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andrea stift | going down

Sie ist eine relativ große, schlanke oder meinetwegen auch dünne Frau und sie nennt ein angestrengtes Lächeln ihr eigen, das trägt sie oft, jedoch ungern. Ihre langen Haare sind hinten am Kopf festgebunden oder -gesteckt, vielleicht ist deswegen auch das Lächeln so angestrengt, jedenfalls ist es bemüht herzlich.

Sie kann mit allen gut, sie redet mit jedem, vor ihrer lauten Stimme gibt es kein Entkommen. Beim Elternstammtisch jeden zweiten Dienstag ist sie immer dabei. Ihre Haut ist recht glatt, wohltemperiert wie auch -getönt, man erkennt gleich: sie raucht nicht, trinkt nicht, ist wahrscheinlich Akademikerin, all das trägt sie in einer sie umwabernden Aura rund um und vor sich her, genauso wie die Ausstrahlung: Mein Mann ist Rechtsanwalt oder mindestens Stadtpolitiker, unser Auto ist geräumig und das Haus gepflegt.

Am Elternstammtisch treffen sich jeden zweiten Dienstag die üblichen Müttertypen. All jene, die in der Lage sind, sich einen Vormittag Zeit zu nehmen, kann man schnell in einschlägige und wahrscheinlich total ungerechte, weil vorurteilsbeladene Gruppen einteilen.

Am schnellsten geht das bei der Frau mit den roten Haaren.

Sie wirkt von nah wie fern ungepflegt und ihre Kleidung lässt darauf schließen, dass sie sich bei der nächst besten Gelegenheit zuhause wieder aufs Ohr haut, wenn grad keines der Kinder schreit. Ihre Ausbildung ist schlecht, respektive nicht vorhanden. Ihr Einkommen besteht zu 80 Prozent aus Familienbeihilfe, sie verdient ihr Geld also tatsächlich durchs Kinderkriegen, ein Haufen Staatsrepräsentanten würde dazu wohlwollend lächeln-

Ohne die Kinder hätte sie keine Kohle und müsste wieder fulltime putzen gehen. Später wird sie mit den Alimenten ihr Auslangen finden. Im Moment ist sie nicht schwanger, das wird sie fristgerecht, es ist sich bis jetzt noch immer ausgegangen, dass die Bezüge weiterlaufen. Ihre Frisur ist chemisch gelockt, aber nein, es ist keine Dauerwelle, sie schwört Stein und Bein. Trainingshose, senkrechte Streifen, weil sie sich einbildet, dass das noch immer die große Mode ist und sich sicher ist, dass niemand das Wort Trainingshosenproletin im Hinterkopf zurechtrückt, wenn er sie sieht.

Da haben wir das Hausmütterchen. Das ist eine jener Frauen, die so viele Kinder auf die Welt bringen, wie es der Mann sich wünscht, denn sie trauen sich nicht, nein zu sagen, niemals. Jeder Einwand, den sie vorzubringen wagen, wird mit lauter Stimme im Keim erwürgt, gar nie richtig beachtet, einfach totgeblickt. Blonde Schnittlauchhaare in einem schlichten Schnitt, alles kann beim Kochen mit einem Handgriff nach hinten gebracht werden.

Ihre Mutter wird nicht müde, ihr zu versichern, wie gut sie es getroffen hat, mehr an Glück kann man sich vom Leben nicht erwarten, alle beneideten sie. Sie ist Sprechstundenhilfe bei einem Gynäkologen gewesen, bis er sie vorm Nachhausegehen geschwängert hat, auch da hat sie nicht Nein sagen können. Es stimmt also gar nicht, dass alle Gynäkologen schwul sind, denkt sie sich in diesen wenigen Minuten, sie kennt diesen Spruch, alle Chirurgen sind Alkoholiker, alle Gynäkologen schwul. Auf jeden Fall, ihrer ist es anscheinend nicht, nun sind die beiden verheiratet. Das muss ja kein unguter Mensch sein, damit er erkennt, wie praktisch so ein organisatorisch begabtes Frauchen ist und sie tut wirklich alles gern für ihn. Sie bekocht ihn, gebärt ihm Kinder und pflegt Haus, Garten und Swimmingpool. Und sagt nichts, wenn er mit der neuen Sprechstundenhilfe auf Urlaub fährt.

