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aus liebe zur arbeit?

nina goldfisch | aus liebe zur arbeit?

Jäger Schnitzel, Gulasch, Spieß, Cordon bleu, Schweinsbraten mit Semmelknödel …


Wer nach Abschluss des Studiums keinen Job findet, versucht, den Einstieg ins Berufsleben über ein Praktikum zu schaffen. Für ein Praktikum muss man sich mittlerweile denselben Bewerbungsverfahren stellen wie bei „richtigen“ Jobs. Je anspruchsvoller das Arbeitsfeld, je besser der Ruf eines Unternehmens, desto mehr wird vorausgesetzt, desto mehr Mitbewerber müssen übertrumpft werden. Nur in zwei Punkten unterscheiden sich Praktika noch: Bezahlt wird wenig bis nichts, und der Druck ist höher als in „normalen“ Dienstverhältnissen. Das klare Ziel der meisten Praktikanten und Praktikantinnen ist eine Anstellung, und um das zu erreichen, dürfen weder Arbeit noch Überstunden gescheut werden. Das gilt für begehrte und angesehene Jobs im Medien-, Wissenschafts- oder Kunstbereich und junge Menschen genauso wie für ältere Menschen in weniger angesehenen Jobs.

Corinna arbeitet als Deutschtrainerin für ein Wiener Institut, das mit dem österreichischen Arbeitsmarktservice (AMS) kooperiert und in – wie es so schön heißt – arbeitspolitischen Maßnahmen aktiv ist. Ihre Klientel: Migrantinnen aus vorwiegend muslimischen Ländern. Sie sollen möglichst rasch ein alltags­taugliches, berufsbezogenes Deutsch lernen, um schnell an den Arbeitsmarkt vermittelt zu werden. Die Jobsuche beginnt offiziell zwar erst nach den Deutschkursen, in der sogenannten Berufsorientierungsphase. Corinnas Institut begrüßt es jedoch, wenn „Berührungen“ mit dem Arbeitsmarkt von Anfang an stattfinden. Die Information über offene Stellen ist daher eine von Corinnas Pflichten. Sie verliest in ihren Deutschkursen regelmäßig E-Mails, in denen Praktika oder Jobs angeboten werden. Vergangenen Freitag war das Interesse bei einer E-Mail aber größer als sonst.

Die Autospenglerei, die da gerade nach Praktikantinnen für den Sommer sucht, ist ein Tochterunternehmen des Instituts, in dem die Frauen aus Ägypten, der Türkei und Serbien Deutsch lernen. Sie haben bis jetzt nur Gutes über dieses Institut und Corinna zu berichten und vertrauen dem Satz in der E-Mail – „eine spätere, zeitlich allerdings befristete Anstellung ist nicht ausgeschlossen“, steht da zu lesen.

Bei dieser Autospenglerei handelt es sich um einen sozial­ökonomischen Betrieb, der darauf spezialisiert ist, Langzeitarbeitslose zu beschäftigen und in puncto Personalkosten daher Unterstützung vom AMS erfährt. Länger als acht Monate dauert ein Beschäftigungsverhältnis aber nicht, darum die zeitliche Befristung, erklärt Corinna. Alle von Corinnas Deutschgruppe sind an den Praktikantinnenstellen als Küchenhilfe und Reinigungsfachkraft interessiert. Nezha, Gihan, Blagica, Ayse, Gülcin, Thamara und Hatice haben ihre Trainerin daher gebeten, nachzufragen und eine Exkursion zu organisieren. Sie wollen sich gemeinsam bewerben und steigen deshalb in einen Bus am Bahnhof Wien-Floridsdorf.


