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der feuerkopf im schrebergarten

martin gasser | der feuerkopf im schrebergarten

Die Lust an der Idylle im literarischen Pessimismus

 

„Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger!“ rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stößen mit dem rechten Fuße zur Thüre hinaus.

Als im Zuge einer fragwürdigen Unternehmung der schönste Anfangssatz der deutschsprachigen Literatur gesucht worden ist, hat man diese Zeilen übersehen. Mit diesem Arschtritt beginnt Johann Karl Wezels im Jahre 1776 erschienener philosophischer Roman Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne. Der Hinauswurf, den der Titelheld zum Auftakt erleidet, steht emblematisch für alles nun Folgende: Fasten your seat­belts, it`s going to be a bumpy ride. Nachdem der von der schönen Akante geschasste Liebhaber den Trennungsschmerz einigermaßen überwunden hat, wandert er in die Welt hinein, besser gesagt, er wird unsanft durch sie hindurchgestoßen. Verprügelt, ausgeraubt, verraten, eingekerkert, gefoltert und beinahe erhängt, stolpert der reine Tor von einer persönlichen Katastrophe in die nächste. Wobei sein Optimismus, schwärmerischer Geist, euphorischer Glaube ans Gute, Zivilcourage und sein noch unerschütterlicher Sinn für (Selbst-)Gerechtigkeit ihn überhaupt erst in dieses Stakkato körperlicher und moralischer Niederlagen hineingeraten lassen. Die Welt lebt sich am Weltverbesserer aus. Nachdem er mehrmals nur knapp dem gewaltsamen Tod entronnen konnte, keimen in ihm Zweifel an seiner selbstzerstörerischen Methode, sich überall dort einzumischen, wo er jemanden auf seine Hilfe angewiesen glaubt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Roman gerade einmal 30 Seiten alt. Das Tempo, mit dem weiteres Unglück über Belphegor hereinbricht, verlangsamt sich zwar, die Intensität nimmt indes (allein der Häufung wegen) nicht ab. Nachdem er Europa durchlitten hat, verschlägt es ihn über die Türkei bis ins tiefe Afrika, nach Persien und China, bis er schließlich in Amerika landet. Und überall dasselbe Bild: Die Welt, ein einziger großer bellum omnium contra omnes. Die gesamte Menschheitsgeschichte eine „Prügeley um den Erdenkloß“.

Der Stärkere hat von Ewigkeit her den Schwächeren zum Sklaven gehabt, ein Mensch hat beständig über den anderen herrschen wollen, und wer den anderen hat darniederwerfen können, der ist der Herr gewesen. Die Menschen haben ja beständig einander gequält, und wer sich nicht quälen ließ, den schlug der andre todt, wenn er konnte. Es ist ja immer so gewesen, und wenns dir nicht ansteht, so ändre das! Mache, daß du morgen nicht gehangen wirst; wenn dus kannst, so hast du Recht, aber bis hierher haben wir es.

Diese Zusammenfassung gesellschaftlichen Zusammenlebens bekommt Belphegor von einem Richter zu hören, der ihn zum Tode verurteilt. Der Titelheld gelangt langsam zur Einsicht: „Der Mensch – ist das ärgste Ungeheuer der Hölle. Ich bin mir selbst gram, ein Mensch zu seyn.“

Das absurde Trommelfeuer der Schicksalsschläge verdeutlicht, dass Belphegor eine ins Extreme überhöhte Satire darstellt, die sich allerdings als bitterernste Zustandsbeschreibung ausgibt. „Verschiedene Schriftsteller haben uns die Welt und den Menschen als vortrefflich geschildert. Aber entweder betrogen sie sich selbst oder wollten sie die Leser betriegen“, hält Wezel im Vorwort fest. Wie hier die Rede von der besten aller Welten auf oft verzweifelt komische Weise bloßgestellt wird, erinnert natürlich an einen anderen Text dieser Epoche. 18 Jahre, bevor Wezels merkwürdiges Buch erschien, hatte Voltaire seinen Candide auf Weltreise geschickt. Wohl nicht der erste, aber sicher der wirkungsmächtigste Leser, der auf die Parallelen zwischen den Erzählungen hingewiesen hat, war Arno Schmidt. In seinem Essay Belphegor oder Wie ich euch hasse setzte Schmidt dem unter dem Literaturschutt der Jahrhunderte längst begrabenen deutschen Text ein Denkmal. Er stellte den Belphegor an die Seite zweier anderer literarischen Anklagen wider ein ganz und gar nicht trefflich eingerichtetes Universum: Zu Belphegor und Candide oder Der Optimismus gesellt sich hier Swifts Gullivers Reisen. Diesen drei Büchern spricht Schmidt eine Qualität zu, die er als leidenschaftlicher Atheist und Pessimist schätzen musste. Die Autoren besähen sich die Welt und kämen zum Schluss: „ES STIMMT HIER ETWAS NICHT“.