Jetzt schrägt sie den Kopf ein bisschen zur Seite und bittet mit ihrer mangelhaften Stimme um eine Tasse Kaffee, danach wird sie nach Hause gehen, vorher vielleicht noch den Wocheneinkauf erledigen. Der Bub ist hier im Kindergarten gut aufgehoben, er hat jetzt schon eine lautere Stimme als sie und kann den ganzen Vormittag rumbrüllen. Sie ist schlicht gekleidet, ihre Umstandsmode ist schnörkellos wie ihre Frisur, sie befindet sich im sechsten Monat, aber in der Nacht tut sie noch immer alles was er will, und er will viel, sie ist froh, wenn er endlich eingeschlafen ist, sie wagt es dann nicht, noch einmal aufzustehen. Das Sperma kann sie sich ja auch in der Früh auch noch aus den Haaren waschen.

Jetzt Vorhang auf für die Übermutter. Die Überübermutter, die bereits in ihrer Körperlichkeit die Mütterlichkeit dreier Fruchtbarkeitsgöttinnen komprimiert widerspiegelt und sich genauso gebärdet. Die Kleinen überschüttet sie mit Entmündigung, die Großen mit geheucheltem Verständnis für alles. Sie hat immer einen guten Rat parat und das Mitgefühl für Sorgen anderer Eltern auf ihrem Antlitz wirkt stets gefälscht. Wenn sie zu ihrem eigenen Überfluss auch noch eine etwas ältere Mutter ist, betrachtet sie jüngere Mütter mit einem ihr legitim erscheinenden innewohnenden Argwohn. Wie kann man nur so jung. Das hätte doch wirklich nicht sein müssen. Man sollte doch eine gewisse Reife und kann nicht einfach in der Weltgeschichte rumbumsen, wenn man für sich selbst noch kaum sorgen kann.

Wenn der etwas älteren Übermutter allerdings ihr Einjähriger fast ins Auto rennt, weil sie zu unbeweglich und voluminös ist, um so einem kleinen Wirbel auf den Fersen zu bleiben, dann bedankt sie sich ganz herzlich. #Also das ist mir ja noch nie passiert. Vielen Dank. Sie sind ja noch eine gaaanz junge Mutti, gell? Da kann man noch so flink laufen. Wann haben Sie es denn - das war sicher ein Kind der Liebe, nicht?#

 

Nun zurück zum eingangs erwähnten, vierten Typ, hartes Lächeln mit den gestrafften Haaren, die sich einprägende Stimme, die Frau, die so bemüht wirkt. Es braucht ein bisschen Zeit, bis man sie alle mit Namen kennt, es braucht ein wenig, bis man ihnen die dazugehörigen Kinder korrekt im Geiste zugeordnet hat, und erst ganz spät kommen wir drauf, dass Straffhaar zwei Kinder hier im Kindergarten hat, einen Buben und ein Mädchen. Beide regiert sie mit eiserner Hand. Das Mädchen ist behindert. Die Mutter tut, was sie kann, um dieses Kind zu fördern und auch den Buben nicht zu kurz kommen zu lassen. Mit einem Wort gesagt, sie ist zwar eine sehr anstrengende Frau, aber sie hat ihre Gründe. Nun sehen die anderen Frauen sie schnell in milderem Lichte, behindertes Kind und so, die Backgroundinformations sprechen für sich und für sie, sie gibt sich wirklich große Mühe. Wenn man sie fragt, oder auch wenn man nicht fragt, sie klärt alle auf, sie erklärt jedem, dass die kleine Petra schon Buchstaben erkennen und differenzieren kann, auch die Sprache mache erkleckliche Fortschritte, vielleicht werde sie mal am Computer arbeiten können, später …

Die Ärzte auf der Klinik rühmten sie, die Mutter sowohl als auch das Kind, die Therapeuten seien voller Lob, noch nie habe man solche Riesenfortschritte in der Entwicklung eines Kindes mit diesem Syndrom gesehen wie bei Klein Petra.

Leselernsysteme und Symbolkarten, Gebärdensprache für geistig Retardierte und was diese Mutter sich nicht noch alles angetan hat, vielleicht ist das ein Versuch, sich mit dem Schicksal anzulegen, vielleicht ist es ein Ausdruck von Liebe. Eigentlich verwundert einen der verbissene Gesichtsausdruck gar nicht mehr, den legt man sich nämlich zu, wenn man tagaus, tagein mit einem Kind unterwegs ist, das so offensichtlich anders ist, unpassend, inadäquat. Schau mal, die da drüben, ich glaub, die ist behindert, mah, gottseidank ist mir sowas nie passiert, das ist sicher nicht einfach, also ich hätt ja abgetrieben oder später in ein Heim schwätz bla, viel heiße Luft, die produziert wird, an schwülen Tagen in der Straßenbahn.

