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schon wieder

anne peters | schon wieder

Über die Leerstellen in der Konzeption des Ewigen

Nicht einmal Naturgesetze sind für immer gültig. Gültig, also von bleibender Aussagekraft, sind sie zwar schon – aber eben nicht für immer. Deshalb pikiert sich Wittgenstein ja auch so schön und schreibt von „sogenannten“ Naturgesetzen. Dennoch dürfte den physikalischen Gesetzen wohl noch am ehesten Beständigkeit zugetraut werden. Der Modellcharakter von Beschreibungen der Naturwirklichkeit wird dabei gerne übersehen. Sie haben zumeist innerhalb eines Menschenlebens Gültigkeit, und das bedeutet quasi für immer. Wer also nach etwas sucht, das nicht nur von langer Dauer, sondern für immer gilt, wird eher bei den großen Religionen fündig. Die lange Dauer als Wert an sich reicht aber vielen schon aus. Zu denken wäre an die Kostbarkeit lebenslanger Freundschaft, eines unbefristeten Arbeitsvertrages oder an die guten alten Traditionen. Wie viel Zeit opfert jemand einem anderen oder einer anderen Sache? – In solchen Dimensionen dachte man wohl nur in einer Zeit, die „gelten“ mit „Opfer entrichten“ gleichsetzte, in der Epoche des Mittelhochdeutschen. Das lange Leben, gut, das gilt für viele immer noch als besonders wertvoll – die Lebensspanne will aber immer wieder neu und anders unterteilt werden. Viele Freunde, diverse Jobs, neue Erfahrungen. Die Kontinuität der alten Gewohnheiten soll wieder und wieder aufgebrochen werden, denn damit vermag man sich heute immer Geltung zu verschaffen. Diese Art Geltung ist inzwischen käuflich wie Waschmittel oder Kaugummi: Neben dem Escortservice gibt es Dienstleister, die Freunde für Partys vermieten, oder – die günstigere Variante – man lässt sich zu einer vorher vereinbarten Zeit einfach durch einen Agenturmitarbeiter auf dem Handy anrufen. Das suggeriert ebenfalls große Nachfrage nach der eigenen, wichtigen Person. Die Sparversion ist, den Terminkalender mit Phantasieterminen aufzufüllen. Soziales Kapital!

Für den Warenmarkt gilt dieses Prinzip schon lange. Dabei beschleunigt sich nicht nur der Wechsel der Kleidermoden; auch die Einrichtungs-, Automobil-, Kosmetik- oder gar Pharmakamoden wirbeln so schnell durch die Auslagen der Schaufenster, dass man sie kaum zu fassen bekommt. Medizin und Kosmetik fließen derzeit regelrecht ineinander über: Am besten verkaufen sich Kosmetika, die wie Arzneimittel verpackt sind. Innovation! Kreativität!

 

Immer wieder neu
Dann gibt es aber auch diejenigen, die weder nach dem Ewiglichen noch nach dem ewig Neuen suchen. Für sie bekommt das Leben nicht aufgrund der bloßen langen Dauer – diese ist kein Naturgesetz, sondern eher ein willkürliches Gesetz der Natur – einen Wert an sich. Wie sagte schon Cicero: „Jedes Lebensalter hat seine bestimmte Grenze, nur das Greisenalter nicht.“ Das Greisenalter kennt keine Steigerung.

Dem Leben nur um des Lebens willen huldigen und ein langes Leben als persönliches Verdienst ansehen? – Nein, es gibt schon einige, die umgekehrt das dumpfe Gefühl durchwühlt, in einer Welt zu leben, die sich für immer gültige Rahmenbedingungen geschaffen hat, aus denen einfach nicht auszubrechen ist. Und die auch ziemlich schwer zu benennen sind. Immer wieder neu für immer! Diese über Generationen und Epochen hinweg erschaffenen undurchsichtigen Rahmenbedingungen sind zwar keine Naturgesetze, sie kommen uns aber ob ihrer Unveränderbarkeit häufig so vor. Es kann kein Subjekt ausgemacht werden, auf das man zeigen kann und sagen: Der hat die Rahmenbedingungen gesetzt. Je unbedingter aber ihre Wirkung, umso stärker wird der Ruf nach Veränderung laut.

„Immer wieder neu“ ist das Paradigma der Reform. Eine scheinbar gewaltlose Umgestaltung bestehender Verhältnisse. Die Umgestaltung kann aber nur auf Dauer gestellt werden, wenn sie – beinahe ihrem eigentlichen Wortsinne nach – immer wieder rückgestaltet wird. Repetitionen, die wie sanfte Hammerschläge auf uns einnicken. Die Zahnbürste bleibt Zahnbürste, ein alltägliches Hygiene­utensil, erscheint aber in immer wieder neuen Farben, Formen und Zusatzfunktionen. (Jetzt auch mit Massagefunktion für den Wellnessfaktor bei der Reinigung).