Acht und Aberacht
Dank Schmidts Plädoyer für dieses Dokument des „ehrwürdigsten Gott-, Welt- und Menschenhasses“ wurde Belphegor 1965 erstmals neu aufgelegt. Für Schmidt war auch die Person des Autors von hohem Interesse. Er zählte den 1747 in Thüringen geborenen Wezel zu den „Schreckensmännern“ der Literatur, den nicht nur von der Gesellschaft ausgestoßenen, sondern auch vom literarischen Establishment an den Rand gedrängten Schriftstellern. Jenen Autoren „brennend scharfen Geistes“ und „überscharf gewetzter Beobachtungsgabe“, die literarische Avantgarde und sozialrevolutionären Geist vereinen, was im Grunde unvereinbar sei. „Sie springen ins Leere“, formuliert Schmidt es dramatisch, denn: „Sie haben höchstes literarisches Niveau, deswegen liest sie der Arbeiter nicht! Und der Gebildete rümpft die feine Nase.“ Tatsächlich hatte Wezel mit dem Belphegor kein Glück im Literaturbetrieb. Die Weimarer Instanz Christoph Martin Wieland urteilte ihn ab: „Was zum Henker ist Sie nun wieder angekommen, diesen neuen Frevel an der armen Menschheit zu begehen. Ich werde Sie in die Poetische Acht und Aberacht erklären.“

Arno Schmidt, der sich selbst schon früh den Habitus des freiwilligen Outsiders zugelegt hatte, wurde nicht müde, dem literarischen Mainstream diese persönliche Ahnengalerie an Feuergeistern entgegenzuhalten (neben Wezel explizit Karl Philipp Moritz, Johann Heinrich Voß und Johann Bernhard Basedow). Wezels Biografie taugt mit ihrem ausgeprägten Hang zur Devianz zu solcher Interpretation. So wollte der Dichter zeitlebens von niemandem abhängig werden, schon als Kind rückte er emotional von den Eltern ab. Der Mutter teilte er später einmal mit, dass er ihr gegenüber keine Pflichten habe, denn er könne höchstens ein Pflegekind sein – wie hätte sie einen solchen Sohn wie ihn haben gebären können! Wezel verkehrte mit den „großen Geistern“ seiner Zeit, die ihn wohl auch als ebenbürtig betrachteten. Wieland lobte andere Werke Wezels überschwänglich. Was nichts an Wezels Problem mit Autoritäten änderte. Er machte sich allseits unbeliebt und führte seine intellektuelle Fehden äußerst konsequent. Angesicht der vielen Feinde, die er sich so machte, stimmt vielleicht vieles an den überlieferten Seltsamkeiten seiner Biografie nicht. Sein letzter Lebensabschnitt mutet in jedem Fall wie ein Stück literarhistorische Mythologie an. Um 1793 kehrte Wezel in seine Geburtsstadt Sondershausen zurück. Halb wahnsinnig, mit 220 Gulden in der Tasche, soll er gekommen sein und sich sein Vermögen auf zehn Jahre erwartete restliche Lebensspanne aufgeteilt haben. „18 D-Mark pro Monat“ hat Arno Schmidt penibel umgerechnet. Der Topograph und Schriftsteller Jonas Ludwig von Heß berichtete aus Sondershausen: „Er lebt völlig einsam, flieht die Spur alles dessen was Mensch heißt, geht nie bei Tage aus, nur des Nachts wagt er sich hervor, und streift bis zum grauen Morgen in den Wäldern herum. Er genießt nichts als dünnen Caffee und abgebrühte Kartoffeln. Bei Hofe kennt man ihn nur unter dem Namen des übergeschnappten Gelehrten.“


