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gut ist nicht gut ist nicht gut ...

sabine dengscherz | gut ist nicht gut ist nicht gut ...

Eine kleine Relativitätstheorie der Werte


In einer Hungersnot erscheint uns eine alte Semmel als unerreichbar gut und ein Butterbrot als Delikatesse. Wenn man uns in einer Jugendherberge ein weiches Ei und eine Käseplatte zum Frühstück serviert, sind wir begeistert, würde man uns in einem Fünfsternehotel dasselbe vorsetzen, wären wir maßlos enttäuscht.

Qualitative Begriffe sind relativ. Im Vergleich zur Diskrepanz zwischen gut und gut wirkt die alte Feindschaft zwischen gut und besser geradezu lächerlich. Oder wollen Sie behaupten, dass Sie sich neben einem Schwergewichtsboxer nicht schmächtig vorkommen und neben einem Asylbewerber gerade zu unverschämt reich? Und neben Ihrem Nachbarn … gut, lassen wir das.

Fürchterlich! Ich kann gar nicht mehr nachvollziehen, warum ich auf die dumme Idee verfallen konnte, dieses verdammte Sommerhaus zu kaufen! Das Wohnzimmer hat den Charme einer Garage. Der Herr Stararchitekt ist wahrscheinlich heilfroh, dass er nicht selber hier wohnen muss. Zumal auch das ewige Meeresrauschen nervt, ich kann es nicht mehr hören und nicht mehr schlafen, wenn das Fenster offen ist. Das Frühstück ist auch keine Erholung, der Butler ist nicht imstande, ein Ei weich zu kochen und gleichzeitig mit dem Kaffee zu servieren, und dass ich Gurken nur mit Schale und Äpfel nur ohne Schale esse, kann er sich auch nicht merken.

Aber das Schlimmste war der Empfang gestern Abend! Um alles muss man sich selber kümmern. Beinahe hätte es schon wieder Austern gegeben, dabei hatten wir Austern doch schon das letzte Mal. Diese Peinlichkeit ist mir gerade noch erspart geblieben …

Haben die anderen vielleicht mehr Spaß am Leben? Haben sie sich da irgendetwas besser eingeteilt? Kommen sie besser zurecht mit sich selbst? Sind sie erfolgreicher? Sind sie glück­licher? Haben sie öfter Sex? Haben sie besseren Sex? Haben sie intelligentere Kinder? Haben sie mehr Freizeit? Haben sie mehr Freiheit? Brauchen Sie weniger Freiheit und sind trotzdem glücklich dabei? Haben sie den Durchblick? Tun sie nur so, als hätten sie den Durchblick? Sind sie gescheiter als ich? Sind sie schöner als ich? Mögen sie mich?

Was hat der, was ich nicht habe, was kann die, was ich nicht kann, und: Komme ich dabei vielleicht doch halbwegs gut weg?

Haben die anderen vielleicht ein ödes Leben? Haben sie sich da irgendetwas schlecht eingeteilt? Kommen sie nicht so gut zurecht mit sich selbst? Sind sie weniger erfolgreich? Sind sie weniger glücklich? Haben sie weniger oft Sex? Haben sie nicht so guten Sex? Sind ihre Kinder nicht so gescheit? Haben sie weniger Freizeit? Haben sie weniger Freiheit? Brauchen Sie mehr Freiheit, und sind trotzdem weniger glücklich dabei? Fehlt ihnen der Durchblick? Tun sie nicht einmal so, als hätten sie den Durchblick? Sind sie dümmer als ich? Bin ich schöner als sie? Hassen sie mich?

Mache ich eine gute Figur im Leben? Und macht das Leben eine gute Figur für mich?

Naja, es geht so. Wir wohnen hier zwar doch etwas entlegen, aber dafür ist das Personal recht zuverlässig und die Gegend ganz hübsch. Die Terrasse hat einen netten Blick über die Stadt, die meisten Schlafzimmer schauen aber nach hinten, das ist nicht so spannend, dafür aber umso ruhiger. Die Garage reicht gerade für drei Autos, und der Pool könnte auch größer sein, aber fürs Erste werden wir uns hier schon einrichten. Es ist ja nicht für die Ewigkeit. In unserem Beruf kann man sich ohnehin nirgendwo auf Dauer niederlassen. Wir sind immer auf Achse, ein paar Jahre hier, ein paar Jahre dort … so ist das Leben.

Spannend, aber anstrengend.

