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das platon-popper-syndrom

harald a. friedl | das platon-popper-syndrom

Warum wir auf Kosten des Guten nach dem Besten streben


1. Das Philosophenkomplott

Was wir heute zu wissen glauben, verdanken wir überwiegend Platon (427 -347 v. Chr.), im Guten wie im Bösen. Denn letztlich habe Platon bereits alle wesentlichen philosophischen Probleme gelöst, weshalb alle Philosophie nach dem großen alten Griechen weiter nichts als Fußnoten zu seinem Werk sei, wie der britische Philosoph und Co-Autor der Principia Mathematica, Alfred North Whitehead (1861 -1947), überspitzt urteilte. Mit seinem Höhlengleichnis bescherte uns Platon die ewige Wahrheit, dass alle Nicht-Philosophen grundsätzlich Nichtwissende seien und auch für immer bleiben würden, während nur Philosophen die Gnade der Ahnung vom wahren Seienden zuteil käme. Anders formuliert: Die Erkenntnis der Wirklichkeit sei möglich, aber nur für Auserwählte. Diesen antidemokratischen Ansatz formulierte Platon auch in seinem Konzept einer „idealen“ Staatsform („Politeia“), deren Ziel die Realisierung des „Guten“ sei. Dazu habe der Weiseste und Beste, ein Philosophenkönig eben, die Geschicke des Staates mit Hilfe seines Militärapparates zu leiten und die Bürger zum Guten zu erziehen. Kurz: ein faschistoid-totalitärer Staat, wie er im 20. Jahrhundert mehrfach zu errichten versucht wurde. Dabei wurde wohl offensichtlich, dass diejenigen, die sich Philosophen, Führer und Experten nennen, mit ihren Vorstellungen vom Besten nicht zwangsläufig Gutes bringen müssen.

Der Weise macht Fehler, nur der Dumme macht denselben Fehler zweimal. Sir Karl Popper (1902 - 1994) sah sich ebenfalls als Weiser berufen, mit seiner Erkenntnis die Menschheit Auf der Suche nach einer besseren Welt (Piper, 1984) tatkräftig zu unterstützen. Im Gegensatz zu Platon gab Popper wohl zu, dass sich auch ein Philosoph irren könne, dass aber grundsätzlich eine Annäherung an die Wahrheit möglich sei. Seine Falisifikationsmethode, das Austesten und Ersetzen von „falscheren“ durch „weniger falsche“ Theorien, ermögliche Erkenntnisfortschritt hin zu objektiver Erkenntnis. Könnten sich vielleicht auch Platon und Popper geirrt haben?


2. Der wahre Weg zum Schönen und Guten
Platon und – in abgeschwächter Form – Popper propagieren die Suche nach der Wahrheit, stellvertretend für die beste aller möglichen Welten, das Paradies auf Erden oder die individuelle Glückseligkeit. Der von ihnen vorgeschlagene Weg dorthin führt über eine von ihnen, den „Wissenden“, abgesegnete Methode. Mit welchem Erfolg? Wohin führte uns dieser durch Experten vorangetriebene, „gigantische“ Erkenntnisfortschritt? Während immer mehr Turboexperten am Burn-out vorbeischrammen, wächst das Heer der von Arbeitslosigkeit betroffenen oder bedrohten Menschen. Während der Westen unter Adipositas und Diabetes leidet („verfettet“), verhungern andernorts 15 Menschen pro Minute, zumeist Kinder! Während Spitzenforscher an geeigneten Marsflugzeugen basteln, schlägern wir die Regenwälder, fischen die Meere leer und vergiften unsere Atmosphäre.

Die fortschrittlichsten Schönen, Erfolgreichen und Klugen regenerieren sich in raffinierten Wellnesstempeln und unter den High-Tech-Messern von Spitzen-Schönheitschirurgen, während über eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben; über 40 Millionen Menschen sind an Grauem Star erblindet, dessen Beseitigung läppische 30 Euro pro Operation kosten würde. Durch wissenschaftlichen Fortschritt steht uns Wissen darüber zur Verfügung, wie Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft funktionieren. Nur wie der einzelne Mensch dazu zu bringen wäre, diese „Wahrheiten“ bestmöglich umzusetzen, das weiß trotz 2.500 Jahren Ethikforschung keiner.


