schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 17 - alles bestens loser sind ok
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/17-alles-bestens/loser-sind-ok

loser sind ok

brigitte radl | loser sind ok

Warum der Pinguin nicht fliegt und Amerikanisch-Samoa Fußball spielt


Vögel im Allgemeinen

Vögel sind eigenartige Wesen und die Tatsache, dass Gott eine Spezies mit Flügeln und Federn statt Armen und einem ordinären Haarkleid ausgestattet hat, kann einem schon zu denken geben. Was er damit bezwecken wollte bzw. die himmlischen Motive der Schöpfung allgemein sollen hier jedoch nicht Thema sein. Wichtig ist einzig und allein, dass es Lebewesen gibt, deren unbestreitbar charakteristischste Qualität es ist, sich lautlos und majestätisch in die Lüfte zu erheben. Damit lassen sie uns erdnahes Fußvolk ziemlich blass aussehen und verweisen uns ein ums andere Mal in die Grenzen der Schwerkraft.

Vögel dürfen, können, müssen also fliegen, weil sie das ausmacht. Sag ich jetzt einfach so. In der Beweisführung sei als Indiz das hypothetische Bestehen einer Vogeleigenschaftsfrage im „Familienduell“ auf RTL angeführt: Angenommen, Werner Schulze-Erdel hätte jemals (und man weiß es nicht so genau) die Aufgabe an die gegeneinander antretenden Parteien gestellt: „Einhundert Leute haben wir gefragt: ‚Nennen Sie die drei wichtigsten Eigenschaften von Vögeln!’“, hätten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sogar die unterbelichtetsten Familien Deutschlands ihre Quiz-Show-Ehre bewahrt und „fliegen“ als Top-Antwort gegeben.

Vereinfacht gesagt: Vögel müssen fliegen können, sonst sind sie keine Vögel.


Der Pinguin im Besonderen
Manche Arten haben aber genau in diesem Punkt gewisse Defizite, wie beispielsweise der Pinguin. Der Pinguin ist ja an sich ein ganz netter Zeitgenosse. Er lebt dort, wo sonst fast niemand lebt. Er ist bekannt für seinen schicken und zeitlosen Frack-Look und vertreibt sich die Zeit mit seinen Artgenossen in Kolonien an Land oder auf dem offenen Meer. Der Pinguin hat die „Pinguintaktik“ erfunden (viele Gleichgesinnte kuscheln sich aneinander, um nicht zu erfrieren) und legt Eier, ganz vogelgemäß. Er gehört allerdings einer eigenen Familie an (den Spheniscidae), weil er mit keinem anderen Vogel zu vergleichen ist. Denn in seiner Spezies findet sozusagen eine Vogelmerkmalsverschiebung statt: Er ist mehr Fisch als Vogel und damit weder Fisch noch Fleisch. Der Pinguin ist ein begnadeter Schwimmer, Taucher und Paddler. Geht’s allerdings ans Fliegen, fühlt er sich auf den Flügel genommen und verschwindet schmollend zwischen zwei Eisschollen im Ozean.


Amerikanisch-Samoa

Das Noch-Staatsoberhaupt von Amerikanisch-Samoa ist George W. Bush, die kleine Insel im Südpazifik somit kein eigener Staat, sondern ein „nichtinkorporiertes Territorium der USA“. Macht jetzt aber nix, denn trotz der skurrilen Staatsform, die Amerikanisch-Samoa grundsätzlich den USA zuordnen würde, ist das kleine Inselparadies vollwertiges Mitglied der FIFA und der OFC (Oceania Football Confederation), will heißen: Amerikanisch-Samoa hat eine eigene Fußballnationalmannschaft.

Die Aufgabe einer Fußballnationalmannschaft ist schnell erklärt: Die Spieler sollen möglichst viele Tore schießen und möglichst wenige bekommen. Daran bemisst sich ihre Qualität. Optimalerweise führen Siege der Fußballhelden einer Nation zu Jubelchören und unkontrolliertem Herumgehüpfe der patriotischen Fans, die dann nicht nur die Welle, sondern auch eklatante Schadenfreude durch das bestenfalls ausverkaufte heimische Stadion wogen lassen, die an die wütende gegnerische Fangemeinde branden.


