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die seele hockt im fegefeuer

parviz amoghli | die seele hockt im fegefeuer

Das Alles-bestens-Prinzip der Corporate Social Responsibility als moderne Form des Ablasshandels


Sobald das Geld im Kasten klingt,

Die Seele aus dem Fegfeuer springt.
Johannes Tetzel, 16. Jahrhundert


Beinahe 500 Jahre ist es her, dass der Dominikanermönch und Ablassprediger Johannes Tetzel mit diesem Reim das Alles-bestens-Prinzip beschrieb, welches damals wie heute Grundlage eines überaus lukrativen Geschäfts ist: des Ablasshandels.

Auch wenn sich sein Erscheinungsbild geändert hat, so bleibt das Ablasswesen doch weiterhin intakt, man könnte sogar sagen, dass das Geschäft mit der Sündenvergabe eine neue Blütezeit erlebt. Nur mit dem Unterschied, dass heute das Geld der Gläubigen nicht der Kurie, sondern Billigfliegern wie der TUIfly zufließt, die ihren Kunden anbietet, mit dem „Alles-sorglos-Paket“ „klimaneutral“ verreisen zu können, und dass das Ablasszertifikat nunmehr aus dem Dru­cker kommt und nicht mehr aus Tetzels Hand.

„Corporate Social Responsibility“ (CSR) heißt das neue Zauberwort. Dabei geht es darum, den „Gemeinwohlbezug (eines Unternehmens) in der kommunikativen Darstellung nach innen und außen darzustellen, oder anders gesagt: Es geht um den moralischen Mehrwert“, wie es die Kommunikationswissenschaftlerin Ulrike Röttger formuliert. Das bedeutet: Je mehr qualitative Produktunterschiede an Bedeutung verlieren, je weniger unterscheidbar Unternehmen werden, desto wichtiger ist es für diese, sich auf einer anderen Ebene zu profilieren. Und was eignet sich in Zeiten von Wertedebatten und „moralischer“ Politik besser zur Imagebildung und somit für Umsatzsteigerungen als das vor­gebliche Interesse am Gemeinwohl?

Mit dem Alles-bestens-Prinzip und der Aussicht auf Gewissensberuhigung werden seit Jahrhunderten gute Geschäfte gemacht. An die Stelle des von den Ablasspredigern schillernd und detailgetreu beschriebenen Fegefeuers sind vielfältige andere Läuterungsszenarien getreten: Klimawandel, Umweltzerstörung, Hunger, Werteverfall, Krieg. Diese werden dem Publikum in drastischen Bildern vorgestellt: von den verpixelten Aufnahmen prügelnder Jugendlicher in deutschen U-Bahnhöfen bis zu abendfüllenden Blockbustern aus Hollywood. Und so wie Dominikanermönch Tetzel am Ende seiner Predigten die Gläubigen zu den mitgebrachten Opferkästen bat, kann der heutige Fernsehzuschauer seinen Ablass in der nächsten Werbepause erwerben.

An der immer willkürlicheren Handhabung des Ablasswesens sowie der fortschreitenden Fiskalisierung und Kommerzialisierung des Bußsakraments entzündete sich im 15. Jahrhundert unter anderem die Kritik der drei großen Reformatoren Wyclif, Hus und Luther. Während die ersten beiden scheiterten, war es Luther vorbehalten, mit seinen Thesen einerseits auf eine Kirche zu treffen, deren Autorität zusehends schwand, und andererseits auf eine Öffentlichkeit, die durch die Alphabetisierung für solche Auseinandersetzungen reif war.

Das Zeitalter der Reformation war, trotz des Bündels an Krisenphänomenen, ein Zeitalter des Um- und Aufbruchs in die frühe Neuzeit. Das 21. Jahrhundert ist ebenfalls eine Epoche des Umbruchs. Ob es ein Aufbruch wird, hängt auch von der Existenz einer reformatorischen Kraft ab, und davon, ob diese ein alternatives, integrierendes Gesellschaftsmodell zu dem derzeit geltenden anbieten kann oder nicht. Auf jeden Fall aber ebnen neue Technologien, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen und eine Machtelite, die aus „Nieten in Nadelstreif“ besteht, den Weg zu einer erneuten Reformation, an deren Ende sich die immer wieder beschworene Alternativlosigkeit des globalisierten Kapitalismus und die daraus resultierenden Folgen als genauso unsinnig herausstellen könnten, wie es der Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche tatsächlich war.