Haben Sie einen Job? Halten Sie ihn ganz, ganz fest, und lassen ihn nie wieder los, weil ihn sonst jemand anderer zu fassen kriegen könnte? Ja, das kann ich verstehen. Die Zeiten sind hart heutzutage. Hart, aber herzlich. (Bitte lächeln.) Was verdienen Sie eigentlich? So, das fragt man nicht? Entschuldigung, ich dachte nur … entschuldigen Sie, ich war ein bisschen neugierig. Aber Sie haben schon Recht, das geht mich natürlich nichts an. Wer weiß, wofür es gut es, dass es ein Tabu ist, übers Geld zu reden. Wir müssten sonst immer Leid sehen, wenn wir in die Vorstandsetage schielen. Oder uns ältere Verträge anschauen. Es ist schon ganz gut, dass wir das alles gar nicht so genau wissen.

Wir sollen nicht jammern, wir haben es sowieso alle gut, meinen Sie? Auch die, die keinen Job haben? Ja, das sagt mein Chef auch immer. Wir müssen nicht hungern, wir müssen nicht frieren, wir haben ein Dach über dem Kopf. Und zweimal im Jahr auf Urlaub fahren braucht wirklich nicht jeder. Das ist Luxus. Und umweltschädlich obendrein.

Die Armutsgrenze in Österreich ist ja ein Witz, sagt mein Chef. Da gilt ja schon jeder als arm, der sich keinen Computer leisten kann. Das kann ja keiner mehr ernst nehmen. Die Nachkriegszeit, das war Armut. Da hat meinem Chef seine Mutter nicht gewusst, wo sie die nächste Mahlzeit hernehmen soll für die Kinder. Das kann sich ja heute keiner mehr vorstellen. Nur jammern tun sie alle gern. Wenn sie statt dessen lieber was hackeln würden, dann ginge es ihnen besser.

Der Fleißige wird es zu etwas bringen. Das Gute setzt sich durch. Das sieht man auch in der Firma, sagt mein Chef. Da brauchen wir keine Gewerkschaft dafür. Nicht reden, handeln! Erst etwas leisten, und dann kann man Ansprüche stellen. Heute reden alle über die Rechte, und keiner redet über die Pflichten. Wenn einer so kommt, dann kann er sich gleich einen neuen Job suchen, sagt mein Chef. Aber wenn er brav ist und mitdenkt und man sich auf ihn verlassen kann, dann wird er erst hinausgeschmissen, wenn wir keine Aufträge mehr kriegen, versprochen, hat mein Chef gesagt. Sicherheit gibt es halt für uns alle keine. Für den Chef ja auch nicht.

Aber wir sind ja sowieso noch gut dran hier in Österreich. Nach Ostdeutschland müssen Sie schauen, wie es da zugeht. Was glauben Sie, warum wir schon mehr deutsche Gastarbeiter haben als Türken? Bei sich daheim arbeiten die schon für drei Euro in der Stunde, wenn es sein muss. Bei der hohen Arbeitslosenunterstützung in Österreich, da täten sie keinen finden, der das macht. Gott sei Dank, meinen Sie? Da würde ich eher dem Kreisky dafür danken und seinen Spezis, die Kirche hat da ja ganz andere Werte. Da schaut man mehr auf Demut und Gehorsam und so. Nicht so auf den schnöden Mammon.

Apropos. Haben Sie vielleicht einen Euro für mich? Ich müsste mal kurz telefonieren … und … ich habe vergessen zum Bankomat zu gehen … und … und … täten Sie vielleicht eine Arbeit für mich wissen?

Ja, danke, ich bin zufrieden. Jetzt haben wir es schon recht schön hier. Es war zwar ein ewiger Ärger mit den Handwerkern, aber schlussendlich haben sie dann doch kapiert, was ich will. Nur beim Verputzen haben sie geschludert, na ja, und bei den Fenstern, siehst du? Kennst du einen ordentlichen Maler? Für das nächste Mal, meine ich. Man kriegt ja einfach keine guten Leute. Das ist wirklich verdammt schwierig. Oder wir werden eben wieder selber den Pinsel schwingen. Wenn wir nur mehr Zeit hätten! Der Tag ist schon wieder vorbei, und ich bin zu gar nichts gekommen. Oh, Mist, so spät ist es schon! Ich muss mich umziehen, wir sind eingeladen … und wie geht es dir? … bis bald … ich muss mich beeilen … man sieht sich …

Haben Sie Zeit? – Natürlich haben Sie Zeit, sonst würden Sie jetzt nicht hier sitzen und die schreibkraft lesen. Aber haben Sie auch genug Zeit für alles andere, was Ihnen wichtig ist? Für alles, was Ihnen Spaß macht? Von welcher anderen Tätigkeit haben Sie sich soeben die Zeit abgeknapst, die Sie brauchen, um diesen Text zu lesen? Oder war Ihnen sowieso grade langweilig? Sitzen Sie im Zug, in der Straßenbahn, im Kaffeehaus, warten Sie auf jemanden? Vertreiben Sie sich die Zeit?

