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kleine typologie des mehrheitsfrohsinns

anne peters | kleine typologie des mehrheitsfrohsinns

Über Poptimismus und weitere allgemeine Arten, sich des Lebens zu freuen

Ich war zwar dennoch nicht froh, nicht von Grund aus froh, aber ich musste es sein in der Art, wie es alle sind. Die Sonne zündete mich an. - Regina Ullmann


Ein Arzt kann einen Patienten mittels Medikament einstellen; oder anders­herum, ein Medikament wird auf den Patienten eingestellt. Ein Einstellungsmaßstab für die allgemeine Art, froh zu sein, kann zwar ebenfalls nur idealtypisch erstellt werden, aber geheilt wird damit keiner. Wie schon Typisiergroßmeister Adorno wusste, kommen Typen nicht chemisch rein vor, da es sich nicht um empirische Untersuchungen, sondern um gedankliche Konstrukte handelt. Sie sind von grundsätzlichen Erwägungen allgemeiner gesellschaftlicher Frohsinnsproblematik gebildete Kristallisationspunkte. Erdacht als qualitativ bezeichnende Spuren, aus denen etwas in die Frage hineingelesen wird. Schweißperlen können als Zeichen von Hitze gedeutet werden. Die 37,2°-C-Stufe des durchschnittlich temperierten Menschen wäre hier der Temperaturmaßstab, auf den sich der transpirierende Organismus herunterzupegeln versucht. Bei Abweichung wird der Sollwert angestrebt. Da die Erde rund und das Leben bisweilen auch politisch ist, dürfte die allgemeine Frohsinnsskala nicht thermometerähnlich lediglich nach oben und unten, sondern auch nach links und rechts und kreuz und quer verlaufen.

Wie setzt jemand die immer schon stattfindende biologische Selbsteinstellung und die gesellschaftliche Selbstanpassung in ein Verhältnis zueinander? Wie werden Grundbedürfnisse mit Bedürfnissen kombiniert und welche Frohsinnsausschläge zeigen sich dabei?


Glücklicher Ausnahmezustand
Der wohltemperierte und mit seiner Ein- und Angepasstheit zufriedene Mensch, der nach Regina Ullman „von Grund aus“ froh ist, unterscheidet sich vom „Wie-es-alle-sind“-Typ. Er ist schwer beobachtbar, denn sobald die Einstellung gegenüber einem Beobachter in Stellung gebracht wird, ist sie gespalten. Immer. Je nach Reflexionsfähigkeit spaltet sie sich in das Befinden und das von mir erwartete Wohlergehen; Was erwarte ich und was erwarten andere, wie es mir zu gehen hat? Das Befinden ist selbst noch einmal gespalten. Zwei, drei Beispiele: Jahre nach der qualvoll durchlittenen Pubertät erzählt man sich plötzlich, damals wirklich froh gewesen zu sein. Ein völlig langweiliger, trüber Urlaub erscheint durch den Fotoalbumblick plötzlich heiter und wiederholungswürdig. Wunderbar nachzuempfinden in einem mit Der Frohsinn betitelten Vers Klopstocks:


Und der geflohnen Sonnen, die ich sahe,
Sind so wenig doch nicht, und auf dem Scheitel
Blühet mir es winterlich schon, auch ist es
Hier und da öde.


Die flüchtigen Sonnen hängen zu stark vom Zufall und dem je individuellen Gedächtnis ab, als dass man sie typisieren könnte. Aber sie sind lebenswichtig, sie sind Bedürfnisse, die über die Grundbedürfnisse hinausgehen. Grundbedürfnisse sind nur überlebenswichtig, während Bedürfnisse lebenswichtig sind! Auch wenn sich der Scheitel heute hübsch nachblondieren lässt, den Frohsinn von einst erkennt man leider zumeist erst dann, wenn er sich unwiderruflich davongemacht hat. Frohsinn ist individuell und Mehrheitsfrohsinn gibt es nur als eigentümliche Frohsinnsschräglage. Er muss sicht- oder hörbar gemacht werden und passt daher auch so gut zu Musik, Werbung und Fußball. Mehrheitsfrohsinn, das sind öffentliche Geschichten, eine Art Frohsinnspegel, an dem man seine eigene Geschichte kalibrieren kann.