Die große Chance erhoffend

Thamara ist die Einzige, der der 21. Bezirk und diese Buslinie vertraut sind, und sie übernimmt die Verantwortung für die Reise. Die anderen wohnen am anderen Ende der Stadt und kennen nicht viel mehr als das Viertel, in dem sie leben. Für eine Arbeitsstelle würden sie die lange Anfahrt aber in Kauf nehmen. Wer einmal einen festen Job hat, tut sich leichter, später etwas anderes zu finden, sind sie überzeugt. Unabhängig davon, aus welchem Land diese Frauen stammen und welchen familiären Background sie haben – den meisten ist in der fremden Heimat schnell klar geworden, dass sie beruflich hier noch einmal ganz von vorn, vor allem aber ganz unten anfangen müssen.

Nezha ist 35, stammt aus Marokko, trägt ein Kopftuch und hat in ihrer Heimat eine Ausbildung als Zeichenlehrerin absolviert. In diesem Beruf gearbeitet hat sie noch nie. Nach Abschluss der Hochschule hat sie geheiratet, ist nach Wien gezogen und hat drei Kinder geboren. Sie hat ihre beruflichen Träume zwar noch nicht ganz an den Nagel gehängt und hofft, dass sie irgendwann in Österreich als Zeichenlehrerin arbeiten kann. Bis es so weit ist, will sie aber machen, was sie kriegen kann. Im Moment: eines dieser beiden Praktika in der Autospenglerei.

Nezha ist sehr aufgeregt. Sie hat noch nie in ihrem Leben ein Vorstellungsgespräch geführt. Ihre Kurskolleginnen schon, auch in Österreich. Blagica, Ayse, Gülcin, Thamara und Hatice haben sogar in Wien gearbeitet. Blagica aus Serbien war viele Jahre Köchin und weiß, was die Österreicher gern essen. „Jäger Schnitzel, Gulasch, Spieß, Cordon bleu, Schweinsbraten mit Semmelknödel“, zählt sie auf. Sie genießt die Bewunderung Nezhas und fährt selbstbewusst fort: „Wiener Schnitzel, Pariser Schnitzel, Rindsrouladen, Apfelstrudel …“ Nezha ist verunsichert, hat sie doch auf das Küchenhilfepraktikum spekuliert. Niedergeschlagen wendet sie sich den anderen zu, die im Moment offenbar auch nur ein Thema haben: Was sie schon für Arbeitserfahrungen in Wien gesammelt haben. 

Thamara hat für verschiedene Firmen als Reinigungsfachkraft gearbeitet, putzte in Schulen und Privathäusern. Hatice und Gülcin auch. Und Ayse hat sogar in einer Bank geputzt. Nur Gihan ist in einer ähnlichen Situation wie Nezha. Sie hat aber zumindest in Ägypten gearbeitet, als Buchhalterin. Gihan hat Wirtschaft studiert. Nezha lächelt tapfer und ärgert sich ein biss­­chen über ihre Deutschtrainerin. Am Vortag hat sie Corinna gefragt, ob sie etwas kochen und mit zur Exkursion nehmen soll. Damit „die Personalchefin“ der Autospenglerei sieht, wie gut sie kochen kann. Corinna hat abgeraten und dummerweise hat Nezha auf sie gehört.


Ernüchterung

Thamara winkt ihren Kolleginnen und mahnt die Gruppe auszusteigen. Auch Deutschtrainerin Corinna. Wie die anderen war sie noch nie hier in der Gegend und ist für die Mithilfe Thamaras dankbar. Als die Gruppe in der Spenglerei ankommt, erlischt die Konkurrenzstimmung. Dicht aneinander gedrängt und verschüchtert stehen Nezha, Gihan, Blagica, Ayse, Gülcin, Thamara und Hatice am Eingang der Spenglerei und beobachten, was sich im Inneren des heruntergekommenen Gebäudes abspielt. Männer in blauen Arbeitsanzügen und mit Schutzmasken rennen hin und her. Es schallt, knallt und blitzt, dass man das eigene Wort kaum versteht. Und Ayse wird von den Gerüchen so übel, dass sie Richtung Wiese rennt und der Werkstatt den Rücken zudreht. Die anderen Frauen folgen ihr besorgt, wirken aber, als wären sie froh über den Zwischenfall. Das Gesehene macht ihnen Angst. Irgendwie haben sie sich diesen Ort anders vorgestellt. Als Frau Prammer auf sie zutritt – sie ist für die Personalangelegenheiten der Autospenglerei verantwortlich –, müssen sie aber mit. Auch Ayse.