Interessant, dass wir uns so gerne etwas vertreiben, von dem immer alle behaupten, dass sie ständig zu wenig davon hätten. Zumal unsere Zeit auf Erden ohnehin begrenzt ist. Irgendwann werden sie auch über uns sagen: Asche zu Asche, Staub zu Staub. Und wir werden uns an nichts mehr erinnern und es wird – zumindest für uns – alles belanglos sein, was wir jetzt so wichtig finden. Und dann haben wir Zeit. Ewig. Nur haben wir dann nichts mehr davon.

Die Sprache geht nicht sehr freundlich um mit der Zeit. Die meisten von uns mögen kurzweilige Aktivitäten lieber als langweilige, und wenn die Zeit schnell vergangen ist, dann heißt das, dass wir die Zeit genossen haben. Seltsam. Wir genießen es also, wenn das Leben an uns vorbeirauscht und werden ganz kribbelig, wenn die Zeit stillsteht.

Mit jeder Sekunde, die wir leben, verkürzt sich die Zeit, die wir noch zu leben haben. Und trotzdem freuen wir uns ständig auf etwas, das noch in der Zukunft liegt. Auf etwas, das näher an unserem Todestag liegt als das Heute.

Warten Sie nicht auch manchmal sehnsüchtig auf den nächsten Urlaub, auf den Feierabend, auf das Wochen­ende, auf den Tag, an dem die und die Prüfung, die und die Aufgabe absolviert sein wird? Haben Sie Ihren Alltag auch so vollgestopft mit mehr oder weniger lästigen Pflichten, dass Sie ständig auf virtuellen oder materiellen Listen abhaken, was Sie heute alles brav erledigt haben? Schreiben Sie sich einen Kinoabend oder einen Kaffeehausbesuch mit Freunden zuweilen auch schon in den Terminkalender? Es ist ja schließlich wichtig, die Übersicht zu bewahren: ausatmen, Auto aus der Werkstatt holen, Blumen gießen, Bücher bestellen, Computer neu aufsetzen, Dissertation schreiben, Diät halten, einatmen, essen gehen, Fahrrad fahren, Freunde treffen, googlen, Hausübungen korrigieren, Institutsbibliothek aufsuchen, Kaffee trinken, Katze füttern, Klo putzen, Koffer packen, Kuchen backen, Kuchen essen, Laufen, Mails lesen, Mails löschen, Mails schreiben, Mails speichern, Miete zahlen, Nachrichten schauen, Netbanking aufrufen, Obst kaufen, Post erledigen, Rechnungen zahlen, rudern, Schreibtisch aufräumen, staubsaugen, Steuererklärung ausfüllen, Text für die schreibkraft schreiben, turnen gehen, Urlaub machen, verschnaufen, wegfahren, Yachten bewundern, die man sich nicht leisten kann, zurückkommen, zuhause sein.

Ich bin sooo froh. Wir haben eine Wohnung! Zumindest für die nächsten Monate können wir hier bleiben. Und dann sehen wir weiter. Es wird sich schon was finden, hoffentlich. Da brauche ich mir jetzt noch keine Sorgen machen.

Haben Sie manchmal Angst? Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Terror, Angst vor dem Kampf gegen den Terror, Angst vor der Angst?

Glauben Sie an eine Ideologie, an das Gute im Menschen? Sind Sie religiös? Glauben Sie an den Atheismus? Was verstehen Sie unter „europäischen Werten“? Aufklärung, Menschenrechte, Toleranz? Tolerieren Sie auch Intoleranz? Halten Sie es mit Rosa Luxemburg, die meinte, Freiheit sei immer die Freiheit der Andersdenkenden? Ist Österreich ein freies Land? Österreich ist ein sicheres Land. Und das ist gut so. Und das soll auch so bleiben. Dafür muss man natürlich das eine oder andere kleine Opfer bringen. Auch wenn das nicht allen passt. Finden Sie nicht auch?