 

Mehrheitsfrohsinn ehedem
Im 18. und 19. Jahrhundert war die allgemeine Art, froh zu sein, eine Mischung aus dem Volkslied von Heinrich Leberecht August Mühling: „Froh zu sein bedarf es wenig, / und wer froh ist, ist ein König“ und dem Libretto zu Haydns Jahreszeiten: „Mit frohem Laute rufet er / zu neuer Tätigkeit / den ausgeruhten Landmann auf.“ Hier wird man nicht von der Sonne angezündet, weil der eigene Antrieb nicht zum Frohsein reicht, die Sonne wird frohlockend, also laut und für alle hörbar, angebetet: „Sie scheint in herrlicher Pracht, / in flammender Majestät! Heil, o Sonne, Heil! Des Lebens Licht und Quelle, Heil! O du, des Weltalls Seel’ und Aug’, / der Gottheit schönstes Bild.“ Victor Klemperer nannte dies und Schlimmeres in LTI die „Seuche des Sonnigen“.

Der Mehrheitsfrohsinn pochte darauf, die eigenen Bedürfnisse klein zu halten und genügsam zu sein. Am besten stellt man sich auf die Grundbedürfnisse ein. Das Frohsein wird vonseiten der virtuell Appellierenden mit Arbeit und Verkündigung verknüpft. Haydn selbst allerdings missfiel gerade diese Ode an den Fleiß. Es gibt eben einen sehr großen Unterschied zwischen dem inneren Drang, etwas hervorzubringen, der immer auch darauf abzielt, mit seiner Arbeit andere anzustecken, seine Begeisterung überfließen zu lassen, und dem moralischen Vorgang, die eigene Produktivität zum Standard zu erheben. Der Schaffensdrang ist demgegenüber auch unabhängig davon, ob ein Werk so üppig wie bei Haydn oder so übersichtlich wie bei Ullmann ausfällt. Die allgemeine Art, froh zu sein, meint also immer die allgemeine Art, froh sein zu müssen.

 

Don’t worry, be happy
Die globalisierte Variante des allgemeinen Frohsinns goss der amerikanische Schriftsteller und Zeitgenosse Ullmanns, Dale Carnegie, 1948 in bis heute weltberühmte Slogans: „Sorge dich nicht, lebe!“ oder „Freu’ dich des Lebens!“ Seine Ratgeberbücher werden weltweit in 38 Sprachen vertrieben und sind noch immer Bestseller. Auch Carnegies Mantras und die aus ihnen entsprungenen Leadership Training Corporations zielen darauf ab, das eigene Arbeitsumfeld „erfolgreich zu begeistern“, „Trübsinn in wenigen Tagen zu heilen“, „zu Arbeiten statt zu jammern“. Die Beschwörungen nehmen dabei religionsähnliche Züge an.

Kurz nach Carnegie fielen die gehauchten Worte des indischen Gurus Meher Baba auf einen dankbaren Resonanzboden: „Don’t worry, be happy“. Babas Motto, „Je größer die Liebe, desto sanfter die Stimme“, führte dazu, dass er im Alter von 30 Jahren das Reden einstellte und die restlichen 44 Jahre seines Lebens schweigend verbrachte. Er kommunizierte nur noch durch Zeichensprache oder schriftlich. Sich nicht zu sorgen, sondern glücklich zu sein, waren seine letzten Worte.