3. Säkulare Heilsmaximierung

Im Mittelalter galt alles Neue als verdächtig, weil als Infragestellen der Schöpfung empfunden: Diese habe Gott nach seinem Antlitz geschaffen, sie sei somit bereits die beste aller möglichen Welten und ihre Veränderung ein ketzerisches Herumgepfusche. Allenfalls sei die Welt in Anlehnung an wiederentdeckte Denker des Altertums neu zu interpretieren …

Im Gegensatz dazu stand die Aufklärung mit dem Ziel, der Welt all ihre Geheimnisse zu entreißen, um sie zu domestizieren und letztlich in Wert zu setzen. Damit kam es zu einem Schulterschluss von Wissenschaft als theoretischer Know-how-Lieferant und Wirtschaft als praktischer Verwerter. Hintergrund dieses dramatischen Geisteswandels war die Abwendung vom katholischen Prinzip eines göttlichen Heils, das durch gute Werke zu erreichen sei. Demgegenüber vertrat die protestantische Ethik die Prädestinationslehre: Gott sei nicht durch gute Werke (oder Ablässe) bestechlich, vielmehr sei das „Seelenheil“ des Menschen von Geburt an bestimmt. Ob ein Mensch ins Paradies berufen sei, könne er jedoch schon zu Lebzeiten daran erkennen, ob er erfolgreich seine Talente einsetze. Gemessen wurde dieser Erfolg am erwirtschafteten Kapital: Je profitabler, desto gottgefälliger! Damit wurde Martin Luthers legendärer Aushang seiner 95 Thesen (1517) an der Schlosskirche von Wittenberg zur Geburtsstunde des Profit maximierenden Kapitalismus.

Heute, in der Postmoderne, ist Gott de-konstruiert, das Jenseits desavouiert und das Heil säkularisiert. Darum gilt auch der Tod als ontologische Unverschämtheit, führt er doch das Leben als letztlich zweckloses Hamsterdasein im Laufrad der irdischen Existenz vor Augen: Wer stirbt, disqualifiziert sich für immer für das Rennen um das größtmögliche Glück auf Erden. Darum wollen wir alle nicht sterben, nicht einmal erkranken, sondern huldigen dem gesunden Körper als dem Tempel allen erreichbaren Heils: Gesundheit ist der Jeton für das Spiel um die postmoderne Glückseligkeit.


4. Postmodernes Rezept für das beste aller Leben
Was braucht der Mensch zu seiner Vollkommenheit? Nicht viel, nur maximalen Wohlstand als materielle Grundlage des Glücks, denn von „nix kommt nix“, körperliche, soziale, politische und militärische Sicherheit, damit kein Bösewicht ins Glück pfuschen kann, soziale Anerkennung, denn nichts legitimiert das Glück des Besten mehr als Orden, Neid und eine hämische Presse, Macht, denn nur die Klügsten und Besten werden auch behalten, was sie zusammenzuraffen verstanden, sinnlich-emotionales Erlebnis als unmittelbare Manifestation von Glück, das bekanntlich „ein Vogerl“ ist, und die bereits genannte Gesundheit und Schönheit, denn Krankheit ist unangenehm und fad, und Hässlichkeit der offensichtliche Ausdruck von Inkompetenz, sich einen guten Arzt zu leisten …

Der Sinn des postmodernen Lebens liegt somit in der irdischen Glücksmaximierung, woraus zwangsläufig auch die Notwendigkeit der Optimierung aller aufgelisteten Bereiche folgt. Das wiederum verlangt nach einem Maximum an bestmöglichem und aktuellstem Know-how, weil ja traditionelles Wissen nach Popper angesichts der schlechten vergangenen Welt falsifiziert und somit obsolet ist. Daraus erklärt sich der gigantische Boom der Ratgeberliteratur, die auf alle existenziellen Fragen des Lebens bislang nicht falsifizierte Antworten feilbietet:

Wie wird man reich in einem Jahr? Wie hält man sich Feinde vom Leib, gewinnt Freunde und wird geliebt? Was ist richtige, wahre und erfüllende Liebe? Wie bekommt und schenkt man Dauerorgasmen der Spitzenklasse? Wie bleiben Hintern, Bauch und Ohrläppchen fest und glatt? Und wie liest man all diesen Quatsch zwischen den Finanznachrichten?