Gnadenschatz

Auf der Homepage des Vatikans www.vaticana.va heißt es zu der Frage „Was ist der Ablass?“: „Der Ablass ist Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind. Ihn erlangt der Christgläubige, der recht bereitet ist, unter genau bestimmten Bedingungen durch die Hilfe der Kirche, die als Dienerin der Erlösung den Schatz der Genugtuungen Christi und der Heiligen autoritativ austeilt und zuwendet.“

Die Unterscheidung zwischen der durch das Bußsakrament getilgten Schuld und der zeitlich begrenzten Läuterungszeit ist aus theologischer Sicht wichtig. In der Theorie des Spätmittelalters oblag es einzig Gott, eine Schuld zu tilgen, der Mensch hatte darauf keinen Einfluss. Worauf er oder sie allerdings Einfluss hatte, war die Dauer des sogenannten Läuterungszustandes. Jener resultiert aus der Sünde selbst und ist laut Vatikan nicht als Strafe zu verstehen, sondern als Reinigungsprozess, der wiederum im Diesseits oder aber im Jenseits durchlaufen werden muss. In der realistischen Vorstellung der Menschen des Spätmittelalters bedeutete dies das Fegefeuer.

Die Frage der Sündenvergebung spielte in der katholischen Kirche bereits früh eine Rolle. Seit dem 4. Jahrhundert unternahmen Pilger Wallfahrten nach Palästina zur Büßung ihres sündhaften Lebens. Urban II. und sein „Gott will es!“, mit dem er 1095 zum ersten Kreuzzug aufrief, veränderte das Ablasswesen dann ganz entscheidend. Indem der Papst den Teilnehmern des Kreuzzugs neben Steuerfreiheit und Schuldenstundung völligen Erlass der Sünden versprach, wurde aus dem bischöflichen Privileg des Ablasshandels ein päpstliches.

Die religionstheoretische Legitimierung des heiligen Geschäfts erfolgte dann durch die im 13. und 14. Jahrhundert aufkommende Gnadenschatzlehre. Demnach ist Gottes Stellvertreter auf Erden auch der Verwalter der überschüssigen Verdienste Jesus‘ und der Heiligen, die sich im sogenannten Gnadenschatz – dem „Schatz der Genugtuungen Christi und der Heiligen“ – angesammelt haben. Dieser wurde dem Papst durch Gott anvertraut und ist so unermesslich, dass er nicht „in einem Sack verborgen oder in einem Feld vergraben“ werden dürfe, wie es in der Bulle Unigenitus von 1343 heißt. Und weil das so ist, wird in derselben Bulle dem Nachfolger des hl. Petrus das Recht zugestanden, Nachlässe auf zeitliche Sündenstrafen zu verkaufen. Wie lukrativ der Ablasshandel war, zeigt nicht zuletzt der Petersdom, dessen Bau zu großen Teilen durch den Verkauf der früheren „Alles-sorglos-Pakete“ finanziert wurde. Da störte es auch nicht, dass das Bußgeld eigentlich eine altgermanische und somit heidnische Sitte war.

Ablassprediger wie Johannes Tetzel waren Werber und Verkäufer in Personalunion. Sie sorgten mit ihren Aufsehen und Ärger erregenden Predigten dafür, dass sich die Opferkästen mit Gold füllten. Dazu schilderten sie das zu erwartende Martyrium in blutrünstigsten Farben, befeuerten die Ängste der Menschen vor der unumgänglichen Reinigung im Fegefeuer und entwarfen Bilder von unerträglichen Qualen, denen die Sünder durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch ausgesetzt sein sollten. Abschließend boten die päpstlichen Sales- und Marketingmanager ihren Zuhörern an, gegen ein kleines Entgelt – für jede Brieftasche gab es den passenden Ablass – ihren Reinigungsprozess zu verkürzen. Wie lange genau die Läuterung für jeden Einzelnen dauern sollte, blieb dem Sünder freilich verborgen. Deshalb mögen die mehr als 39 Millionen Jahre Ablass, die beispielsweise Kardinal Albrecht von Brandenburg, ein Zeitgenosse und erster Gegenspieler Luthers, 1522 in Form von Reliquien und Ähnlichem zusammengetragen hatte, zwar gewaltig erscheinen, im Prinzip aber sind sie ohne jede Aussagekraft.

