schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 17 - alles bestens das getobe der sprachen
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/17-alles-bestens/das-getobe-der-sprachen

das getobe der sprachen

cay marchal | das getobe der sprachen

Über die Suche nach dem besten, dem einzigen, dem angemessenen Wort

 

Eigentlich nimmt es wunder, wie wenig die Literatur der Gegenwart von der Tatsache der Vielsprachigkeit in Mitleidenschaft gezogen wird. Im Deutschen, im Französischen, im Englischen lebt es sich auch heute bestens: Die verschiedenen Nationalsprachen scheinen immer noch denselben Zusammenhang wie schon im 17. oder 18. Jahrhundert zu stiften. Dabei müsste die gleichzeitige Anwesenheit so vieler Weltsprachen (die von der Technik immer stärker ins Bewusstsein gerückt wird) genau diesen Zusammenhang längst zerstört haben: Wird denn nicht das Deutsche täglich von dem Englischen unterwandert, das Französische vom Spanischen? Hat denn nicht die Gegenwart (d. i. vielleicht der kurze und beängstigend leere Zeit­raum zwischen dem Jahr 1993 und heute) eine ungeheure Vermehrung der Sprachen und damit auch der Wörter mit sich gebracht: In jedem internationalen Flughafen blitzen mehr fremde Wörter auf, als man je erfassen könnte, die elektronischen Übertragungswege werfen die verschiedensten Sprachen und Dialekte zusammen – mit einem Wort, es rauscht und schwillt da draußen alles nur so von Wörtern. Allein die Vor­stellung, dass kaum einer der Milliarden von Bewusstseinszuständen und Gedankenformen je ins Deutsche eingemeindet werden kann, ist zutiefst verstörend.

Grundsätzlich ist die Tatsache, eine Sprache um sich zu wissen, derer man habhaft ist, die man durch und durch kennt, eine der wichtigsten Grundlagen für den psychischen Zusammenhalt eines Menschen. Fremde Sprachen sind dagegen immer wie Rechtsbrüche: Sie beunruhigen den Menschen, verletzen ihn geradezu in seiner gewohnheitsmäßigen Eigenheit, und jedes Nichtverstehenkönnen ist der

Tat­ort, an dem keine Rücksicht mehr auf persönliche Eigenheiten genommen wird. Was für eine Verstörung müsste dann aber das Nichtverstehen der wirklich großen Sprachen (das Arabische, das Chinesische) bewirken?!

Schriftsteller haben sich noch nie mit der Enge einer Sprache zufriedengeben können; immer ging es ihnen darum, sich der ganzen Welt zu öffnen, wie sie nun einmal in den verschiedensten Sprachen spukt – Stephan George, James Joyce, Arno Schmidt, Salman Rushdie. Die Idee einer „Weltsprache“, also eines einzigen Mediums, in dem sich alle Menschen ausdrücken könnten, ist genau besehen natürlich innerster Bestandteil jeder Literatur: kein genuiner Schriftsteller, der nicht über alles schreiben will, der nicht von jedem Leser verstanden sein will. Und außerdem ist da die wahnwitzige, hochfahrende Idee des mot juste: Es gebe nur eine einzige Möglichkeit, einen Sachverhalt auszudrücken, eine einzige Wendung sei die richtige Wendung, und die Arbeit des Schriftstellers bestehe darin, diese einzige Möglichkeit, diese richtige Wendung im Prozess des Schreibens und Korrigierens ausfindig zu machen. Der Glaube an das „beste Wort“ macht natürlich den Kern jedes schriftstellerischen Unternehmens aus, jener tiefe Platonismus, über den Borges 1963 in einer Besprechung des Werkes von Leopoldo Lugones geschrieben hat: Je parle en platonicien.

Was passiert aber, wenn man in diesem Zeitalter der Weltvereinigung und Weltverschmelzung immer noch an le mot juste, the perfect word glaubt? Könnte es also wirklich sein, dass es bestimmte Sachverhalte gibt, die nur in anderen Sprachen als dem Deutschen ausgedrückt werden können? Könnte es also sein, dass die Suche nach dem „besten Wort“ heute immer schwieriger wird? Dass sich das eine, das beste und angemessene Wort im Getobe der Sprachen gar nicht mehr lokalisieren ließe?