Frau Prammer weiß, dass es für die Praktikumsstellen in dieser Gruppe mehrere Interessentinnen gibt, und sie ist entsprechend freundlich. Es passiert nicht oft, dass sie so viele Bewerberinnen hat. Sie führt die Gruppe durch die Werkstatt. Ayse hat jetzt nicht nur mit den Gerüchen, sondern auch mit der Hitze zu kämpfen. Doch diesmal wird ihr nicht schlecht.

Blagica kann es kaum erwarten, die Küche zu sehen und blickt sich neugierig um. Die Ausstattung enttäuscht sie. Es gibt nur vier Herdplatten und ein kleines Back­rohr. Andererseits wäre sie einzig für das leibliche Wohl der Belegschaft verantwortlich. Das sind 16 Personen und ist ein Kinderspiel verglichen zu früher, wo sie innerhalb kürzester Zeit Dutzende Gäste abspeisen musste. Wenn das Praktikum wirklich mit einer späteren Anstellung verbunden ist, wird sie keine Sekunde zögern. Blagica lebt seit zehn Jahren in Wien, hat die meiste Zeit schwarzgearbeitet und war noch nie versichert.

Als die Gruppe auf den Bierbänken im Gemeinschaftsraum Platz nimmt, richten sich alle Gesichter gespannt auf die sich großmütig gebende Frau Prammer. Normalerweise dauert ein Praktikum zwei Monate. Da das Interesse so groß ist, könnte sie sich aber vorstellen, die Praktika auf zweimal vier Wochen aufzuteilen. „Um möglichst viele zum Zug kommen zu lassen.“ Nezha strahlt. Ihre Chancen steigen wieder. Als Frau Prammer erklärt, dass österreichisches Essen gekocht werden soll, verschwindet ihr Strahlen aber. Wiener Schnitzel ist das einzige österreichische Gericht, das Nezha ein Begrifft ist. Blagicas Augen hingegen leuchten. Sie murmelt verschwörerisch „Jäger Schnitzel, Gulasch, Schweinsbraten“ und lächelt hoffnungsvoll zu Frau Prammer, die nun erklärt, dass die Küchenhilfe auch die Küche reinigen muss. Blagica erstarrt. Sie ist eine Köchin, keine Abwäscherin und sagt das auch. Doch ihre Worte werden nicht gehört. Frau Prammer ist zum nächsten Punkt übergegangen: Sie beschreibt, welche Aufgaben die Reinigungspraktikantin erwarten. Geputzt werden müssen der Gemeinschaftsraum, die zwei Büros, die Toiletten und die großen Fenster in der Werkstatt. Sie werden nur einmal im Jahr richtig sauber gemacht, im Sommer. Er ist die ruhigste Zeit des Jahres und geradezu ideal dafür.


Es wird ernst

Frau Prammer ist mit ihren Ausführungen zu Ende und bittet nun die Anwesenden, Fragen zu stellen. Doch es herrscht Schweigen. Ayse, Nezha, Blagica, Thamara, Gihan und Hatice blicken vorsichtig zu Deutschtrainerin Corinna, was Frau Prammer so interpretiert, dass sie nicht alles verstanden haben. Ein Irrtum allerdings. Sie haben sehr wohl verstanden, fürchten sich aber, die Rahmenbedingungen anzusprechen, das Finanzielle. Deutschtrainerin Corinna springt ein. Wie viel für das Praktikum bezahlt wird, will sie wissen. Da gerät Frau Prammer das erste Mal ins Stocken. „Nichts“, meint sie nach einigen Schweigesekunden. „Es handelt sich um ein Praktikum.“ Bei erfolgreichem Absolvieren bestehe aber die Möglichkeit, eine Anstellung zu bekommen. Man bemühe sich immer sehr, gute Leute zu halten. Frau Prammer entschuldigt sich und verschwindet. Sie will Papier und Kugelschreiber holen, um die Namen der Interessentinnen aufzuschreiben.

