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der dichter als drop-out

Wie alles mit allem zusammenhängt und sich dennoch mitunter nichts fügt, davon weiß Cay Marchal zu erzählen


Cay Marchal: Der Romantiker des Nichts. Das letzte Jahr im Leben des taoistischen Mystikers und Privatgelehrten Wang Bi

Wiesenburg 2007

Rezensiert von: stefan schmitzer


An Cay Marchals Buch „Der Romantiker des Nichts“, erschienen bei Wiesenburg, ist manches bemerkenswert. Nicht zuletzt die Biographie seines Autors, der, 1974 geboren, „einige Zeit in Paris und Osaka gelebt“ hat, momentan an einer chinesischen Privatuniversität lehrt und Artikel für das deutsche Feuilleton ebenso verfasst wie chinesischsprachige (und in China publizierte) Lyrik. Dass es sich bei seinem Romandebüt nun um eine Arbeit handelt, die ihrem Autor die Vertrautheit mit so speziellen wie disparaten Bildungshorizonten und Diskursgeschichten abverlangt haben muss, ist denn auch das erste, was bei der Lektüre auffällt. Chinesische Philosophie und Politik des dritten und vierten Jahrhunderts nach Christus, deutsche Literaturgeschichte, Detailprobleme buddhistischer, taoistischer, konfuzianistischer Scholastiken: Das sind die wichtigsten Elemente, die den Spannungsraum des Textes bestimmen.

Wie diese Elemente dargereicht werden, lässt vorderhand an Köhlmeier'sche Mythen-Nacherzählerei denken: Das China der „streitenden Reiche“ im modernen Gewand, mit „Luxus-Buicks“ und Straßenbahnen, Staatsfernsehen, gelehrten Journalen und Neonreklamen. Die historischen Philosophen und Poeten, von denen Marchal erzählt, allen voran Wang Bi, bilden Cliquen, ringen einerseits um Einfluss in den Machtzirkeln des Kaiserhofes, bilden andererseits die Elite einer „dekadenten“ Gegenkultur und erscheinen in ihren Abhängigkeiten und ihrem Habitus den fortschrittlichen Intellektuellen der Weimarer Republik vergleichbar (oder, vielleicht passender: den Angehörigen der Pariser Intelligenz um 1880, zwischen zweiter Bohème und academie française). Ein Staatsstreich, der ihrer „Szene“ die äußeren Grundlagen entzieht, ist die Triebfeder der Handlung. Wang Bi, der Philosoph, und zwei Poeten fliehen nebsamt Kammerdienern erst in die Provinz, dann in die Wüste, in ein buddhistisches Kloster und schließlich Richtung Shanghai.

Auch der Tonfall, die anekdotische Schilderung der komplexen Zusammenhänge zwischen bestimmten Postulaten taoistischer Schulen, Machtinteressen einzelner Protagonisten und sozialen Verhältnissen „im Vorbeigehen“ erinnert zunächst an Köhlmeier. Aber bloß zunächst: Denn wo Köhlmeier sich zufriedengibt, „Menschliches, Allzumenschliches“ aus dem Hut seiner Erzählkunst zu zaubern, wohnen wir bei Marchal der Entfaltung von viel abstrakteren Konzepten bei, die Bedeutung gewinnen, ohne uns vor den Kopf zu stoßen. Unübersehbar liegt dem Textkonstrukt die These zugrunde, dass in der geschilderten Zeit in China ein Machtkampf zwischen moderner Elite und reaktionären „Populisten“ getobt habe, der, wenn er denn anders ausgegangen wäre, in die Gründerzeit einer geradezu neuzeitlichen Gesellschaft übergegangen wäre. Ebenso unübersehbar sind die Verweise auf die deutschen Klassiker und Romantiker, die Insistenz, mit der die Diskurswelt dieser chinesischen Denker und ihre Bezogenheit „aufs Ganze“ zur deutschen Literatur- und Realgeschichte parallelgeführt wird.

Bemerkenswert ist vieles an dem Buch, wie gesagt. Leider auch, dass es bei der Fülle des Gebotenen und bei der klugen Umsetzung des Programms, die politische Dimension mystischer Philosophien darzustellen, dennoch – und auf hohem Niveau – scheitert. Das liegt einerseits an einem ausgesprochen schludrigen Lektorat, das eine Spur der Verwüstung durch den Text zieht: Sätze, in denen vergessene Fürwörter sich auf Verben beziehen, die da nicht länger stehen, sinnentstellende Rechtschreibfehler und dergleichen verleiden einem die Lektüre doch erheblich. Was aber schwerer wiegt: Dass sich der Autor auf der Ebene der lebensweltlichen Details permanent selbst widerspricht. Natürlich ist z. B. das „Motel“ ein angemessener Schauplatz für ein Treffen von flüchtigen Intellektuellen. Doch wenn wir einige Seiten später über die ausgesprochene Seltenheit von Automobilen in der Gegend, wo das Motel steht, erfahren, fällt auf, dass Marchal die innere Logik der einzelnen Szenen und Sinneinheiten über die Logik des Gesamttextes gestellt hat. Das wäre ja noch nicht so schlimm, würden sich diese „Logiken“ nicht an so vielen Stellen in der dargestellten Weise so krass widersprechen. Drittens schließlich ist das Buch voll von ausgesprochen schönen Einfällen (das Fliegenkönnen des einen Dichters, der Wang Bi begleitet, zum Beispiel), die ziemlich konsequenzlos, „wie bestellt und nicht abgeholt“, in der Handlung herumstehen. Mit anderen Worten: Was an diesem Text nicht stimmt, wäre durch schlichte Sorgfalt zu vermeiden gewesen.

Was vorliegt, ist somit eine hervorragend durchdachte Version der Geschichte vom Dichterphilosophen als Dropout, die deutlich auf eine These über die gesellschaftlichen Rollen von Intellektuellen hinaus will und die – nebenbei – durch die Vermittlung von Detailwissen besticht, die sich aber – sozusagen wie die Hauptfigur des Textes – zunehmend in sich selbst verliert. Lesenswert ist der Text allemal. Durchaus nicht als Beispiel für eine gelungene Umsetzung, aber als Beispiel dafür, inwieweit die Form des Romans noch Platz bietet für visionäre Entwürfe.