schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 17 - alles bestens reif für die insel
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/17-alles-bestens/reif-fur-die-insel

reif für die insel

jürgen plank | reif für die insel

Eine Projektionsfläche des Glücks

Die Langerhans’schen Inseln wurden noch nie von einem Menschen betreten. Obwohl sie näher liegen als jedes andere Eiland der Welt, nämlich in der Bauchspeicheldrüse. Es ist ein Glück, dass die Natur sie entstehen ließ, weil sie die Höhe des Blutzuckerspiegels registrieren und das lebensnotwendige, körpereigene Hormon Insulin produzieren und ausschütten. Im Wort ‚Insulin’ ist etymologisch betrachtet übrigens der Begriff Insel versteckt!

Langerhans hat „seine Inseln“ im Jahr 1869 entdeckt – doch schon seit der Antike ist der Topos Insel eine Projektionsfläche für Glück und Unglück, für Wünsche und Ängste; letztlich für das Paradies auf Erden: Die antiken Gelehrten lokalisierten dieses Paradies als Insel der Seligen im Westen. Der griechische Dichter Hesiod sprach ungenau von deren Lage am ‚Rande der Erde’, Strabon gibt in seinen Erdbeschreibungen genauere Koordinaten an: „vor den äußersten Teilen Marusiens (Mauretanien) gegen Westen, in welcher Gegend sowohl Iberiens Grenzen als Marusiens Enden zusammenlaufen.“ Plutarch erzählt gar von Seeleuten, die die Insel der Seligen besucht hätten!

Der ‚Rand der Erde’ war gleichzeitig die Region, in der allerlei missgestaltete Völker angesiedelt wurden: marginalisierte Riesen und Zwerge, Hundsköpfige und Rossleibige, Einbein- und Einäugige. Die so genannten Barbaren wurden im Gegensatz zu Griechen und Römern als gesetzlos angesehen, ihre Sprache war ein unverständliches Kauderwelsch – ein Anzeichen für Kulturlosigkeit. Das Attribut der Gesetzlosigkeit hatten die Barbaren mit den tugendhaft-glücklichen Völkern gemeinsam, die ebenfalls außerhalb der griechisch-römischen Kultur standen: Deren Gesetzlosigkeit wurde jedoch als Idealzustand einer natürlichen Lebensweise angesehen, die keinen äußeren Zwängen unterliegt. In alle Himmelsrichtungen verstreut, lebten diese glücklichen Völker stets in den entlegensten Regionen der Welt: Die Skythen und Hypoboreer ganz im Norden, die Äthiopier im Süden.

Die Äthiopier und Skythen führten ein Leben in Tugendhaftigkeit und Gerechtigkeit, ihr Glück basierte auf Bescheidenheit und Genügsamkeit, war aber nicht durch angenehme Sorglosigkeit geprägt. Die wurde den Hypoboreern und den Bewohnern der Insel der Seligen zugeschrieben, deren Existenz bis weit ins Mittelalter unbestritten war – sie mussten als Projektionsfläche für die Wünsche nach einem glücklichen Leben herhalten. Die Hypoboreer lebten gar in vollkommener Glückseligkeit, waren gut, tugendhaft und gerecht und feierten ihr Wohlergehen mit Tanz und Gesang. Bereits um 700 vor Christi Geburt erschien die Insel dem Dichter Hesiod jedoch auch als verlorenes Paradies, als ferne Gegenwelt zur Heimat, nach der man sich vergeb­lich sehnt.

Dem Topos Insel ist die Dualität als Glücks- und Unglücksbringer inhärent: Die Insel steht nicht nur für Rettung, das Ende der Mühsal und einen Neubeginn, sondern oft auch für Verhängnis, qualvolles Überleben und Tod. Das Schicksal des Seefahrers und Entdeckers Captain James Cook verknüpft auf tragische Weise diese Dualität: Der Tod ereilte ihn ausgerechnet auf dem paradiesischen Hawaii-Archipel – er starb am 14. Februar 1779 bei einem Gefecht mit Einheimischen in der Kealakekua-Bucht.

Die großen Reisenden und Entdecker des Mittelalters, Marco Polo, Sir John Mandeville und Ibn Battuta oder Jean de Lery und Hans Staden zu Beginn der Neuzeit, brachen förmlich bis ans Ende der gerade noch bekannten Welt auf: Die entlegenen Regionen Asiens oder Brasiliens boten weiterhin reichlich Raum für Spekulationen und Projektionen. Die Reisenden berichteten von barbarischen wie edlen Wilden und von tugendhaften Völkern: Marco Polo entdeckte in Asien vielerlei, seinen Angaben zufolge sogar Kannibalismus! Die seit der Antike transportierten Vorstellungen von Monstern und fehlgebildeten menschlichen Wesen fand er jedoch nicht persönlich vor und vermutete sie deshalb auf Inseln in noch weiterer Ferne, die er selbst nicht besucht hat: „Die zweite Insel heißt Angaman. Sie ist sehr groß und wird ebenfalls von keinem König beherrscht. Die Bewohner – Götzendiener – sind ein viehisches Geschlecht mit Köpfen, Augen und Zähnen wie Hunde“, wie er in seinem Bericht Von Venedig nach China schrieb.

Und auch das Schicksal des altösterreichischen Ethnologen Bronislaw Malinowski ist eng mit einer Insel verbunden: Ihn verschlug es während des Ersten Weltkriegs auf die im Südpazifik gelegene Trobriand-Insel, wo er als erster Ethnologe die Erhebungsmethode der teilnehmenden Beobachtung im Rahmen seines fast vierjährigen Feld­aufenthaltes praktizierte. Sehr glücklich war Malinowski dort aber nicht: „Ethnographische Fragen beschäftigen mich gar nicht. Im Grunde lebe ich außerhalb Kirwanas [Anm. J.P.: Auf den Trobriand-Inseln], wenngleich mit großem Hass auf die Niggers“, bekennt er in seinen Tagebüchern. Und anderenorts schrieb er: „Für mich war die Anthropologie eine romantische Flucht aus unserer Kultur.“

Malinowski ist kein Einzelfall, insbesondere Künstler waren oft reif für die Insel: Schon gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten sich Maler wie Emil Nolde, Max Hermann Pechstein und Paul Gauguin zu den Antipoden auf – und das sind aus europäischer Sicht damals wie heute die Inseln Ozeaniens. „Mein alter Wunsch verwirklichte sich, Europa zu verlassen und die Gefilde der Seligen in Palau zu suchen“, schreibt Max Pechstein über sein Südsee-Abenteuer. Paul Gauguin reiste von 1891 bis 1893 nach Tahiti, zwei weitere Aufenthalte in der Südsee folgten, Gauguin starb 1903 auf den Marquesas-Inseln. Die Enttäuschung darüber, dass er das ursprüngliche Leben der Indigenen durch Kolonialismus und christliche Mission zerstört sah, arbeitete er gleichsam euphemistisch in seine Bilder ein: Er stellte das Leben in der Südsee entgegen der Realität idyllisch dar – das vermeintliche Paradies auf Erden.

Die Gegenwelt zum Paradies ist die Hölle. Und die Hölle sind – zumindest nach Sartre – die anderen. Vermutlich hat Sartre Recht, denn Hölle wie Paradies, Unglück wie Glück, haben einen unermesslichen und nicht fassbaren Aspekt, der dort verborgen liegt, wo sich auch die Langerhans’schen Inseln befinden – in uns.