Bobby McFerrin, der Weltstar der Lebensfreude, verarbeitet diesen berühmten letzten Satz 1988 auf dem Album Simple Pleasures zu einem internationalen Superhit, der sich mehr als 10 Millionen Mal verkaufte. Die fröhlichste Sprache ist die der Instrumente. Dieser Einstellung blieb er bis heute treu, wie sein 2002 erschienenes Album Beyond Words zeigt. Frohsein besteht darin, dass Menschen sich so gut kennen, dass sie keine Worte mehr brauchen. „Menschen sprechen zu viel“, sagt er und träumt davon, auf einer Wolke zu sitzen und endlos mit Jesus zu sprechen. Also kurz festgehalten: Mit Jesus sprechen geht in Ordnung, mit den Menschen reden birgt immer ein Konfliktpotenzial. Und Streit hält vom Frohsinn ab, so wie ehedem Arbeit zum Frohsinn führte. Nach dieser alten Logik gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir sprechen weniger, oder wir arbeiten mehr. McFerrins Logik hingegen lautet: Entweder, wir sprechen weniger, oder wir singen mehr. Sein Frohsinn meint nicht die allgemeine Art, froh sein zu müssen, sondern die Art, froh sein zu können.

McFerrin sagt, er hätte schon früh gewusst, dass er etwas sein wird, das hell leuchtet. Das „froh zu sein, bedarf es wenig“ ist, ähnlich dem Motto Carnegies, Frohsein ohne Übermaß. Es ist Produktionsfrohsinn, während das „Don’t worry, be happy“ gerade auf den Überschuss, das Überschwängliche, das nicht funktionalisierbare unendliche Maß an Lebensfreude aus ist. Das hört sich ganz nett an, hat aber einen Preis: Alles Zweifelnde, Spaltende, Vergebliche und Schräge muss überwunden, verdrängt oder gar eliminiert werden. McFerrins Aufruf zum sorgenfreien Frohsinn verwandelt sich sogar in eine kleine, fiese Drohung: „Jeder hat Probleme, wenn du dich sorgst, verdoppelst du sie!“

Das „Pursuit of Happyness“ ist bekanntlich in der amerikanischen Verfassung verankert. George H. W. Bush verwendete 1988 McFerrins Song daher begeistert in seinem Präsidentschaftswahlkampf. Auch wenn sich der Demokrat McFerrin erfolgreich dagegen wehrte, zeigt es, wie ähnlich die Frohsinnseinstellung der beiden politischen Richtungen in den USA ist.

Heute dürfte der Slogan von Bush-Sohn eher lauten: Be happy and worry! Glücklich zu sein ist immer noch eine politische Kategorie, aber Sicherheit ist inzwischen wichtiger.

 

Heute: Poptimismus
Der allgemeine Frohsinn, der sicht- und hörbar gemacht wird, muss in irgendeiner Weise etwas sein, das viele sehen und hören wollen. Und auch wenn man empirisch nachweisen könnte, dass die Mehrheit einer bestimmten Bevölkerung aus real existierenden Pessimisten bestünde, so würden viele von ihnen beim Eintritt ins soziale Leben sofort ihre Keep-smiling-Maske überstreifen. Der pure Optimismus hingegen ist nicht länger glaubwürdig. Wer nimmt denn wirklich noch an, in der besten aller möglichen Welten zu leben? Ernst Blochs Einsicht vom „Optimismus mit Trauerflor“ scheint sich einigermaßen durchgesetzt zu haben. Es dauerte bei einigen Politikern und Politikerinnen zwar, bis sie das mimisch umsetzen konnten, aber dann hat es doch noch geklappt: Die Dauerlächler und Grinsefratzenschneider bemühen sich heute zunehmend, ihr von Grund aus frohes Gemüt zu bändigen. Frohsinnsüberdosiert dürfen nur die Stars sein. In ihrem Frohlocken überlebt der Glücks­appell. Selbst die Werbung heftet ihrem Optimismus zunehmend ein kleines schwarzes Schleifchen an: „Kaufen Sie unser Produkt, und 5 % des Erlöses geht an den geschundenen Regenwald!“ „Entscheiden Sie sich für diese Creme und helfen Sie damit Frauen und Kindern in Namibia.“ „Mit jeder Flasche Kubabier unterstützen Sie konkrete Projekte vor Ort.“