Da bleibt dann eine anfänglich kaum spürbare Anspannung der Gesichtszüge zurück, wenn man den öffentlichen Trotteln erklären will. Nur was eigentlich. Dass man dieses auffallende Kind trotzdem liebt, bringt man nicht über die Lippen, denn das Wörtchen trotzdem kann man dem Kind nicht antun, es hat kein Trotzdem zu geben. Man kämpft rund um die Uhr gegen den Drang, sich zu rechtfertigen. Dass man es überhaupt in die Öffentlichkeit stellt, das Kind. Mitgebracht hat, ins Gasthaus, auf den Kinderspielplatz, in den Urlaub. Die Anspannung kratzt Falten in die obersten Häute und zerrt das eh schon widerwillige Lächeln quer, pinnt es in den Wangen fest.

Zum Glück besteht die Öffentlichkeit nicht nur aus Trotteln in der Tram. Die Öffentlichkeit als solches besteht unter anderem aus Beschäftigten im Behindertenbereich, Menschen, die selbst jemanden kennen, dessen Bruder wiederum …, offene, einfach oder ehrlich lächelnde Menschen.

Leute halt, die wissen, was alles ist und was alles sein könnte. Es geht ja wirklich eine ganze Menge. Klein Petra kann, ganz unvoreingenommen angeschaut, tatsächlich ganz schön viel dafür, dass sie mit Trisomie 21 lebt. Das kennt man besser unter dem Begriff Down-Syndrom, die Kinder mit den schräg gestellten Augen, die Mongerln hat man vielleicht damals gesagt, als die Mütter des versammelten Elternstammtisches selbst noch Kinder waren, aber damals waren die gut versteckt und selten ist man einem begegnet, denn Integration gab es damals noch nicht.

Die armen Mongolen, die echten, die normalen, die mussten vor Jahren eine oder mehrere Eingaben bei der UNO machen, damit man diejenigen, welche, nicht mehr als mongoloid bezeichnete, denn sie fühlten sich in ihrer mongolischen Seele gekränkt. Ehre wem Ehre gebührt.

Na jedenfalls, früher ist man denen mit dem komischen Grinsen weder im Kindergarten noch in der Volksschule begegnet. Oder vielleicht in einer sehr fortschrittlichen? Es ist ja wirklich nicht einfach, sogar die Kindergartenleiterin sagt das, und die hat schon fast dreißig Jahre Erfahrung in dem Bereich. Integration noch in den Kinderschuhen, von Inklusion ganz zu schweigen, aber wissen Sie, sagt sie, die Kinder mit dem Down-Syndrom können sehr herzig sein, aber alle sind sie irgendwie hinterlistig, so wurde eine Schublade herausgezogen, eine ganze Bevölkerungsgruppe hinein und wieder zu.

Petra aber redet viel und schreibt dazu. Die wichtigsten Buchstaben hat sie wirklich schon alle gelernt, die Mutter arbeitet mit ihr am sinnerfassenden Lesen, bitte, das Kind ist sechs, im letzten Kindergartenjahr und buchstabentechnisch gesehen viel weiter als sämtliche Kindergartenkollegen. Auch sonst ist sie süß anzuschauen mit schwarzen Augen und Haaren, die geschlitzten Augen, okay, das ist halt ihr Ding, aber von hinten schaut sie ganz normal aus. Von hinten ist alles in Ordnung.

Und die Mutter. Bald wissen es alle. Sie kümmert sich fast rührend, streng zwar, aber liebevoll um ihre beiden Kinder. Sie vermittelt den Eindruck, sehr genau zu wissen, was für ihre Kinder gut ist. Und Klein Petra muss man immer ein bisschen ans Limit, immer ein bisschen darüber hinaus schubsen. Höchstwahrscheinlich vernachlässigt sie sich selbst ein im Gegenzug. Man lässt sich halt gar so schnell aufzehren vom täglichen Kampf um die Normalität. Mittlerweile ist alles voller Sympathie für die bewundernswerte, jedoch bemitleidenswerte Frau.

Komischerweise hat das Hausmütterchen dann den Stein ins Rollen gebracht. Sie kommt ja sonst nicht viel zum Reden, und schon gar nicht soweit, dass ihr mal jemand zuhört.

Und so gerne wollte sie auch mal beim Elternstammtisch jeden zweiten Dienstag im Mittelpunkt stehen. Das glaubt vielleicht niemand, aber es ist ihr sehr wohl nahe gegangen, dass die Mütter sie arg bemitleidend angeschaut haben, das unscheinbare Blondchen im güldenen Käfig, sie hat das wohl gemerkt und es als nicht angenehm empfunden. Fast so enervierend wie mit einem behinderten Kind unterwegs zu sein, aber das wird sie zum Glück nie erfahren müssen. Und jetzt hat sie wirklich was zum Erzählen, und auch noch einen Groll im Bauch.

