schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 16 - für immer was bleibt
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/16-fur-immer/was-bleibt

was bleibt

Kerstin Kempkers Roman "Die Betrogenen" setzt auf die Schönheit


Kerstin Kempker: Die Betrogenen

Kitab-Verlag 2007

Rezensiert von: hermann götz


Der Kärntner Kitab-Verlag hat sich nicht die Mühe gemacht auszuweisen, von wem die Umschlaggestaltung zu Kerstin Kempkers Roman Die Betrogenen stammt. Das ist insofern verständlich, als der grün-blaue Band mit dem namenlosen Gemälde am Cover sagen wir: nicht wirklich von hohen ästhetischen Ansprüchen zeugt. Schade. Denn in Kempkers Roman kommt der Schönheit eine große Rolle zu.
Kempkers heimliche Hauptfigur Maria setzt auf die Schönheit. Sie, die zeitlebens Blumen verkauft hat, findet sich nach der Pensionierung im Duft, in der lebendigen Kraft der Blumen wieder. Was gemeinhin als stumme Schönheit betrachtet oder beschrieben wird, stellt Kerstin Kempker uns als eine beredte Kraft vor, die es Maria möglich macht, Pflanzen, Blumen als lebendige Wesen zu erfahren, ihnen zu begegnen wie dem Blick, der Stimme eines Menschen. Die Schönheit hört hier auf (nur) schön zu sein, sie ist viel mehr. Für Maria wird die Gegenwart der Pflanzen zu einem Glück, zu einem Zauber, der es ihr möglich macht, Menschen – nein: nicht zu übersehen, sondern „zum Verschwinden zu bringen”.

Aufzeichungen einer Toten
Kerstin Kempker lässt Maria ihre Geschichte selbst erzählen: Sie gibt uns Einblick in die Aufzeichnungen einer Toten. Kempker beschreibt, wie Lena, eine Mathematikstudentin, die Marias Mann Leo dafür bezahlt, dass sie Ordnung in die Hinterlassenschaft seiner Frau bringt und in sein Witwerdasein, dem seltsamen Sog erliegt, der von Marias Aufzeichnungen, Marias Pflanzen, Marias Person ausgeht. Und von ihrem Schatten. Der Schatten Marias im Leben ihres Mannes wächst mit den unzähligen Fragen eines Zusammenlebens, das der Wortlosigkeit verpflichtet war. Die Worte zwischen Maria und Leo, sie haben sich nicht erübrigt, sie sind viel mehr übrig geblieben, unbrauchbar geworden. Besonders jetzt, wo Leo sie brauchen würde, um sich Marias Tod zu erklären, klar zu kommen mit ihrem plötzlichen Verschwinden. Dabei soll ihm Lena helfen. Doch Lena versteht, scheint es, viel mehr. Sie sieht einen Weg, Maria zu folgen. Nicht in den Tod, sondern in jenes Leben, dem Marias Sehnsucht galt. Ihr Freund Jan wird dabei auf der Strecke bleiben. Wahrscheinlich.

Die Betrogenen – das sind Leo und Jan, das sind Maria und Leo, das sind Leo und Lena. Lauter Übriggebliebene. Was bleibt, ist die Schönheit. Vielleicht.
Auch Kempkers Sprache setzt auf die Schönheit. In den Lena- und den Leo-Sätzen gerät ihr die Erzählung dabei plastisch, sinnlich und schlicht zugleich. In den Aufzeichnungen Marias wirkt derselbe Ton aber unwirklich, zu überlegt, zu überlegen, zu kunstvoll auch. Und Lena, die Mathematikerin, begegnet auf den Spuren Marias einem Gewächshaus-Clochard, der sich als philosophierender Physiker outet. Ein Geheimnisträger, der ebenso gut im Reich der Klischees hätte bleiben können. Die Schönheit der Erzählung wäre ohne diesen Aufputz ausgekommen. Aber Kempkers Roman ist auch ein Märchen. Das wollen Zutaten wie diese wohl sagen. Und wirklich: Das leise Glück dieser Geschichte ist märchenhaft, ihre Traurigkeit aber lässt keine Illusionen zu: Betrogene können wir alle sein.