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bia & marülln

Steirische Gedichte und Stanzln vom Zuzi, vom Schatzi, da Soachkrout und vom Rotz


Frith Herms: Bia & Marülln

Weitra: Bibliothek der Provinz 2007

Rezensiert von: siegfried deutsch


"Bia und Marülln" ist steirische Mundart-Lektüre, nichts für Zartbesaitete und, wie die Steirer selbst, oft ein bisschen derb in der Wortwahl. In eine Bierflasche urinierend, Engel fickend und durch die Gurgel scheißend beglückt der 1941 in Graz geborene Autor, Grafik-Designer und „Allzweck-Künstler“ herms Fritz mit seiner vierten lyrischen Publikation diejenigen, die ihn schon kennen und diejenigen, die ihn hiermit kennen lernen werden.

Wie die steirische Mundart ist #Bia und Marülln# aber keineswegs nur derb, denn da sind auch das Nachdenkliche, die Liebe, Humor und der Tod versteckt – im Buch wie im steirischen Alltag. „Mundartlich“, ungewaschen und sehr direkt verteilt der Autor auf 172 Seiten die alltäglichen Gedanken und Erlebnisse eines Steirers. In seinen Gedichten und „Stanzln“ geht es natürlich nicht ums Urinieren sondern ums Schiffen, nicht ums Ableben, sondern ums Krepieren und schon gar nicht um den Beischlaf, sondern ums Ficken. Wer gern Fassaden wegkratzt, unter anderem Wortfassaden, und auch der Meinung ist, dass ein Hintern ruhig ein Arsch sein darf und ein dummer Mensch ein Depp ist, dem wird herms Fritz Lektüre gefallen. Wer derlei Ausdrücke für derb oder „politically incorrect“ hält, soll bloß die Finger vom Buch lassen.

Man darf nicht davon ausgehen, dass die Sprache in #Bia und Marülln# typisch steirisch wäre. Sie ist auch nicht typisch „grazerisch“. Sie ist in erster Linie die Sprache des Autors, geprägt von den Menschen und „Mundarten“, die er gehört hat. Das Steirische ist reich an lokalen Unterschieden, die sich schon innerhalb kurzer Entfernungen bemerkbar machen. Darüber hinaus ist die Mundart reich an Worten und so kommt es vor allem auf den Autor an, welchen Ausdruck er gebraucht. Warum zum Beispiel verwendet Fritz für „urinieren“ nicht „soachn“, sondern „schiffen“? Es gibt in der Mundart, wie in der Hochsprache, jedes Mal viele Genres aus denen man das gerade benötigte Wort, der Situation entsprechend, ziehen kann. „Soachn“ und „schiffen“ entstammen wohl eher dem Genre „rustikal bis derb“. Eine Stufe weniger derb wäre „pisln“. Auf Steirisch würde ich jetzt sagen: „Wossa losn, dais hoast soachn und pisln fia die sprochlich Woachn!“

Übrigens, auf Seite 85 „ban Bia“ heißt es „Wos i wüll is a Kriag, wenn i net kriag wos i wüll.“ So findet sich im Buch von herms Fritz auch Raum, um über die ihren eigenen Vorteil ständig mit Egoismus und nötigenfalls auch mit brachialer Waffengewalt durchsetzenden Steirer nachzudenken (das gilt vielleicht auch im Bezug auf andere Völker). Der Autor von #Bia & Marülln# schafft den Spagat zwischen Schmunzeln, Lachen, Nachdenklichkeit und Betroffenheit innerhalb weniger Worte. „Die Sööl is wia a Zwiefl“ und „ols a hiina“ wird sich der Autor Folgendes sagen: „I woa so ana, dea sei Lebtog lang gfrogt hot, wossa füa ana is.“

Da kann man jetzt nur hoffen, dass Sie nicht einer/eine von den „sprochlich Woachen“ sind für die vorliegendes Buch weniger in Frage kommt und vor allem – im Zeitalter des postfordistischen Kapitalismus – dass Sie Zeit haben für #Bia und Marülln#. Denn, wie der Autor richtig feststellt: „Die Uhrn kriagst heut nochgschmissn. Kana hot Zeit.“