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das universum

bernhard horwatitsch | das universum

Oder: Nichts von Bedeutung


Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau rausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt.
Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.
– Douglas Adams: Das Restaurant am Ende des Universums


Glück, so sagen viele Glücksforscher, sei nicht messbar. Dennoch gibt es einige Statistiken, die versuchen Glück zu fassen.

Einer Indextabelle von Kahnemann zufolge steht Sex ganz oben mit einem Glücksindex von 4,2. Ganz unten steht „Pendeln zur Arbeit“ mit einem Index von 2,0. Obwohl nun das Pendeln zur Arbeit ganz offensichtlich nicht so glücklich macht wie Sex, verbringen die meisten Menschen doppelt so viel Zeit mit dem Pendeln zur Arbeit wie mit Sex. Nun stellt sich die Frage, warum wir Menschen nicht einfach in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit miteinander kopulieren! Es liegt sicher nicht an der schlechten Luft in U-Bahn-Schächten. Betrachtet man die Gesichter in einer U-Bahn um acht Uhr morgens, vergeht einem das Kopulieren. Warum zeigen wir dann keine animierenden Pornofilmchen in der U-Bahn? Ganz zweifellos deshalb, weil wir so etwas als geschmacklos und unmoralisch empfinden würden. Aber warum? Wir sind schließlich keine Affen, wird man mir antworten. Wir sind zivilisiert, wir haben ein Schamempfinden und unsere Affekte sind gezähmt. Der Preis für gezähmte Affekte ist Unglück. Andererseits gemäßigtes Glück. Wenn uns der Druck des modernen Kapitalismus Zeit für ein Speed-Dating lässt, können wir noch schnell zwischen unseren gehetzten Alltagserledigungen ein paar Serotonine ausschütten. Wollten wir das so?

Liest man hingegen ein Buch über die Geheimnisse des Universums, dann werden unser Leben, unsere Moral, unsere Affekte, unser Glück oder Unglück, alles schlicht und ergreifend nebensächlich. Ungeheure Zeitabschnitte, in denen sich ungeheure Prozesse abspielen, die das menschliche Dasein zu einer irrelevanten Angelegenheit verkommen lassen. Und dennoch erscheint uns das eigene Dasein als das einzige Wesentliche. Nichts ist dem jeweiligen Einzeldasein vergleichbar. Mit dieser Schizophrenie leben wir tagtäglich. Immanuel Kant brachte es auf den Punkt, als er bei einem nächtlichen Blick in den Himmel sinngemäß meinte: Wie klein sind wir doch gegenüber den Sternen, wie groß aber auch, dass wir dies sehen können.

Die deutsche Romantik hat diesen göttlichen Funken in uns als Fantasie geortet, die als ästhetisch moralische Kraft hinter der Wirklichkeit steckt und die eigentliche Wirklichkeit ausmacht.

In welcher Beziehung stehen nun diese geistigen Erkenntnisse mit einer morgendlichen U-Bahnfahrt zur Arbeit und deren Glücks- bzw. Unglückswerten?

Ganz einfach: in gar keiner. Und genau das ist es. Nur in gelegentlichen Momenten haben wir so viel Muße, zu erfassen, was uns tatsächlich ausmacht. Und doch trauen wir diesen Erkenntnissen nicht über den Weg, weil man damit schließlich weder die Miete zahlen kann noch den Kühlschrank füllen. Tagtäglich sind wir also sklaven­ähnlichen Prozessen ausgesetzt, mimen eine freundliche Stimme im Beschwerde-Call-Center, verkaufen Versicherungen für Dinge, die vielleicht gar nicht existieren, kontrollieren Maschinen, die unnütze Gegenstände herstellen, die dann von uns ver- und gekauft werden, damit ein System aufrechterhalten wird, das uns wiederum versklavt. Als Dankeschön bekommen wir einen Fernsehapparat, der auf 50 Kanälen die überall gleichen Lügen und Schwachsinnigkeiten sendet.

Und wir? Wir machen weiter, mangels Fantasie, mangels Energie, mangels Mut. Gleichzeitig wird unser Kaufverhalten gezielt manipuliert und unser Verhalten normiert. Wir halten dies für Moral. Und voll Ekel blicken wir auf diejenigen, die diese Grenzen verlassen, auf die Amokläufer und Selbstmordattentäter, auf die Mörder, Diebe und Wahnsinnigen dieser Welt.

Wir fragen uns nicht mehr nach dem Sinn. Denn diese Frage erscheint uns erstens unlösbar und zweitens pubertär. Wenn um sechs Uhr morgens der Wecker klingelt, dann stehen wir selbstverständlich auf, was sollten wir auch sonst tun. Einige von uns sind immerhin noch so betroffen, dass sie sich am Feierabend besaufen. Andere kaufen mehr als andere. Es erfüllt sie nicht, aber es ist immer noch besser, als über den Sinn nachzugrübeln.


