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blut ist dicker als…was eigentlich?

Frank Jöricke schwelgt in Erinnerungen an die Mondlandung, Reihenhäuser im Hunsrück, seine Familie und andere Skurrilitäten


Frank Jöricke: Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage

Solibro 2007

Rezensiert von: brigitte radl


Mit neun Jahren wusste Frank Jöricke, wie die Welt funktioniert. Die Erwachsenen konnten ihm nichts vormachen, er hatte jegliche ihrer Lebenslügen durchschaut und diagnostizierte unbestechlich kollektive Missstände im Berufsalltag, in Beziehungen und im Leben ganz allgemein. Ein Vierteljahrhundert später sieht die Sache schon anders aus.

Den Weg vom altklugen Kind zum desillusionierten Befehlsempfänger in der Werbebranche legt der Ich-Erzähler und Autor Jöricke in seinem Roman #Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage# mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor, liebevoll-wehmütigem Seufzen und seiner gesamten Familie zurück. Dabei hält er sich in der chronologischen Abhandlung kleinerer und größerer familieninterner und -externer Tragödien an die wirklich bedeutenden Ereignisse, die ganz Deutschland (und sogar dessen Arsch, seine Heimat, den Hunsrück) erschütterten, berührten und prägten: Da wären etwa der Tod Janis Joplins 1970, die Disco-Bewegung 1980, Boris Beckers erster Wimbledon-Sieg 1985, der TV-Start von #GZSZ# auf RTL 1992 oder Dieter Bohlens Hochzeit mit Verona Feldbusch 1996.

In einer Zeit, in der der Satz „Ich will den Playboy LESEN“ absolut glaubwürdig klang, erlebt Jöricke seine ersten zaghaften sexuellen Erfahrungen, erkennt die notorische Arbeitswut wie das gefühlstechnische Handikap seines Vaters und beobachtet seine Schwester bei dem Bemühen, als Retro-Hippie ihr Bestes für ein Batik-Comback zu geben. Auch den „Rest der Bagage“ bannt der Autor mit spitzem Pinsel und ebensolcher Zunge auf die Vergangenheitsleinwand: Onkel Ewald mit seinem starken Drang, dem Schicksal immer wieder zu zeigen, wo der Hammer hängt, und der die gleiche Energie auf die Eroberung neuer Kunden verwendet, wie auf die Gewinnung sexueller Zielgruppen. Daneben seine Gattin Gertrud, die in der Vernichtung von Keimen eine Lebensaufgabe sieht und in jedem Katholiken einen Agenten des Papstes. Außerdem Vetter Günter, der nach seiner Karriere als Hasch-Dealer, Hehler und Zigarettenschmuggler das große Geld und seine Berufung in der „Rekrutierung“ von tschechischen Freudenmädchen zu finden glaubt.

So zielt, schießt und trifft Jöricke – mit jeder seiner Zeilen ins Schwarze. Das Buch ist weder eine Lobeshymne auf dicke Familienbande, noch erhärtet es den Verdacht, dass das Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“ schon seine Richtigkeit zu haben scheint. Muten die kurzweiligen Familien-Anekdoten und das kompromisslose Maschinengewehrmundwerk des Autors auch wie eine die Lachmuskeln bis aufs Äußerste strapazierende Komödie an, so gleitet der Roman doch nicht auf Kosten einer realistischen Weltsicht ins Pseudo-Witzige ab. Die für eine Retrospektive über das Leben und die eigene schrullige Mittelstandfamilie nötige Ernsthaftigkeit versteckt sich zwar zeitweilig hinter leicht überspitzten Charakteren, bleibt dem Leser aber dennoch nicht verborgen.

Frank Jöricke (*1967) ist also nicht nur Werbetexter, Ü-30-DJ, Ex-Fußballschiedsrichter und manischer Blutspender, sondern auch Autor eines kurzweiligen Romans inklusive Zeitreise durch die jüngere deutsche Vergangenheit und seine eigenen skurrilen Familienerinnerungen. Und nach der letzten Zeile taucht der Leser dann wie geläutert aus dem fremden Leben auf und fragt sich, wie es mit dem eigenen so steht.