Größte Niederlage aller Zeiten

Obwohl die Welt bekanntlich ein Dorf ist, kommt es in Zeiten geografischer Orientierungslosigkeit nicht mehr wirklich darauf an, wo genau welches Dorf liegt. Denn auch wenn der Großteil der Erdbevölkerung wahrscheinlich keine Ahnung davon hat, in welchem Meer, nahe welchem Kontinent, geschweige denn auf welchen Koordinaten Amerikanisch-Samoa liegt, wissen doch ziemlich viele Leute über die legendären, wenn auch meist dramatisch-tragischen Spiele der Nationalelf Bescheid.

Amerikanisch-Samoa hat bisher 12 Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiele absolviert. Man kann es nun wirklich nicht als Schande bezeichnen, wenn eine kleine Insel mit einigen wenigen Tausend Einwohnern – die sich nebenbei bemerkt so und so eher für American Football, Fischen und Kokosnüsse interessieren – es nicht bis in die Gruppenphase der Besten der Welt schafft. Dennoch spricht das Resultat der samoanischen Kämpfer für sich: 12 Mal gespielt, 2 Tore geschossen und 139 kassiert. Das ergibt bitteschön eine Tordifferenz von minus 137. Und traut man sich ob dieser schrecklichen Statistik, den Mittelwert zu errechnen, dann hat die Inselmannschaft 11,6 Tore pro Spiel bekommen.

Das ist aber noch nicht alles. Konkret erspielte die Mannschaft die höchste Niederlage in der Geschichte des Fußballs: Im Länderspiel gegen Australien am 11. April 2001 verlor Amerikanisch-Samoa mit 0:31, was den tapferen Südseelern einen nicht besonders ruhmvollen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde bescherte. Im Durchschnitt ist in dieser unvergesslichen Partie alle drei Minuten ein Tor gefallen (wobei die ersten zehn Minuten sogar torlos waren, was die Vorstellung eines australischen Ballhagels auf den samoanischen Tormann in den restlichen 80 Minuten noch grauenvoller macht). Da fragt man sich doch, wie hat der Ball in diesen kurzen Abständen wieder an die Mittellinie zurückgetragen werden können?

Anscheinend hat es funktioniert, wie die Torstatistik der FIFA beweist:


 1:0 Con Boutsianis - AUS (10.)

 2:0 Archie Thompson - AUS (12.)

 3:0 David Zdrilic - AUS (13.),

 4:0 Aurelio Vidmar - AUS (14.)

 5:0 Tony Popovic - AUS (17.)

 6:0 Tony Popovic – AUS (19.)

 7:0 David Zdrilic - AUS (21.)

 8:0 Archie Thompson - AUS (23.)

 9:0 David Zdrilic - AUS (25.)

 10:0 Archie Thompson - AUS (27.)

 11:0 Archie Thompson - AUS (29.)

 12:0 Archie Thompson - AUS (32.)

 13:0 David Zdrilic - AUS (33.)

 14:0 Archie Thompson - AUS (37.)

 15:0 Archie Thompson - AUS (42.)

 16:0 Archie Thompson - AUS (45.)

 17:0 Con Boutsianis - AUS (50.)

 18:0 Simon Colosimo - AUS (51.)

 19:0 Fausto De Amicis - AUS(55.)

 20:0 Archie Thompson – AUS (56.)

 21:0 David Zdrilic - AUS (58.)

 22:0 Archie Thompson - AUS (60.)

 23:0 Archie Thompson - AUS (65.)

 24:0 David Zdrilic - AUS (66.)

 25:0 David Zdrilic - AUS (78.)

 26:0 Aurelio Vidmar - AUS (80.)

 27:0 Simon Colosimo - AUS (81.)

 28:0 Con Boutsianis – AUS (84.)

 29:0 Archie Thompson - AUS (85.)

 30:0 Archie Thompson - AUS (88.)

 31:0 David Zdrilic - AUS (89.)