Wir kennen solche Praktiken, wie sie im 15. Jahrhundert ins Jenseits („Fegefeuer“) projiziert worden waren – Inhaftierung unter widerwärtigen Bedingungen ohne Nennung der Haftdauer – heute in realiter aus rechtsfreien oder autoritären Systemen wie zum Beispiel Guantanamo. Gleichzeitig, und dies scheint im Zeitalter des entgrenzten Kapitalismus erwähnenswert, handelt es sich aber auch um eine überaus wirkungsvolle Kundenbindungsmaßnahme, die vor rund fünfhundert Jahren genauso gut funktionierte wie heute.

Der moderne Mensch steht hier vor einer ähnlichen Herausforderung wie sein spätmittelalterlicher Vorgänger. Denn auch für ihn gibt es keine finale Gewissensberuhigung, darf es eine solche gar nicht geben. Zu gewinnträchtig ist der moralische Mehrwert, zu viel Geld ist zu verdienen, solange sich der Verbraucher nur seiner permanenten Sünden bewusst ist. Tetzel hat es vorgemacht: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt.“


Corporate Social Responsibility

CSR dient Unternehmen dazu, einen moralischen Mehrwert zu schaffen. In einer Zeit, in der beinahe alles – bis hin zum Menschen – austauschbar ist, macht CSR den Unterschied. Dadurch kann man sich am Markt profilieren und ein Image aufbauen. Nun ist es nichts Besonderes, dass sich zum Beispiel Automobilfirmen oder Chemiekonzerne in einem umweltfreundlichen Licht darzustellen versuchen. Spätestens seitdem es Farbfernsehen gibt, rollen Luxuslimousinen durch grüne Landschaften oder flattern leuchtend weiß gewaschene Bettlaken kilometerweit über saftigen Wiesen.

Wenn heute aber Unternehmen erklären, entweder die Umwelt retten oder sozialschwache Jugendliche unterstützen zu wollen, agieren sie, bei aller Sympathie für die ausgerufenen Ziele, politisch und nicht mehr produktbezogen wie früher. Sie übernehmen Aufgaben von Institutionen wie dem Staat oder der Kirche, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind und naturgemäß eine ganz andere Zielrichtung haben als Gewinnmaximierung oder die Eigenkapitalrendite. Yahoo in China, BP in Nigeria, WAL MART in den USA und Nokia in Deutschland demonstrieren beispielhaft, wo für das Kapital die Prioritäten liegen, wenn Gemeinwohl und Unternehmensinteressen miteinander konkurrieren.

Wie weit die Verschränkung von Politik und Wirtschaft bereits gediehen ist und wie problematisch sie ist, zeigt die Kampagne „Du bist Deutschland“ in ihrer zweiten Auflage. Dort geht es um Kinder, deren Erziehung bekanntlich eine Investition darstellt. Und wie jede Investition muss sie sich irgendwann auch einmal auszahlen. Deshalb gibt es Vorschulen, Turbo-Abis, verschulte Bachelorstudiengänge, und deshalb müssen sich geisteswissenschaftliche Fächer ihre Existenz betriebswirtschaftlich legitimieren. Unterstützt wird die deutsche Bundesregierung bei ihrem Investitionsvorhaben von der Wirtschaft, also jenen, die nachher die Gewinne abschöpfen wollen, wie immer sie auch aussehen.


