgestattete und im Prinzip und irgendwie von der NASA mitentwickelte Polymerkissen enthält, mit einem kleinen Hämmerchen auf die Haut klopfen – ja nicht reiben! Die Haut so gegen das Alter stoßdämpfen oder gegen Kollagenverlust abstumpfen oder zumindest darauf hoffen. Dem Dekolletee eine ähnliche Behandlung zumuten. An überflüssigen Haaren herumzupfen, manuell in der Nähe des Gesichts, automatisiert weiter unten. Die Beine mit Weinlaub, Birkenöl und anderen Rosskuren ordentlich durchkneten. Die Füße dick eincremen, dann sofort Baumwollsocken darüberziehen, das gleiche mit Händen und Handschuhen. Die gute Handcreme nehmen und nicht sparen, auch wenn sie sich ihre Kosmetika kaum mehr leisten kann. Sich ganz unten fühlen, aber keine Talsohle unter den Füßen spüren, keinen Halt. Den Blick der Filialleiterin gesehen haben, heute am Nachmittag.

„Frau Ermakova, bitte nach hinten kommen!” Die Stimme hören. Den Arbeitsablauf eine Herzrhythmusstörung lang unterbrechen. Den Handspiegel zücken und die Frisur kontrollieren, zum Glück kaum graue Strähnen sehen, nur natürliche Rotschöpfe werden bevorzugt. Der kosmetikindustrieinduzierte Schmelz der Haut hält noch an. Zur Sicherheit Gloss über die Lippen legen und schnell einziehende Handcreme einreiben. 2 Kundinnen abwickeln, Ware über den Scanner ziehen, Gesamtsumme murmeln, überprüfen, ob die Chipkarte die Zahlung bestätigt und einen schönen Tag wünschen. Lächeln nicht vergessen. Erfüllt aussehen nicht vergessen. Die Kassa absperren und die Kassette mit nach hinten nehmen. Anklopfen. Auf alles gefasst sein.

Ein Lächeln zu Kenntnis nehmen. Sich setzen. Versuchen, dabei nicht aufzuseufzen. Den Bewegungsimpuls Richtung Rücken unterschlagen. Die Hände über den Schenkeln falten. Erst jetzt die dritte Person im Raum bemerken. „Lassen Sie uns bitte allein!” gesagt werden hören. „Guten Tag, Frau Ermakova!” vernehmen. Aufsehen. Er hält eine Hand in ihre Richtung, legt sie unter ihr Kinn und zieht sie hoch. Versuchen grazil auf die Beine zu kommen, dann stehend versuchen Haltung zu bewahren. Er ist ein Chef wahrscheinlich, nur kann sie nicht sicher sein, ob er auch ihr Chef ist. Chefs werden von ihr schon längst nicht mehr bevorzugt, auch nicht, wenn sie nicht die ihren sind, auch nicht, wenn sie so jung sind wie dieser. „Sie sehen ganz gut aus!”, fährt die Stimme fort, „erstaunlich, eigentlich, wenn man bedenkt. Wie lange sind Sie schon in unserem Betrieb?”
Die Antwort nicht wissen, aber auf die Personalakte zeigen, die am Tisch liegt.
„Und wie lange pendeln Sie schon in unseren Wohnbussen?”
Viel zu lange antworten wollen, aber den Mut nicht haben.

„Es erstaunt mich immer wieder, dass unsere Kunden und Kundinnen sich so gar nicht nach vertrauten Gesichtern sehnen bei ihren Einkäufen. Dass sie immer neues Frischfleisch wollen oder zumindest – wie in Ihrem Fall – ein gut und gepflegt abgehangenes. Die Kassierdamen sind schließlich die Visitenkarten eines jeden Geschäfts, hat mein Vater immer gesagt. Es war eine seiner besseren Ideen, das Rotationsprinzip bis zu den Kassiererinnen durchzusetzen und selbst beim Lagerpersonal auf Mobilität zu bestehen. Die Umsatzsteigerung war enorm ... Sie unterhalten eine Wohnung?”
Mit dem Kopf nicken. Außerdem zur Kenntnis nehmen, dass er nicht nur Chef ist, dass er nicht mal nicht nur ihr Chef ist, sondern dass ihm der Laden hier gehört und die Kette ebenfalls.