Als Frau Prammer die Tür hinter sich schließt, wird es laut im Gemeinschaftsraum. Die Frauen diskutieren aufgebracht auf Türkisch, Arabisch und Serbisch. Gülcin, Hatice und Gihan weigern sich, die Herrentoiletten zu putzen. Blagica will als Köchin nicht abwaschen. Und Ayse denkt nicht daran, für ein Praktikum ans Ende der Welt zu fahren, noch dazu, wo sie zuletzt in einer Bank im Zentrum geputzt hat. Für sie wäre das ein klarer Abstieg. Einzig Nezha schweigt und überlegt. Als Frau Prammer mit Papier und Kugelschreiber zurück­kehrt, wird es wieder still. „Und?“, fragt sie aufmunternd in die Runde. Sie wendet sich an Ayse und mustert sie auffordernd. Doch Ayse schüttelt lächelnd den Kopf. Sie hat kein Interesse und auch keine Lust, etwas zu sagen. Soll Frau Prammer nur denken, dass Ayse der Sprache nicht mächtig ist. Als nächstes wendet sich Frau Prammer Nezha zu. Die ist sehr angespannt und starrt ängstlich auf die Tischplatte. „Für welches Praktikum interessieren Sie sich denn?“, bohrt Frau Prammer nach. „Küchenhilfe“, so Nezha schüchtern. Frau Prammer notiert Nezhas Namen und fragt, ob sie nächste Woche anfangen könnte. Nezha blickt entsetzt auf. Nein, da hat sie Deutschkurs! Die Personalchefin ignoriert diesen Einwand und drängt weiter. Ob Nezha österreichische Speisen kochen kann, will sie wissen. Nezha schluckt und blickt hilfesuchend zu Corinna, die das Vorstellungsgespräch nun recht abrupt beendet. „Wir werden uns das mit den Praktika überlegen und Ihnen morgen Bescheid geben“, so ihre letzten Worte. Sie steht auch unter Schock, bereut, sich auf das Abenteuer Exkursion eingelassen zu haben und weiß schon genau, was sie Frau Prammer am nächsten Tag in die E-Mail schreiben wird.


Glück im Unglück

Gülcin, Hatice, Gihan, Ayse, Thamara und Blagica stehen an der Bushaltestelle und sind froh, dass sie gemeinsam hierher gefahren sind. Wären sie allein gekommen, hätten sie sich vielleicht zu einem Praktikum überreden lassen. Patricia war bestimmt allein hier, spekulieren Thamara und Gihan. Die 37-jährige Nigerianerin absolviert im Moment das Praktikum in der Küche der Autospenglerei. Thamara und Gihan kennen sie von den Deutschkurs-Pausen und erinnern sich daran, wie sich Patricia über die Bewilligung ihres Praktikums gefreut hat, ja, dass sie sie sogar darum beneidet haben. „Wie falsch man doch Dinge manchmal einschätzt! Patricia hatte heute Angst, mit ihnen zu reden. Das ist kein gutes Zeichen“, sind Thamara und Gihan überzeugt.

Nezha ist bedrückt. Ob sie das Praktikum wirklich nicht machen muss, fragt sie Deutschtrainerin Corinna nun schon zum vierten Mal. Frau Prammer hat ihren Namen auf die Liste geschrieben. Corinna versichert, dass sie das Praktikum nicht machen muss und Nezha hofft, dass die Deutschtrainerin auch diesmal Recht behält. Am Ende war sie nämlich doch froh, nichts gekocht zu haben.