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gegenstand und widerstand

Elisabeth Wandeler-Deck übersetzt Nervenimpulse in Gedichte


Elisabeth Wandeler-Deck: Turbulenzen an der Luftschnittstelle. Mit 8 Zeichnungen von Yves Netzhammer.

Edition Howeg 2008

Rezensiert von: helwig brunner


Was ist eine Luftschnittstelle? Geht es um drahtlose Datenströme, um aeronautische Kreuzungspunkte? Und welcher Art sind hier die Turbulenzen: Sind es Verwirbelungen im Informationsfluss oder droht, im Falle mangelnder Instruktionen vom Tower, der absturzträchtige Crash? Zu logisch gefragt, muss ich mir sagen lassen von Elisabeth Wandeler-Decks neuen Gedichten, die alles eher tun als solche Logik zu bedienen.

„Was nicht in Ordnung ist, kann nicht in eine Ordnung hinein erzählt werden“, habe ich vor einigen Jahren in Wandeler-Decks #Regeln des Tennisspiels# (1996) gelesen. Und das behaupten auch die neuen Texte der Autorin nicht – etwas in eine Ordnung hineinzuerzählen. Denn die Dinge sind nun einmal „teilweise so und teilweise so“, und die Worte stehen in immer neuen, immer verwirrenden Verhältnissen zu ihnen. In Ordnung ist da in der Tat nicht viel, aber umso überbordender die Fülle möglicher Erfahrungen, die Wandeler-Deck uns anbietet.

Eine dieser Erfahrungen ist das Buch selbst, als ein die Augen, Ohren und Hände überraschender Gegenstand: #Turbulenzen an der Luftschnittstelle# weckt bibliophiles Entzücken. Eingeschlagen in rotes, raschelndes Transparentpapier liegt ein Buch, nein, ein Notizblock (mit Binderücken an der oberen Schmalseite) vor, in dem sich dann beim Durchblättern selbiges Papier als durchscheinendes Vorsatzblatt vor jeder der minutiös irritierenden Strichzeichnungen wiederfindet, die Yves Netzhammer beigetragen hat: die in ihrer eleganten Art, faktisch Unmögliches visuell zu ermöglichen, ein wenig an Escher erinnern, ohne dessen akademischer Strenge und Durchführungszwang unterworfen zu sein.

Auch in ihren Versen geizt Wandeler-Deck nicht mit Überraschungen. Weit weg vom dogmatischen Gestus, mit dem Avantgarde sich gerne darstellt, vermitteln die Gedichte den Eindruck der frischen, fast kindlich neugierigen Suche, des Tappens und Tastens, Zerlegens und Zusammenbauens. Nein, ich behaupte nicht, ich würde alles verstehen, was der Autorin erfindungsreich durch den Kopf schwurbelt und zu Papier gerät. Aber dass es in diesen Versen hallt schwingt knarrt knallt wiehert (jaja, auch das), dass da die Sinne und die Lust an der Hervorbringung des Sinnlichen sich ausleben und gleichzeitig die Assoziationen Achterbahn fahren, ist ein überzeugend starker Eindruck, der so ein biederes Wörtchen wie  „verstehen“ zur Nebensache macht, zur gelegentlichen Möglichkeit, ja, aber nicht zur Lesemaxime.

Von raffiniert bis flapsig, von lapidar bis besessen, von sensibel bis mechanisch, in jedem Modus findet Wandeler-Deck in der Sprache den Widerstand, an dem sich die zu Lebzeiten nie zur Ruhe kommende Spannung der Nervenbahnen im dichterischen Impuls abarbeitet. Wort und Klang, evozierte Bilder, Gedankensplitter und die Sprachpartikel des Gedichts umkreisen einander in einem stets veränderlichen, jede seiner Bewegungen neu ausprobierenden Tanz. „ZUPF fffff die FARBEN LAUTE“ heißt es dann auch frohgemut im Schlussgedicht. Die Frage, ob damit Farben und Laute oder ein bunt imaginiertes Musikinstrument bezeichnet werden, stellt sich erst gar nicht, denn die Antwort könnte wiederum nur heißen: „teilweise so und teilweise so.“