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stop motion!

alexandra rollett | stop motion!

Plädoyer einer Teilzeit-Fortbewegungsdissidentin

Das Credo des heutigen Menschen, die permanente Erweiterung seiner Selbst- und Weltverfügung, setzt eine zunehmende physische und psychische Beweglichkeit voraus. Flexibel, mobil, spontan und im lebenslangen Weiterbildungsprozess begriffen wechseln wir Job, Wohnort und Lebenspartner wie die Unterhosen und entdecken an uns täglich eine neue Seite, während die von gestern ins Altpapier wandert, um einige Zeit später recycled und chlorfrei gebleicht mit unserem neuen Identitätsentwurf vollgekritzelt zu werden. So bleibt alles an uns in Bewegung. Peter Sloterdijk nennt das einen kinästhetischen Exis­tentialismus, „der den Satz ‚sei du selbst’ in die Maxime formt: ‚Werde die Bewegung, die du bist’“.

Der erste Schritt dorthin wurde bereits Generationen vor uns vollzogen: Jeder Autobesitzer identifiziert sich mit seinem fahrbaren Untersatz. „Ich stehe in der Kurzparkzone“, meint der Herr am Kaffeehaustisch zu seiner aufdringlichen Begleitung, „ich will nicht abgeschleppt werden.“

Ich habe kein Auto und daher oft keine Ausreden parat. Allerdings gelten Parkplatzprobleme bei der Bewegung, die man ist, laut Sloterdijk ohnehin nicht als Entschuldigungsgrund. Für sie „ist Unaufhörlichkeit bestimmend; somit kann Bewegung als Subjektivität alles, nur nicht nicht weitergehen.“ Wir brauchen uns selbst also nicht einzuparken – der ausschlaggebende Unterschied zwischen Mann und Frau muss in diesem Bereich folglich woanders gefunden werden.

Falls wir dennoch irgendwo kurz halten, um uns das nächste Skript für den Fernlehrgang „Selbstmanagement“ zu besorgen, sollten wir auf keinen Fall vergessen, die Scheinwerfer auszuschalten: „Meine Batterie ist leer, mein Motor springt nicht an“, ist in kin­ästhetisch-existentiellem Sinne ein Todesurteil.

 

Preis der Selbstmotivation
Den Motor des Selbst auf Dauerbetrieb zu halten, strengt an. Der Preis permanenter Selbstmotivation wird zwar nicht direkt von der OPEC vorgegeben, seine Schwankungen können dennoch enorm sein. Nebelige Novembertage in Kombination mit der Tatsache, dass man nun bald Weih­nachtsgeld bekommen könnte, wenn man doch bloß angestellt wäre, lassen zum Beispiel den benötigten Treibstoff beinahe unerschwinglich werden. Zum Glück hat Herr Sloterdijk uns gleich einen kleinen Tipp mit auf den Weg gegeben, wie man dieses lebenslange Vorwärtskommen kraftschonend betreiben kann: Man stelle sich auf eine Rolltreppe und „ohne Anstrengung geht es automatisch voran.“ Allerdings will ich persönlich aus Gründen, die ich Ihnen weiter unten gern erklären will, nicht unbedingt hinauf. Ich nehme statt der Rolltreppe lieber das Fließband, das mich schnell und bequem auf ebener Erde zur nächs­ten Station transferiert. Meine Erfahrung kann so unentwegt durch die Gegend fahren, ohne müde zu werden. Ich muss auch niemals auf sie zurückgreifen, um etwaige Richtungsentscheidungen zu treffen: Am Fließband geht es immer nur geradeaus.


