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ein arsch kann ein anfang sein

Das Kroatien des Roman Simic ist ergreifend, komisch, unterhaltsam und auch sehr traurig


Roman Simić: In was wir uns verlieben

Voland & Quist 2007

Rezensiert von: christoph pollmann


„Eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen, kroatischen Literatur.“ Mit diesen Worten adelt der Verlag Voland & Quist seinen eigenen Autor. Wenn wir dann blätternd auf die Suche nach Indizien für diese Behauptung gehen, so stoßen wir zunächst auf die Widmung – und die eröffnet eine erste Spur, nämlich die literarische Vorhabung des jungen Kroaten: „Meiner verstreuten Familie“ lesen wir da. Es ist also alles, was wir lesen werden, doch eher persönlich zu nehmen, fiktionale Distanznahme hin oder her. Und es atmet hier auch der Wille, schreibend etwas Verbindendes zu schaffen, Gemeinschaft zu stiften, so klein sie am Ende auch geraten mag. Die Zersplitterungskraft des Krieges scheint in ihren Nachwirkungen noch so allgegenwärtig, dass dem etwas entgegengesetzt sein will – ein Erzählband voller Liebesgeschichten, meist missratener Liebesgeschichten, die stets auch nur das leisten, was sie vermögen: immer Ansätze, nie Konzepte. Oft ist es eine Liebe, die nicht einmal weiß, welches Attribut sie sich geben soll: zufällig, schicksalhaft, leidenschaftlich, versehentlich oder gar notwendig?

Und um hier sogleich den Titel #In was wir uns verlieben# zu beantworten (der nicht nur als Postulat, sondern ebenso gerechtfertigt als indirekte Frage gelesen werden kann): Zum Beispiel kann ein Arsch das Objekt einer streunenden Liebe werden. Aber warum auch nicht? Ein Arsch kann ein Anfang sein. Zumindest bei Simić. Der schafft es nämlich mit leichter Hand, das Sexuelle und das Seelische, ja sogar das philosophisch-existenziell Fragende und Ausdeutende zu einem Gesamtklang zu verfugen. Und dabei entsteht ein sehr interessanter, selten gehörter Sound.

Wir haben es bei Simić überdies mit einem „Wir-Erzähler“ zu tun, und das Apodiktische kann natürlich furchtbar schief gehen. Aber Roman Simić beherrscht es, weil er es nur mitklingen lässt in seinen Geschichten zwischen skurriler Philosophie und schierer Empfindung, zwischen rettendem Suff und schmerzhafter Nüchternheit. Es ist schlicht elegant zu nennen, wie er in der Titelgeschichte die Unmittelbarkeit der körperlichen Begegnung zu vermengen vermag mit einer sehr weit ausholenden Erzählperspektive: „Das war vor vielen Jahren.“ Auf diese Weise wird der Erzähler zu einer beinahe geisterhaften Figur, die gleichzeitig erleben und erzählen darf, die ab- und anwesend ist, Tagebuch schreibend so sehr wie Fiktion verfassend. Solcherart wird die Liebe zu einem zeitlosen Raum, in dem der Arsch, in den man sich verliebt, gleich viel gilt, wie das spätere Glück, das – vielleicht – zu erlangen ist.

Der spezielle Simić-Sound findet seinen Ursprung übrigens auch in der Überraschung, in der besonderen Wendung, dem Abschweifen nicht als Kunst des Beinahen und der Ablenkung, sondern das Abdriften mitten ins Schwarze. Schon die erste Geschichte #Ein Rahmen für den Familienlöwen# zeichnet die gesamte Erzählbewegung des Bandes vor: Es ist eine Suchbewegung, nach dem was war und was sein könnte. Und zumeist erzählt ein Ich davon, das versucht, erzählend eine Mitte zu bilden, ein Gefühl zu erkunden, ein neues Lebensgefühl, auf dem sich irgendwann womöglich etwas Neues aufbauen ließe.