Man solle sich nicht täuschen. Zwei Sätze von z. B. Paul Auster („I was desperately poor in those days, and waiting to be paid simply wasn’t an option for me. It was the difference between eating and not eating, between paying the rent and not paying the rent … “ – Collected Prose) haben eine Wirkung. Sie sind mehr als nur ein hieroglyphisches Schattenspiel. Sie verdrängen andere Sätze, insbesondere Sätze in anderen Sprachen, genauso wie ein Dampfschiff Wasser verdrängt. Ebenso verdrängen chinesische Sätze heute schon französische oder spanische Sätze:?...:

Cao Xueqin, Der Traum der roten Kammer.


Wenn also wirklich Worte nicht wie durchsichtige Schleier sind, sondern die Erfahrung selbst, der literarische „Stoff“, dann müsste diese neue globale Zeit eine ungeheure Blüte der Literatur bewirken: irgendein dunkel wahrgenommenes Wort in Tokyo, irgendeine besondere Wendung in Texas („The slumber party idea of God“), irgendein auratisches Zusammenzucken auf Arabisch („utlub al-ilm wa lau fil sin“) – auf der Suche nach dem einen, dem besten Wort müssten diese Spuren uns weiterbringen, müssten uns auf der exzentrischen Parabel der wahren Literatur ein großes Stück vorwärts schleudern. Die verschiedenen Bezeichnungen für das Kamel im Arabischen mögen schon nicht mehr Teil unseres Alltags in Mitteleuropa sein; doch sind sie – ganz gleich wie – immer mehr als nur sentimentale Rückkoppelungen: Sie sind mögliche Erfahrungen selbst, und vielleicht sogar die einzige Bestand sichernde Form, um im August in Berlin die bestimmte Färbung eines Frauenrückens zu beschreiben.

Natürlich werden die Skeptiker diesem vagen Drang nach Totalität nicht nachgeben. Die Zweifel werden bleiben, genauso wie es immer Leser geben wird, die die Wörter bleui, bleuâtre, azuré etc. als strikt synonym verstehen. Aber sterile Kopien gibt es in der Gegenwart schon zu genüge. Wie wäre es also möglich, auf einem Platz in Istanbul einem Zuhörer (des Deutschen nicht mächtig) den rätselhaften Nachklang des Namens „Wesendonck“ verständlich zu machen? Oder den mystischen Saum eines Adjektivs wie „randständig“, eines Nomens wie „Libelle“, eines Verbs wie „zernichten“? Oder, umgekehrt, wie wäre es möglich, den inneren Bestand, das stumme Bild des chinesischen Schriftzeichens yü – einer zögernden Zuhörerin in Hamburg verständlich zu machen? Diese Arbeit des Vergleichens und Bestimmens ist sicherlich schwierig und undankbar; außerdem ist gar nicht klar, was der konkrete Ertrag einer solchen Arbeit wäre. Aber solange noch jemand daran glaubt, dass Wörter nicht austauschbar sind, sondern einen einzigen festen Platz im Universum haben, muss die Tatsache der weltweiten Vielsprachigkeit Anlass zur Verzweiflung sein. Wenn jedes Wort ein Individuum ist, ein lebender Darsteller, der nicht einfach so von einem anderen abgelöst werden kann, dann muss es darauf ankommen, diese Hunderte von Milliarden Darsteller, die sich auf allen Plätzen der Welt tummeln, in ein Verhältnis zueinander zu setzen – Übersetzungen sind nichts anderes als Ausflüchte (der Zauber des Esperanto liegt ja gerade darin, dass es einen Zustand vorwegnimmt, in dem keine Übersetzung mehr notwendig sein wird). Es braucht dazu Einbildungskraft („ein Sonnenpferd“, wie Johann Georg Hamann in Sokratische Denkwürdigkeiten sagt) und einen echten lyrical mind.

Wäre es möglich, in einem zukünftigen Roman das beste, das einzige, das angemessene Wort direkt aus den verschiedensten Weltsprachen herauszufiltern und es mit der größtmöglichen Präzision in einer Collage zu arrangieren, die dann auch noch lesbar wäre? Vielleicht – man müsste dazu nur, die stillgestellte Heuchelei eines Wörterbuchs vermeidend, alle Kunstregeln des Romans beachtend, einen wirklich universalen Stoff finden. Es ist nicht auszuschließen, dass die gesammelten Wörter aller Weltsprachen einen solchen Stoff bereithalten.