Innovation heißt eigentlich Neues ohne ganz Neues. Das Zauberwort der Unternehmensberater und Parteiprogrammdesigner meint schlicht Veränderung oder Erneuerung. Nur solche kleinen Mogelpackungen – etwas wird als neu angepriesen, wäre aber ohne das Anpreisen gar nichts Neues – funktionieren immer wieder, quasi für immer. Das Rezitieren von Innovationsmantras scheint von einem Substanzverlust vieler Produkte flankiert zu werden.

Der Philosoph Slavoj Žižek hat darauf hingewiesen, dass der Konsumgütermarkt uns derzeit mit Waren überschwemmt, die sich ihrer Substanz beinahe vollständig entledigen: Cola-light, fettreduzierter Käse, Bonbons ohne Zucker, koffeinfreier Kaffee, Bier ohne Alkohol, nikotinarme Zigaretten etc. Substanzlosigkeit löst ein unstillbares Begehren nach Substanz aus, und um dieses Begehren aufrechtzuerhalten, wird reflexartig nach Light-Produkten gegriffen. Auf die Unstillbarkeit kommt es an.

Bricht die Folge von kleinen Veränderungen kurzfristig dennoch einmal ab, versucht man dies durch Oden an die Innovationsfreude zu kompensieren. Begleitet wird die Hymne von einem Lamento, und wir lesen, es gebe gerade einen Reformstau. Irgendetwas hat sich quergestellt, eine Panne blo­ckiert den Fluss des freien Waren-, Güter- oder Dienstleistungsverkehrs. Betriebsräte und Gewerkschaften können hier durchaus mal zu absichtlichen Geisterfahrern werden und den Stau künstlich hervorrufen. Also müssen Raststätten her, um die Beteiligten durch Rast fit und vom Gegen-den-Strom-Fahren fern zu halten. „Sammelt euch, damit’s gleich wieder weitergehen kann“. In Autobahnkapellen, in denen der Karrierecoach die mentale Regeneration zelebriert.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die erste Runde der knallpeinlichen Imagekampagne Du bist Deutschland, die ebenfalls mit der Autobahnmetapher hantierte. Der einzige Wert, den die Kampagne damals auf ihrem Homepage-Manifest zu vermitteln versuchte, bestand in dem Imperativ: „Wie wäre es, wenn Du dich mal wieder selbst anfeuerst? Gib nicht nur auf der Autobahn Gas. Geh’ runter von der Bremse! Es gibt keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Deutschlandbahn. Frage dich nicht, was die anderen für dich tun. Du bist die anderen.“

Innegehalten wurde hier nicht durch religiöses oder esoterisches Auftanken überholspurgestresster Raser, sondern durch den gelegentlichen Rückzug in – ebenfalls auf der Website angepriesene – karitative Projekte. Die Raststätte heißt Engagement fürs Soziale, um den Staat weiter zu verschlanken. Auch hier lautet der substanzverlorene Imperativ: Staat ohne Staat. Je mehr die Gesellschaft sich selbst hilft, desto dürrer wird der Staat.

Bis Mitte der 90er-Jahre gab es in Deutschland eine enorm hohe Staatsquote, seit 10 Jahren nimmt sie stetig ab, und 2007 hat sie sich verringert wie nie zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Reformbeschwörer freut’s! Nun, von Magersucht kann bei einer Staatsquote von ca. 45% (für Deutschland, in Österreich liegt sie noch bei ca. 49%) zwar nicht gesprochen werden, eine Abmagerungskur hat es aber definitiv gegeben. Vielleicht führt ja gerade dieses Hungern zu höherer Aggressivität nach außen? Die Ausgaben für Außen- und Sicherheitspolitik sind sowohl in Deutschland als auch in Österreich kontinuierlich aufgestockt worden.


