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odessa. skizzen eines sommers.

irina kilimnik | odessa. skizzen eines sommers.

Tag 1. Zwischen vier und fünf Uhr morgens steigt endlich eine kühle Brise durch die Fenster der im neunten Stock liegenden Zwei-Zimmer-Wohnung hoch. Ich liege in Olgas Bett, atme tief ein und genieße diese Abkühlung. Eine aufsteigende Erinnerung sagt mir aber, dass sie nicht von Dauer sein wird. Bald kommt die glühende Augustsonne und bringt diese kalte Luft zum Schmelzen. Ich gehe auf den Balkon hinaus und wage einen Blick in die Tiefe: ein noch leeres, frisch gestrichenes Kindergartengebäude, eine Baustelle mit drei fast fertigen Hochhäusern und dazwischen eine heruntergekommene Baracke, die mir wie eine Narbe früherer Zeiten erscheint. Olga hat mir gestern erzählt, dass der Mann, der da wohnt, Tauben züchtet. Ich sehe jetzt seine Gestalt neben diesem Häuschen stehen. Später wird er einigen Tauben die Köpfe abreißen.

Spätestens um acht Uhr stehen in Odessa diejenigen auf, die noch unter die Dusche wollen: Die Warmwasserversorgung funktioniert nur bis neun Uhr. Wenn man Glück hat. In Olgas Bad stehen zerkratzte und verbeulte Zinneimer, alte Keramikschalen und Schüsseln aller Größen und Formen. Das Badezimmer ist klein. Daher stapeln sich diese Antiquitäten auf der Waschmaschine und seitlich neben der Badewanne. Im farbigen Kontrast dazu verteilen sich amerikanische Duschgels, Shampoos und Cremes auf den übrigen freien Stellen. Das Wasser ist lauwarm.

Die Sonne strahlt in die Küche. Olga serviert selbstgemachte Blinis. Dazu gibt es Quark und Konfitüre ihrer Großmutter, natürlich auch selbstgemachte. Olga trägt jetzt ihre Haare blond mit einem Pony. Sie nippt an ihrem Cappuccino, den sie statt des traditionellen schwarzen Tees serviert, und erzählt mir, dass sie gerade die zigste Diät macht und ich deswegen alle Blinis für mich allein habe. Ich nicke und schmecke mit den Blinis wieder meine Kindheit.

Nach dem Frühstück überlege ich zum jüdischen Friedhof zu fahren, wo meine Großeltern begraben sind, entscheide mich aber doch erst mal die Innenstadt wieder zu entdecken.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren nur Säufer und arme Leute, wird mir von Olga erzählt, während wir uns in einen kleinen privaten Miniverkehrsbus reinquetschen. Ich suche nach einem Haltegriff, finde nichts und bleibe zwischen den Fahrgästen hängen. Gerade stehen kann ich auch nicht – die Decke ist zu niedrig. Gekrümmt und ohne Halt fahren wir ins Zentrum. Zum Glück steigt der alte verschwitzte Mann, neben dem ich schon eine Weile stehe, endlich aus und ich kann wieder tief Luft holen. Es gibt keine Haltestellen zum Aussteigen hier. Wenn jemand raus will, muss er schreien und der Fahrer hält am gewünschten Ort. Für mich ist das gewöhnungsbedürftig. Ich bevorzuge doch lieber einen Knopf zum Draufdrücken. Neben dem Fahrer sehe ich auch ein Schild mit der Aufschrift: „Willst du raus, musst du LAUT schreien.“ Als ich noch ein braver Pionier war, durfte ich nie schreien, höchstens die Hand heben. Aber am besten schweigen.

Ich schaue aus den Fenstern und sehe, wie die Stadt lebt: Alte Fassaden werden endlich restauriert und mit Pastellfarben gestrichen. Ich sehe kaum noch Wäscheleinen mit Unterhosen und BHs, die früher von einem Balkon nicht wegzudenken waren. Auch die Fenstersimse werden mehr mit Blumenkästen dekoriert. Ich entdecke die erste ukrainische Bäckereikette: kleine blaue Häuschen, wo man sich Brötchen to go kaufen kann. Kaffee gibt’s da keinen. Junge, sonnengebräunte Menschen füllen die Straßen, gehen einkaufen, schlürfen Kaffee und telefonieren fleißig mit Handys. Telefonieren scheint hier die Lieblingsbeschäftigung zu sein. Jeder hat eins, egal welchen Alters. Am nächsten Tag werde ich mir auch eine ukrainische Mobilfunkkarte kaufen und sündhaft lange telefonieren, denn es ist unglaublich billig.