Sie nützen öfter mal die Urlaubsoption?”
Kopfschüttelnd verneinen. Die Wohnung ist kalt gemietet, die Betriebskosten fallen nicht ins Gewicht, da sie fast nie dort ist, keinen Strom und kein Wasser verbraucht und auch keine Erdwärme. Seit sie in immer stärkere Anti-Aging-Hämmer investieren muss, verbringt sie die wenige Freizeit, die sie sich leisten kann, in Beautyfarms, stopft Algen in sich rein, reibt Aloe Vera in den Körper und erhofft das Unmögliche.
„Sie sehen nicht sehr glücklich aus mit Ihrer Position in unserer Firma.”
Wissen, dass sie verneinen muss. Aufblicken, den inneren Scheinwerfer anwerfen, auf dass ihr Lächeln die Augen erreicht, und verneinen. Am Blick des Gegenübers erkennen, dass das Manöver misslungen ist.
„Machen wir uns nichts vor, Frau Ermakova.”
Den Satz, der diesem Auftakt folgen wird, schon jetzt mit aller Gewalt hassen.
„Ihre Tage an der Kassa sind gezählt. Wochen vielleicht; wenn Sie irgendwo die Mittel für Botoxbehandlungen auftreiben, sind es möglicherweise noch Monate. Dafür müssten Sie wahrscheinlich Ihre Wohnung aufgeben und Sie wissen, denke ich, am besten, wie sich das unstete Herumziehen so ganz ohne festen Wohnsitz – und sei es nur eine Garconiere irgendwo – schon nach kurzer Zeit auswirkt.”
An Salome denken müssen. An ihre fahrige Verzweiflung, an die Arbeit im Lager und an das Abbröckeln der letzten Fassaden. Wissen, was auf sie zukommt.

„Noch sind Sie verhältnismäßig präsentabel. Aus Ihrem Lebenslauf und einigen, sagen wir, persönlichen Recherchen entnehme ich, dass Sie nicht völlig ungebildet sind, auch wenn ich Sie aus eigener Erfahrung höchstens als einsilbig beschreiben könnte, aber, naja, für die Kassa wird’s reichen und mir reicht es auch. Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen mit höherer Bildung sich länger an die Kassaplätze zu klammern verstehen, ich bin nur noch nicht dahintergekommen, warum.”
Ihm dabei zuhören, wie er mit einem Kugelschreiber gegen die Vorderzähne klopft. Nicht mehr nur die Sätze mit aller Gewalt hassen, die er spricht, sondern auch ihn.
„Ich denke, ich kann Ihnen da etwas Besseres anbieten.”
Den Hass stunden. Hoffen, dass sein Besseres auch ihr Besseres inkludiert.
„Was wissen Sie über Ihren Vater?”
An die Mutter denken. Mit den Schultern zucken.
„Sie sehen ihm erstaunlich ähnlich ... Spielen Sie noch Tennis? Naja, darauf kommt es nicht an.”
Immer noch an die Mutter denken. Wieder mit den Schultern zucken.
„Ist das ein Foto Ihres Ehemanns?”
Einen Blick darauf werfen.
„Und sind das die Mutter und der Vater Ihres Ehemanns?”
Bei seinem Vater nicht sicher sein, aber keinen Wert darauf legen, das auch zu kommunizieren.
„Interessant, alle sehr dunkel ...”
Noch eine Kunstpause abwarten. Erstaunt sein, als er nach der Filialleiterin ruft und Kaffee bestellt.
„Und das, nicht wahr, ist Ihre Mutter?”
Das Foto wortlos zerreißen, sich dann aber einen Kaffee anbieten lassen. Mit Milch, ohne Zucker.
„Auch sehr dunkel, die Frau Mutter, schön, schön.”
Den Kaffee genießen, seinen missbilligenden Blick dabei problemlos ignorieren können.