Transportiert-Werden
Karl Philipp Moritz konstatiert in Reisen eines Deutschen durch England die negativen Auswirkungen des Transportiert-Werdens auf die Wahrnehmung des Subjekts. Er meinte, dass nur derjenige, der seinen Standpunkt „in freier, selbsttätiger Bewegung wählt“, das Ganze erfassen und ihm Rechnung tragen kann. Aber was fange ich mit einem Ganzen an? Wer will schon etwas erfassen, das ein Fass ohne Boden ist und dessen Inhalt, der als einziges am Ganzen interessiert, längst über die Wiese in den Mainstream geflossen ist? Nichtsdestotrotz würde ich manchmal ganz gern einen frei gewählten Standpunkt einnehmen. Nur so, aus reiner Nostalgie, als Reminis­zenz an hitzige Politdebatten, ideologieverbrämte Beziehungskriege und wilde Glasflaschen-oder-Tetrapak-Streitereien. Das aber will meine weitgereiste Erfahrung nicht. Sie mag sich nicht an einen Ort binden und dann tun müssen, was der Ort verlangt. Sie ist gegen eine restriktive Einschränkung der individuellen Persönlichkeitsentwicklung. Sie ist ja noch so fit und will weiterfahren. Außerdem sind doch die meisten Standpunkte schon besetzt. Ich will niemandem den seinen streitig machen, ich möchte mir auf keinen Fall einen teilen, ich will nicht nehmen, was übrigbleibt. Und überhaupt: Was nützt es mir, wenn ich hoch oben am Standpunkt den Überblick habe, aber ständig damit beschäftigt bin, das Gleichgewicht zu halten, weil man mir den Boden, auf dem sich mein Standpunkt befindet, unter den Füßen wegzuziehen versucht? Wenn ich den Boden vom Fass – des Ganzen, Sie erinnern sich? – nicht haben kann, so brauche ich wenigstens den unter meinen Füßen. Außerdem ist die Luft dort oben relativ dünn. Kurzatmig von einem Beinahe-Kollaps zum nächsten hechelnd wird man von einer Unzahl flüchtiger, rasch wechselnder Informationen und Neuigkeiten bombardiert, die man nicht verarbeiten kann, selbst wenn man es wollte. Die Nähe hier oben kennt keine Intimsphäre, man hat keine Zeit, scharfzustellen und macht von allen laut kreischenden Hiers nur ein paar verwa­ckelte Schnappschüsse. Ich habe es noch nie geschafft, sie auf Foto-CD zu brennen, weil sie kein PC-kompatibles Format aufweisen. Man muss sich fest in den Felsengrund verbohren und mit enganliegenden Stirnbändern und festsitzenden Ohrenschützern vor der Außenwelt schützen, um sich hier oben länger zu behaupten. Das schaffen die wenigsten. Da ist es weitaus bequemer, sich auf den Fließbändern von einem Fuß des Berges zum nächsten transportieren zu lassen, stets in Fahrt, stets in Bewegung, um die Aussicht auf diejenigen, die sich oben befinden, zu bewundern. Manchmal habe ich Lust, mich den Massentransportmitteln zu verweigern, vom Fließband abzuspringen und individuell meinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Einsam und isoliert vom Lauf der Welt und dem Highway der gesellschaftlichen Entwicklungen kommt man zwar nicht wirklich weiter, aber man fühlt sich so nett individuell. Da ich nicht die Einzige bin, die so agiert, hat die Marktwirtschaft aus uns Teilzeit-Fortbewegungsdissidenten bereits Kapital geschlagen: Malerisch in den Tälern gelegene Global Villages mit gut beschilderten Spazierwegen laden zum Flanieren ein. Angeschlossen an alle existierenden Infrastrukturen bieten diese Einrichtungen jedem genügend Freiraum und Webspace zur persönlichen Entfaltung. Damit die Erfahrung, die die Fahrt nicht mehr aushält, kein schlechtes Gewissen bekommt, kann man sich mittels eines angemieteten Portable-TVs bequem im Gehen über den Zustand der restlichen Welt informieren. Im Fernsehen kann man die Welt verdauungsschonend, da nährstoffreduziert aufbereitet, konsumieren. Nur auf das Zähneputzen darf man nicht vergessen. Schließlich wird der Tag kommen, an dem man sich an der Wirklichkeit wieder die Zähne ausbeißen will. Mal kurz nicht Menge, nicht Transportgut sein, sich auf sich selbst besinnen, konsumieren, was man während der Fahrt nicht konsumieren kann, – und dann gleich weiter, denn für einen längeren Aufenthalt sind diese Erholungsanlagen nicht geschaffen. In den Alleen ist es dunkel und still. Die fiesen Hecken an den Wegrändern beginnen nach einiger Zeit, aufeinander zuzuwachsen. Das Laubdach der Bäume wird immer dichter und niedriger, die morschen Äste drohen, einem beim leisesten Windhauch auf den Kopf zu donnern. Dann muss ich wieder raus, rauf aufs Förderband. Manche müssen das nicht. Sie warten, bis die Blätter ihnen auf den Kopf fallen, nehmen immer mehr ab, um im schmalen Raum zwischen den Büschen noch Platz zu haben und werden von da ab als depressiv bezeichnet. Die Depressiven und die Spazierwegbetreiber gehören zu den wenigen Einheimischen dieser Welt. Wobei gesagt werden muss, dass es Letztere als Franchisenehmer einer weltweit agierenden Freizeitpark-Kette auch nicht immer leicht haben und sich oft überlegen, auf Sozialprestige und Fixeinkommen zu pfeifen, um mal für den ein oder anderen Lebensabschnitt Fließband oder Rolltreppe zu fahren.


Wenn wir Planeten wären
Muss man denn wirklich immer weiter, um in Bewegung zu bleiben? Wenn wir alle Planeten wären, könnte ich das Fortkommen der anderen als Stillstand definieren und mich selbst, indem ich hier hocken bleibe, immer weiter bewegen. Nur blöd, dass sich so was verdammt schnell herumspricht: Irgendwann würden sich alle irgendwo niederhocken und mich damit zum Halten zwingen. Und dann ist nichts mehr mit Galileo Galileis „Und sie bewegt sich doch!“