Schlusslichter
Die Fußballnationalmannschaft von Amerikanisch-Samoa und den Pinguin verbindet mehr als das Dasein in der südlichen Hemisphäre der Erdkugel. Irgendwie sind sie beide in ihrer Kategorie Schlusslicht: Platz 199 in der FIFA-Weltrangliste – flugunfähig und dazu noch Schwimmer. Sie erfüllen nicht die qualitativen Voraussetzungen, um vorne in den Bestenlisten ihrer Art mitzumischen, deshalb machen sie es sich mit einem kühlen Cock­tail/Thunfisch auf den hinteren Plätzen der Tabelle gemütlich.

Obwohl die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, scheint es doch eher unwahrscheinlich, dass der Pinguin irgendwann den Adler kompromittiert, indem er ihm den Titel „König der Lüfte“ streitig macht. Auch das Amt des Storches wird ihm wohl nie übergeben werden, denn Babys können nunmal schwer auf dem Seeweg (schon gar nicht unter Wasser) zugestellt werden. Die Möglichkeit, dass es Papayas und Mangos regnet, die sich anschließend cinderellamäßig in Mäuse verwandeln, wäre eher in Betracht zu ziehen als ein Sieg der amerikanisch-samoanischen Nationalmannschaft. Und weil Pinguine gleich gut Fußball spielen wie einfache Inselbewohner fliegen, stehen sich wenigstens die beiden in nichts nach.

Die (Nicht-)Qualität der erbrachten Leistungen stempelt den Pinguin wie auch die Fußballer von Amerikanisch-Samoa zu Losern mit drei Ausrufezeichen, Sternchen und Paukenschlag. Fragt sich nur: Wären die Leidensgenossen des Tabellenendes zufriedener oder glücklicher mit einem Platz weiter vorne im jeweiligen Qualitätsranking? Ist der Pinguin gerade deshalb so ein besonderer Vogel, weil er im eigentlichen Sinn kein Vogel ist, oder macht ihn sein fischiges Dasein so unvogelig, dass es schon beinahe uncool ist? Und sind die sprichwörtlich „blohaxat’n“ Kicker von Amerikanisch-Samoa eine Schande für den Berufsstand der Fußballer oder erkämpfen sie sich ihre Berechtigung in der Sportwelt dadurch, dass sie trotz Niederlagen, Schmach und höhnischem Gelächter der Gegner eisernen Willen beweisen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht immer weiter die Wuchtel über ihr kahles Fußballfeld rollen?


Loser sind ok
Eigentlich ist das alles gar nicht so kompliziert. Denn den Pinguin kratzt es überhaupt nicht, dass er nicht flugtauglich ist. Könnte er die Stummelflügel gegen ein Paar schnittige Flossen eintauschen, würde er wahrscheinlich keinen Augenblick zögern und nebenbei in lautes Jubelgeschnattere ausbrechen. Höhenflüge, Adleraugen und eine große Flügelspannweite von über einem Meter können ihn nicht reizen. Viel eher beneidet er die Fische, die nicht zum Luftholen an die Oberfläche zurückkommen müssen und deren Leben von Anfang bis Ende ozeanblau ist.

In einem Match, das laut Voraussagen, Quoten und hellseherischen Fähigkeiten zu Null hätte ausgehen müssen, kann ein einziges von der schwächeren Mannschaft geschossenes Tor Verlierer zu Siegern und eine Niederlage trotz allem zum Staatsfeiertag machen. Die Weisheit, dass die Erfolgsverwöhnten sich über die kleinen Wunder des Lebens nicht mehr freuen können, dürfte ohnehin bestens bekannt sein.

Die auf den ersten Plätzen der Tabelle haben es in Wahrheit viel schwerer, denn sie müssen sich ständig gegen ihre Vorgänger und die immer besser werdenden Dritten behaupten. Auf den hinteren Rängen aber hält der Schlusslichtbonus kuschelig warm und schützt vor blauen Flecken durch schubsende ehrgeizig Nachdrängende. Während also der erste Platz gar nicht so topp ist – weil ungemütlich – und die Angst vor potenziellem Versagen zu Panikattacken und drastischem Spaßmanko führt, lachen am letzten Daseinsfreude und die „Hauptsache dabei“-Mentalität um die Wette. Anscheinend sollte man das mit der Qualität also nicht so ernst nehmen, denn hey: Es ist ok, ein Loser zu sein, solange man Freude am Schwimmen und Fußballspielen hat.