„Sehen Sie, die Position, die ich Ihnen anbieten will, ist sicherlich nicht die allerschlimmste ... Mit dem Kaffee, allerdings, müssten Sie zumindest kurzfristig aufhören. Frau Ermakova, sehen Sie, ich habe mit Ihrem Mann gesprochen, pardon, Ihrem Ex-Mann, der Ihnen ein bona fide Führungszeugnis ausgestellt hat, bis auf den etwas überraschenden Aufbruch, der allerdings im konkreten Fall gar keine so große Tragödie darstellen würde. Er meinte, Sie wären schön – und ich bin sicher, das waren Sie auch –, Sie hätten die Kindererziehung klaglos seiner Mutter überlassen und es außerdem immer wieder verstanden, ihn bei einem Match am Nachmittag Tiebreak um Tiebreak zittern und dann doch gewinnen zu lassen. Er hätte das alles sehr geschätzt und gerade im Vergleich zur zweiten Ehefrau, aber gut, lassen wir das ...”
Nicht wirklich begreifen, worauf er hinaus will. Sich über das koffeininduzierte Herzrasen freuen.
„Frau Ermakova, ich möchte Sie bitten, die Mutter meiner Kinder zu werden.”
Denken, dass Kaffee als halluzinogene Droge neu klassifiziert werden müsste.

„Ich weiß, mein Angebot kommt etwas überraschend, aber ich wünsche mir nichts mehr als wohlerzogene, kluge, rothaarige Kinder. Es ist Ihnen vielleicht noch gar nicht aufgefallen, wie selten Rotschöpfe geworden sind, in manchen Teilen der Welt gibt es überhaupt keine mehr, und auch bei uns werden sie zunehmend seltener. Sie haben keine Vorstellung davon, welches Prestige sie mit sich bringen, aber Sie kennen – glaube ich doch – die Firmenfarben. Sie werden nicht glauben, wie lange ich schon nach einer Frau suche, die die seltene Eigenschaft in sich trägt, auch in einer dunklen Familie wie meiner ihr Ginger-Gen weiterzugeben. Es ist wirklich erstaunlich, wenn man sich Ihren Vater und Ihre Mutter mal so vorstellt. Möglicherweise besteht ja auch ein Zusammenhang zwischen seinem sportlichen Ehrgeiz und seiner genetischen Dominanz. Herr Becker war immer schon ein Kämpfer. Ich habe seine Aufschläge verehrt und ich gebe zu, dass Ihre Verwandtschaft ein weiterer Grund ist, warum ich mir diese Verbindung wünsche ... Die Familie Ihres Mannes ist ebenfalls dunkel, und trotzdem sind beide Töchter rothaarige Schönheiten ... Erstaunlich. Keine der beiden ist jedoch an Kindern interessiert. Äußerst bedauerlich. Dabei hatte ich ihnen durchaus attraktive Konditionen angeboten. Aber nein ... Da habe ich mich gefragt, was mein Vater machen würde.”
Eine Kunstpause aussitzen.

„Mein Vater, Frau Ermakova, würde zur Quelle gehen, und das will ich auch tun. Werden Sie meine Frau, Frau Ermakova.”
Sein Hüsteln und seine vor Rührung feuchten Augen übersehen. Sich fühlen wie Aschenputtel auf Anti-Aging-Pillen und mit einem Hühneraugenpflaster, dort wo der Schuh drückt.
„Der Altersunterschied macht mir nichts aus. Die letzte betriebliche Untersuchung hat ergeben, dass Sie – zumindest mit einer gewissen Nachhilfe – durchaus noch für ein oder zwei Geburten taugen und falls nicht, naja, das regelt ja dann der Ehevertrag zu meinen Gunsten, aber auch mit Benefits für Sie. Ja? Stoßen wir an?”
Dabei zusehen, wie er eine Flasche Sekt aus der Schublade zieht. Sich über nichts mehr wundern. Den Vertrag sehen wollen und versuchen, Salome als Kindermädchen durchzusetzen. Daran scheitern, sie aber als Gesellschafterin zugesprochen bekommen. Mit den Schultern zucken und sich Sekt einschenken lassen. Ihm zulächeln, aber vermuten, dass das Lächeln nicht ihre Augen erreicht.