Gegen für immer wieder
Ende Oktober 2007 entflammte eine Debatte, die erst auf den zweiten Blick genau um das Thema Substanz bzw. Substanzverlust kreist. Über zweihundert Jahre nach dem Sieg der Französischen Revolution schien ihr Nutzen für moderne Gesellschaften umstrittener denn je. Die Ereignisse um 1789 verursachten bekanntlich einen weit über das Religiöse hinausgehenden Säkularisierungsschub der Gesellschaft. Der Glaube an die Macht der Religion war nach den Diskussionen der Salons des Ancien Régime ohnehin im Schwinden begriffen. Bald stößt das renitente Volk auch noch den gottgleichen Monarchen vom Thron. In der wieder einmal aufflammenden Debatte um die historische Bewertung und die Folgen des 14. Juli stehen sich heute zwei Positionen nahezu unversöhnlich gegenüber. Die einen erkennen, dass Säkularisierung ohne Gewalt nicht zu erreichen ist. Die anderen glauben an eine Säkularisierung ohne gewaltsame Umwälzung. An die Stelle des abgeschlagenen Königshauptes ist in der Folge der Französischen Revolution eine gewisse Leere getreten. Dieser Aspekt der Leere wurde bei der Gewalt- und Terrordiskussion allzu leicht übersehen. Der Verlust der absoluten Monarchie bedeutet nämlich, dass von nun an bei allen weiteren Versuchen, ein bürgerliches Gemeinwesens zu legitimieren, diese leere Stelle nur vorübergehend – für immer wieder neu! – besetzt werden kann und darf. So ist eine Verfassung bzw. die auf deren Grundlage gewählte Regierung weder transzendent noch ewiglich. Sie muss stets aufs Neue zur Diskussion gestellt werden können. In einer Demokratie stehen Gott oder ein Monarch seit der Französischen Revolution lediglich neben dieser leeren Stelle. Kirche, König bzw. Königin oder ehemals herrschendes Fürstenhaus verleihen gegebenenfalls ein wenig Glamour, vermögen sie aber nicht mehr substanziell zu füllen. Die Gestalt der Gesellschaft bleibt somit für immer notwendig unabgeschlossen, unvollständig, diskontinuierlich und beweglich.

In der Bewertung dieses Phänomens scheiden sich seit über zweihundert Jahren die Geister. Die Vertreter der einen Position sehen es als große Errungenschaft, die uns in vielen Bereichen ein Mehr an Freiheit bescherte. Die Exponenten der anderen Fraktion empfinden gerade diese symbolische Leere als herben Verlust. Dabei scheint es gar nicht so einfach zu sein, das, was da verlustig ging, zu konkretisieren. Denn eine Sehnsucht nach dem Gottesstaat oder einem absoluten Monarchen dürften nur noch wenige verspüren. Etwas Substanzielles, eine Art Lebensinhalt sei ihrer Ansicht nach verloren gegangen. Pathetischer formuliert: Etwas Echtes ist ihnen abhanden gekommen, das wohl heute – nachdem mit dem Ende des Kalten Krieges herkömmliche, sinnstiftende Feindbilder verlorengingen – erst richtig spürbar wird. Während die einen sich bisweilen lustvoll in den Prozess des immer wieder Neuerfindens von gesellschaftlichen Konflikten stürzen, scheint die anderen die Relativierbarkeit eben dieser Konflikte zu ermüden oder schlicht zu langweilen. Die einen halten daran fest, dass nur Konflikte gesellschaftliche Integrationskraft freizusetzen vermögen. Wir streiten beispielsweise über Auslandseinsätze von Bundesheer bzw.

-wehr und erarbeiten uns über eben dieses Streiten überhaupt erst ein „wir“. Die andere Position macht darauf aufmerksam, dass diese allzu häufig talkshowgeschürten Konflikte nichts als die ewige Wiederkehr immer gleicher Leere und Bedeutungslosigkeit darstellen.


Von St. Just zu Hitler
Hier wird nach dem, woraus die Gesellschaft besteht, oder genauer, bestehen sollte, geforscht. Dort wird auf eine Zivilgesellschaft gesetzt, die Macht über sich selbst ausüben soll. Warum aber schauen die Substanzsucher so sehnsuchtsvoll auf die vermeintlich gute alte Zeit? Ein wichtiger Grund liegt in der düsteren Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Ein Kurzschluss von Französischer Revolution zu Faschismus, von St. Just zu Hitler, definiert jegliches nach vorn blickendes Wahrheitssuchen von vornherein als totalitär. Durch diesen Kurzschluss wird somit um der eigenen Argumentation willen eine Suche nach Echtheit in der Gegenwart verhindert und verkannt, dass das Echte des Ancien Régimes für die Mehrheit der Menschen nur echt unangenehm war. Die einen wollen keinen leeren Ort, sie möchten zurück und hätten gern ein „für immer die alten Zustände“. Die anderen wollen „für immer“ immer weiter. Obwohl die Positionen unversöhnlich sind, scheint für beide das Zauberwort „Reform“ zu heißen. Auf der einen Seite wird eine Wertereform durch Leitkultur oder den Bezug auf die Kulturnation angestrebt. Auf der anderen Seite werden Werte zugunsten einer permanenten Reform verhöhnt. Die Nebenwirkung dieser Position der Reform in Permanenz liegt ironischerweise darin, dass schließlich keine Reform mehr wirkliche Veränderung nach sich zieht. Es ist somit gerade das Gebot, die Leerstelle um jeden Preis leer zu halten, die den Status Quo einbetoniert.

