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die hybris der metropole

Anšlavs Eglītis porträtiert die Rigaer Kunstbohéme der 30er-Jahre


Anšlavs Eglītis: Homo Novus – Ein Künstlerroman aus dem Riga der dreißiger Jahre

Weidle 2006

Rezensiert von: christoph pollmann


 „Homo Novus“ bedeutet so viel wie Emporkömmling oder Neuling. In der Antike wurde hiermit ein Mann bezeichnet, der als Erster aus seiner Familie Konsul wurde, der es also wagte in die elitäre Phalanx der Senatorenfamilien einzubrechen. Bekannte Beispiele für „Novi Homines“ sind Cato, Cicero und Tacitus. Unserer heißt Juris Upenājs und ist ein ziemliches Provinzei.

Als Maler aus der lettgallischen Provinz, dem östlichen Grenzgebiet zu Russland zu kommen, ist in der mondänen Hauptstadt Riga, das den Beinamen „Paris des Nordens“ trägt, durchaus eine Bürde. Dort gelten alle Latgallen als „Čangaļi“, also bessere Urwaldmenschen. Und angesichts der Dicke des Romans weiß der Leser auch gleich: Dieser Juris wird es beileibe nicht leicht haben, sich seinen schüchternen Traum, nämlich Riga als Maler zu erobern, zu erfüllen. Unverhofft gerät er jedoch in ein bacchantisches Künstlerfest, auf dem sich alle wichtigen Vertreter der Kunstszene selbst feiern. Juris bestaunt kleinlaut die Rigaer Bohème und wird schon bald mit der Hybris so mancher selbsternannter Großkünstler konfrontiert: „Was blinzelst du, junger Mann?“, fragte Orpheus, als er den verständnislosen Blick des Gesegneten bemerkte. „Vielleicht bist du ein solcher Hinterwäldler, dass du mich überhaupt nicht kennst? Orpheus Faustus ist der Name, den ich mir erwählt habe, weil nicht gewissenlose Eltern, sondern die Künstler selbst das Recht und die Pflicht haben, sich die Taufe zu geben. Orpheus deshalb, weil ich am süßesten und am weichsten singe, egal, ob in der Dichtung, in der Musik oder beim Malen, und Faustus, weil ich ewig und ohne Unterlass nach neuen Erkenntnissen, Wegen und Ideen suche. Das Dichten ist nur eines meiner vielen Talente, ein unbedeutendes Detail, und wenn ich wollte, wäre ich schon lange ein international berühmter Poet, Maler, Geiger oder Komponist, aber ich will und forme etwas viel Höheres, noch Ungesehenes, Unerreichtes, ich schaffe die Kunst der Künste: die Vereinigten Künste.“

Und als ob er sich diese Selbstvermarktungstechniken intuitiv aneignen würde, macht sich unser tumber Thor schon auf dieser allerersten Künstlerfete unvergessen: Er sprengt das Beisammensein, indem er volltrunken gegen ein Kaminrohr rumpelt und alle Gäste in einen furchtbaren Aschenebel hüllt. Dies wird seine ganz persönliche Initialzündung zum Ruhm …

Anšlavs Eglītis gehört zu den ganz großen lettischen Nachkriegsautoren. 1906 in Riga geboren, ging er 1944 ins amerikanische Exil, wo er 1993 starb. Eglïtis schrieb viele Romane, aber sein Hauptwerk ist #Homo Novus# – ein Buch, das durch den Krieg und die schwierige Lebenssituation des Autors fast untergegangen wäre. Ein unausdenkbarer Verlust! #Homo Novus# erschien 1944 in Fortsetzungen in einer lettischen Literaturzeitschrift und war geradezu ein Lichtblick in dunkelster Zeit. Am besten gelungen ist Eglītis von allen Figuren Felikss Kurcums, ein mephistophelischer Tausendsassa. Seine Gaben nutzte er bislang nur dazu, Intrigen zu spinnen und Skandale loszutreten. Mit Juris sieht er dann die Chance zu seinem bislang größten Coup, nämlich einen Künstler zu „kreieren“. #Homo Novus# ist ein Roman ganz im Geiste und Stil der europäischen Literatur, so wie Riga durch und durch eine mitteleuropäische Stadt ist. Es ist beinahe herzzerreißend, wie die lettische Kultur stets nach Europa schielt und um dessen Liebe buhlt, aber fast nicht wahrgenommen wird – zu fern, zu unbekannt, zu unbedeutend erscheint uns das Baltikum. Dieser unwiderstehliche und bedeutungsvolle Roman kann hier Augen öffnen!