Telefondesinfizierer
In einem hoch subventionierten Labor sitzen ein paar Leute, von denen der eine oder andere an Slartibartfaß erinnert, eine Figur aus dem Romanzyklus Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams. Über eine neuere Entdeckung der Astrophysik sagte einer von ihnen Folgendes: „Es ist, als hätten sich ein paar Leute darangemacht, einen besseren Büchsenöffner zu konstruieren, und dabei ist dann ein Raumschiff herausgekommen. Und als hätten sie dann dieses Ding zehn Jahre lang angeschaut und verwundert gemeint: Als Büchsenöffner funktioniert das einfach nicht, denn es ist größer als die Durchschnittsküche.“

Und dies bringt schon wieder etwas auf den Punkt. Wir fühlen uns morgens in der U-Bahn auf der Fahrt zur Arbeit wie ein Büchsenöffner, aber tatsächlich sind wir ein Raumschiff und viel zu groß für diese U-Bahn. Aber wir wissen es nicht, wir können uns selbst nicht fassen und machen uns in der Folge kleiner als wir sind. Wir halten uns selbst nicht mal mehr für fähig, eine friedliche, liebevolle Gesellschaft aufbauen zu können. Wir halten uns für böswillige Schlächter, hinterhältige, kleinkarierte Affen, für einen Haufen Mistkerle, die Glück haben, dass sie noch nicht vollständig ausgerottet wurden. Und in der Tat, betrachtet man unsere Geschichte, erscheint sehr schnell der Eindruck, wir hätten recht mit dieser Selbsteinschätzung. Aber das ist eben einseitig, denn der Blick auf Kriege, Massenmorde, Gemetzel, Zerstörungen durch den Menschen trügt, wenn man nicht auch einen Blick auf die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaft richtet, wenn man nicht auch die Menschen anschaut, die Großes gesagt haben, faszinierende Gedanken in Wort und Tat umgesetzt haben. Dann wird uns immer wieder peinlich bewusst, unter welchen Minderwertigkeitsgefühlen der Mensch doch leidet. Wir tun alles, diese Minderwertigkeit für uns zu rechtfertigen. Nur ein paar von uns, die lachen sich ins Fäustchen, weil sie ganz gut leben von dem Gefühl der Minderwertigkeit, das die meisten von uns haben. Ein paar wissen ganz genau, dass sie ein Raumschiff sind, und sie verkaufen uns weiter das Gefühl, wir wären nur Büchsenöffner. Vielleicht noch schlimmer. Wir alle sind nichts als Telefondesinfizierer.

An dieser Stelle wäre es angebracht, einmal zehn deutsche Personen zu nennen, die uns alle für Büchsenöffner oder Telefondesinfizierer halten:

Karl und Theo Albrecht, Michael Otto, Susanne Klatten, Rudolf August Oetker, Reinhold Würth, Adolf Merckle, Stefan Quandt, August von Finck und zum Schluss noch Friedrich Karl Flick. Gemeinsam verfügen diese zehn Menschen über geschätzte 100 Milliarden US-Dollar Gesamtvermögen. Bill Gates und Warren Buffet besitzen zusammen so viel und halten diese zehn Deutschen vielleicht für Büchsenöffner. Wie dem auch sei. Es ist schon eine Menge Geld. Und wenn man sein eigenes Einkommen dagegen stellt – man hält sich schnell und bereitwillig für einen Büchsenöffner.

U-Bahn-Porno
Nun aber zurück zur U-Bahn und unserer anfangs erwähnten, aber moralisch verworfenen Idee, dort ein anregendes Pornofilmchen laufen zu lassen, damit wir uns glücklich fühlen. Warum legt zum Beispiel Michael Otto nicht ein paar Dollar auf den Tisch und richtet das ein, startet eine kleine Kampagne in der Zeitung, dass Pornofilmchen antikanzerogen wirken, und warum wird das überhaupt verhindert (obwohl es gar nicht teuer wäre), wenn wir Deutschen doch angeblich aussterben sollen? Nein. Es gibt einen Grund, warum wir uns schlecht fühlen sollen, warum wir nicht herausfinden sollen, dass wir eigentlich hypergalaktische supersexuelle Raumschiffe sind.

Alles das ist eine Illusion. Die Existenz von Bill Gates ist nur eine Vermutung, und über Microsoft kann ein Buddhist nur müde lächeln und weiter mit seinem Besen das Nichts kehren. Würden wir das begreifen, dann gäbe es eine so dramatische Kulturrevolution, dass wir das lieber bleibenlassen und weiter nichts begreifen. Wir würden mit dieser Erkenntnis (voll angewendet) unseren Zeitmangel beseitigen – es wäre ja Illusion! Wir wären auf einmal alle glücklich, könnten den Kapitalismus abschaffen und vieles mehr. Wir machen das besser nicht, sonst hätten wir ja keine beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten mehr. Besser ist es, „über alles informiert zu sein, ohne etwas zu verstehen“, wie der kolumbianische Philosoph Nicolas Gomez-Davila das so schön gesagt hat. Wir leben in einer Welt, in der alle Radiosender gleichzeitig spielen. Was hören wir? Nur noch ein Rauschen – das Rauschen der U-Bahn morgens auf dem Weg zur Arbeit.