Tag 2. Auf dem jüdischen Friedhof war ich zum ersten Mal mit neun, als meine Großmutter starb. Es war Anfang Februar und ich erinnere mich an einen sehr kalten, nassen und windigen Tag. Jetzt bin ich wieder da. Die Sonne scheint, und fleißige, dicke ukrainische Frauen verkaufen seit den frühen Morgenstunden vor dem Eingang frische und künstliche Blumen. Jede versucht, mich auf ukrainisch zu überzeugen, bei ihr die Blumen zu kaufen. Ich entscheide mich für frische Astern und gehe durch das Eingangstor hinein.

Der Friedhof ist riesig und unübersichtlich: Alte, halbzerfallene und vergessene Gräber stehen dicht neben neuen, von deren Grabsteinen die Gesichter der Toten mich anschauen. Es wird da begraben, wo gerade ein Plätzchen zu finden ist. Der Friedhof ist eindeutig überfüllt, obwohl fast 70 Prozent der Juden ausgewandert sind. Vielleicht kommen sie zum Sterben hierher zurück, wie mein Großvater.

Ich gehe den zentralen Friedhofsweg entlang und erkenne manche Gesichter wieder: Links – ein kleiner Junge, der mit sieben gestorben ist, rechts – ein älterer Herr in einer Offiziersuniform, daneben eine junge Frau mit traurigen Augen. Es ist ruhig, die Sonne verliert sich in den hohen Baumkronen und ich gehe einfach weiter, ohne genau zu wissen, wo ich abbiegen muss, um zum Grab meiner Großeltern zu gelangen. Nach einer Weile merke ich, dass der Weg hier fremd ist: Ich erkenne die Gesichter der Toten nicht mehr. Ich bin wohl schon zu weit gelaufen. Meine Intuition leitet mich schließlich zum Grab. Im irdischen Leben geschieden, liegen meine Großeltern wieder vereint unter einer gemeinsamen Grabplatte und schauen mich von den Grabsteinen an. Ich schwelge in Erinnerungen. Die Zeit vergeht. Ich merke, dass der Zaun um die Grabplatte mal wieder gestrichen werden sollte. Eine Steinvase könnte man hier auch gut einbringen. Dann hätten sie immer frische Blumen … Ich lege meine Astern auf die Steinplatte und beschließe eine Steinvase zu kaufen.

Am Ausgang erfahre ich von einem Arbeiter, dass die Steinvasen nicht mehr hergestellt werden. Ich biete ihm 50 Euro an. Er bringt mir einen kleinen Steinkübel, wo ich gerade mal eine Rose einpflanzen könnte. Ich frage nach einer größeren Variante. Ja, hätte er, sagt er, aber das würde mir 150 Euro kosten. So viel habe ich nicht dabei und muss diese Idee wohl auf meinen nächsten Besuch verschieben. Ich wasche mir die Hände am Ausgang und wundere mich, dass es keine Bettler mehr gibt, die einen damals immer verflucht hatten, wenn man ihnen kein Geld gab.

Tag 3. Das Tolle an Odessa ist, dass man in wenigen Minuten allen Stress hinter sich lassen kann. Neben dem Hafen liegen Stadtstrände und verbreiten Urlaubsstimmung. Auffallend viele hübsche Mädchen liegen im Sand und lassen sich von den Männern bewundern. Ich gehe am Strand entlang und entdecke einige ältere Herren, die sich mit leicht bekleideten Schönheiten schmücken.

Das Schwarze Meer ist wirklich schwarz, weil es so tief ist. Bei starkem Wellengang wird es an manchen Stellen dunkelblau und in Strandnähe manchmal sogar grün. Der Salzgehalt ist nicht so hoch wie im Mittelmeer, so dass sich nach dem Baden keine weißen Streifen auf der  Haut bilden. Ich liege da und lausche dem Gespräch meiner Nachbarin, die auf einem Leoparden-Badetuch sitzt und laut telefoniert. Dabei verschlingt sie eine Unmenge Sonnenblumenkerne. Die Schalen spuckt sie in den Sand. Gerade berichtet sie, dass ihr Freund ihr einen Ring geschenkt habe, dann erzählt sie, welche Garderobe sie für die nächste Saison braucht, dann über ihre Katze und dann schlafe ich ein. Beim Aufwachen bekomme ich einen riesigen Schreck, ob meine Sachen noch da sind. Ja, sie sind alle noch da. Die Sonne geht langsam unter und ich gehe heim.

