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die beste aller frauen

rolf stolz | die beste aller frauen

Man erzählt von einem jungen Mann, der die Welt sehen wollte, die ganze Welt, daß er – wie auch immer ihm dies gelang – sich aufspaltete in sich selbst und in vier in allem gleiche Wanderer, die eines Morgens am Kreuzpunkt der großen Straßen aufbrachen, sich umarmten und sich viel Glück wünschten mit der Formel Gott mit dir und der Himmel mit Gott. Nach einem Jahr kehrten sie zurück aus den vier Richtungen der Windrose und hatten ihren leicht von der geraden Linie abweichenden Kurs rund um die Erdkugel allen Schwierigkeiten und Versuchungen zum Trotz eingehalten. Sie umarmten sich, sprachen ein Dankgebet Schulter an Schulter stehend und so ein Viereck mit dem in der Mitte bildend, der geblieben und von dem das alles ausgegangen war. In dieser Nacht  redeten sie über das,  was jeder gesehen hatte, doch bemühten sie sich, nicht zuviel davon zu sagen, weil sie wußten, sie würden sich nicht einigen können und niemand würde das verstehen, was er nicht selbst gesehen hatte oder doch gesehen zu haben glaubte, denn in ihrer Erinnerung verschwammen schon alle Erzählungen und Bilder und was sie von den anderen hörten, wirbelte ihre Erlebnisse noch mehr durcheinander, daß sie noch weniger  wußten, was sie gesehen und erlitten und was sie lediglich von anderen gehört hatten. Noch in dieser Nacht verschmolzen sie wieder zu einem einzigen Menschen, der von den reißenden Wildbächen Norwegens wußte, vom silbrigblauen oder bleigrauen Eis der Polarzone, von den staubigen Tundrasteppen, den Wüsten mit ihren ziellosen durstgequälten Trugspielen, dem tückisch ruhigen Meer, dem verlockenden Leuchten der Früchte in Afrika und dem Duft des Harzes dort ganz unten im Süden. Aber der Mann war alt geworden, unendlich ungeheuer alt in dem einen Jahr, vier mal vier mal vier Jahre älter.

Noch eins: Jeder der vier Männer, die fort gewesen waren und die jetzt schon wieder fort waren, endgültig fort, hatte eine Frau mitgebracht, eine schöne junge Frau, eine blonde aus dem Fjordland, eine mit gelbbrauner Haut aus dem fernen Osten, die Fische mit der Hand fing und sie roh essen konnte, mit roten Haaren eine, die den ganzen Tag traurig-schöne Lieder  sang von ihrer Insel, die schon so lange die Freiheit verloren hatte, und eine mit tiefschwarzer Haut und tiefschwarzen Kräuselhaaren, die in einem und demselben Augenblick mit dem Mund lachen und mit den Augen weinen konnte. Und die vier Frauen waren vier und sie blieben vier und sie blieben für das erste so herrlich jung, wie sie in den Tagen waren, als jede von ihnen ihrem Mann in sein fernes Land gefolgt war. Auch sie standen sich gegenüber fast wie in einem Viereck, aber nicht Schulter an Schulter, sondern Gesicht gegen Gesicht, mal eine gegen drei, mal zwei gegen zwei, mal alle vier gegen den alten Mann gewendet. „Alter Mann“, schrien sie, „wo sind unsere Männer, die jung und schön und stark waren wie wir? Wo hast du sie versteckt, wo hältst du sie gefangen?“ „Ja“, dachte der alte Mann, „so ist sie, die Welt. Die Frauen werden nicht bei mir bleiben wollen. Eher laufen sie fort, zurück in ihre Heimat. Und zuerst werden sie mich töten aus Wut und getäuschter Liebe.“

Noch an diesem Morgen ging er, wie er stand und gerade war, hinaus zu der Kreuzung und  von dort über eine der Straßen in die Welt. Er hatte sich solange mit geschlossenen Augen im Kreis gedreht, bis ihn der Schwindel packte und ihn in eine der vier Richtungen stürzen ließ, und diese wählte er für sich. „Jede Straße ist gut“, dachte er, „wenn sie fortführt aus einem Zwiespalt, wenn sie nicht gleich wieder anlangt und wenn sie ein Ende hat, das hinter dem Horizont liegt.“ Und als er nach vielen Jahren zurückkehrte an den Ort, an dem er früher gelebt hatte und den er damals für seine Heimat gehalten hatte, da lebte nur noch eine der vier Frauen, die dunkelste von allen, und sie war alt geworden von dem, was sie in der Fremde gesehen hatte, uralt, so uralt wie der, von dem ein Teil schon einmal ihr Mann gewesen war. Und der Mann lebte jetzt wieder mit ihr oder auch zum ersten Mal mit ihr, so gut und so lange es eben gehen mochte.