5. Das Paradox der Glücksmaximierung
Der Glücklichste zu sein stresst gewaltig, weil es ein kapitalistisches Unternehmen schlechthin ist: die strategische Investition von Zeit, Aufmerksamkeit, Geld, Know-how und Engagement, um noch mehr Geld, Ansehen und Sex (oder Erlebnisäquivalente) zu gewinnen. Dieser Prozess des Glücks-Maximierungs-Unternehmens integriert alle Lebensbereiche, wodurch es eine wachsende Zahl von Glücksforschern, Erlebnisexperten, Entwick­lungsberatern, Sexcoaches und anderen Lebensratgebern zu einem Netzwerk verknüpft, in dessen Mitte der postmoderne Mensch als Fliege zittert und wartet, bis der letzte Tropfen Zeit aus ihr gesogen ist. Zeit, die investiert wird ins Promi-Wissensmanagement, in die permanente Ich-Optimierung, ins Verhaltens-Changemanagement, ins Coaching zwecks Re-Design der Persönlichkeit.

Paradoxerweise schrumpft mit steigender Investition in dieses Lebensoptimierungsunternehmen die Glücksrendite! Denn bei zunehmendem Wissen um die unendlich vielen Handlungsoptionen expandiert mit jedem realisierten Genuss auch die Zahl der verzichteten Genüsse. Die übliche Gegenstrategie: noch mehr Erlebnisleistung in noch weniger Zeit stopfen! Warum nur mit einem Lebenspartner Sex haben, wenn man mehrere zugleich haben kann?

Der Kostenfaktor dieser Strategie ist der schrumpfende Raum für selbstbestimmtes Handeln angesichts wachsender Abhängigkeiten von Experten, Moden und maximaler Befriedigung. Dies zeigt sich an der jüngeren Geschichte der Erotik: Seit den 50er-Jahren erfährt diese Branche eine ständige Beschleunigung der Enthüllung und Entgrenzung aller Körperteile, aller Kombinationsvarianten von Körperverbindungen, und dies unter Einsatz aller denkbaren technischen Instrumente, ohne dass der Grad der Befriedigung ernsthaft gesteigert werden konnte. Im Gegenteil: Die Sexindustrie liefert heute alles (un-)denkbare, außer Zufriedenheit.

Der Glücksmaximierungswahn stößt bereits überall an die Grenze der Übersättigung angesichts sich überschlagender Haubenköche, sich überschneidender Eventkalender, sich übergebender Abenteuersoaps ... Wie also lässt sich ausgereizte Übersteigerung nochmals steigern? Ganz einfach durch erlesene Reduktion: Urlaub im Kloster, Sahara-Trekking mit Tuareg-Nomaden, Weinlese in der Champagne … Derlei artifiziell reduktionistische Angebote entsprechen der poetischen Lust des Millionärs, unter der Brücke schlafen und sich dabei „glück­lich und frei wie ein Bettler“ fühlen zu können. Weniger ist mehr!, lehren uns Platon und Popper.


6. Zur Freiheit verdammt
Den Gegenpol zu den Apologeten der Expertokratie verkörpern Denker wie Aristoteles, Epikur, Immanuel Kant und Halbert L. Dunn, aber auch die Kybernetiker und Systemtheoretiker, die Konstruktivisten und Hirntheoretiker, all jene nämlich, die bescheiden genug waren, Sokrates beim Wort zu nehmen: Wissensfortschritt bedeutet lediglich Irrtümer zu erkennen, nicht aber Gewissheit zu erlangen! Will man ernsthaft etwas über die Welt erfahren, muss man sich selbst unter die Lupe nehmen!

„Erkenne Dich selbst“, war das Leitprinzip des Orakels von Delphi, das von der Ansicht ausging: Was hilft der Rat des Experten, wenn der Ratsuchende ihn nicht versteht oder nicht die Mittel zur Ausführung hat. Der Weg zum Glück führt darum über die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Stärken und Schwächen.

Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) entwickelte diesen Gedanken weiter zum Prinzip des mittleren Maßes, wonach für die Erreichung des Glücks eben nicht das „Bestmögliche“ gut sei, sondern jenes Maß, das der jeweiligen Person, der jeweiligen Situation und den jeweiligen Gefühlen entspricht, welche die Person mit dieser Situation verknüpft. Angesichts dieser Sichtweise müsste man Whiteheads Meinung revidieren: Tatsächlich ist alle Philosophie nach Aristoteles eine Fußnote zu ihm …

Epikur (342 - 271 v. Chr.) empfahl zur Mehrung des Glücks anstelle der Maximierung von Gütern die Minimierung der Wünsche. Damit könnte Epikur als Erfinder der Kloster- und Sahara-Urlaube für gestresste Manager und zugleich als Großvater der Nachhaltigkeitstheorie gelten, wonach letztlich nur Suffizienz, also Genügsamkeit, den Gesamtverbrauch an Ressourcen dauerhaft bereitstellen könne, nicht aber technologischer Fortschritt.