Tag 4. Um 10 Uhr morgens sind es schon 30 Grad draußen. Ich packe eine Flasche Wasser ein und fahre zum Primorskij Boulevard. Junge Pärchen sitzen im Schatten von Kastanienbäumen, halten Händchen und schauen verliebt in die Gegend. Trotz erschreckend hoher Temperaturen tragen sie Hemden, Anzüge, Blusen und Kleider. Nur die Länge der Röcke endet stabil oberhalb der Knie. Ich setze mich auch in den Schatten und genieße die Aussicht aufs Meer. Danach marschiere ich zum Hafen die Potjemkinskaja Treppe hinunter, wo ich die Ausmaße russischen, ukrainischen oder vielleicht armenischen Reichtums bestaunen kann: eine dreistöckige Jacht mit einem Hubschrauber, Whirlpool, Jetski und Ledergarnitur. Ausländische Touristen begaffen mit mir zusammen diese Pracht. Ich glaube, sie kommen sich in diesem Moment sehr ärmlich vor. Dann laufe ich weiter zu einer Ecke, an der es früher mal so eine Art Patisserieladen gab, wo wir unsere Schokoladevorräte immer aufgefüllt haben. Meine Mutter hat mir für diese Reise eine Bestellung aufgegeben: Schokoladentörtchen in einer blauen Schachtel mit roten Tulpen, die ich in diesem Laden finden kann. Der Laden wird gerade umgebaut, stelle ich fest. Jetzt muss ich wohl alle Schokogeschäfte Odessas abklappern, denn es war ihre einzige Bestellung und ich kann nicht mit leeren Händen nach Hause fahren. Ich fühle mich deprimiert: keine Lust bei diesen Temperaturen nach schmelzenden Törtchen zu suchen. Weiter die Straße herunter, steht ein alter Fotograf mit seinem alten Affen. Stand er nicht schon immer da, mit seinem Objektiv auf wackeligen drei Füßen, entschuldigendem Lächeln und traurigen verträumten Augen? Ich lasse von mir und dem Affen ein Photo machen. Wir schauen beide enttäuscht in die Kamera. In der schäbigsten Eisdiele Odessas hole ich mir ein Eis, das erstaunlich gut schmeckt. Na, es gibt wohl doch noch was Positives heute. Ich schlecke mein Eis und lasse mich auf den Straßen treiben: Hohe Baumkronen, BMWs und Mercedes dürre Mädchen, tausende Apotheken, glühende Hitze, Brotgeruch, Meeressalz in den Haaren, Baustellen, Touristen, Röcke, Hosen, Hunde, Kinder … Opernhaus. Es soll das drittschönste auf der Welt sein. Ich glaube, es wurde von den Italienern gebaut. Verstaubte Arbeiter schleppen den Schutt weg und pfeifen mir nach. Ich reagiere nicht, weil ich nicht weiß wie.

Tag 4. Wir gehen essen. Olga nimmt ihre Bekannte mit, und wir marschieren Richtung Zentrum. Die Bestellung fällt wie immer groß aus: Frikadellensuppe, Schaschlik, Bratkartoffeln auf ukrainische Art, Vareniki mit Kartoffeln, Salat „Olivie“ und dann noch eine gebratene Kalbszunge. Wodka mit Pfeffer darf auch nicht fehlen. Nach einer halben Stunde kriege ich meine Suppe. Dann kommt nichts mehr. Ich frage die Kellnerin, wo die Vorspeise meiner Freunde bleibt. Sie, ein blond gefärbtes Landmädchen, meint, es sei unmöglich, alles gleichzeitig zu servieren, weil das Restaurant zwei verschiedene Küchen hat, die nicht miteinander kommunizieren. Ich wage nicht zu fragen, warum sie nicht miteinander kommunizieren, weil das die Gefahr erhöht, dass wir unser Essen noch später kriegen. Olga verkürzt ihre Wartezeit mit einem Wodka.

Das Essen schmeckt gut, alle sind zufrieden, nur Olga hungert und wird langsam blau. Schließlich bringt ihr die Kellnerin Schaschlik, den sie nicht bestellt hat. Er schmeckt gut. Später setzt sich ein alt gewordener Casanova im weißen Anzug ans Keyboard und spielt frühere russische Schlager. Die Kellnerinnen bringen ihm ab und zu ein Gläschen Wodka, um seine Stimme zu ölen. Nach einer Stunde ist er gut abgefüllt und setzt sich an den Tresen. Die Blonde zündet ihm eine Zigarette an.

Wir laufen zu Fuß nach Hause. Es sind immer noch 32 Grad. Olga erzählt mir über ihre Liebschaften, die alle unglücklich enden, womit sie sich abgefunden hat, so wie mit der Restaurantbedienung. Ich verstehe. Ich habe heute Wodka mit Pfeffer getrunken, und zwar jede Menge. Deswegen verstehe ich auch alles.

Ich sehe diese alten sozialistischen Plattenbauten, die wie überdimensionale Vogelhäuser herumstehen, und verstehe. Ich sehe, wie der alte Mann aus der Baracke mit seinen Tauben spricht, und verstehe. Ich spüre eine kalte Brise an meinen Schultern. Es muss zwischen vier und fünf Uhr morgens sein.