schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 16 - für immer speicherwahn
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/16-fur-immer/speicherwahn

speicherwahn

peter glaser | speicherwahn

Manche fürchten, dass sie Daten verlieren. Andere hoffen darauf

Von Mobiltelefonen konnten Computer eine ganze Menge lernen – bis vor kurzem jedenfalls. Die alten Handys beherrschten nämlich eine große Kunst: das Vergessen. Inzwischen kann man sie mit zunehmend großen Speicherkarten ausstatten. Davor jedoch konnte man auf einer kleinen SIMcard außer seiner Telefonliste gerade mal eine Handvoll SMS speichern. War die Karte voll, mußte man Nachrichten löschen. Newsjunkies und Blogger horten heutzutage Textvorräte, als läge das Durchschnittsalter des Menschen bereits bei 500 Jahren. Sicherheitsbehörden würden am liebsten jedem Neugeborenen einen jener Funkchips implantieren lassen – Stichwort RFID –, die in den kommenden Jahren aus der Warenwirtschaft ein datenschwirrendes Paletten-Internet machen werden. Da wir, mit einem Wort, im Zeitalter des kompletten Speicherwahns leben, ist die Kunst des Vergessens, in der die Mobiltelefone uns unterwiesen haben, vorbildlich und zukunftsweisend.

 

1.000 Fotos pro Haushalt
Das unmäßige Alles-Aufheben begann schon in der PC-Frühzeit. Auch wenn man seine Software-Favoriten gefunden hatte, behielt man nicht nur die eine, ständig benutzte Textverarbeitung oder das eine Kopierprogramm, das man auch tatsächlich einsetzte, sondern alle, derer man jemals habhaft geworden war. Heute können die Hersteller von Festplatten und anderen Speichermedien gar nicht so schnell liefern, wie der Platz auch schon wieder vollgestopft ist. Eine Untersuchung der „US Photo Marketing Association“ ergab, dass der amerikanische Durchschnittshaushalt beispielsweise knapp 1.000 Digitalfotos vorrätig hält – die Ausbeute von drei oder vier Jahren, gespeichert auf CDs und DVDs, auf Festplatten und bei Webdiensten. Bei uns in Europa wird es nicht viel besser sein. Und das ist nur die Spitze des Speichereisbergs.

Die forcierte Neigung, nichts mehr zu löschen und auch noch die verwackelten Fotos, sämtliche Manuskriptversionen undsoweiterundsofort aufzubewahren, führt zu einer gefährlichen kulturellen Transformation. Denn nicht nur die Individuen sammeln Daten wie verrückt, auch Unternehmen und Behörden. Und Computer, vor allem in vernetzter Form, vergessen nicht. Was ich vor Jahren ins Netz geschrieben habe, ist mit unveränderter Leuchtkraft zu lesen. Vor allem: Es hält starr und statisch einen Zustand meiner Persönlichkeit fest, die sich längst weiterentwickelt hat. Das Netz besteht darauf, dass ich immer noch so bin, wie ich mal war. Es ist unflexibel und ultrakonservativ.


Fade out
Das Vergessen ist nicht nur eine wichtige Funktion jeder biologischen und kulturellen Entwicklung. Einiges von dem, was unsere Zivilisation ausmacht, wäre nicht denkbar ohne das Vergessen. Wenn einem Menschen ein Elefantengedächtnis nachgesagt wird, verheißt das nicht nur Gutes – man empfindet so jemanden bisweilen als nachtragend und engherzig. Auch Resozialisierung oder Vergebung sind veredelte Formen des Vergessens.

Um wie viel einfacher wäre die Handhabung der Informationsgischt, die ständig an unsere Bildschirme brandet, wenn Dateien ebenso altern und vergehen würden wie das Laub auf Bäumen oder verblassende Gedanken. Auch Viktor Mayer-Schönberger, Professor an der „JFK School of Government“ in Harvard, hält es für nötig, dem Vergessen wieder gebührend Geltung zu verschaffen. Es müsse eine fundamentale Eigenschaft von Daten werden, dass sie – wenn nicht anders und begründet festgelegt – nach und nach ein selbständiges fade out vollziehen und nach dem Erreichen eines gesetzlich definierten Verfallsdatums vergessen werden.

„I can’t forget“, heißt es in einem Lied von Leonard Cohen, „but I don’t remember what.“