Optimismus und Pessimismus verbinden sich heute zum Poptimismus. Die Mischform ist selbst zur Norm geworden. Der Poptimismus spaltet sich je nachdem, wie er Grundbedürfnisse und Bedürfnisse definiert und aufeinander bezieht. Biopoptimisten freuen sich schon mit 20 auf ihre ersten grauen Haare, fühlen sich immer ganz natürlich – die deutsche Frau schminkt sich nicht! –, während die aufgeklärten Technopoptimisten beherzt die technisch-schaumatischen Errungenschaften der Körpermodulationsmöglichkeiten nutzen. Auch Technik ist schließlich natürlich. Die Technopoptimisten können ganz gut zwischen Bedürfnis und Grundbedürfnis unterscheiden und halten beides für wichtig. Sie trennen nicht zwischen biologischer Selbstanpassung und gesellschaftlicher Anpassung. Alles ist Natur, und diese Natur ist Herrin meiner Entscheidungen. Der politisch korrekte Biopoptimist nutzt zwar auch die technischen Errungenschaften, aber nur dann, wenn andernfalls Lebensgefahr bestünde. Herzschrittmacher gut, Penisverlängerung schlecht. Auch er glaubt, dass alles, was ist, Natur ist, und wer von Natur aus einen zu kurzen Schwanz hat, kann ja damit trotzdem am Leben bleiben. Biopoptimisten haben einen Hang zum Bewahrenden, zum vorromantischen Einfühlen in alles Lebendige. Wenn Ullmanns Figur in der Erzählung Die Landstraße zu sich selbst spricht: „Aber ich war mir selber bereits entfallen“, so würden Biopoptimisten das als krankhafte Entfremdung von der Natur deuten.

Die dritte Gruppe, die ernsthaften Poptimisten, genießen es, ihre kritisch-pessimistische Einstellung zur Schau zu stellen – schwarzbebrillt mit ernstem Blick. Die ernsthaften Poptimisten inszenieren sich als Außenseiter, machen aber mindestens ein Drittel des Mehrheitsfrohsinns aus. Ihr Sprechgesang geht etwa so: Froh zu sein bedarf es wenig, werdet einfacher, und einen König braucht heute keiner mehr, seid alle frei flottierende Künstleraußenseiter und reimen muss sich ohnehin nicht alles.


Frohsinn ohne Frohsinn
Der Poptimismus taucht somit eigentlich mindestens dreigesichtig auf. Die ernsten Poptimisten wollen nicht populär, sondern beliebt und gut sein. Ihnen genügt das eine Drittel. Die Welt ist für sie so komplex, die Theorie so kompliziert, dass ihr Appell lautet, einfacher zu werden. Daher sind sie auch nicht zu verwechseln mit den Melancholikern. Im Unterschied zum Melancholiker glauben sie, man könne ein gelassen-abgeklärtes, ideologiefreies Leben jenseits der bedrückenden Dauerreflexion führen.

Es ist dieses Einfache, das auch schon McFerrin propagierte, nur ohne deswegen gleich in ein sanftes Dauerlächeln zu verfallen. Einfach auch hier um seiner selbst willen, nicht, um eine gewisse Arbeitsethik anzukurbeln. Mit Peter Rühmkorf liest sich diese Anbiederungsweisheit ganz anders:


Einfach werden – radikal.
Kompliziert, das war einmal.
Weil, … Subtilität
kaum ein Leser noch versteht.


Melancholischer Frohsinn. Ullmann wie Rühmkorf wussten, man muss sich irgendwie an den Mehrheitsfrohsinn anpassen. Wo man nicht gehört oder gelesen wird, ist es zwecklos vorzulesen. Aber man kann dann immer noch einfach schreiben, was man einfach denkt. Sowohl für die Biopoptimisten, als auch für die E-Poptimisten sind v. a. Musik und Gefühle Universalsprachen. Gerade wer nicht die Mehrheit im Blick hat, wird versuchen, das Universale zu denken, anstatt auf Universalsprachen abzuheben und dabei fröhlich untypisierbar bleiben.