Doch gibt es nicht auch wirkungs- und sinnvollere Konflikte wie den Streit um Risiken und Nebenwirkungen solch brachialer Umwälzungen wie der Französischen Revolution? Es kommt wohl darauf an, in welchem Maße man bereit ist, auf die neue Gretchenfrage – „Wie hältst Du’s mit der Revolution?“ – eine Antwort suchen zu wollen. Die Diskussion zeigt echte – Substanz! – Konfliktlinien auf, die zwar keine integrative Kraft besitzen, aber vorhandene Positionen überhaupt erst sichtbar und voneinander unterscheidbar machen. Aus dieser Perspektive sitzen der Schriftsteller Martin Mosebach, Büchner-Preisträger 2007 und Fan des Gleichsetzens von Ungleichem, und der Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel nicht, wie manch einer bereits vermutete, im selben Boot. Mosebachs Pharmakon gegen die Risiken und Nebenwirkungen der Französischen Revolution heißt „Literatur“, während Henkel auf ein Placebo setzt: Die Pille ohne Substanz, die lediglich das Hungergefühl blockiert und so auf die schlanke Linie des Staates schielt.

 

Grundgesetz Artikel 139
Henkels ehrenamtlicher Verein „Konvent für Deutschland e.V.“ stellt ebenso wie die zahlreichen anderen mit Millionenbeträgen vergüteten Wirtschaftslobbygruppen innerhalb dieser Debatte eher den lachenden Dritten dar: Reform ohne Reform ist genau das, was sie brauchen, denn sie bekommen Geld bzw. Aufmerksamkeit dafür, die Reformdebatte aufrechtzuerhalten. Es darf weder eine Reformmüdigkeit unter Entscheidungsträgern geben – die reformmüden Massen spielen hier keine Rolle –noch eine echte Reform. Das Beispiel des verkaufs­offenen Sonntags zeigt: Ein ganzer Tag Rückzug für alle wäre für die Gesamtwirtschaft ebenso schädlich, wie regelmäßig einen Tag die Autobahnen komplett zu sperren. Der Verweis auf das Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen!“ konnte sich bisher kaum Geltung verschaffen. Anhänger der Position, für die abstrakt gesehen Mosebach steht, dürften sich tendenziell gegen einen verkaufsoffenen Sonntag aussprechen, während Henkel schon vor etlichen Jahren bei IBM sogar die Sonntagsarbeit – 1989 im Werk Böblingen – einführte. Da aber das deutsche Grundgesetz in seinem Artikel 139 festlegt, „der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“, braucht sich hier die Kirche als größter Gegner des Sonntagsshoppings nicht einmal auf ihre stärkste Waffe, die Religion, berufen. Es genügt, das Recht anzurufen! Das Recht allerdings scheint bisweilen selbst nach dem Paradigma der Reform zu funktionieren und es bleibt abzuwarten, ob nicht der Artikel 139 demnächst geändert wird. Wie könnte man aus dem Reformräderwerk heraustreten ohne sich auf die vermeintlich guten alten Werte zu beziehen?


Ein anderes immer wieder
Der Streit zeigt, dass es Unüberbrück­bares gibt, mit dem man leben kann und muss. Somit kann vielleicht gerade dieses Unüberbrückbare als gesuchte Substanz aufgefasst werden. Es braucht ja nicht immer alles mit allem verbunden, gleichgesetzt und zum Konsens geführt zu werden. Und, ja, es ist langweilig, in einen unendlichen Konfliktwettbewerb zu treten. Beide Positionen erinnern irgendwie an eine Tagebuchnotiz Franz Kafkas aus dem Jahre 1922, in der er stöhnt, dass sein „Leben bisher ein stehendes Marschieren war“.

Spannend sind die echten Konflikte, die das „quasi für immer wieder“ in einem neuen Licht erscheinen lassen und so das Kunststück einer qualitativen Veränderung – im Gegensatz zur stationären Bewegung – vollbringen. Hat die Französische Revolution ihren Schatten auf unseren Boden geworfen, den wir nimmermehr verlassen können? Bei diesen Konflikten sollte ruhig noch ein wenig verweilt werden, bevor wieder nach neuen Aufregern gesucht wird!