Der Wiederveröffentlichung des Werks 1965 sind mehrere nachgefolgt, wirklich bekannt ist Belphegor dadurch nicht geworden. Nun hat der Verlag J. G. Hoof (dabei handelt es sich um ein Subunternehmen des Edelwarenvertriebs Manufactum) den ewigen Geheimtipp erneut zur Dis­kussion gestellt. Leser, die sich ein Werk vom Rang des Candide erwarten, sollten sich auf eine kleine Enttäuschung gefasst machen. Die Analogien zwischen den beiden Büchern lassen Belphegor bisweilen als Plagiat erscheinen, wo jedoch Voltaire auf relativ knappem Raum geistvoll-bissig zu Werke geht, dekliniert Wezel sein Thema auf dreimal so vielen Seiten mitunter auch recht schwerfällig durch; wo der eine gezielt sein Gift verspritzt, überschwemmt der andere die Leserin mit immer gleich gebauten Episoden. Der aufklärerische Eifer, den Wezel bei seiner Demaskierung aufwendet, führt jedoch vor allem in den zahlreichen reflektierenden Abschnitten zu wunderbar klaren Sentenzen: „Ein Theil der Menschheit wird zu Tode gequält, damit der andere sich zu Tode frißt“. Belphegors Etappen in Afrika und China bilden in ihrer bizarren Komik die erzählerischen Höhepunkte. Hier potenziert sich der empörte Aberwitz und finden die literarischen Welterfahrungen eines Kafka, Sartre und Jarry ihren Vorhall.


Absage an die Aufklärung
Am Ende seiner beschwerlichen Reisen schreibt der von der Welt zwangsweise geläuterte Optimist den Nachkommenden eine Absage an die Aufklärung ins Stammbuch: „Schleiche dich durch die Menschen hindurch und lass dich nie gelüsten, ihnen zu sagen, dass sie Narren sind, noch vielweniger, sie gescheidter machen zu wollen!“ Man könnte meinen, dass nihilistische Töne durchklingen, aber gerade dieser Befund weist den Figuren einen Weg aus ihrer Misere: Man kann sich mit der im Allgemeinen unrettbaren Welt arrangieren, indem man sich heraushält, sozial und emotional abschottet, und so eine kleine, bequeme Nische Glücks einrichtet. Belphegor betreibt gegen Ende des Romans mit einigen seiner Weggefährten ein kleines Gut in der englischen Kolonie in Nordamerika (sie behandeln ihre Sklaven dabei beinah gleichberechtigt). „So sind wir verschanzt und machen für uns allein eine Welt aus.“ Ignoranz und intellektuelle Stumpfheit sind hilfreich bei der Suche nach dem Glück: „Freund, wenn es möglich wäre, den lästigen Plunder der Erfahrung von uns zu werfen, das Auge unseres Geistes zu stümpfen und seinen Gesichtskreis so sehr als möglich zu verengern, wären wir nicht glücklich?“ Ist es ein Zufall, dass die Figuren ausgerechnet in den künftigen USA zu solcher Einsicht kommen? Zum Schluss definiert Belphegor Glück schlicht als Abwesenheit menschlichen Leidens. Wobei Abwesenheit meint, aus dem Blickfeld des selbst gemütlich eingerichteten Nichtbetrachters. Und auch wenn hier dem bittersten Sarkasmus wohl nur die Maske der Abgeklärtheit vorgehalten wird, ist es doch erstaunlich, dass auch Candide in Eskapismus endet. Dem von Belphegor ausgerufenen Motto „mehr zu handeln, und weniger zu denken“ (ist es ein Zufall, dass er ausgerechnet in den künftigen USA solche Vorsätze fasst?), folgt auch das Personal bei Voltaire. Dort verzieht man sich auf einen Bauernhof, um sich gänzlich Handwerk und Ackerbau zu widmen. „Il faut cultiver notre jardin“, erklärt Candide am Ende der Erzählung dem Philosophen Pangloss, als dieser wieder einmal zu räsonieren beginnen will, die Allusionen zu Eden sind vom begeisterten Hobbygärtner Voltaire motivisch eingearbeitet. Diese arbeitsame Idylle, der Rückgriff auf eine archaische Lebensweise ist ebenso wie jene Wezels (bei dem es heißt, dass die „Lebensart der ersten Väter die geringste an Achtung und die oberste an Glückseligkeit“ sei) wohl beißend ironisch zu verstehen. Aber selbst unter Berücksichtigung eines solchen Bruchs zwischen Gesagtem und Gedachtem steht auch hier am Ende der Geschichte die Abkehr von der Welt, die sich selbst überlassen wird. Auch der scharfsinnigste Pessimist schildert jeweils die eigene kleine Welt als paradiesische Lösung des Lebensproblems. Eine Flucht, die einem dialektischen Vorgang in die pessimistische Erzählung eingearbeitet ist. Schau her: So blöde macht die Welt den Menschen.