Die Medien als Ablassprediger
Damit der Ablass funktioniert, damit also das Geld im Kasten klingt, bedarf es noch des Fegefeuers und einer sündigen Seele, die daraus hervorspringt. Beides ist vor allem eine Frage des Marketings. Die Aufgabe der Ablass­prediger übernehmen heute Polittalkshows, Dokumentationen, Computeranimationen, TV-Shows und Spielfilme. Gebetsmühlenartig weisen sie auf die zu erwartenden Schrecken hin, unterbrochen von Werbepausen, in denen die Zuseher mit einer kleinen Telefonspende oder dem Kauf des richtigen Produktes ihrem Gewissen Erleichterung verschaffen können. Für jeden ist etwas dabei: vom Umweltschutz (Krombacher Elf) über die gezielte Förderung von humanitären, kulturellen und sozialen Anliegen (BASF) bis hin zur Unterstützung von Eritrea (TUIfly).

Dass solch moralisierende Kampagnen einen hohen Verbreitungsgrad finden, liegt auch an den bedeutenden Veränderungen in der Medienlandschaft. Der wirtschaftliche Druck, nicht selten der ökonomische Überlebenskampf, dem viele Verlage ausgeliefert sind, erleichtert die Einflussnahme von Agenturen und Pressestellen. Andere Medien geraten gleich in das Blick­­­feld eines Investors und werden damit potenziell parteiisch.

Demokratiepolitisch fragwürdig sind derartige Kampagnen vor allem deshalb, weil sie erstens immer nur die ethischen Grundsätze einer Minderheit darstellen, und zweitens, weil sie den Eindruck eines Gut und Böse vermitteln. Abgesehen davon, dass in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft Moral nicht mehr integrieren kann, ist von da an der Weg nicht mehr weit bis zum Dogma. Zweifel daran ziehen den Bann nach sich. Und der kommt nicht wie bei Luther als Bulle daher, sondern wie in Heiligendamm als vorbeidonnernde Tornados, deren Bordkameras die Irrgläubigen und Ketzer fotografieren. Oder, wie in Berlin geschehen, in Form einer Verhaftung wegen Terrorismusverdachts (dem schwersten Bannfluch überhaupt) aufgrund einer Google-Recherche.

Schließlich, und dies ist die letzte Voraussetzung für das Funktionieren des Ablasshandels, bedarf es noch des Sünders. Er war vor 500 Jahren wichtig und ist es heute genauso. Nur durch ihn ist der erhoffte Mehrwert erzielbar.

Deshalb verfügten Mönch Tetzel und seine Kollegen über einen ausgefeilten Katalog an zeitlichen Sündenstrafen und eine mindestens ebenso ausgeklügelte Preisliste. Auch wenn die katholische Kirche ihr Sündenregister mittlerweile um Verbrechen gegen die Umwelt oder gegen die Menschenrechte erweitert hat und aktuell ein „Vollkommener Ablass anlässlich des 150. Jahrestages der Erscheinungen der seligen Jungfrau Maria in Lourdes“ winkt, werden sich heutzutage nur die wenigsten von jenseitigen Qualen im Fegefeuer beeindrucken lassen. An deren Stelle sind wahlweise eine neue Eiszeit, eine bei Hamburg oder Bochum verlaufende Küstenlinie oder die Versteppung Europas getreten. Hinzu kommen gesellschaftliche Auflösungserscheinungen, Krieg und Armut. – Alles Schrecken im zukünftigen Diesseits, für die jeder Einzelne zweifellos Verantwortung trägt. Aber im Lichte der Penetranz, mit der darauf hingewiesen wird, entsteht der Eindruck, als solle ein diesseitiges, sündenfreies Konsumentenleben gar nicht mehr möglich sein. Denn das war und ist eine der gewinnträchtigsten Grundlagen des Ablasshandels.


Reformation
Damals wie heute wird den Gläubigen/Konsumenten durch das Alles-bestens-Prinzip vorgegaukelt, sie könnten sich lediglich durch die Entrichtung eines – im wahrsten Sinne des Wortes – Bußgeldes und ohne eine wirklich grundlegende Verhaltensänderung von ihrer Verantwortung freikaufen. Wenn Luther den Ablasspredigern damals entgegenhielt, dass nicht Geld über Gewissensfragen entscheiden kann, sondern nur eine vollkommene Sinnesänderung, so ist dem auch heute zuzustimmen. So selbstverständlich diese Kritik erscheinen mag, so schwer fällt es, die Konsequenz daraus zu ziehen. Denn sie bedeutet nichts weniger als Verzicht. Der Verzicht ist der gemeinsame Nenner der drei großen Reformatoren John Wyclif (ca. 1320 – 1384), Jan Hus (ca. 1370 – 1415) und Martin Luther (1483 – 1546).