Immanuel Kant (1724 - 1804) lieferte die metaphysischen Grundlagen dafür, warum Platon falsch lag (und Popper falsch liegen würde): Wir würden alles nur durch die Brille unserer biologischen Erkenntnisinstrumente wahrnehmen, nämlich eine von unserem Hirn konstruierte Welt. Anders gesagt: Auch Experten sehen stets nur mit ihren eigenen Augen die für sie selbst beste Welt, niemals aber die beste Welt an sich. Somit sind wir alle zum eigenständigen Urteilen verdammt.

Die Kybernetiker und Systemtheoretiker, Konstruktivisten und Neurobiologen des 20. Jahrhunderts, Leute wie Heinz von Foerster, Niklas Luhmann, Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick, Humberto Maturana und Fransisco Varela, oder die Hirnforscher Wolf Singer, Gerhard Roth und Antonio Damasio, lieferten letztlich die mathematischen, erkenntnistheoretischen und biologischen Fundamente für Sokrates’ Grundprinzip, wonach auch Wissenschaftler, Experten und Berater an Magengeschwüren leiden und am Klo stinken wie wir Nicht-Philosophen! (Für eben diese – sinngemäße – Behauptung musste Sokrates den Schierlingsbecher trinken.)

Das menschliche Gehirn ist ein informationell geschlossenes System, weshalb bei zwischenmenschlicher Kommunikation keinerlei Informations- oder gar Bedeutungsaustausch zwischen zwei Hirnen bzw. Menschen stattfinden kann. Kommunikation ist vielmehr nur als eine Art Koordinationsprozess zu verstehen, so wie man auch einen Tango nur gemeinsam tanzen kann, diese körperliche Koordination aber auch nur nonverbal „funktioniert“. Begännen die Tänzer hingegen darüber zu diskutieren, was mit welchem Signal gemeint sei, würden die Tänzer unversöhnlich streiten statt schweben …

Was ein Hirn von seiner Außenwelt „sieht“, ist weiter nichts als seine „Erfindung“, konstruiert auf Basis von Erwartungen, also früherer sowie gegenwärtiger „Erfahrungen“: durch Sinnesorgane vermittelte Feedbacks der „Außenwelt“. Diese „Wirklichkeiten“ im Kopf sind persönliche, hypothetische Vorstellungen, gleichsam „Wirkungen“ der äußeren „Wirklichkeit“, keineswegs aber deren „wahre Abbilder“. Sie sind „selbstreferentiell“, weil sie vom Hirn selbst auf der Grundlage eigener, früherer Vorstellungen oder Modelle von seiner Umwelt (und auch von sich selbst) allein zu dem einen Zweck entwickelt wurden, um das Hier und Jetzt des Lebens „erfolgreich“ zu bewältigen. Dabei bedeutet Erfolg lediglich: Es hat funktioniert. Die Grenze des Erfolgs setzt somit das Leben selbst: Wer gegen einen Baum fährt, dessen Hirn hatte offensichtlich ein unpassendes Modell von der Wirklichkeit ...

Halbert L. Dunn (1896 - 1975), der Vater der modernen Wellness-Bewegung, übertrug diese Ansätze auf das Problem einer nachhaltigen Gesundheitsvorsorge und integrierte es zum Konzept der „High-Level-Wellness“: Gesundheit ist demnach, verkürzt formuliert, ein Lebensprozess der ausgewogenen Pflege von Körper, Geist und sozialem Umfeld durch einen ausgewogenen Lebensstil. Aristoteles lässt grüßen.


7. Kybernetische Ethik
Gibt es demnach das Beste gar nicht? Lügen sämtliche Experten? Sind Philosophen durchwegs nur eitle Gecken, welche die Erkenntnisse der modernen Hirntheorie nicht verkraften können, nämlich die Verbannung des „Geistes“ ins Reich der Fiktion? Ist der Appell an Platon und Popper letztlich weiter nichts als der verzweifelte Versuch der Experten, ihre Diktatur und ihre Ratgeberindustrie zu retten?