Am Dienstag erst ist ihr Göttergatte beduselt nach Hause gekommen, so arg weggetreten, dass er nicht mal mehr über sie drübersteigen wollte oder besser konnte, er hat sich was aus dem Kühlschrank geholt, ins Wohnzimmer gesetzt und angefangen, zu reden.

Eine seiner Patientinnen hat ihn auf Unterhalt, Schadenersatz oder sonstwas Teures geklagt, er hat nicht rechtzeitig erkannt, dass ihr Kind lädiert auf die Welt kommen würde, auch schon ein paar Jahre her, der Fall, er hätte nicht geglaubt, dass die Wahnsinnige damit durchkommt vor Gericht. Man kann sich denken, was das bedeutet, für den Mann, für seine Familie, für die Ärzteschaft wie auch überhaupt. Rufschädigung. Ein behindertes Kind. Das kostet ein Leben lang. Seine ganze Existenz ist vernichtet. Das Blondchen weint, der Mann weint. Nein, es ist gar nicht mehr witzig, ein Arzt zu sein, für alles was man macht, zu spät oder zu früh macht, ist man voll verantwortlich. Die Haftpflichtversicherung springt erstmal ein, das Urteil muss er natürlich ankämpfen, mediale Unterstützung, so kann es ja wohl wirklich nicht gehen. Es ist bitter. An dieser Stelle döst der gute Mann über seinem Sandwich ein, derfangt sich aber gerade noch rechtzeitig, bevor er mit dem Kiefer auf die Tischplatte knallt.

Er schläft dann erst auf ihr wieder ein, vorher hat er aber noch gesagt, um wen es sich da handelt, Schweigepflicht hin oder her.

Jetzt kommt das alles natürlich nur hinter vorgehaltener Hand aus ihr raus. Sie will ja eigentlich den Bub aus dem Kindergarten rausnehmen, damit er nicht mehr mit dem Mongerl die Gruppe teilen muss. Die Rothaarige ist nicht gerade der dezentesten Frauen eine, und wiederholt die Tatsachen in gespielt ungläubigem Staunen so laut, dass die gesamte Elternrunde es hört. Shhht, sagt das verhuschte Blondchen, aber da ist es schon zu spät. Der Rothaarigen taugt die Info voll.

Ihre Kinder sind nicht behindert, zwar sozial ordentlich deformiert, aber das zählt nicht, dafür kriegt sie kein Geld. Und was die I-Kinder alles an Sozialleistungen abkriegen, ganze Häuser wurden für das Geld schon gebaut! Ihre Meinung ist, dass die eh schon genug an staatlicher Versorgung bekommen, die Behinderten, ihre Familien, aber dieser spezielle Fall natürlich sehr tragisch. Oh ja, die Überübermutter hat sich vom Schock erstmal erholen müssen, ihre gesammelte humanistische Weltsicht muss sie erst in ein verständnisvolles Resümee umformulieren, aber die Verständnisvöllerei kommt doch ein bisschen zu kurz, das hat schon was mit Charakter zu tun, so spricht sie, selber würde sie nie auf die Idee kommen, ihrem Kind das anzutun, sich so gegen das eigene Kind zu stellen, denn alle Kinder, auch die Tschopperln, würden soviel im eigenen Haushalt schwingende negative Energie unweigerlich spüren. Und dann würden vor allem die letzteren gleich noch viel ärger in ihrer Entwicklung gestört.

Alle haben plötzlich ganz viel Senf zum fremden Problem dazuzugeben, und dafür keine eigenen mehr. Der Tag ist gerettet. Sogar das Blondchen fühlt sich plötzlich ein bisschen aufgehoben in der Runde, ob so viel Frauensolidarität. Die Mutter mit dem aufgesetzten Lächeln ist sowas von unten durch. Sie persönlich zu fragen, was sie sich dabei gedacht hat, auf die Idee kommt natürlich keiner. Sie wird noch ziemlich lange nicht wissen, wieso ihr alle etwas feindselig begegnen ab sofort, und ihr Lächeln wird sich vielleicht noch ein bisschen tiefer in die Wangen ätzen, aber soviel Kohle wie die jetzt hat, kann sie sich ja liften lassen. Wir haben sie sowieso noch nie sympathisch gefunden.