Als sich jeder der drei weigerte, zu widerrufen, wurde jeder der drei gebannt, Jan Hus sogar verbrannt. Trotzdem verwarf Wyclif, Theologe in Oxford, auch weiterhin die Heilsmechanismen der Kirche, inklusive Ablass, und predigte stattdessen Armut. Hus, beeinflusst von Wyclif, trug dessen Lehre als Professor an der Prager Universität und mehr noch als Prediger in der Bethlehemkapelle in Prag nach Böhmen hinein und stellte dabei ganz bewusst die Schlichtheit und Reinheit der Urkirche den Missständen der damaligen Kirche gegenüber. Und auch Luther findet scharfe Worte gegen das „nur höher und höher“ der damaligen Machteliten.

Heute gibt es keine nennenswerte gesellschaftlich relevante Gruppe mit reformatorischen Ideen. Bislang hatte lediglich ATTAC Ende der 1990er-Jahre das Potenzial, sich als eine reformatorische Kraft zu etablieren. Und zwar mit der Idee des Regionalismus, wie im ATTAC-Newsletter vom 25. Februar 2002 unter der Überschrift „Selbstverständnis“ nachzulesen ist: „in der scheinglobalisierten Welt ist der Regionalismus der einzige Ausweg“. Nach verschiedenen Diffamierungs- und Kriminalisierungskampagnen drohte ATTAC der Bann. Die Globalisierungsgegner hatten gegen das Dogma der Alternativlosigkeit der Globalisierung verstoßen und befanden sich plötzlich in der Gesellschaft von Faschisten und Antisemiten wieder. ATTAC widerrief. Heute ist die Organisation wieder da – mit Heiner Geißler, aber ohne ein Gegenmodell. Stattdessen will man sich nunmehr für eine „andere“ Globalisierung einsetzen.

Nun mag man den Versuch, den globalisierten Kapitalismus von innen heraus zu reformieren, für durchaus sinnvoll halten. Solange aber keine Bereitschaft existiert, Dogmen anzugreifen, wird es bei der Reform bleiben. Und die ist nichts weiter als Ausdruck jenes wenig zukunftsweisenden Mitte-ismus, von dem keine wirkliche Erneuerung zu erwarten ist. Die von FAZ, Spiegel und von der taz ausgerufenen „neuen Ökos“, die sich durch einen „besseren“ Konsum eine Lösung der anstehenden Probleme aus dem kapitalistischen System heraus erhoffen, sind nichts anderes als Vertreter der gelähmten und lähmenden Mitte, die sich nicht zuletzt auch im Alles-bestens-Prinzip zu erkennen gibt.

Der Zeitpunkt für eine reformatorische Kraft ist gut. In weiten Teilen der Gesellschaft herrschen Unsicherheit und Skepsis gegenüber der Globalisierung, die tonangebenden gesellschaftlichen Kräfte verlieren an Autorität; Autorinnen wie Naomi Klein sensibilisieren für die Mechanismen der Macht­eliten. Eine neue Technologie, die zudem noch die revolutionären Potenziale des Buchdrucks und der Dampfmaschine in sich vereint, die Informationstechnologie, bietet Möglichkeiten zur Organisation und Ideenverbreitung. Was fehlt, ist ein integrierendes und tragfähiges Gegenmodell, wie es das lutherische für das katholische war, und das sich trotz Bannes zu behaupten weiß.

Wahrscheinlich bedarf es dafür noch ein bisschen Zeit. So wie damals könnte die Verdinglichung im Bereich des Bußsakraments, sprich der Ablasshandel bzw. die CSR, ein Punkt werden, von dem aus eine Reformation erfolgen könnte. Andernfalls werden zukünftige Generationen genauso ungläubig mit dem Kopf schütteln wie wir es heute angesichts der Absurdität von Tetzels Heilsversprechen tun, und sich fragen wieso gerade ein Billigfluganbieter mit dem Spruch: „Helfen Sie mit, das Klima zu schützen“ werben konnte.