Ich würde sagen: ja. Denn Wahrnehmung und Bewertung sind aus neurophysiologischer Sicht untrennbar miteinander verbunden. Wer erkennt, schreibt zugleich Bedeutung zu. Wertungen wie Vorurteile und Klischees lassen sich zwar intellektuell differenzieren, niemals aber unterdrücken oder ausblenden. Objektivität ist lediglich ein Mythos, der allein dazu dient, die Vorherrschaft der Wissensproduzenten und Philosophenkönige zu legitimieren. Wenn aber Wahrnehmung und Wertungen zugleich Resultat und Ausdruck des eigenen Erfahrungshorizonts im Sinne der eigenen Biografie seien, dann kann auch das Handeln eines Menschen nur der – von außen – beobachtbare Ausdruck von Reaktionen auf Feedback der Außenwelt sein: Feedback, das zuvor auf der Basis der „Innenwelt“ bewertet wurde.

Das Handeln eines Menschen, seine Erlebnis-, Reaktions- und Entwick­lungsfähigkeit, ist stets determiniert durch die ihm verfügbaren „inneren“ Ressourcen wie Erfahrung, Wissen, erlernte Fähigkeiten, Aufmerksamkeit, Zeit, aber auch „äußere“ Ressourcen wie Geld, Zugang zu Infrastruktur etc.

Der zweite, die Handlungsfreiheit determinierende Faktor ist Kontext: die situative Wahrnehmung und Bewertung der sozialen und natürlichen Umwelt: Welches „Problem“ wird vom Handelnden überhaupt wahrgenommen?

Innerhalb dieses Wahrnehmungsfelds, jener begrenzten Empfindung der Innen- und Außenwelt, handelt der Mensch. Der zentrale Maßstab für sein Handeln ist dabei eine Balance des Wohlbefindens, sei dies nun als Eindruck von äußerer, sozialer Anerkennung oder innerer, sinnlich-körperlicher Befriedigung, oder sei dies als Folge der Vermeidung von äußerer Sanktion oder innerem Unwohlsein wie Schmerz oder Entbehrung.

Der zentrale Unterschied zur Lustmaximierung in der Platon’schen Tradition liegt beim Konzept der kybernetischen Ethik im aktiven, eigenverantwortlichen und somit selbstkritischen Balancieren zwischen der Wahrnehmung und Erfüllung von unmittelbaren Bedürfnissen (körperliches und mentales Wohlbefinden), emotional-sozialen Bedürfnissen (Familie, Freunde), wirtschaftlich-sozialen Bedürfnissen (Einkommen, Karriere, Berufsumfeld), Bedürfnissen nach einem sicheren Lebensraum (Nachbarn, Gemeinde, Land), nach einem natürlichen, gesunden Lebensumfeld (Luft, Wasser, Boden, Ruhe) sowie nach der dauerhaften Sicherung der Lebensgrundlage (globales Klima, globale Sicherheit). „Glücksmaximierung“ im kybernetisch-ethischen Sinn bedeutet somit, die vorhandenen Ressourcen (Zeit, Aufmerksamkeit, Engagement) in ausgewogener Weise in die Auf­recht­erhaltung aller beteiligten „Umweltsysteme“ – mit eingeschlossen den eigenen Körper – zu investieren. Dies ist ein lebenslanger Prozess der Selbst- und Fremdreflexion, des Zweifels, der Erfahrung und des Lernens.


8. Fazit: Jeder ist sein eigener Experte
Das Beste an sich gibt es nicht, sondern nur die eigene Entscheidung für das Bestmögliche zum jeweiligen Augenblick aufgrund von persönlichen Gründen für das „Gute“. Aus dieser Begrenztheit folgt aber auch der notwendige Respekt gegenüber der Expertise jedes Menschen für dessen eigene, höchstpersönliche Welt(-sicht) und damit auch gegenüber dessen persönlicher Verantwortung für sein eigenes Denken, Sprechen und Handeln.

Demgegenüber sind universalistische Optimierungsintentionen weiter nichts als Rituale zur Huldigung von Experten. Sie dienen allein der Besserstellung jener Hohepriester des Fortschrittsglaubens, von denen wir uns abhängig wähnen. Derartige Anbetungsrituale sind jedoch am Weg zur Zufriedenheit mittels der sensiblen Wahrnehmung eigener und fremder Bedürfnisse im Hier und Jetzt hinderlich. Denn letztlich sind und bleiben wir trotz des Optimierungswahns nur biologische Maschinen mit Ablaufdatum: Irgendwann ist jeder, trotz Schönheitschirurgie und Lebertransplantation, Wurmfutter. Und dies irgendwo jenseits der ewigen Platon-Popper-Wahrheit.