Grüßen Sie in letzter Zeit auch manchmal potenzielle Dritte am Telefon? Man weiß nie, wer gerade mithört, und wir wollen schließlich höflich sein. Der Polizist ist unser Freund und Helfer, heißen wir ihn willkommen bei unserem trauten Telefongespräch. Sonst ist er beleidigt und dann kriegen wir vielleicht Ärger. Nur wie machen wir das am besten mit dem Computer? Vielleicht hat ja jemand eine Idee, vielleicht schaut mir ja gerade jemand über die Schulter beim Schreiben. Hallo, ist da jemand? Ja? Guten Tag, Herr Trojaner, willkommen auf meiner Festplatte. Schauen Sie sich ruhig um, ich habe ja nichts zu verbergen und nichts zu befürchten. Ich bin ja keine Terroristin. Und ich schaue mir auch keine Pornoseiten im Internet an. Und meine Steuern zahle ich auch. Und aufmüpfig bin ich auch nicht. Und kritische Reportagen schreibe ich auch keine. Und ich steige auch niemandem auf die Zehen, Politikern schon gar nicht. Und ich sehe auch niemandem ähnlich, der so etwas tut. Oder?

Ich bin ein gutes Mädchen. Ich habe selber Angst vor den Terroristen und den Querulanten. Haben Sie schon viele gefangen mit dem neuen Gesetz? Ja? Aha, Terroristen haben Sie noch keine gesichtet, aber gegen obergescheite Journalisten wird es sehr praktisch sein. So schnell können die gar nicht schauen, haben Sie ihnen statt der heißen Story ganz was anderes untergeschoben. Und dann wird es ihnen vergehen, das Schnüffeln in Sachen, die sie nix angehen. Die meisten sind aber sowieso vernünftig, habe ich gehört. Sie haben befürchtet, dass die Medien in Österreich mehr Theater machen werden um die Sache? Naja, es gibt eh fast keine Medien in Österreich. Und die Leute sehen ein, dass Sie nur das Beste für uns wollen. Dass Vater Staat seine Schäfchen beschützen muss, und damit er das kann, muss er seine Schäfchen eben gut kennen und ganz genau schauen, ob nicht ein schwarzes dabei ist. Das ist ja klar.

Ach ja, Herr Trojaner, wenn wir hier schon so nett plaudern, da fällt mir noch was ein: Soll ich meine Fingerabdrücke vielleicht gleich selber einscannen, und Sie holen sie sich dann von meiner Festplatte? Oder reicht es Ihnen, wenn ich im Sommer nach Amerika fahre und Sie die Daten dann von dort geschickt bekommen? Oder ist das gar nicht nötig? Wussten Sie, dass man Fingerabdrücke ganz leicht fälschen kann? Nur mit ein bisschen Geduld und Holzleim. Und Sie können sich schon fremde Abdrücke auf die Fingerkuppen kleben und fest einkaufen gehen. Oder vielleicht ein bisserl morden? Ihren Wünschen sind keine Grenzen gesetzt. Das Gute siegt eben doch. Sicher und verlässlich. Und die Bösen kommen hinter Gitter.

Von jetzt an werde ich mein Leben selbst in die Hand nehmen. Gestern wurde ich aus der Anstalt entlassen, und ab heute schon habe ich ein eigenes Zimmer in einer WG. Und da kann ich tun, was ich will! Ich muss nicht einmal fragen, wenn ich in die Stadt gehen möchte. Und Besuch darf ich auch haben! Da musst du unbedingt einmal kommen. Ich habe zwei Sessel im Zimmer, da können wir uns zusammensetzen und einen Kaffee trinken, den ich ganz alleine extra für uns beide kochen werde … Du musst ganz, ganz bald kommen! Morgen? Ja? Fein! Du, ich glaube, ich war noch nie so glücklich.

In der Wüste erscheint uns ein Schluck Wasser als unerreichbar gut und eine kalte Dusche vielleicht noch besser. Den ersten Schreibversuchen unserer Kinder verleihen wir schneller das Prädikat „wertvoll“ als dem jüngsten Roman eines Nobelpreisträgers.

Qualitative Begriffe sind relativ. Im Vergleich zur Diskrepanz zwischen gut und gut wirkt die alte Feindschaft zwischen gut und besser geradezu lächerlich. Oder wollen Sie behaupten, dass Sie sich neben Bill Gates nicht arm vorkommen und neben einem Depressiven geradezu unverschämt fröhlich? Und neben Ihrer Chefin … gut, lassen wir das.