Und auch bei jenem Autor, der diese beiden Texte aus dem 18. Jahrhundert so sehr schätzte, findet sich ein ähnlich gestaltetes Finale. In Arno Schmidts Roman Das steinerne Herz entdecken die Hauptpersonen in einem Hohlraum ihres Wohnhauses einen Goldschatz. Dieser Deus ex Machina beschert dem Ich-Erzähler (wie üblich Schmidts wortreiches Sprachrohr) ein Leben, in dem er sich unbehelligt von Geldsorgen und der ihm verleideten Gesellschaft endlich seiner geliebten Arbeit als Archivar widmen kann. Ein Ende, das als Persiflage auf den Traum vom Spießerglück gedeutet worden ist. Dies ist ebenso falsch, wie Candide und Belphegor nur sarkastisch aufzufassen. Bei Schmidt begibt sich einer, der mit dem Nachkriegsdeutschland nichts mehr zu tun haben will, in die innere Emigration, das Leben im Archiv ist Akt der Dissidenz. Eine andere literarische Figur Schmidts, der Beamte Heinrich Düring aus dem Kurzroman Aus dem Leben eines Fauns, flüchtet sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in die Erfassung und Archivierung historischer Akten, später in eine winzige, im Dickicht des norddeutschen Waldes versteckte Holzhütte. Der Komplex Archiv/Bibliothek/Garten besitzt als Refugium vor dem tobenden menschlichen Leben mehr als eine Familienähnlichkeit. Den Rückzug hat Schmidt ja auch als Person vorexerziert: Ausreichend Geld zum Leben und ein abgeschiedenes Haus als Arbeitsstätte stellte er als die höchstmögliche Form des Glücklichseins dar. Es liegt auch bei Schmidt ein Fall von unversöhnlichem Pessimismus vor, in dem die Weltflucht den Rang einer utopischen Versprechung erlangt. Die radikale Aufklärung produziert ihre Negation.

In einem Punkt unterscheidet sich Wezels Roman dann doch wesentlich von den Arbeiten Voltaires und Schmidts. Auf der letzten Seite des Romans hält er eine weitere Volte parat. Der Titelheld verlässt gegen das Anraten seiner Freunde den abgeschiedenen Bauernhof und schließt sich den Proponenten der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung an. Ist es Zufall, dass er ausgerechnet in den künftigen USA in der Lage ist, seine Idylle für höhere Ideale aufzugeben? Nicht zu vergessen: Belphegor erscheint im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Wezel platziert in seismographischer Gewissheit, wie sie nur je ein Dichter hatte, seinen Protagonisten mitten auf diesen Scheideweg der Menschheitsgeschichte. Die pessimistische Parabel der ersten 300 Seiten wird im letzten Absatz plötzlich Zeitstück. Wezel lässt das Ende offen. Wie es Belphegor in seinem Kampf für das neue Amerika ergeht, erfährt man nicht. Will Wezel demonstrieren, dass sein Titelheld trotz allem noch immer nicht begriffen hat, oder hat der Titelheld begriffen, dass es trotz allem nicht sinnlos ist, an der Welt teilzunehmen? Der aufklärerische Geist, aus dem dieses tiefschwarze Buch entstanden ist, erscheint noch einmal unverstellt und lässt den Leser in tiefer Verunsicherung zurück. Oder, um Arno Schmidt umzuformulieren, steht man am Ende unvermittelt da mit der Frage: „GEHT HIER NOCH ETWAS?“


Johann Carl Wezel, Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne. Mit einem Nachwort von Wolfgang Zähle. Warendorf: Verlag J. G. Hoof 2008.